Eine Familie, die Urlaub macht, entdeckt, dass der abgelegene Strand, an dem sie sich für ein paar Stunden entspannen, sie auf irgendeine Weise schnell altern lässt und ihr ganzes Leben auf einen einzigen Tag reduziert
Filmkritik „Old" durch Bjarne Bock exklusiv für Serienjunkies.de
Ein neuer Film von M. Night Shyamalan ist immer spannend, weil man nie weiß, was man kriegt - Enttäuschung, Begeisterung oder Langeweile? Sein jüngstes Werk Old hat sowohl starke Seiten als auch typische Schwächen.
Die Karriere des amerikanischen Filmemachers M. Night Shyamalan ist ein stetes Auf und Ab: Um die Jahrtausendwende gefeiert für inzwischen legendäre Psychothriller wie „The Sixth Sense“ (1999) und „Unbreakable“ (2000), gefloppt mit halbgaren Horrorstreifen wie „The Village“ (2004) und „The Happening“ (2008), und am Boden zerschmettert mit der unverzeihlichen „Avatar“-Adaption „The Last Airbender“ (2010) sowie mit „After Earth“ (2013), ein unfreiwilliger Werbefilm für die Scientology-Sekte. Mitte des vergangenen Jahrzehnts ging es für Shyamalan wieder vorsichtig aufwärts mit kleinen Überraschungserfolgen wie „The Visit“ (2015) oder „Split“ (2016), obwohl dann „Glass“ (2019) zuletzt wieder enttäuschte.
Den faszinierenden Werdegang des Regisseurs, Drehbuch-Autors und Produzenten zu kennen, ist wichtig, um zu verstehen, wie auch sein jüngster Film „Old“ in sein Gesamtwerk passt. Man sollte wissen, dass sich Shyamalan als Vollblutfilmemacher sieht. Dazu gehört für ihn nicht nur, alle Projekte selbst mit zu finanzieren - was bei globalen Gesamteinnahmen von drei Milliarden Dollar nicht das schlechteste Investment war -, sondern auch, wie der große Meister Hitchcock, mit dem er anfangs gern verglichen wurde, immer wieder Cameo-Auftritte hinzulegen. Ein solches Selbstbewusstsein ist einerseits bewundernswert, doch es kann andererseits auch schaden.
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Tatsächlich lässt sich behaupten, dass die meisten Shyamalan-Streifen sehr viel gelungener gewesen wären, wenn sich der vermeintliche Alleskönner häufiger Hilfe gesucht hätte. Besonders in seinen Skripten und holprigen Dialogen verzettelt er sich gern. Ähnlich wie beim „Tenet“-Regisseur Christopher Nolan, spürt bei Shyamalan, dass es ihm meist nur um die Grundidee geht. Um eine inspirierende Prämisse, die storytechnisch oft hinter den Erwartungen zurückbleibt. Von der vorprogrammierten Enttäuschung versucht er dann mit schockierenden Plot twists abzulenken, was manchmal fast gelingt. Viele werden sich natürlich fragen, ob auch „Old“ wieder mit einer großen Wendung endet...
Um die Spoiler-Gefahr kleinzuhalten, wollen wir bei der Inhaltsangabe von „Old“ nur das preisgeben, was auch im offiziellen Promomaterial von Universal Pictures vorkommt. Am meisten Spaß macht der Film wahrscheinlich, wenn man nicht mal das weiß. Dabei verrät schon der Titel den zentralen Horror der Geschichte: der natürliche Prozess des Altwerdens, den wir alle jede Sekunde unseres Lebens aushalten müssen. Insgesamt ein Thema mit sehr viel Interpretationsspielraum, den Shyamalan letztendlich aber selbst kaum ausnutzt, weil er zu viele Fragen durcheinanderwirft.
Die Hauptfiguren sind das Ehepaar Guy (Gael Garcia Bernal, Mozart in the Jungle) und Prisca Cappa (Vicky Krieps, Das Boot). Mit ihren vorpubertären Kindern Maddox und Trent beziehen sie ein luxuriöses Urlaubsresort, um belastende Probleme zu verdrängen. Und tatsächlich läuft es an der Erholungsfront zunächst ganz gut. Besonders erfreulich: Der nette Resortmanager Nils (Gustaf Hammarsten, „Brüno“) bietet der Familie einen exklusiven Ausflug an einen abgelegen Traumstrand an. Hingefahren werden sie von M. Night Shyamalan, was bereits Böses ahnen lässt.

Ganz so exklusiv wie versprochen ist der Traumstrand übrigens auch nicht: Der Arzt Charles (Rufus Sewell, The Man in the High Castle) und seine Modelfrau Chrystal (Abbey Lee, Lovecraft Country) sind ebenfalls dabei, genauso wie deren Tochter Kara und die Großmutter Agnes (Kathleen Chalfant, Law & Order). Und später kommen noch zwei weitere Urlauber dazu, zumal ein Strandbesucher mysteriöserweise schon vor allen anderen dort war. Aus dem heiteren Badetag wird rasch eine Kaskade von Katastrophen. Der Verfall hat mit dem ersten Schritt in den Sand begonnen...
