Grey's Anatomy 10x20

Der Titel Go It Alone bedeutet ungefähr so viel, wie im Alleingang zu handeln. Doch im Verlauf dieser Episode von Grey's Anatomy wird deutlich, wie hoch selbst im Berufsfeld der Chirurgie, in dem die Ärzte letztendlich eigenverantwortlich agieren, der Wert wahrer Freundschaft ist.
Unüberbrückbare Differenzen?
Nachdem in der vorangegangenen Episode I'm winning (10x19) noch eine erfrischende Leichtigkeit im Umgang zwischen Jackson Avery (Jesse Williams) und April (Sarah Drew) geherrscht hatte, platzt nun die Bombe. Obwohl der Sprengsatz glücklicherweise nur metaphorischer Natur ist, sind die Konsequenzen doch dramatisch. Die grundverschiedenen Ansichten der Neuvermählten bezüglich des Glaubens kommen im Rahmen ihrer Diskussion über ein Cochleaimplantat erneut zutage. Sie resultieren in einem verheerenden Streit, in dem Jackson Religion gar als „lächerlich“ bezeichnet.
„Your god is like our hypothetical deaf child. It doesn't exist!“ („Dein Gott ist wie unser hypothetisches taubes Kind. Es existiert nicht!“) Es mutet äußerst hart an, dass Jackson die Existenz eines Gottes so vehement und scharfzüngig abstreitet, obwohl er sich doch darüber bewusst sein dürfte, wie tief dies seine Ehefrau verletzen würde. Doch auch April macht in dieser dramatischen Auseinandersetzung keine sonderlich gute Figur. Schließlich lässt sie sich ebenfalls dazu herab, die Ansichten des anderen zu verurteilen - und Jackson wegen seines Atheismus gar zu „bemitleiden“.
Die beiden verfehlen es, sich einander wieder anzunähern, weswegen April schließlich gar im Haus von Arizona (Jessica Capshaw) und Callie (Sara Ramirez) Zuflucht sucht. Als die Ärztin vor der Tür steht, macht sie verständlicherweise einen sehr mitgenommenen Eindruck. Es ist hier aber immerhin ein kleiner Trost zu wissen, dass sie in einer solch schweren Zeit nicht auf sich allein gestellt ist.
Weißt du noch...?
Auch auf Seiten von Arizona und Callie selbst deuten sich von Zeit zu Zeit Streitereien an, die sich aber - wie bereits in der vorangegangenen Episode - glücklicherweise mit der Hilfe von Kommunikation und Zuneigung leicht aus der Welt schaffen lassen. Ihre Debatte darüber, welche der beiden Frauen das zweite Kind austragen soll, resultiert neben ihrem pragmatischen Münzwurf noch in einem weiteren kleinen Highlight. Nachdem zur Zufriedenheit beider Mütter feststeht, dass Callie die Schwangerschaft „übernehmen“ wird, erinnert Arizona mit ihrem „God, I miss Mark!“ („Gott, wie ich Mark vermisse!“) auf unaufdringliche Weise an den verblichenen Dr. Sloan.
Nachdem in I'm winning (10x19) bereits die Szene von Cristina Yang (Sandra Oh) und Dr. Owen Hunt (Kevin McKidd) im Luftschacht nostalgisch gestimmt hatte, lässt nun die gemeinsame Spätschicht von Meredith (Ellen Pompeo), Alex (Justin Chambers) und Cristina (Sandra Oh) an die guten, alten Zeiten von Grey's Anatomy denken.
Veränderungen
Doch wie die Chirurgen selbst feststellen, hat sich seit damals sehr viel geändert. Nicht nur wimmelt es im fiktiven Jenseits nur so vor liebgewonnenen Kollegen des Trios. So liebäugelt Alex nun immer stärker mit einer Karriere im privaten Sektor, während sich auch Merediths Mutterschaft auf ihre Arbeit niederschlägt. Sowohl sie als auch Derek (Patrick Dempsey) sind so vollkommen in ihre Arbeit eingespannt, dass oft ihr Nachwuchs das Nachsehen hat. Obwohl es dem Paar noch einmal gelingt, sich diesbezüglich auszusöhnen, steht doch eines fest: So kann es tatsächlich nicht weitergehen. Doch welcher der beiden ambitionierten Ärzte wird sich wohl dazu durchringen, sich zugunsten der Familie bei der Arbeit zurückzunehmen?

McKeils
Obwohl es ein erfrischender Ansatz ist, dass wir das Schicksal einiger Patienten nun mittlerweile über die dritte Episode hinweg verfolgen können, beschwören die entsprechenden Fälle in dieser Episode kaum eine adäquate Dringlichkeit herauf.
