Grey's Anatomy 10x24

Während Grey's Anatomy der alteingesessenen Chirurgin Cristina Yang (Sandra Oh) den letzten Tribut zollt, wird man immer wieder dezent an einschneidende Momente aus der Vergangenheit der langlebigen Serie erinnert. Christinas Figur darf nicht nur die Rolle der Erzählerin übernehmen, sondern hat in Fear (of the unknown) auch sonst die Sonderstellung, die sie sich verdient hat. Obwohl die Explosion, die das Grey Sloan Memorial in Aufruhr versetzt, in Anbetracht der Eskalationen in vorangegangenen Staffelfinalen kaum eine Überraschung darstellt, stimmt es doch versöhnlich, dass das Drama dieses Mal zumindest nicht durch das Dahinscheiden eines liebgewonnenen Charakters erkauft werden muss.
Ein Gehen...
Cristina Yang ist nicht die einzige Ärztin, von der sich die Zuschauer im Finale der zehnten Staffel von Grey's Anatomy verabschieden müssen. Neben Shane Ross (Gaius Charles) wird auch die Assistenzärztin Leah Murphy (Tessa Ferrer) ihr Glück künftig an einem anderen Ort suchen, nachdem Richard Webber (James Pickens Jr.) ihre chirurgischen Träume hat platzen lassen.
Wie viel einem etwas bedeutet hat, merkt man wie so oft erst dann, wenn es nicht mehr da ist. So auch im Falle von Leah, die durch ihre verquere Art oft als willkommene Auflockerung der Serie gedient hatte.
In Fear (of the unknown) wird der Figur aber immerhin noch ein letzter, denkwürdiger Augenblick zuteil, in dem sie sich noch einmal als durchaus kompetent hervortun kann. Und wer weiß, vielleicht wird Murphy ja irgendwann nach Seattle zurückkehren, um dort die Ergebnisse ihrer zukünftigen Forschungen zu präsentieren.
...und Kommen...
Die Verluste im Cast werden in Grey's Anatomy sofort wieder kompensiert, zumindest bezogen auf die Quantität der Protagonisten. Während sich in den vorangegangenen Episoden bereits abgezeichnet hatte, dass sich die Stippvisite von Dereks (Patrick Dempsey) Schwester, der Shepherdess Amy (Caterina Scorsone), auf unbestimmte Zeit ausdehnen würde, erfolgt die große Überraschung an anderer Stelle. Nicht nur hat die Ärztin Maggie Pierce (Kelly McCreary), die so jung wie begabt zu sein scheint, am Ende den Posten von Dr. Russell bekommen. Nein, es stellt sich zudem heraus, dass es sich bei ihr um eine leibliche Tochter von Ellis Grey handelt! Nachdem man sich bis zu dieser „WTF“-verdächtigen Offenbarung nicht ohne Berechtigung gefragt hatte, warum der bislang unbedeutenden Figur an diesem kritischen Punkt der Serie überhaupt Spielzeit eingeräumt werden sollte, trifft einen die Wahrheit umso stärker.
Es scheint - gelinde gesagt - unwahrscheinlich, dass nach Lexie noch eine weitere Schwester von Meredith (Ellen Pompeo) plötzlich auf der Bildfläche und dann sogar im gleichen Krankenhaus in Erscheinung treten sollte. Zudem ist es doch merkwürdig, dass allem Anschein nach niemand, auch nicht der offensichtliche Vater, etwas von der Schwangerschaft bemerkt haben sollte. Doch gleichzeitig kann man der Wendung, so ungelenk sie im ersten Moment auch daherkommen mag, ihr dramaturgisches Potential nicht absprechen. Denn Maggies Abstammung weckt insbesondere in Bezug auf Richard die Hoffnung, neue Facetten an seinem bisweilen etwas ausgelaugt erscheinenden Charakter kennenlernen zu dürfen.
...und Bleiben...
Während sich Cristina in die idyllische Schweiz verabschiedet, sorgt sie gleichzeitig dafür, dass den Zuschauern wenigstens Meredith und Alex Karev (Justin Chambers) erhalten bleiben werden. Zum einen appelliert sie leidenschaftlich an ihre person Meredith, sich nicht ihrem genialen Ehemann unterzuordnen: „...he is not the sun. You are.“ („...er ist nicht die Sonne. Das bist du.“)
Gemäß dem Rat ihrer besten Freundin weigert sich Meredith so auch, Derek wie ein bloßes „Anhängsel“ nach Washington zu folgen. Während ihre Entscheidung ein düsteres Licht auf ihre Beziehung wirft, ist man doch gleichzeitig erleichtert darüber, dass Meredith zum Beginn der elften Staffel nicht nur in Form von Skype-Telefonaten in Seattle zugegen sein wird.
