Westworld 1x08

Die Westworld-Episode Trace Decay eröffnet mit einer doppelten Referenz: einer an sich selbst und einer an einen Klassiker der Weltliteratur, „Frankenstein“. Bernard (Jeffrey Wright), der sich am Ende der letzten Episode als Androide herausstellte, wird angeschaltet, wie er zuvor immer Dolores (Evan Rachel Wood) angeschaltet hatte: „Come back online.“ Aufgeweckt wird er von Großmeister Ford (Anthony Hopkins), der seinen Zögling für die offensichtlich sehr gelungene Arbeit lobt.
A Thing of Beauty
Damit meint Ford natürlich die Erinnerungen an Theresas Mord, die Bernard immer noch quälen. Bevor er einsehen konnte, dass auch er ein Roboter - ein Host - ist, war er fest davon überzeugt, eine tiefe Liebe für Theresa zu empfinden. Nun aber ist er über seine Gräueltat so verzweifelt, dass er sich auf einen Deal mit seinem Schöpfer einlässt, um das Geschehene baldmöglichst zu vergessen.
In dem intensiven Gespräch zwischen Ford und Bernard erfahren wir ihre unterschiedlichen Meinungen über das Wesen des Bewusstseins und wie ähnlich Bernard Arnold ist. Schließlich löscht Ford Bernards Erinnerungen und dessen Gefühle für Theresa und die Szene endet mit einem Frankenstein-Zitat aus Fords Mund: „One man's life or death is but a small price to pay for the dominion I should acquire.“
Für Ford gibt es dank Bernards Programmierkünsten keinen wirklichen Unterschied mehr zwischen Android und Mensch - außer natürlich der Tatsache, dass die Hosts von ihm beliebig an- und ausgeschaltet werden können. Jedoch hätten sie es geschafft, zum Kern menschlicher Existenz vorzudringen: „Together you and I captured that elusive thing: heart.“ Zur Sprache kommt hier auch - wie in den anderen Handlungsbögen - Arnold, wobei angedeutet wird, dass sich Ford seiner entledigt haben könnte. Wie so vieles in dieser Serie, bleibt das aber weiter unklar.
Bedauernswert ist außerdem, dass Bernard keine Chance bekommt - und diese auch gar nicht haben will -, über die Implikationen seiner Bewusstwerdung zu sinnieren. Stattdessen bekommt er von Ford den äußerst schnöden Auftrag, seine Spuren zu verwischen und den Tod Theresas wie einen Unfall aussehen zu lassen. Spannender wäre es gewesen, hätte die Erkenntnis über die eigene Wesensart bei Bernard einen ähnlichen Prozess wie bei Maeve (Thandie Newton) losgetreten, die weiterhin den spannendsten aller Handlungsbögen ausfüllen darf.

Sie begeht in dieser Episode eine weitere bemerkenswerte Entwicklungsstufe. Bettelte sie Ford und Bernard nach dem Verlust ihres Kindes noch darum an, ihre Erinnerungen nicht auszulöschen, will sie nun von Felix (Leonardo Nam) und Sylvester (Ptolemy Slocum) gar nicht mehr wissen, was ihre Geschichte zu bedeuten haben könnte. Ihr einziges Ziel ist nun der Ausbruch aus „Westworld“, wobei gegen Ende der Episode durchscheint, dass sie an ihren neuen Fähigkeiten großen Gefallen findet. Darüber hinaus bekommen wir eine Ahnung davon, woher ihr Sinneswandel kommen könnte, denn in ihrem Code ist der Name „Arnold“ abgespeichert.
This Pain
Der hat sie von Anfang an mit einer besonders renitenten Ader ausgestattet. Ihr Handlungsbogen überschneidet sich hier abermals mit dem des Man in Black (Ed Harris), der gegenüber Teddy (James Marsden) verrät, was er damit bezweckte, als er Maeve in ihrem damaligen Loop als Landfrau kaltblütig ermordete. Der Beweggrund des Man in Black war und ist die bereits bekannte Suche nach Bedeutung in einer bedeutungslosen Welt, wobei wir nun erfahren, wodurch diese Existenzkrise ausgelöst wurde. Der Selbstmord seiner Ehefrau und die Verachtung seiner Tochter schickten ihn auf diesen Pfad.
Dabei stellt sich heraus, dass er nicht nur Maeve brutal hinrichtete, sondern auch deren Tochter. Trotz dieses horrenden Akts habe er jedoch nichts gespürt, ganz im Gegensatz zu Maeve, die selbst im eigenen Todeskampf noch genug Kraft aufgebracht habe, um ihre tote Tochter aus dem Haus zu schleppen: „She was alive, truly alive.“ Dadurch sei er auch auf den Ursprung des Labyrinths gestoßen, was uns Regisseur Stephen Williams mit einer packenden Einstellung verdeutlicht. Für den Man in Black ist das Labyrinth die einzige verbliebene Quelle von Bedeutung und Konsequenz.
Die Suche danach könnte sich aber weiter verlangsamen, denn am Ende der Episode manövrieren sich der Man in Black und Teddy in eine äußerst missliche Lage. Die einzige Überlebende eines von Wyatt angerichteten Massakers ist gar kein Opfer, sondern eine Verbündete des Oberbösewichts, der seine Abgesandten gerne in Minotaurus-Ausrüstung auftreten lässt - was ja äußerst gut zur Suche nach dem Labyrinth passt. Hierbei erhält auch die Fantheorie weitere Nahrung, wonach William (Jimmi Simpson) der Man in Black ist, nur 30 Jahre früher.