Zwar möchte man nach wie vor erfahren, was wohl die Ursache dafür sein könnte, dass neben Link (Thomas Barbusca) nun auch seine Schwestern Frankie (Harley Graham) und Ivy (Jadin Gould) auf ein Spenderorgan angewiesen sind. Zudem ist der Anblick von Ivys merkwürdig knetbarer Haut, als ihr Körper das eigene Herz abstößt, mehr als gruselig. Der Streit hingegen, der zwischen den von Rebecca Field und Billy Malone verkörperten Eltern hereinbricht, macht einen ebenso konstruierten Eindruck wie die Erklärung, dass der Vater die neuerliche gesundheitliche Eskalation über viele Stunden hinweg im Auto verschlafen haben sollte.
And the Harper Avery goes to...
Immerhin ebnet die tränenreiche Versöhnung der Eheleute McKeil den Weg für die wohl schönste und auch ergreifendste Szene dieser Episode. So scheint Owen bei den Liebesschwüren der beiden ein Licht in Bezug auf Cristina aufzugehen. Während Yang im Handlungsverlauf wieder und wieder betont, die Reise nach Boston zur Verleihung des Harper Avery Awards alleine auf sich nehmen zu wollen, gehen ihr im letzten Moment doch die Nerven durch. In einem amüsanten Wortschwall gesteht sie Meredith per Telefon, sie und auch Owen dringlichst bei sich haben zu wollen.
Hier wird nicht nur deutlich, dass die Aussicht auf die wichtige Auszeichnung Cristina weit stärker in Aufregung versetzt, als es die Chirurgin gemeinhin zugibt. Gleichzeitig, und dies erscheint weit entscheidender, rückt die so starke Ärztin dabei endlich ein Stück von ihrer Mentalität der „einsamen Wölfin“ ab, die sich nicht einmal bei einem klemmenden Reißverschluss helfen lassen möchte. Wie schön und ergreifend ist hier der Moment, in dem ihr „Rudel“ aus Grey und Hunt, überraschend in Boston in Erscheinung tritt!
Doch wie so oft muss sich das Glück im Universum der Shonda Rhimes die Bühne mit dem Unglück teilen. Und so geht der Preis am Ende an einen Kollegen von Cristina Yang. Doch wer braucht schon eine Trophäe, wenn er vollends auf seine Freunde verlassen kann. Oder?
Fazit
Die episodenübergreifenden Patientengeschichten verfehlen es in der Episode Go It Alone, das Publikum so stark in den Bann zu ziehen, wie es aufgrund der verhältnismäßig intensiven Beziehung zu diesen Figuren möglich gewesen wäre. Der Streit zwischen den Eltern der McKneil-Kinder ist dabei allzu offensichtlich auf Owens „Erleuchtung“ zugeschnitten. Der Fall um den kleinen Braden Morris (Armani Jackson) hingegen stagniert, während sein potentielles Allheilmittel vor sich hin „chillt“. Doch immerhin gibt es an dieser Stelle eine vollkommen von ihrer Arbeit begeisterte Miranda Bailey (Chandra Wilson) zu sehen, deren Euphorie eine äußerst ansteckende Wirkung innewohnt.
Auf Seiten der Stammbesetzung kann man sich zwar an Zitaten wie Dereks „Doctor's don't cry in hallways. We have stairwells for that.“ („Ärzte weinen nicht in den Fluren. Dafür gibt es Treppenhäuser.“) erfreuen. Doch gleichzeitig würde man sich beispielsweise im Falle des charismatischen Ben Warren (Jason George) über etwas lohnendere Handlungsspielräume freuen.
Obwohl es einige Zuschauer geben dürfte, die sich darüber erbost zeigen, dass Yangs langjährige Arbeit für Grey's Anatomy am Ende nicht mit dem Harper Avery gekrönt wird, ist die Passage dank der Rückendeckung von Owen und Meredith doch in ihrer Gänze weniger niederschmetternd geraten.
Auch an einem der Nebenhandlungsschauplätze geht die Mischung zwischen Leichtigkeit und Drama wieder auf. So folgt auf einen humorigen Einwand Derecks zur „Besserwisserin“ Jo (Camilla Luddington) praktisch unmittelbar der Patzer von Leah Murphy (Tessa Ferrer). Obwohl man in der Serie beizeiten dazu geneigt ist, sich unumwunden am Glück der Charaktere zu ergötzen, wird man hier wieder einmal daran erinnert, dass ein Happy End in dieser Serie eher die Ausnahme ist, als die Regel. Da nun lediglich vier Episoden der zehnten Staffel verbleiben, wird die Neugierde geschürt, wie Grey's Anatomy in diesem Punkt wohl mit Mrs. Yang verfahren wird...
Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 21. April 2014(Grey's Anatomy 10x20)
Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 10x20
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