Grey's Anatomy 9x08

Grey's Anatomy 9x08

Die neunte Staffel der Serie Grey's Anatomy erleidet mit der Episode Love Turns You Upside Down einen qualitativen Einbruch. Während sich die Neulinge profilieren, verkommen die Stammärzte zu Randerscheinungen.

Die neuen Interns Leah, Stephanie, Jo, Ross und Heather (v.r.) stehlen Meredith in dieser Episode von „Grey’s Anatomy“ die Show / (c) Ron Tom/ABC
Die neuen Interns Leah, Stephanie, Jo, Ross und Heather (v.r.) stehlen Meredith in dieser Episode von „Grey’s Anatomy“ die Show / (c) Ron Tom/ABC

In der Episode Love Turns You Upside Down (9x08) wird immer wieder der Zauber hervorgehoben, den Seattle Grace für die Assistenzärzte innehaben kann. Zwischen den teilweise zu konstruiert wirkenden Charakterisierungen der Nachwuchschirurgen und einer Reihe von Zeitlupen-Effekten geht der eigentliche Zauber von Grey's Anatomy verloren.

Die selbstverliebten Interns

Grumpy, aka Dr. Stephanie Edwards (Jerrika Hinton) muss sich gegen die Assistenzärztin Leah (Tessa Ferrer) durchsetzen, um Cristina (Sandra Oh) zu beeindrucken. Dabei legen beide Interns ein erhebliches Maß an Ehrgeiz und Selbstvertrauen an den Tag, wodurch sie ein wenig an ihre Mentorin aus früheren Tagen erinnern.

Dr. Heather Brooks (Tina Majorino) wurde von ihrem Job als Chair Stalker aus der Episode I Was Made for Lovin' You (9x07) entlassen und muss sich stattdessen gleich mit zwei furchteinflößenden Kreaturen arrangieren: Sie steht nicht nur im Dienste der grausamen Medusa Grey (Ellen Pompeo) sondern wird zu allem Überfluss noch mit dem verwundeten Bergmonster Bigfoot konfrontiert. Das Mysterium um das zottelige Fabelwesen wird so lieblos als Jagdunfall entlarvt, dass es nicht weiter der Rede wert ist.

Der Boden der Tatsachen

Als das Rudel der Assistenzärzte nach einigen Erfolgen mehr oder minder selbstgerecht durch die Gänge marschiert, wird ihnen eindrucksvoll vor Augen geführt, dass sie als Ärzte noch einen weiten Weg vor sich haben: „Go get the real doctors,“ schreit ein aufgebrachter Angehöriger den vor Ratlosigkeit erstarrten Nachwuchschirurgen entgegen. Glücklicherweise sind Ausnahmemediziner wie Cristina in der Nähe, um die richtigen Diagnosen zu stellen.

Schon wartet die nächste Prüfung auf Jo (Camilla Luddington), Stephanie, Leah und die anderen. Wie ein Feldmarschall samt bissigem Stellvertreter lassen Callie (Sara Ramirez) und Jackson Avery (Jesse Williams) die Interns nach einander antreten, um sich im Angesicht eines ganz besonderen Patienten zu beweisen. Der Hilfsbedürftige ist kein geringerer als Derek Shepherd (Patrick Dempsey), dessen Hand nach dem Flugzeugabsturz noch immer nicht vollständig genesen ist.

Während sich Heather Brooks - der Cristina wohl den Spitznamen Clumsy verpasst hätte - sich durch ihr Gähnen selbst disqualifiziert, haben auch ihre Leidensgenossen Probleme, sich richtig in Szene zu setzen. Nach Jo und Stephanie ist Dr. Shane Ross (Gaius Charles) an der Reihe.

Seine Arbeit in der Pickel- und Geschwürbeseitigungseinheit hat Shane für den Patienten hinter dem medizinischen Phänomen sensibilisiert. Dank seines fürsorglichen Ansatzes wird Ross auserwählt, um sich näher mit dem Fall Shepherd befassen zu dürfen.

Jos Geschichte

Als eine Mutter im Teenageralter ihren neugeborenen, kranken Sohn im Krankenhaus zurücklassen möchte, legt Jo ein weniger prinzessinnenhaftes Verhalten an den Tag. Bei dem Versuch, das Mädchen und deren Mutter in die Verantwortung zu zwingen, schreckt sie auch nicht vor körperlichem Einsatz zurück. Im Anschluss gibt sie dem Zuschauer in einem Zwiegespräch mit Alex Karev (Justin Chambers) Einblicke in ihre Vergangenheit.

Entgegen der Vermutungen von Alex ist die Ärztin nicht mit einem silbernen Löffel im Mund geboren worden, sondern wurde als Baby bei einer Feuerwehrstation abgegeben. Das erklärt nicht nur, warum Jo stets so allergisch darauf reagiert hatte, als Prinzessin bezeichnet zu werden. Auch ihre heißblütige Reaktion auf das im Stich lassen eines Neugeborenen wird nachvollziehbar. Die Hintergrundgeschichte, die der Figur Jo zu mehr Plastizität hätte verhelfen sollen, wirkt jedoch zu dramatisch und klischeebeladen, um wirklich glaubhaft zu werden. Jos „zimperliche“ Art, die ihr auch von den anderen Interns nachgesagt wird, lässt sie einfach zu glatt erscheinen, um eine überzeugende Kämpfernatur abzugeben.

