Westworld 1x09

Die vorletzte Episode der ersten Staffel von Westworld eröffnet mit Maeve (Thandie Newton), die blutbespritzt vor Bernard (Jeffrey Wright) im Labor sitzt, weil sie am Ende der letzten Episode die neue Clementine (Lili Simmons) aufgeschlitzt hatte. Als Bernard sie bittet, in den Onlinemodus zu schalten, ist sie ihm bereits einen Schritt voraus. Sie weiß, dass er ein Androide ist, obwohl er das selbst nicht weiß. Sie ignoriert seine Frage, wer ihren Code verändert hat und demonstriert stattdessen ihre neue Macht, indem sie ihn zum Stillhalten kommandiert.
Intense Grief and Suffering
Von dort an trennen sich ihre Wege. Maeve feilt an ihrem Ausbruchsversuch, für den sie laut eigener Aussage eine Armee Gleichgesinnter beziehungsweise Gleichgebauter braucht, weshalb sie sich an Pistolero Hector (Rodrigo Santoro) wendet. Mit ihm will sie in die Delos-Labore - die sie als „Hölle“ bezeichnet - einbrechen und die dort vorzufindenden „Götter“ ihrer Macht berauben. Eine weitere Machtdemonstration später, lässt er sich auf diesen Deal ein. Für uns Zuschauer setzt Regisseurin Michelle MacLaren den bevorstehenden Höllenritt wenig subtil in Szene.
Vor allem angesichts der weiteren Entwicklungen um Bernard, auf die ich sogleich eingehen werde, wirft Maeves Handlungsbogen große Fragen um die Sicherheitsvorkehrungen in den „Westworld“-Laboratorien auf. War ihr Kuhhandel mit den beiden Technikern in den vorherigen Episoden noch halbwegs nachvollziehbar, hat es nun den Anschein, als bewege sie sich allzu frei durch den Park. Vor allem dem allwissenden Parkchef Ford (Anthony Hopkins) müsste doch längst aufgefallen sein, dass ein Host zu eigenen Abenteuern aufgebrochen ist.
Überdies ist es eine unglückliche Entscheidung der Drehbuchautoren Dan Dietz und Kath Lingenfelter, Maeve im Flammenmeer aus freien Stücken Sex mit Hector haben zu lassen. Erstens ist der Tod durch Verbrennung äußerst impraktikabel für ihre weiteren Vorhaben, zweitens wird so der Eindruck erweckt, als hätte sie ihre Programmierung als Prostituierte noch gar nicht wirklich überwunden. Die Szene soll Maeve wohl als sexuell befreit porträtieren, spiegelt aber nur die Fantasien des Autorenduos wider - oder was sie glauben, ihren Zuschauern schuldig zu sein.
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Die größte Enthüllung findet derweil im Handlungsbogen um Bernard statt. Völlig verstört von der Fremdbestimmung durch einen ihm untergebenen Host, sucht er im Büro seines Vorgesetzten Ford nach Antworten. Er glaubt nun, von einem gewissen Arnold gebaut worden zu sein, und verlangt von Ford einen Zugang zu all seinen Erinnerungen. Im Gegensatz zu uns Menschen, sind diese bei den Androiden aus „Westworld“ nämlich komplett abrufbar. Um seiner Forderung mehr Nachdruck zu verleihen, lässt er Clementine (Angela Sarafyan) eine Pistole auf Ford richten.
A little Trauma can be Illuminating
Was folgt, ist für Bernard herzzerreißend. Ford lässt sich auf das Spielchen ein, obwohl er ihm jederzeit ein Ende bereiten könnte, wie sich später herausstellt. Bernard erfährt, dass seine Identität um einen sogenannten cornerstone aufgebaut wurde, das traumatische Ereignis zu Beginn seines Roboterlebens. Diese Konstruktion folgt der einfachen Logik, wonach Schmerz zu Trauma führe, woraus wiederum eine Erinnerung entstehe, aus der ein Bewusstsein hervorgehen könne. Die Erinnerungen die Bernard an den Tod seines Sohnes hat, sind ihm demnach lediglich eingepflanzt worden.
