Grey's Anatomy 10x08

Die Muffins, die Cristina (Sandra Oh) ihrer früher als „person“ betitelten Freundin Meredith (Ellen Pompeo) in der vorangegangenen Episode Thriller gebracht hatte, konnten nichts in Bezug auf eine Versöhnung der beiden ausrichten. Auch im Leben der anderen Chirurgen aus dem Grey Sloan Memorial Hospital gibt es im Moment kaum Anlässe für Freudensprünge. Besonders im Leben einer der alteingesessenen Ärztinnen kündigt sich in der Grey's Anatomy-Episode Two Against One ein großes Problem an.
Spätfolgen eines Traumas
Als Miranda Bailey (Chandra Wilson) um vier Uhr morgens das Zimmer ihres Sohnes durchsucht, fühlt man sich sofort unangenehm an ihre zurückliegende Fragilität erinnert. Schnell kommt man zu dem unheilvollen Schluss, dass die talentierte Ärztin es nie wirklich überwinden konnte, dass sie vor geraumer Zeit indirekt den Tod von drei Patienten verschuldet hatte. Damals hatten durchlässige Handschuhe die Verbreitung von Staphylokokken nach sich gezogen.
Die krankhafte Keimphobie, die Bailey daraufhin an den Tag legte, scheint unablässig in ihr geschwelt zu haben. Nun reicht eine eigentlich vollkommen beherrschbare Änderung in ihrem Lebensplan aus, um Miranda vollends aus der Bahn zu werfen. Dass ihr Ehemann Ben Warren (Jason George) nach Seattle zurückgekehrt ist und seine chirurgischen Ambitionen aufgegeben hat, scheint ihr zu demonstrieren, dass es keine unumstößliche Sicherheit gibt. Neben ihren schwerwiegenden Problemen im OP, deren Intensität grafisch hervorgehoben wird, wird das Ausmaß ihres Leidens besonders in der Szene deutlich, in der Bailey alleine und verzweifelt auf dem Bett ihres Sohnes sitzt. Die Art und Weise, wie sie - gefangen in einer Zwangsstörung - ihre Finger zählt, schürt tiefes Mitleid und erinnert an eine ähnlich traurige Begebenheit in der Serie Girls.
Abseits des Interesses
Egal ob dies im Sinne der Kreativen von Grey's Anatomy ist, oder nicht - für Owens (Kevin McKidd) neue Freundin Emma Marling (Marguerite Moreau) kann sich die Rezensentin bislang nicht erwärmen. Obwohl es Callie (Sara Ramirez) gut zu Gesicht steht, dass sie das Bewerbungsgespräch der Ärztin nutzt, um sie bezüglich ihrer Eignung für Owen zu prüfen, mutet das „Verhör“ (intimer als so manche Rektaluntersuchung) dementsprechend nicht sonderlich spannend an. Weil die Beziehung von Owen und Emma in der Serie bislang kaum thematisiert wird, gerät sie nicht sonderlich interessant.

Traut euch endlich!
Auch der Handlungsstrang um das in letzter Zeit glücklicherweise vernachlässigte Paar aus April (Sarah Drew) und Matthew (Justin Bruening) kann kaum Begeisterungsstürme heraufbeschwören. Das Thema der Enthaltsamkeit wurde bereits zur Genüge durchexerziert. Warum unternehmen die beiden nicht einfach einen Wochenendtrip nach Las Vegas und lassen sich sofort trauen? Das würde zum einen Matthews Qualen ein Ende bereiten und zum anderen den Zuschauern weitere, langwierige Querelen ersparen. Schließlich ist die „Ära Jackson“ (Jesse Williams) doch überwunden, und jegliche Zweifel sind aus dem Weg geräumt. Oder etwa nicht, April?
Richard
Der Genesungsprozess von Richard Webber (James Pickens Jr.) zieht sich schon sehr lange hin und es gab dabei einige fragwürdige Entscheidungen der Drehbuchautoren zu erdulden. Zudem kommt der Kollaps der Patientin CJ (Lainie Kazan) zu einem allzu günstigen Zeitpunkt - und Ort. Nichtsdestotrotz ist es schön, dass die Hoffnung besteht, Richard bald wieder im Kreis der aktiven Ärzte begrüßen zu dürfen.
Kollegen, Mentoren und Liebende
Das Zusammenspiel zwischen Jackson und Derek (Patrick Dempsey) ist äußerst dynamisch geraten und kann durch die ausgesprochen gute Chemie zwischen den beiden begeistern. Obwohl - oder gerade weil - sich Derek seiner Ehefrau zuliebe nun stärker um die Familie kümmert, ist seine chirurgische Euphorie ungebrochen. So zwingt er den 3D-Drucker-Verkäufer Harvey (Lou Carbonneau) praktisch zu seinem Glück, und befreit ihn im Handumdrehen von einem lebenslangen Nervenleiden. Auch seine Tätigkeit als Lehrer vernachlässigt Dr. Shepherd nicht. Auf äußerst erquickliche („asshat!“) und gleichermaßen effektive Weise führt er Jackson die Notwendigkeit vor Augen, Leah (Tessa Ferrer) die Chance zu geben, sich als Ärztin weiterzuentwickeln.
Entzweit
Der Fokus von Two Against One richtet sich fraglos auf Cristina, Meredith und die Konsequenzen, die ihre verschiedenen Prioritätensetzungen nach sich ziehen. Die zögerlichen Annäherungsbemühungen aus der vorangegangen Episode sind passé. Stattdessen verharren beide Frauen nach den harten Worten der Vergangenheit in einer lieblosen Starre.