Aprils temporäre Rehabilitation

Aprils (Sarah Drew) Kopfsprung ins emotionale Fettnäpfchen gegenüber Jackson in der vorangegangenen Episode „44959“ ist ohne erkennbare Folgen für die beiden geblieben. Dadurch wird der ohnehin holprige Handlungsstrang von Kepner und Avery auch noch mit einem ungenügenden Ende versehen. Aprils Figur schafft es zwar in der Folge Love Turns You Upside Down auch im Alleingang, die Zuschauernerven zu belasten, indem sie dem gutherzigen Ross misstraut. Abgesehen von ihrer egozentrischen Paranoia macht der Rotschopf jedoch eine verhältnismäßig gute Figur.

Shepherds Schwester

Mit Lizzie (Neve Campbell) taucht eine bislang unbekannte Schwester von Derek im Seattle Grace auf. Sie profiliert sich sofort als clevere Psychologin, indem sie in Brooks klar die Leidtragende einer Scheidung erkennt. Bedauerlicherweise stellt sie Lizzie im gleichen Atemzug als eine „der Löwinnen“ vor, von denen Heather in ihrem wütenden Ausbruch gesprochen hatte. Doch diesen Teil von Brooks Monolog hätte Lizzie noch gar nicht mitbekommen dürfen - wenn sie nicht gerade hinter der Ecke in Lauerstellung verharrt hat. Diese pirschende Eigenschaft würde zwar Lizzies Charakterisierung als Löwin unterstützen, wirkt in diesem Zusammenhang jedoch reichlich konstruiert.

Blutleer

Die Episode endet, wie sie beginnt - mit einem Vergleich zwischen den Assistenzärzten von damals und heute. Während Karev, Grey und Yang selbst die kniffligsten Notfälle routiniert behandeln, sind die Interns nach einem langen Arbeitstag ausgelaugt und ein Stück weit desillusioniert. Doch um die Parallelen zwischen alt und neu zu veranschaulichen, wäre sicher keine ganze Episode notwendig gewesen.

Die Stammärzte, die wir im Zuge von nunmehr neun Staffeln von Grey's Anatomy kennen- und lieben gelernt haben, werden in der neuen Folge grob vernachlässigt. Owen Hunt (Kevin McKidd) muss sich darauf beschränken, über Assistenzärzteschultern ein Kompliment an die chirurgischen Fähigkeiten seiner Noch-Ehefrau Cristina auszusprechen. Auch dem Handlungsstrang um Dereks Hand, und dem um Merediths Schwangerschaft wird kein nennenswerter Spielraum zugestanden. Arizona (Jessica Capshaw) und Callie sind bloße Randerscheinungen, während Bailey (Chandra Wilson) und Dr. Webber (James Pickens Jr.) praktisch nicht vorkommen.

Cristina darf gegenüber den Streithähnen Leah und Stephanie zeigen, dass sie ihre kompetitive Haltung zugunsten der Professionalität aufgegeben hat. Auch Alex wird das Prädikat zugestanden, gereift zu sein.

Es ist notwendig, die neuen Charaktere mit Leben zu füllen, um sie zu vollwertigen Bestandteilen der Handlung zu machen. Das zeigt besonders auf Seiten von Shane Ross auch erste Erfolge. Dennoch fühlt sich die Episode ohne nennenswerte Entwicklungen auf Seiten der Old Stars blutleer an. Auch die medizinischen Fälle können diese Lücke nicht schließen. Die lächerliche Einlage um den vermeintlichen Bigfoot - wie hätte es den Jägern entgehen können, dass sie es mit einem Mann im Tarnanzug zu tun haben - wird nicht einmal bis zum Ende begleitet.

Die Geschichte um die beiden Babys mit Herzproblemen geht zwar etwas tiefer, ist dabei jedoch vorhersehbar und kann in seiner emotionalen Intensität nicht an den Fall mit dem schwulen Pärchen aus der vorangegangenen Episode mithalten.

Fazit

Die Episode Love Turns You Upside Down (9x08) kann nicht halten, was der liebesbetonte Titel verspricht. Das einzige, was in dieser Folge auf den Kopf gestellt wird, ist die Patientin mit dem verrutschten Herzschrittmacher. Zwischen keinem der (Ex-)Paare kommt es zu den selbstlosen Anwandlungen, die der Episodenname andeutet. Überhaupt scheinen die Geschichten der entscheidenden Charaktere von Grey's Anatomy still zu stehen, was nur im Falle des absurden Rechtsstreits zwischen Krankenhaus und Absturzopfern eine gute Sache ist.

Der Charakter der durch die versierte Schauspielerin Neve Campbell in die Handlung eingeführt wird, macht in ihrer gradlinigen Art zwar einen vielversprechenden Eindruck. Dennoch reicht eine Lizzie Shepherd als charismatischer Cliffhanger nicht aus, um aus der achten Episode der neunten Staffel mehr zu machen, als einen bloßen Lückenfüller.

Verfasser: Thordes Herbst am Freitag, 7. Dezember 2012
Episode
Staffel 9, Episode 8
(Grey's Anatomy 9x08)
Deutscher Titel der Episode
Wohin die Liebe führt
Titel der Episode im Original
Love Turns You Upside Down
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 6. Dezember 2012 (ABC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 27. Februar 2013
Autor
Stacy McKee
Regisseur
Mark Jackson

Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 9x08

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