Westworld 1x02

Westworld 1x02

Das Sci-Fi-Epos Westworld nutzt auch seine zweite Episode, um grundlegende Charakterarbeit zu leisten. Mit einigen Figuren funktioniert das besser als mit anderen. Wie schon im Piloten überzeugt das Format in Chestnut vorrangig mit seinen visuellen Werten.

Parkdirektor Ford (Anthony Hopkins) erklärt einem Androidenjungen seine Vision. / (c) HBO
Parkdirektor Ford (Anthony Hopkins) erklärt einem Androidenjungen seine Vision. / (c) HBO

Die zweite Episode einer neuen Serie ist für die Macher bekanntlich eine der schwierigsten. Das zeigt sich nun auch bei Westworld. Wenn Jonathan Nolan und Lisa Joy im Piloten noch grob ihre Ideen ausbreiten, ihre Figuren vorstellen und ihre Handlungsansätze einführen, wird ihnen vom Publikum gerne verziehen, wenn ein größerer Spannungsbogen unerkennbar bleibt. Zu aufregend ist es, einer neuen Geschichte bei der Entfaltung zuzusehen - vor allem dann, wenn sie audiovisuell so exquisit umgesetzt ist, wie die Auftaktepisode The Original.

No orientation, no guidebook

Deren Nachfolgerin Chestnut obliegt es also, die Handlungsideen zu konkretisieren, was bei einem als Epos angelegten Format wie diesem gar nicht so einfach ist, konnten im Piloten doch nicht annähernd alle Hauptfiguren vollständig vorgestellt werden. Hier lernen wir gleich zu Beginn sogar ein Gesicht kennen, das wir zuvor noch gar nicht gesehen haben. Parkbesucher William (Jimmi Simpson) sucht in „Westworld“ Ablenkung vom Alltagsstress, wobei er eher von seinem Kumpel Logan (Ben Barnes) dazu überredet wurde.

Das Zusammenspiel dieser beiden neuen Figuren ließ bei mir sogleich Skepsis hinsichtlich der vorgenommenen Charakterzeichnung aufkommen. Nach wenigen Augenblicken ist eindeutig, dass William ein Guter ist, während sein Kumpel die gegenteilige Rolle einnimmt. Das wird dann auch noch dadurch verdeutlicht, dass sich William nicht auf die Avancen der ersten Androidin einlässt, die ihn nach der Ankunft begrüßt, wohingegen sich Logan gleich kopfüber in die ihm bekannten Lustoptionen stürzt. Und als hätten wir da noch nicht verstanden, wie diese beiden Neuankömmlinge ticken, dürfen wir auch noch bezeugen, wie sich William für den weißen Hut entscheidet.

Viel weiter schreitet dieser Handlungsbogen nicht voran. Am Ende der Episode wissen wir über die beiden genauso viel, wie schon in ihrer ersten Szene ersichtlich war. Interessanter ist da schon das Eintauchen in die Geschichte von Bordellvorsteherin Maeve (Thandie Newton). Offenbar zum ersten Mal erlebt sie Erinnerungen an ihre brutale Vergangenheit, was bei ihr die Fehlfunktion auslöst, ihrer Prostituiertentätigkeit nicht mehr effektiv nachgehen zu können. Die Techniker finden das Problem zunächst nicht, weshalb sie bald darauf abgeschaltet werden soll.

Ein Puzzleteil in Androidenform © HBO
Ein Puzzleteil in Androidenform © HBO

Ihre Geschichte nimmt fortan die Fahrt auf, die ich mir von Westworld wünsche. Während sie auf dem OP-Tisch liegt, träumt sie von einem - beziehungsweise erinnert sich an einen - Indianerüberfall, der sie und ihre Familie in Gefahr brachte. Zur Rettung eilte ihr damals der mysteriöse Man in Black (Ed Harris), wobei nicht klar wird, was er hernach mit ihr anstellte. Vorher wacht Maeve aus diesem Albtraum - wir haben zu diesem Zeitpunkt bereits erfahren, dass den Androiden nur solche eingepflanzt werden - auf und findet sich mit offener Bauchdecke unter zwei Ingenieuren wieder.

I was born here

Blitzschnell erkennt sie ihre Gefahrenlage und ergreift die Flucht. Besonders weit kommt sie zwar nicht, allerdings erhascht sie einen Blick hinter die Kulissen des Freizeitparks. Dort sieht sie eine Reinigungsstation für ermordete oder ausgediente Androiden, unter denen sich auch Teddy (James Marsden) befindet. In diesem Moment kann sie damit noch nichts anfangen, jedoch könnte sich daraus eine Erinnerung formen, die bei späterer Begegnung mit Teddy - wir wissen ja, dass sie sich täglich im Saloon sehen - abgerufen werden könnte.

