Westworld 1x04

Sollte es die Absicht der neuen HBO-Dramaserie Westworld sein, ihre Zuschauer auf die Seite der Androiden zu holen, dürfte das spätestens mit der Episode Dissonance Theory gelungen sein - zumindest bei diesem einen. Deutlicher als zuvor wird darin offensichtlich, dass die Geschichten der Robotermenschen die weitaus interessanteren sind. Obwohl sie im Kern immer noch Maschinenwesen sind, sorgen sie für mehr emotionale Bindung als ihre menschlichen Counterparts. Die zeigen sich überwiegend als gelangweilte Gören.
Something wrong with this world
Besonders große Fortschritte macht dabei Oberprostituierte Maeve (Thandie Newton), die am Ende der Episode eine wichtige Wahrheit herausfindet: „None of this matters.“ Ausgelöst wird dieser Erkenntnisprozess - wie schon in der zweiten Episode - durch plötzlich auftauchende Erinnerungen, die durch eine Schießerei im Saloon zutage gefördert werden, eigentlich aber gar nicht existieren dürften. Ähnlich ergeht es Dolores (Evan Rachel Wood), die ihren Kontrolleur Bernard (Jeffrey Wright) an ihrer aufgewirbelten Gefühlswelt teilhaben lässt.
Statt ihre Programmierung daraufhin jedoch umzustellen, belässt es der Technikchef bei einem skeptischen Stirnrunzeln. Wieso er diesen Prozess nicht aufzuhalten gedenkt, wird uns Zuschauern vorenthalten. Im Fall des sich selbst richtenden Androiden aus der letzten Episode ist Lowe hingegen weniger zögerlich. Hier hat er keine Einwände dagegen, die Kontrolle an Theresa Cullen (Sidse Babett Knudsen) und ihr Team zu übertragen, während sein Protegé Elsie (Shannon Woodward) lautstark protestiert: „This is not a fucking glitch.“
Vielleicht ist ihm Dolores nach so vielen Jahren ja so sehr ans Herz gewachsen, dass er ihrer Menschwerdung nicht länger entgegenwirken will. Schließlich ist auch er nur ein Mensch mit Gefühlen, die nicht immer so einfach einzuhegen sind. Das lässt sich auch an der Szene mit Theresa ablesen, in der er viel mehr emotionale Wärme zu geben hat als sie. Die Affäre der beiden wird jedoch so stiefmütterlich behandelt, dass sie bei mir bisher kaum Interesse erzeugen konnte. Vielleicht ändert sich das ja nun, da wir wissen, dass Parkchef Ford (Anthony Hopkins) darüber Bescheid weiß.

So entschieden Cullen vorher gegenüber ihrem heimlichen Liebhaber auftrat, so eindeutig ist nun die Machtdemonstration, die Ford ihr gegenüber macht. Er gibt ihr nicht nur zu verstehen, dass er über sie und Lowe Bescheid weiß, sondern offenbart auch, dass er sämtliche Androiden mit seinen Gedanken steuern kann. Ihre Forderung, seinem monumentalen Projekt, das gerade in einer riesigen Ausgrabunsstätte entsteht, mehr Zeit zuzugestehen, löst sich dadurch in Luft auf. Überdies lässt er die Villa niederwalzen, in der sie schon bei ihrem ersten Parkbesuch als Kind gegessen hatte.
Misery's all you got
Ford verrät auch etwas zu seinem ehemaligen Partner Arnold, der angeblich im Park gestorben ist. Darin schwingt Bedauern darüber mit, Anteile des Unternehmens an das Konglomerat Delos verkauft und somit Kontrolle abgegeben zu haben. Sich und Arnold bezeichnet Ford als „gods“, während sämtliche Parkangestellten lediglich Gäste in seinem Reich seien. Seinen Sermon beendet er mit deutlichen Worten: „Don't get in my way.“ Leider erhellt diese Unterhaltung nicht, welche Motivation Ford antreibt. Für einen Gott hält er sich ja schon, was kann er also noch erreichen?
Ähnlich verhält es sich mit dem Man in Black (Ed Harris), der weitere Puzzlestücke auf seiner Suche nach dem versteckten Level zusammensetzt, von dessen Existenz er überzeugt ist. Dort vermutet er eine Spielwelt, in der auch gegen Menschen Gewalt ausgeübt werden kann, nicht nur gegen die Androiden. Außerdem verrät er, über Arnold Bescheid zu wissen, und wir erfahren, dass er außerhalb des Parks als Leiter einer wohltätigen Organisation tätig ist, was so gar nicht zu dem Image passen will, das er sich in seinem Urlaub zugelegt hat.
Dank Armistice (Ingrid Bolso Berdal) und ihrem Schlangentattoo bekommt er den nächsten Hinweis zur Erreichung des vermeintlich existierenden letzten Spielabschnitts. Dafür muss er lediglich Hector (Rodrigo Santoro) aus einem Gefängnis befreien, damit der und der Rest seiner Crew wieder über Sweetwater herfallen können - zumindest so lange, bis ihnen die Gewehre abgeschaltet werden. Auf der Suche nach dem ominösen Wyatt treffen er und sein Sidekick Lawrence (Clifton Collins Jr.) auf den übel zugerichteten Teddy (James Marsden), dessen Todeswunsch nicht erfüllt wird.