Cristina weiß, wie instabil der derzeitige Status Quo ist, und schreckt deswegen sogar fast von einer potentiell lebensrettenden Prozedur zurück: Aus Angst, ihre beste Freundin neuerlich in Rage zu versetzen, scheut sie sich vor der Benutzung von Merediths 3D-Drucker. Zum Glück kann Shane „Sharky“ (Gaius Charles) sie am Ende doch noch umstimmen. Überhaupt entwickelt sich aus Yang und Ross ein sehr vielversprechendes Team. Ob dies wohl auch mit dem gemeinsamen Barbesuch der beiden aus der letzten Episode zusammenhängt?
Als Meredith ihre Kollegen dabei ertappt, wie sie ihren Drucker benutzen - wodurch sie das Plastik-Modell einer Leber ruiniert haben - scheint dies einen heftigen Streit zu provozieren. Auf der anderen Seite ist diese Eskalation ja vielleicht genau das Richtige, um die Ärztin wieder zur Vernunft zu bringen.
You were a lousy doctor today
Im Episodenverlauf wird deutlich gemacht, dass Meres Ehrgeiz, Cristina und auch sich selbst ihre medizinische Schaffenskraft zu beweisen, ein recht ungesundes Maß erreicht hat. Sowohl Alex (Justin Chambers) als auch Stephanie (Jerrika Hinton) schätzen Merediths Vorgehen bei einer komplizierten Operation als allzu riskant ein. Obwohl es nicht unmöglich ist, dass die beiden ihre Kollegin unterschätzt haben, entsteht so doch der Eindruck, dass Mere in diesem Fall einen unangemessenen Ehrgeiz an den Tag gelegt hat. Wenn sie nicht lernt, künftig wieder Kompromisse einzugehen, könnte sich sonst Merediths tiefste Angst erfüllen. Die Angst, dass sie sich in ihre eigene Mutter verwandelt.
Fazit
Es ist schmerzlich mit anzusehen, wie Meredith und Cristina von Freunden zu Feinden werden. Gleichzeitig sind alle Aspekte dieser Entwicklung schlüssig erklärt und glaubhaft in Szene gesetzt. In diesem - zur Zeit wohl mitreißendsten - Konflikt in der Welt von Grey's Anatomy kann man sich zwar problemlos auf die Seite einer der beiden Chirurginnen schlagen. Dank der komplexen und facettenreichen Aufbereitung ist es dabei in diesem Strudel der verletzten Befindlichkeiten jedoch immer möglich, sich in beide Frauen hineinzuversetzen. Es wird sehr spannend, wie Meredith auf die Fremdnutzung ihres Druckers reagieren wird. Kann sie ihren fast schon kindlichen Stursinn zum Wohle eines Babys überwinden - oder steht uns etwa der bislang schlimmste Streit der beiden entfremdeten persons bevor?
Auch der Leidensweg von Miranda wird wohl kaum einen Zuschauer kalt lassen. In diesem Zusammenhang ist es durchaus lebensnah, dass ihr Trauma sich nicht einfach in Luft aufgelöst hat. Dennoch wäre auch ein komplett neuer Impuls für ihren Charakter erfreulich gewesen.
Ebenfalls lebensnah ist es, dass auch diverse andere Entwicklungen ihre Zeit beanspruchen. Trotzdem würde die Rezensentin die Plausibilität von Grey's Anatomy zu diesem Zeitpunkt an so mancher Stelle bereitwillig gegen etwas mehr Action eintauschen. Sowohl auf Seiten von Richard als auch im Falle von Arizona (Jessica Capshaw) und Callie wären Neuerungen, die über symbolische Bekenntnisse für einen Neuanfang hinausgehen, durchaus begrüßenswert.
Verfasser: Thordes Herbst am Freitag, 8. November 2013Grey's Anatomy 10x08 Trailer
(Grey's Anatomy 10x08)
Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 10x08
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