Fast der komplette Film - insgesamt 108 Minuten - spielt an dem Strand, den Shyamalan in der Dominikanischen Republik gefunden hat. Nur die gespenstischen Gebirgsformationen wurden digital dazugedichtet (zumal in der Realität wohl kein Fluch über diesem paradiesischen Flecken Erde liegt). Die Location muss aber unbedingt hervorgehoben werden, denn sie ist selbst ein Hauptcharakter in dem Film. Diese Schönheit, die zugleich so viel Gefahr ausstrahlt, hat ein eigenes Gesicht. Und der Regisseur schafft es mit dynamischen Kamerafahrten, dieses so lebensecht wie möglich einzufangen.
Die nonverbale Kommunikation beherrscht Shyamalan perfekt. Und was er auch beherrscht, ist die nonvisuelle Kommunikation, genauer gesagt das Nicht-Zeigen von bestimmten Dingen. Man kann natürlich sagen, dass es sich nur um einen Trick handelt, um das Budget nicht mit Computereffekten oder Maskenkünsten auszureizen. Andererseits sind manche Bilder, die allein in unseren Köpfen entstehen, einprägsamer als das, was wirklich sichtbar wäre. Als Horrorfachmann weiß Shyamalan das. Und er macht erstklassigen Gebrauch von seiner fantastischen Darstellerriege, wenn er zum Beispiel auf das ungläubige Gesicht von Vicky Krieps hält. Zu den schauspielerischen Leistungen könnte man noch sehr viel mehr sagen, aber das ginge leider kaum, ohne zu spoilern.
Bleiben wir bei der Inszenierung: „Old“ ist über weite Strecken wunderschön gefilmt und dadurch überaus stimmungsvoll. Filme, in denen die Figuren an einem Ort gefangen sind, haben oft etwas Intimes - und so ist es auch hier, obwohl sich die Ereignisse ständig überschlagen. Leider sorgen Unwegsamkeiten der Umsetzung des tückischen Konzepts für ein konstantes Grundrauschen, das davon ablenkt, sich voll im Drama zu verlieren. Gemeint sind Logikfragen und die Spielregeln des Strandes, die wahrscheinlich auch aufgetreten wären, wenn sich Shayamalan noch mehr Mühe gegeben hätte.
So ist es eben oft bei besonderen Prämissen: Die Theorie ist so gut, dass die Praxis kaum mithalten kann. Wobei die Idee im Fall von „Old“ gar nicht selbst von Shyamalan stammt, sondern von einer Grapic Novel, auf der das Drehbuch basiert. Trotzdem macht der Filmemacher sein eigenes Ding daraus, indem er sowohl seine typischen Stärken als auch typischen Schwächen einbringt. Die Dialoge sind auch diesmal wieder ziemlich schwach, mit sehr unsubtilen Andeutungen. Und ja, natürlich gibt es am Ende wieder einen Twist. Doch dazu verraten wir lieber nicht zu viel...
Gesamturteil: 3,5 von 5 Sternen
Vicky Krieps
als Prisca
Rufus Sewell
als Charles
Thomasin McKenzie
als Maddox Aged 16
Eliza Scanlen
als Kara Aged 15
Embeth Davidtz
als Adult Maddox
Emun Elliott
als Adult Trent
Gustaf Hammarsten
als Resort Manager
Kathleen Chalfant
als Agnes
Francesca Eastwood
als Madrid
Nolan River
als Trent Aged 6
Mikaya Fisher
als Kara Aged 11
Kailen Jude
als Idlib
Matthew Shear
als Sidney
Jeffrey Holsman
als Mr. Brody
Regie
M. Night Shyamalan, Tudor Jones, Darrin Brown, Ishana Night Shyamalan
Drehbuch
Pierre Oscar Lévy, Frédérik Peeters, M. Night Shyamalan
Produktion
Douglas Aibel, Catherine Wolf McGrath, Steven Schneider, Marc Bienstock, Ashwin Rajan, M. Night Shyamalan, Marc Bienstock
Kamera
Nick Müller, Benjamin Verhulst, Mike Gioulakis, Darin Necessary, Joe Martinez, Jacqueline Stahl, Maurizio Dotto, Julian Vergara, VanNessa Manlunas, Blake Hooks, La Mur Joan Lopez Viera, Francisco Adolfo Valdez, Ian Seabrook, Ian Seabrook
Schnitt
Michael Hatzer, Brett M. Reed
Musik
Vinny Alfano, Kate Jesse, Goro Koyama, Davi Aquino, Igor Nikolic, Susan Jacobs, Natalie Leggett, Trevor Gureckis, Sean Garnhart, Rich Bologna, Deonte Fly Deezy Chambers, Chris Chae, Matthew Nicolay, Sean Garnhart, Skip Lievsay, Prince Anselm, Sean Garnhart