Die Wyatt-Agentin (Talulah Riley) ist nämlich ebenjene Androidin, die William im Park begrüßte und sich ihm sogleich anbot. Der Man in Black erkennt sie wieder und merkt an, dass er davon ausgegangen sei, sie wäre schon lange abgeschaltet worden. Sein Begleiter Teddy erlebt indes zum ersten Mal eigene Albträume beziehungsweise Erinnerungen, als er das Fortschleifen des besiegten Minotaurus durch den Man in Black mit dem Fortschleifen von Dolores in Verbindung bringt. Daraufhin nimmt er seinen Begleiter fest, schafft es aber nicht, sich seiner auch zu entledigen - was natürlich nicht funktionieren würde.
When are We?
So geradlinig die Geschichten von Maeve und dem Man in Black auch verlaufen, so verwirrend wird diejenige um Dolores und William vorangetrieben, wobei erneut mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet werden. Die Wandergruppe, die sich mutmaßlich in der Vergangenheit aufhält, kommt an ihrem Ziel an, an dem es aber nichts gibt außer der vergrabenen Kirche. Dolores erleidet dabei mehrmals peinigende Erinnerungen an ihre Vergangenheit, wobei sie ihre eigene Leiche sieht und ein Massaker an den Androidenazubis, unter denen sich auch Maeve befindet. In letztgenannter Rückblende ist auch die heile Kirche vor ihrer Verschüttung zu sehen.
Zurück in ihrem eigentlichen Handlungsbogen hält sich Dolores plötzlich eine Pistole an den Kopf und wird in letzter Sekunde von William daran gehindert abzudrücken. Er versteht sofort, dass ihre Erinnerungen ihr schwer zu schaffen machen - weil diese bei Androiden viel klarer ablaufen als bei Menschen. Außerdem zieht sie die (vermutlich) richtigen Schlüsse aus den vermeintlichen Botschaften: „This is what Arnold wants. He wants me to remember.“ Auch diese kleine Reisegruppe begegnet hernach einer Hürde, die sich in Form von Logan (Ben Barnes) manifestiert.
Das fühlt sich ein bisschen wie der Versuch der Serie an, sich Zeit zu erkaufen, um ihre Geheimnisse nicht allzu schnell lüften zu müssen. Das ist ebenso bedauernswert wie der Umstand, dass Bernard keine Chance erhält, seine Gefühlswelt kennenzulernen. Nach der erfreulichen Entwicklung am Ende der letzten Episode ist das ein kleiner Rückschritt, denn mit Trace Decay stiften die Drehbuchautoren Lisa Joy und Charles Yu weitere Verwirrung, die gar nicht nötig ist. Strahlend sticht dabei die Geschichte um Maeve heraus, die - im Gegensatz zum Man in Black - für ihre Freiheit kämpft. Sie ist nicht auf der Suche nach Bedeutung, die sich in dieser Form nur jemand maßlos Überprivilegiertes stellen kann, der keine anderen Probleme hat.
Nah an der Grenze zur Irrelevanz taumeln weiterhin die Querelen innerhalb von Delos. Charlotte Hale (Tessa Thompson) beauftragt den aus unerfindlichen Gründen noch nicht entlassenen Autor Sizemore (Simon Quarterman) damit, einen Androiden aus dem Park zu schmuggeln, wobei sie sich ausgerechnet den Shakespeare-zitierenden Querdenker Peter (Louis Herthum) aussucht. Stubbs (Luke Hemsworth) erkundigt sich derweil beim erinnerungslosen Bernard nach Elsie (Shannon Woodward), von dem wir tragischerweise erfahren, dass sie vom Androidenentwickler ebenfalls umgebracht wurde.
Das ist sehr schade, war sie doch eine der besten Figuren der gesamten Serie. Ein allzu glückliches Händchen haben die Westworld-Macher hier nicht bewiesen.
Trailer zu Episode 1x09 der US-Serie „Westworld“, „The Well-Tempered Clavier“:
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 21. November 2016Westworld 1x08 Trailer
(Westworld 1x08)
Schauspieler in der Episode Westworld 1x08
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