Ted Lasso 3x12

Ted Lasso 3x12

Ausgerechnet in der Schlussphase hat „Ted Lasso“ die womöglich wichtigste Fußballregel von allen vergessen: „Never change a winning team.“ Die dritte und wohl auch letzte Staffel der beliebten Apple-Dramedy stolpert...

Schlusspfiff für „Ted Lasso“...?
Schlusspfiff für „Ted Lasso“...?
© Apple TV+

Kreative Freiheit wird idealisiert. Doch große Kunst entsteht oft erst dann, wenn die tollsten Fantasie-Fluten in geordnete Bahnen gelenkt werden. Dazu braucht es in der Regel auch Rückmeldungen oder Auflagen von außen. „Kill your darlings“, heißt es bei Autor:innen, wenn sie bei ihrem Werk den Rotstift ansetzen. Geschichten, die im Nichts verlaufen, sollten lieber ganz gestrichen werden - so nett die eine oder andere Idee auch sein mag.

Hätte die vielfach preisgekrönte Fußballkomödie Ted Lasso die Spielregeln des Fernsehens besser beherzigt, wäre ihre dritte Staffel wohl weniger enttäuschend gewesen. Obwohl wir ja wissen: Ted (Jason Sudeikis) kannte bis vor kurzem nicht mal die Abseitsregel. Dass diesmal einiges aus dem Ufer geraten ist, erkennt man bereits daran, dass die Gesamtlaufzeit der zwölf Folgen knapp 650 Minuten entspricht (was doppelt so viel ist wie bei der Auftaktstaffel).

Man kann sich gut vorstellen, dass vor allem die weitgehende Abwesenheit von Co-Creator Bill Lawrence eine verhängnisvolle Lücke hinterlassen hat. Er ist nach Formaten wie Scrubs und Cougar Town sicher der erfahrenste Serienmacher im Team. Doch letztes Jahr war er für Apple TV+ mit dem Neustart Shrinking beschäftigt, weshalb weniger Zeit für den AFC Richmond blieb. Auch hat vermutlich der verhältnismäßig eher kleine Streamer Sudeikis und Konsorten wenig reingeredet, da es sich ja um die mit Abstand erfolgreichste Eigenproduktion der Plattform handelt.

Als zusätzlicher Wermutstropfen zur verstolperten Staffel kommt noch die Unklarheit dazu, dass seit Monaten über das Ende der Serie spekuliert wird, während man sich auf offizieller Seite weiterhin bedeckt hält. So weiß nun niemand, ob es nach dem Abpfiff in dieser Saison nächstes Jahr weitergeht. Die Story vom Titelcharakter scheint vorbei zu sehen, doch Spin-off-Gerüchte halten sich resolut. Zuletzt wurden sie durch den Nate-Darsteller Nick Mohammed angefeuert (wir berichteten).

All diese Probleme können einen als Fan der Serie ein bisschen zynisch stimmen, was so schade ist, da „Ted Lasso“ im Pandemiejahr 2020 mit genau der gegenteiligen Mission angetreten war, nämlich dem allgemeinen Zynismus auf der Welt etwas entgegenzusetzen. Die Wundermittel Freundschaft und Verständnis waren „The Lasso Way“, von dem wir uns alle einst so inspiriert fühlten. Wobei diese schöne Botschaft auch eine Chaosstaffel überleben kann...

Merkwürdige Prioritäten

Wenn man versucht zu beschreiben, was in den neuen Folgen passiert, fühlt man sich schnell überfordert. Es passiert einfach viel zu viel, während an den wichtigsten Stellschrauben der Geschichte wiederum zu wenig passiert. Keeley (Juno Temple) muss sich zum Beispiel mit einer Ziege in ihrem Büro herumärgern, datet eine Milliardärin, leidet unter einem Sexvideoskandal, wird zur Geschäftspartnerin von Rebecca (Hannah Waddingham) und bringt Ordnung in ihr Liebesdreieck zwischen dem rauen Roy (Brett Goldstein) und dem charmanten Jamie (Phil Dunster).

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Szenenbild von „Ted Lasso“
Szenenbild von „Ted Lasso“ - © Apple TV+

Bei all diesen Dingen bleibt leider keine Zeit für das, was die Fans vor allem interessiert hätte: Wie kam es eigentlich zum Ende ihrer Beziehung mit Publikumsliebling Roy? Und diese merkwürdig gesetzten Prioritäten finden sich auch bei anderen Figuren wieder. Für Nate etwa, dessen Rivalität mit seinem Mentor Ted geduldig im Vorjahr aufgebaut wurde, ist die neue Staffel nicht weniger hektisch: Er lernt sich selbst zu lieben, bricht mit seinem bösen Westham-Boss Rupert (Anthony Head), schließt Frieden mit seinen Eltern, heuert als Kellner an und landet bei der Frau seiner Träume.