Weil der Man in Black weiterhin ein ziemlich facettenloser Charakter und sein Handlungsbogen sehr stringent bleibt, fällt es mir schwer, richtig darin einzutauchen. Es geht stets darum, einen neuen Hinweis zu finden, der von A über B nach C führt. Dabei kommt er bisweilen roboterhafter daher als die eigentlichen Androiden. Das tritt in Dissonance Theory besonders deutlich zutage, weil Maeve und Dolores beträchtliche Fortschritte bei der Entwicklung eines echten Bewusstseins machen.
No one will be saved
Dolores wandert dabei weitab ihres gewöhnlichen Pfads (im Lingo der Serie: loop), was nur durch den Zusammenschluss mit William (Jimmi Simpson) ermöglicht wird. Dabei trifft sie auf Lawrences Tochter, die ihr ein Bild des Labyrinths in den sandigen Boden malt, das auch im Skalp des Klavierspielers zu finden war. Bei ihrer Besprechung mit Lowe - die zu einem nicht so recht passenden Zeitpunkt stattfindet - war sie bereits darauf verwiesen worden. Könnte das vielleicht bedeuten, dass Lowe aktiv daran arbeitet, die Androiden zu mehr zu machen als nur Tötungs- und Sexmaschinen?
Als Hector und Co. wieder mordend in Sweetwater einfallen, ergreift Maeve die Gelegenheit, ihn zu einer Puppe zu befragen, die sie bei einem Indianermädchen gesehen hat. Die Puppe erinnert sie nicht nur an ihre wiederkehrenden Visionen der Aufräumteams in Schutzanzügen, sondern auch an ihre eigenen Aufzeichnungen davon, die sie in einem Geheimfach unter dem Fußboden aufbewahrt. Hector hat dafür sogar eine Antwort parat, dies sei ein „man who walks between worlds.“ Demnach dürfte sie lange nicht die erste gewesen sein, die eine Erinnerung erlebt. Die Kugel, die sie sich hernach aus dem eigenen Unterleib schneidet, bestätigt ihre Vermutung darüber, dass ihre Vergangenheit viel ereignisreicher ist, als ihr das bewusst ist.
In diesen Szenen erfüllt Westworld das Potenzial, das wir mittlerweile von jeder neuen HBO-Serie erwarten. Für ebenjene um die menschlichen Protagonisten gilt das noch nicht. Ebenso wie das Puzzle, das der Man in Black unbedingt lösen will, fühlen sich diese meist an wie ein großes Ratespiel für die Zuschauer, was ja genau so nun auch passiert, schaut man sich all die Fantheorien an, die bisher aufgekommen sind. Leider wird dadurch zur Zeit eine emotionale Bindung zu den Figuren und ihren Geschichten verhindert, weil sie in sehr einsilbigen Charakterzeichnungen verharren. Das bedeutet jedoch nicht, dass dieser Prozess nicht umgekehrt werden könnte. Dann wäre die Serie jedenfalls das nächste große Ding, das sich der Pay-TV-Riese so sehnlich wünscht.
Trailer zu Episode 1x05: 'Contrapasso'
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 24. Oktober 2016Westworld 1x04 Trailer
(Westworld 1x04)
Schauspieler in der Episode Westworld 1x04
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