Westworld 1x01

Was bedeutet Leben? Diese einfache, aber vielleicht größte Frage, die man sich als Mensch oder als sonstiges Lebewesen stellen kann, ist die Prämisse der neuen HBO-Science-Fiction-Serie Westworld. Ist Leben nur herkömmlichen Lebewesen vergönnt, oder auch den Robotern, den Androiden, die diese fiktionale Welt bevölkern? Kann man sie überhaupt als Lebende bezeichnen, wenn sie lediglich Maschinen sind, die Befehle durchführen? Kann etwas, das die reine Schöpfung eines anderen ist, jemals zu eigenständigem Leben gelangen?
The nature of reality
Schafft es eine Serie mit ihrer ersten Episode, unter ihren Zuschauern solch profunde Fragen aufzuwerfen, dürfte ihr eine treue Gefolgschaft sicher sein. Hernach ist natürlich vieles davon abhängig, wie mit diesen Fragen umgegangen wird, schließlich kann und wird es darauf keine Antworten geben. Da trifft es sich gut, dass die subkutanen philosophischen Reflexionen in ein ansprechendes Narrativ und in ein noch viel Ansprechenderes verpackt sind. Was für Game of Thrones weite Meere und menschenfeindliche Eislandschaften sind, sind für „Westworld“ die hinreißenden Weiten der Prärie, des amerikanischen Westens.
Dort steht ein Freizeitpark der besonderen Sorte. In dieser Welt genügen den Reichen die üblichen eskapistischen Abenteuer nicht mehr, weshalb Dr. Robert Ford (Anthony Hopkins) einen Ort erschaffen hat, wo all jene, die es sich leisten können, eine täuschend echte Simulation des Wilden Westens erleben können. Empfangen werden die Neuankömmlinge („Newcomers“) von ihren Gastgebern („Hosts“), äußerlich nicht erkennbaren Androiden, die von ihren menschlichen Gebietern beliebig an- und abgestellt werden können, woraufhin sie den immergleichen Start in einen neuen Tag erleben.
Bei Dolores (Evan Rachel Wood) hört sich das so an: „To believe there is an order to our days, a purpose.“ („Zu glauben, dass unsere Tage einer Ordnung folgen, einem Zweck.“) Dies ist ihre programmierte Voreinstellung. Jeden Morgen wacht sie auf, denkt an die schönen Dinge des Lebens, begrüßt ihren Vater, der auf der Veranda seiner Ranch die Morgensonne genießt, und bricht auf in den nächsten Ort, um Besorgungen zu machen, oder am Flussufer die Pferde zu malen, die vor erstaunlicher Kulisse seelenruhig grasen. An manchen Tagen begegnet sie Teddy (James Marsden), was aber nie ein gutes Ende nimmt.

Teddy ist die Androidenversion eines love interest. Der Ort, an dem er zu Dolores zurückkehrt - wir wissen also, das die Androiden über Erinnerungen verfügen -, ist stets derselbe. Das, was danach passiert, ist jedoch den Handlungsbögen geschuldet, die das Kreativteam des Parks für seine Besucher vorgesehen hat. Kaum verwunderlich ist es, dass dieser Ablaufplan im Verlauf der Pilotepisode immer größere Mängel aufweist. Und die sind stets menschlicher Natur, was abermals die Frage aufwirft, ob Androiden als Lebewesen klassifiziert werden können.
These violent delights have violent ends
Das eindeutigste Plädoyer für eine positive Beantwortung dieser Frage halten Dolores und ihr Vater Peter (Louis Herthum) am Ende der Auftaktepisode. Nachdem Peter das Foto eines Gastes gefunden hat, das auf dem Times Square aufgenommen wurde - den er natürlich weder kennt noch einordnen kann -, beginnt sein System, die bisherigen Gegebenheiten zu hinterfragen. Wie Dolores später ihren Schöpfern verrät, hat er ihr daraufhin mit einem Shakespeare-Zitat zur Flucht geraten. Für ihn bedeutet das das Ende seines Dienstes, er muss sich in ein gruseliges Bataillion ausrangierter Robotermenschen einreihen lassen.
Dolores hingegen bekommt eine weitere Chance, weil sie die älteste Androidin ist, die im Park Dienst tut. Ihre Neuprogrammierung zeitigt jedoch nicht die gewünschte Wirkung, wie sich an der letzten Einstellung von The Original ablesen lässt. Da durchläuft sie ihre morgendliche Routine, wobei sie gar nicht merkt, dass sie von einem neuen Vater begrüßt wird. Statt hernach eine Fliege unbeachtet auf sich herumkriechen zu lassen, wie es alle ihre Artgenossen tun, schlägt sie diese mit einem gezielten Hieb tot. Es ist der Moment des nächsten Evolutionsschrittes, der erste Schritt in Richtung Menschlichkeit, die befürchtete Ausbildung eines Unterbewusstseins, der Flügelschlag des Schmetterlings.
Auch von menschlicher Seite droht den Parkwächtern Ungemach. In ihrem Gehege wildert ein gewisser Man in Black (Ed Harris), der zunächst kein genaues Motiv zu erkennen gibt, bald darauf aber erste Einsichten zulässt. Wenngleich wir da immer noch nicht allzuviel über seine Motivation erfahren, wissen wir nach seiner Spezialbehandlung des bemitleidenswerten Saloon-Dealers, dass er die Funktionsweise des Parks aufdecken will: „There's a deeper level to this game.“ („In diesem Spiel gibt es ein weiteres Level.“) Einen Hinweis darauf findet er im Skalp seines Opfers, auf dessen Innenseite eine Art Code tätowiert ist.

