Grey's Anatomy 10x23

Die vorletzte Episode der zehnten Staffel von Grey's Anatomy trägt den etwas beschwerlichen Namen Everything I Try to Do, Nothing Seems to Turn out Right (ungefähr: „Egal, was ich auch versuche, nichts scheint zu funktionieren.“). Obwohl es im Handlungsverlauf zu überraschenden Wendungen kommt und dabei auch noch Platz für große Gefühle bleibt, hätte sich so mancher sicher noch etwas mehr Cristina Yang (Sandra Oh) gewünscht - so lange es eben noch geht.
Der Schwächste fliegt
In dem Gefühl der hilflosen Verzweiflung, das in dem Titel dieser Episode mitschwingt, schwelgen sämtliche Assistenzärzte seit sich in der vorangegangenen Folge We Are Never Getting back Together (10x22) herauskristallisiert hatte, dass einer von ihnen seine Ausbildung im Grey Sloan Memorial nicht zu Ende bringen darf.
Geschickt wird dafür gesorgt, dass man sich abwechselnd um Shane (Gaius Charles), Steph (Jerrika Hinton) und auch ein bisschen - wenn auch nicht wirklich - um Jo (Camilla Luddington) zu sorgen beginnt. So scheint Stephanie vorübergehend den Nachwehen von Miranda Baileys (Chandra Wilson) Leichtsinn bei der Behandlung von Braden Morris (Armani Jackson) zum Opfer zu fallen. Shanes Zukunft hingegen wird in bedrohliches Licht getaucht, als unter seiner Obhut das Häutchen zerplatzt, in dem sich die Organe eines Säuglings befinden.
Da Leah Murphy (Tessa Ferrer) im absonderlichen Fall einer zum Dauerpupsen verurteilten Tänzerin (Emily Davenport) die rettende Idee hat, wiegt man sich bei ihrer Figur erst einmal in Sicherheit. Als Dr. Webber (James Pickens Jr.) der stressessenden Assistenzärztin dann die Hiobsbotschaft überbringt, dass sie schlichtweg nicht das Zeug zur Chirurgin habe, wird man davon umso härter getroffen. Immerhin wird Leah allem Anschein nach ein verhältnismäßig gnädiger Abschied gegönnt. So kann sie sich zuletzt noch durch eine medizinische Glanzparade hervortun und wird zudem dadurch aufgewertet, dass Richard in ihr das Potential für eine wohlbringende Forscherin erkennt.
Glück und Loyalität
Dank Stephanies selbstlosen Einsatzes und ihrer Notlüge scheinen die Eltern von Braden nun doch von einer Klage wegen Körperverletzung abzusehen. Ich hatte mich bereits in den vorangegangenen Episoden an dem mangelnden Vertrauen gestört, das das Ehepaar Morris ihrer behandelnden Ärztin entgegengebracht hatte und auch an der Hysterie, die insbesondere Teresa (Bresha Webb), die Mutter, dabei an den Tag gelegt hatte. Gesteigert wurde meine Unzufriedenheit noch durch die Anwandlung der beiden, Bailey nun mit überbordender Feindlichkeit zu begegnen, obwohl Braden ihr und den deaktivierten Viren doch ganz eindeutig sein Leben verdankt.
Auf der einen Seite ist der Zorn von Herrn und Frau Morris selbstverständlich nachvollziehbar, da der Zweck nun einmal nicht unbedingt die Mittel heiligt. Gerade Bailey selbst war stets mit aller Härte für das Einhalten von Regeln eingetreten - man denke an eine gewisse „LVAD“-Begebenheit zwischen Izzie und Denny oder auch an eine Cristina, die in Don't Stand So Close to Me (3x10) ein bestimmtes Zittern für sich behalten hatte...
In jedem Falle ist man doch erleichtert, als ausgerechnet aufseiten von Teresa die Erleichterung über die Verbohrtheit siegt. Neben der Freude darüber, dass Miranda ihre Karriere als Teleshoppingverkäuferin nun doch - wenn überhaupt - erst später einschlagen wird, kann auch die Umarmung zwischen ihr und Steph warme Gefühle hervorrufen: „You are not going anywhere without a fight from me.“ (ungefähr: „Ich werde bis aufs Blut dafür kämpfen, dass du uns erhalten bleibst.“)
Babys
Glücklicherweise hält der Frieden zwischen Jackson Avery (Jesse Williams) und April (Sarah Drew) vorerst an. Wie immer, wenn die beiden gerade einmal von nervenzehrenden Streitereien absehen, macht das Paar in seiner Interaktion einen charismatischen Eindruck. Zudem darf man sich an dieser Stelle bald auf den Gesichtsausdruck einer Catherine Avery (Debbie Allen) freuen, die davon erfährt, Oma zu werden. So es Shonda Rhimes will, versteht sich.
Der Familienerweiterung von Arizona (Jessica Capshaw) und Callie (Sara Ramirez) hingegen wird in Everything I Try to Do, Nothing Seems to Turn out Right ein gewichtiger Stein in den Weg gelegt. So ist es Callie nach ihrem schrecklichen Autounfall nicht länger möglich, ein Kind zu bekommen. Die Tatsache, dass sie eine Mutterschaft von Arizona aus dem Grund ausschließt, dass die Beziehung dafür „zu fragil“ sei, mutet dabei befremdlich an. Schließlich wäre ein weiteres Kind in diesem Falle wohl ohnehin eine unratsame Strategie.