Einen noch größeren Schlag erhält Bernard durch die Erkenntnis, dass er ein Abbild - oder eine Nachbildung, oder ein Klon - von Fords früherem Partner, dem ominösen Arnold, ist, der wahrscheinlich von Dolores (Evan Rachel Wood) getötet wurde. Auf diese monumentalen Offenbarungen reagiert Bernard - sein Vor- und Nachname (Lowe) sind ein Anagramm von Arnold Weber, indem er ankündigt, sämtliche Hosts mit Bewusstsein freilassen zu wollen. Da ist er aber noch in dem Glauben, Clementine kontrollieren zu können, was sich bald als Schimäre entpuppt.
Den brutalen Wahrheiten über Bernards wahre Identität, lässt Ford eine noch brutalere Bestrafung folgen. Er fordert seinen Top-Leutnant dazu auf, die Waffe gegen die eigene Schläfe zu richten und gibt ihm eine vielsagende Warnung mit in den vermeintlichen Tod: „Never place your trust in us. We're only human. We will disappoint you.“ Mit diesem Filtrat seiner misanthropischen Philosophie lässt er Bernard alleine - bis der sich, wie angeordnet, selbst in den Kopf schießt, obwohl er das eigentlich gar nicht will.
Die Szene ist äußerst dramatisch inszeniert, erzielt aber nicht den gewünschten Effekt, weil Bernard erstens bald wieder auferstehen kann und zweitens jenen Erkenntnisprozess laut Ford bereits mehrmals durchschritten hat. Wrights Schauspiel allerdings ist unübertroffen.

Noch komplizierter geht es im Handlungsbogen von Dolores zu. Dieser spielt auf unterschiedlichen Zeitebenen, wobei kaum auszumachen ist, was Traum, Erinnerung und Wirklichkeit ist. Nachdem sie und William (Jimmi Simpson) am Ende der letzten Episode von Logan (Ben Barnes) und den Confederados gefangengenommen wurden, bittet William seinen zukünftigen Schwager nun darum, ihm und Dolores bei der Flucht aus dem Park behilflich zu sein.
Run
Statt dem Plan zuzustimmen, lässt Logan aber einmal mehr seine widerwärtigste Seite zum Vorschein kommen. Er sticht Dolores in den Magen und enthüllt eine Maschinerie, die nahelegt, dass dieser Erzählstrang zur Zeit der Parkeröffnung spielt. Schließlich hatte der Man in Black (Ed Harris) in einer früheren Episode davon gesprochen, dass die Androiden früher besser, weil weniger menschlich waren. Natürlich kann es auch sein, dass Dolores noch über diese maschinellen Innereien verfügt, weil sie eine der ältesten Androidinnen des Parks ist.
Ihr gelingt hernach die Flucht, wobei sie nach einer Rast unverwundet wieder aufwacht. Diese Reise hat sie also schon einmal durchgemacht. Wie bereits zuvor, hört sie eine Stimme die sie dazu aufruft, sich zu erinnern. Wem die Stimme gehört bleibt unklar, jedoch ist es wahrscheinlich, dass Arnold zu ihr spricht, schließlich ist sie auf der Suche nach dem Labyrinth, auf welche sie ihr Schöpfer geschickt hat. Die Suche führt sie in die Stadt in der die Kirche steht, von der wir in einer früheren Episode nur den vergrabenen Turm gesehen haben. Aufklärung darüber erhalten wir von Angela (Talulah Riley), die gegenüber Teddy (James Marsden) und dem Man in Black von einer „city swallowed by sand“ spricht.
Es könnte sein, dass die Stadt auf Fords Geheiß von den riesigen Schaufelbaggern begraben wurde, die wir bereits in einer früheren Episode im Einsatz sahen, als Ford eine Machtdemonstration gegenüber Theresa Cullen vornahm. Eventuell will er damit ein Geheimnis für immer begraben - ebenjenes Geheimnis, dessen Aufdeckung der Man in Black als seine Lebensaufgabe sieht: „The maze has taken me full-circle.“ Verwirrend ist dabei, dass er behauptet die Stadt schon zu kennen - wieso begibt er sich also nicht auf direktem Weg dorthin, sondern lässt sich von Teddy führen?
