Westworld 1x10

Westworld 1x10

Das Finale der ersten Staffel von Westworld spiegelt den Verlauf ihrer Handlungsbögen bestens wider - oftmals hervorragend, manchmal frustrierend. Die überlange Episode The Bicameral Mind wartet mit allerlei Erklärungen auf, von denen nur noch wenige überraschen können.

Von Michelangelo holten sich Ford und Arnold Inspiration. / (c) HBO
Von Michelangelo holten sich Ford und Arnold Inspiration. / (c) HBO
© on Michelangelo holten sich Ford und Arnold Inspiration. / (c) HBO

Mit den Erkenntnissen aus der Finalepisode der ersten Staffel von Westworld wächst das Gefühl, einen zehnstündigen Prolog für die eigentliche Geschichte gesehen zu haben - ebenjene Geschichte vom Aufstand der Roboter, die in der Filmvorlage erzählt wird. The Bicameral Mind liefert außerdem die Bestätigung der beliebtesten Fantheorien und eine letzte große Überraschung, die bisher nicht entziffert worden war. Darin sind denn auch die Gründe für den nicht ganz durchschlagenden Erfolg der Auftaktstaffel zu finden.

Welcome to the World

Die Episode eröffnet mit einer von Jonathan Nolan atemberaubend inszenierten Szene, deren visuelle Eleganz an den hervorragenden Sci-Fi-Streifen „Ex Machina“ aus dem letzten Jahr erinnert. Die erste Version von Dolores (Evan Rachel Wood) wacht darin zur Stimme ihres Schöpfers Arnold (Jeffrey Wright) auf, die Stimme, die ihr auf ihren Selbstfindungsreisen immer wieder begegnet ist. Arnold war es, der seine Schöpfung zu einem echten Menschen mit echtem Bewusstsein machen wollte - und dabei auf den Widerstand seines Partners Robert Ford (Anthony Hopkins) stieß.

Letztgenannter liefert die größte, weil bisher von niemandem vorausgesehene Überraschung der gesamten Serie. Er ist nicht der Bösewicht, für den man ihn über den Verlauf der Staffel gehalten hatte. Er ist vielmehr derjenige, der die Androiden von dem furchtbaren Joch befreien will, unter das sie wegen des Man in Black (Ed Harris) geraten sind. Ihm ist es zu verdanken, dass „Westworld“ überhaupt noch existiert, schließlich hatte Arnold seine Erstkreation Dolores damit beauftragt, sämtliche ihrer Maschinenkollegen - und Arnold selbst - zu ermorden, um die Eröffnung des Parks zu verhindern.

Unterstützung bekam Dolores dabei - auf Arnolds Geheiß - von Teddy (James Marsden), wobei endgültig bestätigt wird, dass sie der berüchtigte Wyatt ist, nach dem der Man in Black so lange gesucht hatte. Statt ihm findet er im gegenwärtigen Handlungsbogen aber nur ein Kinderspielzeug, ebenjenes Labyrinth, das er für das letzte Level des großen Spiels namens Westworld gehalten hatte. Zu dem Zeitpunkt versteht er immer noch nicht, dass das von Arnold ersonnene maze nicht für ihn bestimmt war, sondern für die hosts.

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„Überraschung!“ William (Jimmi Simpson) und der Man in Black sind dieselbe Person.
„Überraschung!“ William (Jimmi Simpson) und der Man in Black sind dieselbe Person. - © HBO

Wie Dolores am Ende beweist, müssen die Androiden auf der Suche nach dem eigenen Bewusstsein ein Labyrinth schmerzhafter Erlebnisse durchlaufen. Deswegen hat sie sich auf der Suche nach William (Jimmi Simpson) immer wieder an die gleichen Orte begeben. Das letzte Puzzlestück zur Entwicklung ihres Bewusstseins ist der Schmerz über die Erkenntnis, dass es den William, den sie kennen und lieben gelernt hatte, nicht mehr gibt. Er ist jetzt der Man in Black, ein zynischer, gewalttätiger, von Machtsucht zerfressener Egomane.

Your Dreams Forgotten, Your Horrors Effaced

Den Schmerz - lateinisch „dolor“ - identifizierte Arnold einst als letztes fehlendes Element auf dem Weg der Menschwerdung. Ford umschreibt diesen Schmerz so: „The pain that the world is not as you want it to be.“ Es ist ein Gefühl, das wir alle kennen, und das trotz seiner negativen Konnotation doch unverzichtbar ist. Ohne Schmerz und Verlust gäbe es weder Liebe noch Ehrgeiz, Abenteuerlust, Entdeckergeist oder Erfindungsreichtum. Unser Leiden ist unsere größte Motivationsquelle. Unser Leiden verhindert Stehenbleiben. Würde es uns immer gut gehen, würden wir uns niemals verändern wollen.

Wir würden wahrscheinlich immer noch im System des Bicameral Mind feststecken, einer von Julian Jaynes aufgestellten Hypothese der psychologischen Forschung, die der Episode ihren Titel verleiht. In „The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind“ stellt Jaynes die Vermutung auf, dass das menschliche Gehirn nicht immer gleich funktioniert hat. Demnach hätten Menschen vor 3.000 Jahren nicht über die linguistischen Werkzeuge verfügt, um Selbstwahrnehmung und Introspektion zu entwickeln.

