Westworld 2x01

© ymbolbild: Alles, was ich mir jemals von „Westworld“ gewünscht habe. (c) HBO
Mit der stückweisen Auflösung diverser Rätsel zum Ende der ersten Staffel von Westworld wuchs bei mir die Hoffnung, dass sich die Serienschöpfer Jonathan Nolan und Lisa Joy in der zweiten auf ein stringenteres story telling konzentrieren. Wie ihr Werbestunt vor einigen Wochen bewies, dürften sie sich nämlich bald nach Serienstart darüber bewusst gewesen sein, wie schnell die Internetgemeinde ihre Puzzle gelöst hatte. Und siehe da: Die Episode Journey Into Night kommt direkt ungewohnt linear daher.
Is this now?
Ganz lassen es sich Joy und ihr Koautor Roberto Patino aber nicht nehmen, ihre geliebten Rätselelemente einzubauen. Schon die erste Szene ist zeitlinientechnisch nicht eindeutig zuzuordnen. Da sitzen sich Dolores (Evan Rachel Wood) und Bernard/Arnold (Jeffrey Wright) gegenüber und ergehen sich in ihren gewohnten quasiphilosophischen Unterhaltungen. Ort, Kleidung und Gesprächsinhalt legen nahe, dass es sich um frühe Versionen ihrer selbst handelt. Allerdings macht Bernard auch eine Anspielung auf ein Ereignis, das erst am Ende der Episode, im gegenwärtigen Erzählstrang, stattfindet.
Hernach erleben wir einen wilden Ritt durch Bernards Erinnerungsgebäude, bevor er am Strand aufwacht. Zunächst hat es den Anschein, als schließe die Handlung nun unmittelbar an das von Robert Ford orchestrierte Androidenmassaker aus der Finalepisode The Bicameral Mind an, aber dem ist nicht so. Kurze Zeit später wird nämlich noch ein dritter Bernard-Handlungsbogen eingeführt, in dem die Flucht von ihm und Charlotte Hale (Tessa Thompson) vor den aufständigen Hosts gezeigt wird. Hört sich verwirrend an, ist es aber gar nicht allzu sehr.
Am Strand ist jedenfalls die Hölle los. Mit gezückter Waffe stürmt die Sicherheitsbeamtin Maling (Betty Gabriel) auf den völlig verwirrten Bernard zu und fordert ihn auf, sich zu identifizieren. Immerhin eilt ihm Stubbs (Luke Hemsworth) zur Hilfe, den wir beim letzten Mal als Opfer eines Angriffs von Androiden-Ureinwohnern gesehen hatten. Bis zum Ende der Episode werden wir nicht darüber aufgeklärt, wie er diesen überlebt hat. Sein neuer Befehlshaber ist Karl Strand (Gustaf Skarsgard), der mit großer Entschlossenheit Aufklärung betreiben lässt.

Dank eines aufgebohrten Host-Gehirns erleben wir denn auch die erste verwackelte Begegnung mit Killer-Dolores, die nicht nur unbarmherzig kurzen Prozess mit ihrem Gegenüber macht, sondern auch zum ersten Mal den Begriff „The Valley Beyond“ fallen lässt, der wohl das maze dieser neuen Staffel werden soll. Auch im Handlungsbogen, der die Flucht von Bernard, Charlotte und anderen Parkbesuchern zeigt, fällt dieser Begriff bald. Nachdem der Androide, den niemand als solchen erkennt, und die hochrangige Delos-Managerin einem Hinterhalt durch die Dolores-Unterstützerin Angela (Talulah Riley) entkommen sind, finden sie Zuschlupf in einer Art Forschungsstation.
These violent delights have violent ends
Dort kämpft Bernard mit den Nachwirkungen des Kopfschusses, den er sich auf Fords Geheiß am Ende der ersten Staffel selbst zugefügt hatte. Außerdem versucht er, seine wahre Identität vor Hale geheimzuhalten, die ihrerseits einen Delos-Rettungsplan anfordert, der aber nur im Falle des Auffindens eines spezifischen Hosts - Peter Abernathy (Louis Herthum) - genehmigt wird. Dieser äußerst konstruiert daherkommende Handlungsteil wird vom exquisiten Design des drone hosts aufgewertet, der in den nur schwach illuminierten Räumen auf gespenstische Weise seinen Dienst verrichtet.
Während der Aufklärungsmission mit Stubbs, Strand und Bernard kommt es derweil zu mehreren Anomalien. Zum einen wird ein toter Tiger entdeckt, der eigentlich zu einem anderen Park gehört. Wie wir im Finale gesehen hatten, sind die Abstände zwischen West- und Shogunworld nicht allzu groß, weshalb es wohl nicht allzu schwer sein wird, die Provenienz des Tiers zu klären. Außerdem findet die Reisegruppe einen See, der dort eigentlich gar nicht sein dürfte. Darin befindet sich ein Host-Massengrab, was Bernard zu der Aussage veranlasst, er habe sie alle getötet. Damit rekurriert er auf seine ominösen Worte aus der ersten Szene, in der er von einer Flut gesprochen hatte.
Beim Schreiben dieser Kritik fällt auf, dass es doch wieder ziemlich viele Fragezeichen gibt. Diese tauchen vor allem in den eben behandelten Bernard-Handlungsbögen auf. Anderswo geht es eindeutiger zu, versprochen. Zum Beispiel bei Dolores, die sich endgültig aller moralischer Fesseln entledigt zu haben scheint. Nicht nur betreibt sie hoch zu Pferd muntere Menschenjagd, die von Regisseur Richard J. Lewis fantastisch eingefangen wird, sie hält gegenüber einem potentiellen Opfer auch lange Vorträge bezüglich der eigenen Bewusstseinsfindung, in denen allerlei markante Zitate wiederkehren, die wir aus der ersten Staffel kennen.