Im Fall von Alex verhindert Cristina gekonnt, dass er der Serie fortan nur noch als „road penis“ („Straßenpenis“)-fahrender Lebemann „Dr. Little Butthole“ (diesen Kosenamen darf sich jeder selbst übersetzen) sporadische Kurzbesuche abstatten wird. Die Tatsache, dass Yang dem finanzschwachen Alex ihre Anteile des Krankenhauses überschreibt, scheint dessen Karriere im privaten medizinischen Sektor ein schnelles Ende zu bereiten. Zur gleichen Zeit schwingt in Karevs Aufstieg in den Aufsichtsrat des Grey Sloan Memorial dabei auch die Ankündigung eines neuen Konfliktes mit. Schließlich baut Miranda Baileys (Chandra Wilson), die sich nun ebenfalls Hoffnungen auf den wichtigen Posten macht, im Geiste bereits an ihrem Genom-Vergnügungspark.
...und ein Ende.
Als Cristina Grey's Anatomy endgültig den Rücken zukehrt, bleibt uns zwar eine Verabschiedung von Charakteren wie Arizona (Jessica Capshaw) und Callie (Sara Ramirez) vorenthalten. Aber dafür gibt es immerhin Umarmungen mit Derek, Richard und der nur vordergründig widerstrebenden Miranda zu sehen. Besonders berührend sind jedoch ihre letzten Szenen mit Meredith. Die Gespräche der beiden erinnern auf nostalgische Weise an Figuren wie George und Izzie, und verweisen zudem auf dramatische Momente wie den Flugzeugabsturz oder den Sprengsatz im Krankenhaus.
Ausgesprochen gelungen ist Cristinas ausgelassener und teils in Zeitlupe dargebotener Tanz zu „Where does the good go?“ von Tegan and Sara geraten. Und ihr stummer Abschied von Owen Hunt (Kevin McKidd) trifft ebenfalls genau den richtigen, betrüblichen Ton. Die Tatsache, dass ihr Exmann sich nach einem letzten Blick auf Yang sofort wieder seinem aufgeschnittenen Patienten zuwenden muss, könnte dabei stellvertretend als Appell der Serie an die Zuschauer interpretiert werden: So schmerzvoll Cristinas Abgang auch ist, man darf deswegen bloß nicht aufgeben beziehungsweise abschalten.
Fazit
Die Explosion, die in Fear (of the Unknown) Seattle erschüttert, lässt zum einen eine große Portion Dramatik in die Serie Einzug halten und ermöglicht dabei die Behandlung von verschiedendsten medizinischen Notfällen. Auf der anderen Seite scheint in der Tatsache, dass sich der Zwischenfall als Gasexplosion entpuppt, zugleich eine gewisse Kritik an der Paranoia vor terroristischen Anschlägen mitzuschwingen, die seit den Anschlägen des 11. Septembers in den USA grassiert. Catherine Avery (Debbie Allen) dient als besänftigendes Sprachrohr des gesunden Menschenverstandes, indem sie auf die Macht der Angst verweist.
Die Serie tut ihr Bestes, um die Aufmerksamkeit des Publikums auch zukünftig an die Serie zu binden. So soll die - angenehm stillschweigend beschlossene - Leihmutterschaft bei Callie und Arizona ebenso für Vorfreude sorgen wie die Aussicht auf eine weitere Erbin des Talents von Ellis Grey. In diesem Zusammenhang kann man nur darauf hoffen, dass es Shonda Rhimes und den anderen Kreativen gelingen wird, in Bezug auf Maggie neue erzählerische Pfade zu betreten, ohne dabei vollends die Haftung zum Boden des Vorstellbaren zu verlieren.
Der verbissene Streit zwischen Meredith und Derek schürt zugleich die Angst um den Fortbestand der zuletzt so harmonischen Ehe - und die Spannung.
Der Abschied von Cristina, die nun als Director of Cardiothoracic Surgery einer vielversprechenden Zukunft entgegenblickt und der neben den Fotos ihrer Lieben zudem auch Shane Gesellschaft leistet, verläuft ebenso versöhnlich wie berührend. Nicht nur ein Mal musste ich feststellen, dass mir klammheimlich irgendetwas die Wange herunter rollte.
Obwohl zwischen Meredith und Cristina immer wieder betont wird, dass hier nichts endgültig „vorbei“ ist, geht mit Yangs Abzug doch eine Ära zu Ende. Und egal, welche Figuren in der Serie auch eingeführt werden und welche Erzählstränge sich auch andeuten - der Gedanke an ein Grey's Anatomy ohne Cristina Yang stimmt gegenüber Staffel elf nicht gerade euphorisch.
Verfasser: Thordes Herbst am Freitag, 16. Mai 2014Grey's Anatomy 10x24 Trailer
(Grey's Anatomy 10x24)
Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 10x24
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