Die Empfangsdame Jade (Edyta Budnik), die Nate in seinem Lieblingsrestaurant die komplette letzte Season lang die kalte Schulter gezeigt hat, fühlt sich nun plötzlich doch zu ihm hingezogen. Sie lernen wir nie so richtig kennen, weil sie nur als emotionale Stütze für ihren Freund fungiert. Auch ist sie der Katalysator für seinen Versöhnungsprozess. Sie inspiriert Nate, den berüchtigten Brief an Ted zu schreiben, um sich zu entschuldigen. Dieser faule Trick, mit dem sich die Autor:innen den redemption-Arc sparen wollen, ist vielleicht der ärgerlichste Aspekt beim Abschied. Nates Reue wird nur impliziert, während das Team ihm ebenfalls off-screen verzeiht, obwohl sie ihm vorher noch den Hals umdrehen wollten.

Auch hier fragt man sich wieder: Hätten wir nicht lieber Nates persönliche Entschuldigung an Ted gesehen oder auch seine Kündigung bei Westham? Und hätte der ganze Teil mit Jade nicht lieber weggelassen werden sollen, da seine Einsicht nun nicht ganz intrinsisch erscheint, sondern fremdgesteuert? Aufrichtig fühlt sich das alles jedenfalls nicht an...

Sportliches Desinteresse

Das Thema Fußball war für die Fußballserie „Ted Lasso“ schon immer zweitrangig, weshalb die Serie auch für viele Nicht-Fußball-Fans so gut funktioniert hat. Das eigentliche Thema war immer Freundschaft. Trotzdem hatte die Serie früher mehr Interesse am Sport oder fand zumindest einen glaubwürdigeren Blickwinkel. Das Team selbst gleicht in der neuen Season einer Karikatur. Früher waren Momente, wo die Jungs beispielsweise zu den „Backstreet Boys“ tanzten, lustige Ausnahmen. Heute wirkt jedes ihrer Kabinengespräche konstruiert, als ob man nur auf Twitter-Memes aus wäre. Die „Sound of Music“-Nummer hätte man vielleicht lieber als Bonusmaterial rausbringen sollen?

Als positives Exempel erweist sich immerhin der Handlungsstrang rund um Colin (Billy Harris), der mithilfe von Chronist Trent Crimm (James Lance), der diese Staffel besonders mit seinen T-Shirts bereichert hat, sein Comingout wagt. Homosexualität im Profifußball ist erschütternderweise bis heute ein Tabu, weshalb eine sensible Aufarbeitung wie hier nur guttun kann. Zumal das Thema für „Ted Lasso“ absolut prädestiniert erscheint, weil der zentrale Punkt des Zusammenhaltes so perfekt untermauert werden kann. Teds „We do care“ hallt auf alle Fälle nach.

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Mit den Super-League-Plänen von Edwin Akufo (Sam Richardson), der Nemesis des leider völlig unter den Tisch gefallenen Flügelspielers Sam (Toheeb Jimoh), wurde noch ein weiteres akutes Fußballproblem angesprochen: die Kommerzialisierung, die den Sport irgendwann killen könnte. Die Rede, die Rebecca vor ihrem Ex Rupert und den anderen gierigen Männern hält, ist ein weiteres der diesmal eher seltenen Highlights der Staffel. Obwohl auch hier ein komischer Abschluss gefunden wird, nämlich durch eine Essensschlacht - warum auch immer?

Was Fußballfans vermutlich am meisten wundert, ist der plötzliche Erfolg von Richmond. Galt das Team bislang immer als liebenswürdige Losermannschaft, die nur nicht absteigen will, zielt sie diesmal auf die Meisterschaft in der weltbesten Liga. Und all das wegen eines vermeintlich genialen Strategiewechsels hin zum „Total Football“, der hier geradezu als Hexenwerk überhöht wird. Auch wirkt es ein bisschen so, dass man ausgerechnet dieses System gewählt hat, um den Cameo-Auftritt von City-Coach Pep Guardiola einzufädeln, der bei einigen leichten cringe ausgelöst haben dürfte...

Szenenbild von „Ted Lasso“
Szenenbild von „Ted Lasso“ - © Apple TV+

Bevor wir es vergessen: So, wie die Serie es getan hat, müssen wir auch kurz über das Kapitel Zava (Maximilian Osinski) sprechen. Der an Zlatan Ibrahimovic angelehnte Starspieler wurde in den ersten paar Episoden als großer Neuling angelegt, der dann aber einfach wieder verschwindet und später ganz totgeschwiegen wird. An seinem Beispiel kann man die gesamte Planlosigkeit der neuen Season festmachen. Sein unüberlegtes Auf- und Abtauchen wirkt wie eine unfreiwillige Parodie von „Poochie, der Wunderhund“ (siehe: The Itchy & Scratchy & Poochie Show), einer legendären The Simpsons-Lektion zum Thema schlechtes Writing.

