Grey's Anatomy 9x09

Die Episode Run, Baby, Run entfacht zwischenzeitlich ein warmes Gefühl in der Bauchgegend. Doch während die Arztserie Grey's Anatomy sich durch das Mittelfeld ihrer nunmehr neunten Staffel bewegt, verliert sie ein wenig an Fahrt.
Reden ist Gold
Zwischen Owen (Kevin McKidd) und Cristina (Sandra Oh) könnte alles so schön sein: Beide sind am leben, gesund und hegen eigentlich tiefe Gefühle füreinander. Doch Owen möchte seine Angebetete durch eine Scheidung davor bewahren, von den Rechtsbeiständen des Krankenhauses dafür benutzt zu werden, um die Klage der Chirurgen abzuwenden. Cristina auf der anderen Seite kann sich nach ihrem halbherzigen Versuch der Beziehungs-Wiederbelebung aus der Episode I Was Made for Lovin' You (9x07) nicht erneut zu einem klärenden Gespräch durchringen. Erst nachdem sie durch Meredith von Owens wahren Intentionen für die Scheidung erfährt, platzt endlich - endlich - der kommunikative Knoten. Sowohl McKidd als auch Oh verleihen ihren Figuren in dieser Sequenz eine derartig ausgeprägte Verwundbarkeit, dass es umso befriedigender ist, wenn die beiden - endlich - hungrig übereinander herfallen.
Nachwuchs, der verbindet
Auch bei dem Serienpaar Meredith (Ellen Pompeo) und Derek (Patrick Dempsey) verdunkeln zwischenzeitlich Wölkchen das gemeinsame Glück. Doch Grey kennt ihren Liebsten mittlerweile so genau, dass sie weiß, wann sie sich über seine anweisenden Bitten hinwegsetzen muss. Gegen Dereks Willen sucht Meredith das Gespräch mit seiner Schwester Lizzie (Neve Campbell). Durch ihren Einsatz kann die Nerventransplantation, die nötig ist, um Dereks Hand wieder voll funktionstüchtig werden zu lassen, zustandekommen.
Meredith selbst hatte nie die bedingungslose Unterstützung erfahren, die eine intakte Familie liefern kann. Umso schöner ist ihre Geste, Lizzie - sogar noch vor Cristina - das Ultraschallfoto ihres ungeborenen Kindes zu präsentieren. Was für andere selbstverständlich wäre, ist für die emotional zurückhaltende Meredith ein großer Schritt. In ihm manifestiert sich auf subtile Weise, wie sehr sie Derek liebt.
In ihrem Gastauftritt ist es Campbell gelungen, ihrer Figur der Psychologin Lizzie auf vielschichtige, nicht überdramatische Weise Leben einzuhauchen.
Ein langer Weg
In einem beeindruckenden Wortschwall kommt auf Seiten von Callie Torres (Sara Ramirez) ihre Frustration zum Vorschein - nur, dass die Ärztin ihre eigenen Emotionen in Hochzeitstips für die Braut Bailey (Chandra Wilson) verpackt. Woher ihre Unzufriedenheit rührt, offenbart sich in Callies Zwiegespräch mit Arizona (Jessica Capshaw).
Die Kinderärztin leidet sehr unter den Begleiterscheinungen, die mit der Amputation ihres Beins einhergehen. Die Selbstzweifel, die die hübsche Ärztin belasten, lassen keinen Raum für Intimität. So rührend sich Callie auch um ihre Frau bemüht, der Weg zurück in ihr normales Leben scheint noch weiter als gedacht. Immerhin erringt Torres einen Etappensieg und findet genau die richtige Mischung aus harten Worten (à la „Hör' auf zu jammern und lebe!“) und sanften Ermutigungen (wie „Auch ein Bein weniger bist du die schönste Frau der Welt“), um Arizona in ihre flachen Schuhe und zur Hochzeit zu bugsieren.