Ein ähnliches Muster, wenn auch bisher weniger aufregend, zeichnet sich bei Dolores (Evan Rachel Wood) ab, die in dieser Episode zwar nicht allzu viel, dafür aber Signifikantes zu tun bekommt. Zum einen klingt das Shakespeare-Zitat noch in ihren Ohren nach, das ihr Vater ihr vor seiner Abschaltung zugeraunt hatte; zum anderen gräbt sie im Vorgarten eine Pistole aus. Woher sie weiß, dass diese dort begraben war, erfahren wir nicht. Es ist durchaus möglich, dass auch das eine Information war, die ihr vom Vater zugeflüstert wurde - und der berühmte Satz aus „Romeo und Julia“ lediglich der Ablenkung diente.

Wenngleich die Einführung von Maeve als Prostituierte und Dolores als engelsgleiche, jungfräuliche Farmerstochter sehr stereotypisch geraten ist und eher einer männlichen Fantasie zu entspringen scheint, bergen die beiden doch großes Entwicklungspotenzial. Vor allem Maeves Erinnerungen sind äußerst ansprechend umgesetzt, wobei der Auftritt des Man in Black eine zusätzliche Verwirrungsebene einführt. So gut seine Figur von Ed Harris auch gespielt ist, so wenig interessant bleibt sein Handlungsbogen allerdings in dieser zweiten Episode.

Bernard Lowe (Jeffrey Wright) grübelt über kürzlich entstandenen Problemen. © HBO
Bernard Lowe (Jeffrey Wright) grübelt über kürzlich entstandenen Problemen. © HBO

Er hat am Ende des Piloten dem armen Dealer den Skalp abgenommen und darin eine Art Code entdeckt, der seinen Glauben an ein weiteres, den meisten Parkbesuchern unzugängliches „Level“ bestärkt hatte. Nun geht er dieser Spur weiter nach, wobei sie ihn zu einem Familienvater führt, den er vor dem sicheren Tod rettet. Jedoch geschieht das nicht aus reiner Nächstenliebe, sondern aus der Überzeugung, ebenjener Lawrence (Clifton Collins Jr.) hüte den Hinweis auf das ominöse Labyrinth. Nach einer ziemlich unaufregenden Schießerei, die er gar nicht verlieren kann, erhält er schließlich den nächsten Informationshappen.

You can't play God without being acquainted to the devil

Schon zu diesem frühen Zeitpunkt habe ich ein Problem damit, irgendetwas Interessantes am Handlungsbogen des Man in Black zu finden. Er wird als übercooler Antiheld inszeniert, obwohl nichts von dem, was er tut, wirklich cool ist. Laut eigener Auskunft kommt er seit 30 Jahren in den Park, weil er glaubt, dass dieser wie ein Computerspiel funktioniert, und er unbedingt zum letzten Level vorstoßen möchte. Leider kann ich an dieser Suche nichts Spannendes finden. Warum soll ich mit ihm mitfiebern? Soll ich etwa seine Schusskünste bewundern, obwohl er unverwundbar ist?

Die Probleme dieser Figur sind die Probleme manch anderer Figur. Bis jetzt schaffen es auch Parkgründer Ford (Anthony Hopkins) und sein Protegé Lowe (Jeffrey Wright) nicht, aus ihrer Nische der gottgleich-entrückten Genies zu entkommen. Über den einen erfahren wir, dass er andere Vorstellungen (auch eigene) davon hat, warum die Gäste in den Park kommen, als Drehbuchautor Sizemore (Simon Quarterman). Der andere unterhält eine Affäre mit Qualitätskontrolleurin Theresa Cullen (Sidse Babett Knudsen). Das sind die neuen Erkenntnisse, die uns Chestnut zu diesen Figuren liefert.

Einmal mehr tritt die zweite Episode einer neuen Serie den Beweis an, dass sie zu denjenigen gehört, die am schwersten umzusetzen sind. Nun, da wir Zuschauer die neuen Reize kennen, geben wir uns nicht länger damit zufrieden, sie in gleicher Dosis verabreicht zu bekommen. Es ist jetzt an der Zeit, dass sich spannende Geschichten und interessante Charaktere aus der Grundprämisse herausschälen, was hier nur stellenweise gelingt. Außer der Erhellung von Maeves Vorgeschichte gibt es viel Wiederholung und nur manche Szenen, die den Plot vorantreiben.

Man kann natürlich auch ohne nennenswerten Plotfortschritt arbeiten - die besten Serien können das -, aber dann braucht man einen anderen Köder, ein besonders geschliffenes Drehbuch oder etwa wahnsinnig charismatische Figuren. Beides ist in Westworld noch nicht vorhanden; weil sich die Serie aber noch im frühen Anfangsstadium befindet, will ich mich in Geduld üben und darauf noch ein paar Episoden warten.

Trailer zu Episode 1x03: 'The Stray'

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 10. Oktober 2016

Westworld 1x02 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 2
(Westworld 1x02)
Deutscher Titel der Episode
Das wahre Selbst
Titel der Episode im Original
Chestnut
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 9. Oktober 2016 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 2. Februar 2017
Autoren
Jonathan Nolan, Lisa Joy
Regisseur
Richard J. Lewis

Schauspieler in der Episode Westworld 1x02

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