Das macht großen Spaß und entspricht genau dem, was ich mir von Anfang an von der Serie gewünscht hatte. Da macht es auch überhaupt nichts - im Gegenteil, es ist sogar genehm -, dass der in seiner Bewusstseinsentwicklung noch leicht rückständige Teddy (James Marsden) nicht so richtig versteht, was in Dolores gefahren ist und deshalb ethische Bedenken anmeldet. Sie jedoch ist entschlossener denn je, was Evan Rachel Wood hervorragendes Material liefert, das sie noch hervorragender umsetzt. Sie will den Menschen die gesamte Welt abnehmen. So einfach ist das.
The inmates running the asylum
Ähnlich amüsant geht es - wen wundert's? - im Handlungsbogen um die kurzentschlossen doch nicht aus Westworld abgereiste Maeve (Thandie Newton) zu. Sie begegnet in den mit Leichen übersäten Fluren des Delos-Hauptquartiers dem völlig verängstigten Lee Sizemore (Simon Quarterman), der im Begriff ist, von seiner eigenen Kannibalenkreation verspeist zu werden. Unter Vorschub hanebüchener Gründe rettet sie ihn, was mir aber erstaunlich wenig ausgemacht hat, weil mir seine neue Rolle als von Maeve köstlich verbal malträtierter comic relief-Trottel ausgesprochen gut gefällt.
Sie begegnen auf der Suche nach Maeves Androidentochter ihrem Liebhaber Hector (Rodrigo Santoro), dem es offensichtlich gelungen ist, gegen eine vermeintliche Übermacht von Delos-Soldaten zu bestehen. Fehlt nur noch Armistice (Ingrid Bolso Berdal), der die Post-Credit-Szene der ersten Staffel gehörte, in der sie sich den Arm abtrennte, um nicht an Ort und Stelle abgeschlachtet zu werden - und natürlich der gute Felix (Leonardo Nam), ohne dessen bereitwillige Mitarbeit Maeves Flucht wohl nicht hätte gelingen können. Oder hat sie gar nicht aus freiem Willen gehandelt, sondern war von Ford so programmiert worden?
Diese Frage stellt sich bei vielen Figuren aus dem Westworld-Universum, aber ganz sicher nicht bei der langweiligsten, dem Man in Black aka William. Der wird immerhin von Ed Harris gespielt, was die unendlich öde Geschichte dieser Figur zumindest ein wenig aufwertet. Er darf sich nach überlebtem Massaker darüber freuen, dass er nun endlich das Spiel bekommt, das er immer haben wollte - ein Spiel nämlich, bei dem es auch für die Teilnehmer um Leben und Tod geht. Bei der Begegnung mit Ford Jr. (Oliver Bell), der mit unheimlich verzerrter Stimme spricht, erfährt William vom neuen, packenderen Spiel, das ein ominöses door beinhaltet.
Mich könnte das kaum weniger interessieren, aber immerhin offerieren die Serienmacher einen ungewohnten Grad an Selbstironie, indem sie William eine selbstreferentielle Frage aussprechen lassen: „You're still speaking code?“ Ja, die Serie will es sich nicht nehmen lassen, das eine oder andere neue Rätsel aufzuspannen. Nun, da die interessantesten Figuren aus ihren Loops befreit sind, besteht aber nicht mehr die Gefahr, dass sich die Geschichte - wie bisweilen in der ersten Staffel - zu oft um sich selbst dreht. Die Episode Journey Into Night stimmt diesbezüglich jedenfalls sehr hoffnungsfroh.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 23. April 2018Westworld 2x01 Trailer
(Westworld 2x01)
Schauspieler in der Episode Westworld 2x01
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