Nachspielanalyse

Sicherlich am allermeisten Hohn ernteten die Macher:innen von „Ted Lasso“ dieses Jahr für die visuelle Umsetzung der Hochzeitsszene von Coach Beard (Brendan Hunt) vor der völlig überbelichteten Stonehenge-Kulisse im Sonnenuntergang. Viele nennen diesen Shot den hässlichsten, den sie seit vielen Jahren im Fernsehen sehen mussten. Und man wundert sich tatsächlich, wie so ein Bild von Apple abgenickt werden konnte. Komisch ist aber auch, dass Ted nicht an der Trauung seines besten Freundes, von dem wir endlich den Vornamen (Willis) erfahren, teilnimmt.

Das Finale hatte aber auch stärkere Momente, allen voran die Schnipsel des „Believe“-Schildes, das es mittlerweile sogar ins Weiße Haus geschafft hat (siehe hier). Das ist wiederum „Ted-Lasso“-Kitsch der feinsten Sorte, wo man unweigerlich mitjubelt. Ähnlich stieß die Fanservice-Freundschaft zwischen Roy und Jamie auf viel Gegenliebe. Ihre so unwahrscheinliche Bromance und vor allem Jamies Entwicklung als Charakter gehörten zu den besten Elementen der Staffel. Zumal sich Jamies Darsteller Dunster als geheimer MVP („Most Valuable Player“) erweisen konnte.

Dieses Gespann macht auch am meisten Hoffnung darauf, dass es in Zukunft doch mit einem Ableger weitergehen könnte, wenn dann Roy als Chefcoach übernimmt und mit Jamie, seinem besten Mann auf dem Platz, erneut nach dem Titel greift. Die neue Serie könnte in dem Fall, wie von Ted und Trent vorgeschlagen, womöglich „The Richmond Way“ heißen...

Ted Lasso selbst wäre also nicht mehr dabei, denn es war nie ein Geheimnis, dass vor allem Sudeikis Schluss machen wollte. Wie sein Alter Ego schien auch er an Heimweh zu leiden. So geht es für den Protagonisten, der ursprünglich einem Werbeclip entspringt, am Ende zurück nach Kansas, wo er fortan seinen Sohn trainiert (in der Realität geht das übrigens nur selten gut). Trotzdem wirkt das alles wie ein guter Abschluss für unseren lieben Helden, wobei man vielleicht etwas verwundert sein kann, warum hinter das Loslassen seiner Exfrau noch mal ein Fragezeichen gestellt wird. Wird nicht so Teds komplette Entwicklung zur Akzeptanz seiner Scheidung unterminiert?

Gemeinerweise spielen die Autor:innen zudem auch ein bisschen mit der Fraktion unter den Fans, die noch auf eine Romanze zwischen Ted und Rebecca gehofft hatte, aus der zum Glück nichts wurde. Rebecca, die zu den Verlierern dieses Jahr gehört, wird mit einem „Love Actually“-artigen Zusammentreffen mit einem sexy Piloten aus Holland zurückgelassen, wodurch sich ihr (Stief-)Kinderwunsch endlich erfüllen könnte. Ob sie bei Richmond weitermacht, lässt sie derweil offen.

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So bleiben wir insgesamt mit vielen Fragen zurück, die die Serie mit ihrem unrunden Abschluss aufgeworfen hat. Die Season wirkt fast so, als wäre sie ein Produkt des Autorenstreiks, der momentan für kreatives Chaos sorgt - dabei wurde sie ja längst vor dem Streik geschrieben und gedreht. Hoffentlich hat trotzdem jede:r irgendwas mitnehmen können, um diese eigentlich so wunderbare Fußball- und Freundschafts-Comedyserie in positiver Erinnerung zu behalten. Drei von fünf Toren!

Hier abschließend noch der Trailer zur neuen Staffel „Ted Lasso“:

Verfasser: Bjarne Bock am Donnerstag, 8. Juni 2023
Episode
Staffel 3, Episode 12
(Ted Lasso 3x12)
Deutscher Titel der Episode
Bis dann, macht's gut!
Titel der Episode im Original
So Long, Farewell
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 31. Mai 2023 (Apple TV)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 31. Mai 2023
Erstausstrahlung der Episode in der Mediathek
Mittwoch, 31. Mai 2023
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Mittwoch, 31. Mai 2023
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Mittwoch, 31. Mai 2023
Autoren
Jason Sudeikis, Bill Lawrence, Brendan Hunt
Regisseur
Declan Lowney

Schauspieler in der Episode Ted Lasso 3x12

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