So stark sich zum Ende der Pilotepisode die androiden- und gästegemachten Probleme herauskristallisieren, so sehr brodelt es innerhalb der Parkführung. Während sich Ford und sein Chefprogrammierer Bernard Lowe (Jeffrey Wright) als gottgleiche Schöpfer betrachten, die Androide und Mensch immer weiter annähern wollen, verfolgen andere Mitglieder der Führungsebene ungleich profanere Ziele. Marketingleiter Lee Sizemore (Simon Quarterman) zum Beispiel hätte es lieber, wären die Androiden weniger lebensecht, weil er davon ausgeht, dass die Besucher eine allzu realitätsgetreue Version gar nicht wollen.
A deep and dreamless slumber
Mit ihm befindet sich Sicherheitschefin Theresa Cullen (Sidse Babett Knudsen) im Dauerclinch, wobei ihre Motivation undurchschaubar bleibt. Sein Angebot zur Verschwörung gegen Parkchef Ford lehnt sie barsch ab, wenngleich es offensichtlich ist, dass sie für Fords Besessenheit und zunehmende Weltabgewandtheit nicht besonders viel übrig hat. So undurchsichtig diese Figurenkonstellation derzeit noch ist, so unverkennbar ist das in Westworld versammelte Schauspieltalent. Hier trifft ein Schwergewicht auf das nächste, was beinahe jeder Szene die der tiefgründigen Thematik angemessene Gravitas verleiht.
Nicht weniger beeindruckend ist die visuelle Umsetzung von Regisseur und Serienschöpfer Jonathan Nolan (der auch gemeinsam mit seiner Ehefrau Lisa Joy das Drehbuch schrieb). Bisweilen hat es den Anschein, als könnte er gar nicht genug bekommen von langen overhead shots des amerikanischen Westens mit seinen weiten Ebenen und einzigartigen Gebirgskonstellationen. Und das ist gut so, kann man sich an dieser wunderbaren Natur doch kaum sattsehen. Wenn auf einem Plateau dann auch noch Ed Harris und sein Szenenpartner zu erkennen sind, verdoppelt das gleich mal die Wirkung.
Die Verlorenheit der Figuren in den scheinber unendlichen Weiten spiegelt das Gefühl wider, das Peter und Dolores in dieser Episode zum ersten Mal empfinden dürfen. Wie die beiden Androiden entstanden sind, bekommen wir ebenfalls vorgeführt - einmal im Vorspann und nochmal in mehreren Szenen, die einzelne Stufen des Kreationsprozesses zeigen. Dieser ist ebenso unheimlich wie faszinierend dargestellt, wobei das Weiß der Unschuld (oder des Todes?) eine zentrale Rolle zu spielen scheint (und bei manchem Androiden die Lust nach Milch steigert).
Sind diese Geschöpfe nach ihrer Erschaffung Lebende oder Maschinen? Können sie den Übergang vom einen Wesenszustand in den anderen schaffen? Die Geschichte davon wird Westworld erzählen, wobei das Ehepaar Nolan die Prämisse der Filmvorlage von Michael Crichton um eine beträchtliche Portion komplizierter gemacht hat. Im Jahre 1973 probten die Androiden den Aufstand, jetzt wollen sie gleich die ganze Spezies wechseln. Bleibt es bei der kongenialen Verqickung philosophischer Fragen, schauspielerischer Glanzleistungen und visueller Opulenz, können HBO und wir uns auf einen neuen Serienhit freuen.
Trailer zu Episode 1x02: 'Chestnut'
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 3. Oktober 2016Westworld 1x01 Trailer
(Westworld 1x01)
Schauspieler in der Episode Westworld 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?