Ein viel zu langer Weg
Die Albernheiten zwischen Jackson (Jesse Williams) und April Kepner (Sarah Drew) gehen weiter und weiter und schaffen es wider Erwarten, noch anstrengender zu werden. Es würde zwar - logisch betrachtet - wenig Sinn haben, wenn die beiden sich von einem Tag auf den anderen wieder normal verhalten würden. Allerdings ist es einfach nervtötend, das langatmige Geplänkel mit ansehen zu müssen. Ihre Spielzeit hätte lieber zugunsten einer interessanten Patientengeschichte vernachlässigt werden sollen.
Die Neuen, Shane (Gaius Charles) und Stephanie (Jerrika Hinton), werden in den Irrsinn mit hineingezogen. Als sie sich leicht hysterisch darüber austauschen, zwei ihrer Vorgesetzten zu Baileys Hochzeit zu begleiten, hinterlassen sie in ihrer Unsicherheit einen sehr sympathisch-authentischen Eindruck.
Charakterzeichnungen
Auf eindringliche Weise wird den Zuschauern im Zuge der OP im Bauch eines kleinen Jungen die Unsicherheit von Jo Wilson (Camilla Luddington) vor Augen geführt. Nach einem Fehlgriff gelingt es ihr nicht, ihre zitternden Hände wieder unter Kontrolle zu bringen. Alex (Justin Chambers) aggressive Reaktion im Operationssaal trägt nicht dazu bei, die überforderte Assistenzärztin zu beruhigen. Dass Jo sich im Anschluss an die verpatzte Operation bei Arizona über Alex beschwert, lässt sie zwar als Petze erscheinen, doch bei ihr handelt es sich um einen Menschen, der nichts geschenkt bekommen hat. In einem unendlichen Kampf um das eigene Überleben kann es schon einmal passieren, dass man die Übersicht über Freund und Feind verliert.
Keine Panik!
Leid tut es einem in dieser Episode vor allem um Adele Webber (Loretta Devine). Es hat den Anschein, als sei sie eigentlich bereits abgeschrieben worden und würde nun nur aus dem Grund in die Handlung zurückkehren, um vor ihrem möglichst dramatischen Tod in der kommenden Episode noch einen Cliffhanger beisteuern zu können. Die Zweifel, die an Baileys Heiratsabsichten gesät werden, weil die Ärztin den Operationssaal temporär dem Traualtar vorzieht, erscheinen der Rezensentin unbegründet. So lässt doch Baileys verträumter Ausdruck, sobald sie Ben (Jason George) erblickt, ihre voreheliche Nervosität verblassen. Auch Dereks reichlich dramatische Diagnose für Merediths Beziehung zu Cristina („Maybe things are different now.“) sollte sich in Zukunft widerlegen lassen.
Fazit
Viele der Konflikte, von denen das Pärchenglück zu Beginn der Episode getrübt wurde, werden in der Episode Run, Baby, Run aus der Welt geräumt. Sowohl bei Derek und Meredith, Callie und Arizona und auch bei Cristina und Owen macht sich vorweihnachtliche Harmonie breit.
Das tragische Kontrastprogramm zur Glückseligkeit, das in so gut wie jeder Folge von Grey's Anatomy das emotionale Gleichgewicht wieder herstellt, kommt abgesehen von Adeles Einlieferung etwas zu bedeutungsarm daher. Die Geschichte um April und Jacksons neue Hochzeitsdates ist - in Bezug auf die zwanghafte Zusammenführung von Alex und Jo - vorhersehbar und ansonsten irrelevant. Jos Fehlgriff hingegen verdeutlicht uns nicht nur ihr eigenes Innenleben, sondern auch das von Alex. Er versucht angestrengt, seiner eigenen Mentorin Arizona nachzueifern und macht dabei Fehler, die gut zu seinem Charakter passen. Das verhilft seinem Handlungsstrang zu einer ausgeprägten Glaubhaftigkeit („You are a teacher now. Your students fail - you fail“).
Die Beziehung zwischen Cristina und Meredith ist nicht mehr so bedingungslos und „person“-fixiert wie zuvor. Doch da nun auf beiden Seiten Meilensteine in Richtung eines sorgenfreieren Lebens genommen wurden, ist - entgegen Dereks düsterer Prognose - Licht am Ende des temporären Freundschaftstunnels in Sicht.
Verfasser: Thordes Herbst am Freitag, 14. Dezember 2012(Grey's Anatomy 9x09)
Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 9x09
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