Als sich die beiden Ehefrauen in ihrem Schmerz gegenseitig trösten, liegt etwas in Arizonas Blick, das Zweifel an der Endgültigkeit der Entscheidung sät. Doch egal, ob mich mein Bauchgefühl hier trügen mag oder nicht - es wäre doch merkwürdig, wenn die beiden eine Adoption nicht einmal in Erwägung ziehen würden, wenn ihr Kinderwunsch doch so mächtig ist. Zudem wäre es wirklich schade, wenn Arizona ihre ausgezeichneten mütterlichen Fähigkeiten nur bei einer Tochter zum Einsatz bringen könnte. Aber auf der anderen Seite kann sie sich ja diesbezüglich auch bei dem oftmals unreifen Alex (Justin Chambers) austoben.
Washington
Es ist geschehen. Derek (Patrick Dempsey) ist nicht nur dem vermeintlich mächtigsten Mann der Welt begegnet, sondern hat von ihm auch noch das Angebot erhalten, seine Hirnforschung in den Diensten der National Institutes of Health (NIH) fortzuführen. Einem kurzen Ausflug auf die Homepage der besagten Einrichtung kann man entnehmen, dass hier tatsächlich gerade im Auftrag des Präsidenten das menschliche Denkorgan entschlüsselt wird. Man kann Grey's Anatomy bezüglich des serieninherenten Realismus sicher einige Vorwürfe machen, aber diese Aktualität und der damit einhergehende Realitätsbezug sind schon beachtlich.
Derek liebäugelt nun also mit einem Umzug in die Hauptstadt, wobei er auch für Meredith (Ellen Pompeo) schon ein neues Arbeitsplätzchen gefunden hat. Doch irgendwie kann dieser Cliffhanger einen kaum in Angst und Schrecken versetzen. Schließlich ist es höchst unwahrscheinlich, dass die Serie auf einen Schlag gleich beide persons aufgeben würde.
Schweizer Versuchungen
Schließlich ist Cristinas Abgang bereits beschlossene Sache. Daran kann auch ein letztes romantisches Aufbäumen von Owen (Kevin McKidd) nichts ändern. Seine „Don't leave me until you are leaving me“-Ansprache („Verlasse mich nicht, bis du mich verlässt.“) mutet sehr authentisch an. Obwohl er Cristina nach wie vor verfallen ist, hat er doch auch eingesehen, dass sich ihre Wege trennen müssen.
Zwar macht Yang in dieser vorletzten Episode einen guten Eindruck und sorgt durch ihre Abfälligkeit gegenüber potentiellen Nachfolgern von Dr. Russell auch für humoristische Highlights. Dennoch mutet die Spielzeit der Figur schmerzlich kurz an, wenn man bedenkt, wie wenig den Zuschauern davon nun lediglich verbleibt.
Fazit
Die Songs, die in Everything I Try to Do, Nothing Seems to Turn out Right dazu dienen, die emotionale Wucht der jeweiligen Passagen zu verstärken, sind ausgesprochen gut gewählt. Sie könnten dennoch manchmal etwas heruntergeregelt werden... Szenen wie die, in der sich die aufgelöste Callie beiläufig eine Träne von der Wange leckt, wären jedoch in jedem Falle Gold wert.
Die Geschichte um Braden machte teilweise keinen sonderlich glaubhaften Eindruck. Und der vermeintlichen Gefahr, dass auch Meredith und Derek dem Grey Sloan Memorial den Rücken zukehren könnten, wohnt bei weitem nicht so viel Dramatik inne, wie es die Inszenierung von Grey's Anatomy wohl darlegen möchte.
Emotionen werden dafür aber gekonnt an anderer Stelle geweckt: Erst in dem Moment, als man mit dem baldigen Abschied von Leah konfrontiert wird, ist mir aufgefallen, wie sehr mir der Charakter mittlerweile ans Herz gewachsen ist. Die Tapferkeit, mit der sie dem Ende ihrer chirurgischen Laufbahn begegnet, schürt die Trauer um die sympathisch-verquere Figur noch weiter. Auf der anderen Seite wird es Grey's Anatomy vielleicht nicht schaden, wenn sich die Serie künftig auf einen etwas kleineren Cast konzentrieren würde. Allerdings hat es in Anbetracht von Amys (Caterina Scorsone) Zukunftsplänen für Seattle nicht den Anschein, als wäre dies der Plan der Serienverantwortlichen.
Nachdem Cristina in dieser Episode etwas im Dschungel der vielen, vielen Protagonisten verblasst ist, bleibt doch zu hoffen, dass sich dies für ihre letzte Folge noch einmal ändern wird. Verdient hätte sie es sich allemal.
Verfasser: Thordes Herbst am Samstag, 10. Mai 2014Grey's Anatomy 10x23 Trailer
(Grey's Anatomy 10x23)
Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 10x23
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