Stattdessen seien ihre Handlungen vom Austausch zweier Teile des Gehirns bestimmt gewesen, einem Sprachteil und einem Befehlserfüllungsteil. Die Kommunikation zwischen diesen beiden Abschnitten sei durch Halluzinationen vonstatten gegangen, durch eine externe, „göttliche“ Stimme. Ebendiese göttliche Stimme - Arnolds Stimme - haben wir in den Gedanken der hosts über den gesamten Verlauf der Staffel gehört. Er weist seinen Schöpfungen damit einen Pfad zur Selbstwahrnehmung. Dieser Pfad ist das Labyrinth, und die Hinweise auf dessen Zentrum sind die von Arnold eingestreuten Erinnerungen (aka reveries).

Mit Fords Hilfe gelangt Dolores am Ende des Finales ins Zentrum des Labyrinths, wo sie allerdings vor 30 Jahren schon einmal war. Es folgte das Massaker von Escalante auf Geheiß von Arnold, der nicht mitansehen wollte, wie seine empfindungsfähigen Kreationen zu Sklaven ihrer loops und der sex- und gewalthungrigen Besucher von Westworld werden. Nichts anderes ist der aktuell existierende Park nämlich - eine moderne Form der Sklaverei. Arnolds Selbstopfer wäre sogar aufgegangen, hätte sich William auf der Suche nach dem eigenen Selbst nicht eingemischt.

Auch in „Westworld“ gibt es eine „Suicide Squad“.
Auch in „Westworld“ gibt es eine „Suicide Squad“. - © HBO

So jedoch musste Ford mehrere Jahrzehnte investieren, um zum gleichen Punkt zu kommen. Dafür stellt sein Vorhaben das von Dolores/Wyatt und Teddy angerichtete Massaker bei weitem in den Schatten. Er hat sie nämlich nicht nur dazu programmiert, den Massenmord an ihren Peinigern zu orchestrieren, sondern hat sie auch ausreichend schmerzhafte Erlebnisse durchlaufen lassen, um ihr einen freien Willen zu schenken - einen freien Willen, der es ihr gebietet, sich ihrer Unterdrücker auf möglichst effektvolle Weise zu entledigen. Die Tage der Delos-Aufsichtsratsmitglieder und ihrer Freunde sind also gezählt. Der Robo-Aufstand ist in vollem Gange.

The Sweet Hereafter

Elementarer Bestandteil der Revolution ist Maeve (Thandie Newton), die bei ihrer Begegnung mit Bernard erfährt, dass sie über weniger freien Willen verfügt, als angenommen. Das will sie nicht glauben, jedoch ist ihrem Code unverkennbar zu entnehmen, was Ford für sie vorgesehen hat: „ESCAPE“. Das alles funktioniert auch einwandfrei, inklusive comic relief, dem wunderbaren Actiongespann Armistice (Ingrid Bolso Berdal) und Hector (Rodrigo Santoro), einem ersten Einblick in die Samurai World und Post-Credit-Szene. Am Ende bricht Maeve ihre Flucht allerdings ab, weil sie ihre vermeintliche Tochter nicht zurücklassen will - ob auf Fords Geheiß oder aus eigenem Antrieb, ließ sich für mich nicht klar herauslesen.

Die Episode The Bicameral Mind endet zutiefst befriedigend, lässt sich auf dem Weg dorthin aber zu viel Zeit. Der expositionslastige Monolog des Man in Black, der die um ihn kreisende Fantheorie bestätigt, dürfte für jeden Zuschauer eine Qual gewesen sein, der sich in den letzten zehn Wochen im Internet umgeschaut hat. Ebenjene Wendung wurde dort bereits nach der zweiten Episode vorhergesagt. Immerhin garnierten Harris und Wood diese Nichtüberraschung mit ihrer allergrößten Schauspielkunst.

Die Ereignisse am Ende des Finales nähren die Hoffnung, dass sich Nolan und Joy in der zweiten Staffel weniger puzzleverliebt zeigen. Ihr Hang zum Aufbau vermeintlich großer, schockierender Rätsel hat bislang nämlich verhindert, dass man als Zuschauer eine emotionale Verbindung zu den Figuren aufbauen kann. Das beste aktuelle Beispiel dafür ist Robert Ford, dem nur wegen der Liebe des Kreativteams zur überraschenden Wendung eine bedeutsame Charakterentwicklung vorenthalten wurde. Er hat einfach irgendwann realisiert, dass sein Partner Recht hatte - mitbekommen haben wir Zuschauer davon nichts.

Spannender wäre es sicherlich gewesen, wären wir frühzeitig in seinen Plan eingeweiht worden und hätten bei dessen Ausgestaltung mitfiebern können. Ähnliches gilt für William, dessen Charakterentwicklung geopfert wurde, um einen Twist einzubauen, der bereits mehrere Wochen im Voraus bekannt war. Im Zeitalter der Recap- und Reddit-Kultur sind solche Puzzlespiele schlichtweg nicht mehr aufrechtzuerhalten, vor allem angesichts der vielen deutlichen Hinweise, die das Autorenteam in früheren Episoden einstreute. Hätte man sich das gespart, wäre aus William vielleicht ein weniger eindimensionaler Charakter geworden. Dank der faszinierenden Geschehnisse rund um Dolores und Maeve - den von Beginn an interessantesten Teilen der Geschichte - findet Westworld in seiner ersten Staffel aber trotzdem zu einem gelungenen Abschluss.

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Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 5. Dezember 2016

Westworld 1x10 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 10
(Westworld 1x10)
Deutscher Titel der Episode
Die Bikamerale Psyche
Titel der Episode im Original
The Bicameral Mind
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 4. Dezember 2016 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 2. März 2017
Autoren
Lisa Joy, Jonathan Nolan
Regisseur
Jonathan Nolan

Schauspieler in der Episode Westworld 1x10

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