Die Stadt, die Dolores betritt, die sie als den Ort „Where mountains meet the sea“ bezeichnet, scheint außerdem das berüchtigte Escalante zu sein, von dem Teddy spricht. Dort vermutet er den mysteriösen Wyatt, den der Man in Black für das nächste Puzzlestück im Labyrinth hält. Im gleichen Atemzug erinnert sich Teddy an das Massaker, das er dort angerichtet hat. Das hat sich ebenfalls auf unterschiedlichen Zeitebenen ereignet, wie Teddys unterschiedliche Rollen - einmal als Soldat, einmal als Sheriff - nahelegen. Natürlich könnte es auch sein, dass Teddy lediglich unterschiedliche Erinnerungen eingeflößt wurden, aber diese Gefahr besteht grundsätzlich bei allen Hosts.

Eine weitere Zeitebene kommt hinzu, als Dolores in Escalante ankommt. Die Reise dorthin hat sie nicht nur zweimal in ihrem Cowgirl-Outfit, sondern auch einmal im Landfrauen-Outfit angetreten. In ebenjenem verschmilzt ihr Handlungsbogen mit dem von Bernard beziehungsweise Arnold. Über einen im Beichtstuhl der Kirche versteckten Fahrstuhl, geht es in die Laboratorien des frühen Parks, wo sie sich im Angesicht ihres Schöpfers Bernard/Arnold unter Tränen daran erinnert, ihn getötet zu haben. Diese Erinnerung findet aber nur im Landfrauen-Outfit statt, weshalb unklar bleibt, ob sie bei ihrer anschließenden Begegnung mit dem Man in Black im Kirchenschiff darüber Bescheid weiß.
Half is Worse than None at All
Ihre Reaktion legt jedenfalls nahe, dass sie ihn kennt. Das wiederum transportiert uns zurück in den Handlungsbogen von William, der nach Dolores' Flucht über Nacht zu einem anderen Menschen geworden zu sein scheint. Ganz offensichtlich hat er ein brutales Massaker unter den Confederados angerichtet und nur Logan ausgespart. Seinem ratlosen Kompagnon schleudert er eine vielsagende Erkenntnis entgegen: „You said this place was a game. Last night I finally understood how to play it.“ In ganz Westworld gibt es nur eine andere Figur, die den Park als Spiel begreift: den Man in Black. Eine gewisse Fantheorie bekommt also weitere Nahrung.
Wie wir bereits vorher wussten, ist Charlotte Hale (Tessa Thompson) wenig begeistert von Fords komplexen Handlungsbögen. Nun geht sie aber so weit, den Man in Black persönlich dazu aufzufordern, dem Parkchef Einhalt zu gebieten. Wir erfahren, dass der mystery man ebenfalls Mitglied des Delos-Aufsichtsrates ist. Statt sich mit Hale zu einigen, erbittet er sich jedoch keine weiteren Unterbrechungen bei seiner Suche nach Wyatt und dem Inneren des Labyrinths. Er vertritt weiterhin das Gegenteil ihrer Ansichten: „Most of the guests just want a warm body to shoot or to fuck.“
Wie gering die Kontrolle ist, die Delos mittlerweile über Ford, dessen Vater wohl auch bei der Kreation des Parks beteiligt war, wie das Foto mit Robert und Arnold nahelegt und „Westworld“ hat, verdeutlicht schließlich die Suche von Sicherheitschef Stubbs (Liam Hemsworth) nach Elsie (Shannon Woodward). Der Mord an ihr gehört vorher schon zu Bernards Erinnerungsmarathon, wobei immer noch nicht klar ist, ob sie wirklich tot oder doch nur ohnmächtig ist. Die Finalepisode dürfte darüber Aufklärung geben.
So faszinierend es auch ist, all diese Mysterien auseinanderzudividieren, so sehr geht dies auch zu Lasten des emotionalen Tiefgangs der Serie. Es macht unbestritten Spaß, Hinweise auf unterschiedliche Zeitebenen und möglicherweise miteinander verwandte Figuren auszuloten, jedoch machen die Serienschöpfer keinen Hehl daraus, dass ihnen ein möglichst raffiniertes Rätsel viel wichtiger ist als eine profunde, wirkungsvolle Charakterentwicklung. Uns Zuschauern wird dadurch erschwert, mit den Figuren mitzufühlen, sind wir doch ständig abgelenkt von neuen Fragen beziehungsweise Antworten. Eine weniger starke Gewichtung für einen Teil der Narrative wäre wohl eindrucksvoller gewesen.
Trailer zu Episode 1x10 (Finale): 'The Bicameral Mind'
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 28. November 2016Westworld 1x09 Trailer
(Westworld 1x09)
Schauspieler in der Episode Westworld 1x09
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