Masters of Sex 2x06

Es ist in diesen Tagen beinahe unmöglich, eine fiktionale Geschichte aus St. Louis anzusehen und dabei nicht an die aktuellen Ereignisse im realen St. Louis zu denken. Die Parallele zwischen der Rassentrennung im Jahre 1956 und der im Jahre 2014 (unter verschiedenen Vorzeichen) ruft uns schmerzlich in Erinnerung, dass dies ein Thema sein könnte, das in absehbarer Zukunft nicht beigesetzt werden wird.
I can't continue like this
Leider nimmt Masters of Sex in dieser Frage jedoch den einfachen Ausweg, indem es das Thema Rassismus nur anschneidet. Nach Blackbird wird es wohl keine Rolle mehr spielen, ganz einfach, weil Bill Masters (Michael Sheen) nun nicht mehr am afroamerikanischen Buell Green Hospital beschäftigt ist. Die Entwicklung der Geschichte in dieser zweiten Staffel ist sicherlich dem historischen Vorbild geschuldet, was jedoch gleichzeitig bedeutet, dass die potentiell interessantesten Handlungsstränge im Keim erstickt werden.
Die neue Episode kann dafür exemplarisch herangezogen werden. Nachdem Bill Masters nach nur wenigen Episoden das Memorial Hospital wegen eines Streits mit seinem Chef Doug Greathouse (Danny Huston) verlassen musste, passiert ihm nun selbiges an seiner neuen Arbeitsstätte. Am Ende erkennt er, dass er wohl nicht dafür gemacht ist, unter jeglicher Form von Hierarchie zu arbeiten - vielmehr muss er sein eigenes Ding machen, sich voll auf seine Studie konzentrieren. Dies ist eine Erkenntnis, die für den weiteren Verlauf der Geschichte wichtig ist, die sich für den Zuschauer aber redundant anfühlt.
Schlimmer noch: Es fühlt sich angesichts potentiell spannender Handlungsbögen an, als hätten die Autoren gleich mehrere Chancen verpasst. Zudem haben sie für all diese Nebenrollen mit Huston, Betsy Brandt und Courtney B. Vance einige hochkarätige Darsteller verpflichtet, die nun wohl alle nicht mehr auftauchen werden. Bill Masters' Stationen fühlen sich deshalb merkwürdig leer und bedeutungslos an, als seien sie nicht mehr gewesen als ebendas: Durchgangsstationen.

Hinzu kommt, dass die Serie angesichts dieser verpassten Chancen im Masters-und-Johnson-Erzählstrang kaum adäquaten Ersatz findet. Die Geschichte um Betty (Annaleigh Ashford) und ihrem Hin- und Hergerissensein zwischen Ehemann Gene (Greg Grunberg) und der alten Liebe Helen (Sarah Silverman) hat mit dem Haupterzählstrang keinerlei Verbindung mehr und dreht sich nur um sich selbst. Dialoge und Darstellungen funktionieren, was aber nichts daran ändert, dass diese kleine Nebengeschichte ziemlich uninteressant ist und wohl keine Auswirkungen auf den übergreifenden Plot haben wird.
Who are you really?
Noch unverständlicher ist die dramaturgische Richtung, die das Autorenteam um Serienschöpferin Michelle Ashford für Libby Masters (Caitlin Fitzgerald) eingeschlagen hat. Die Figur hat sich von der treu sorgenden Hausfrau in der ersten Staffel zu einem rassistischen Biest in der aktuellen verwandelt. Was wollen die Autoren damit erreichen? Wollen sie es plausibler erscheinen lassen, wenn Bill eines Tages seine Familie verlassen wird, um mit Virginia Johnson (Lizzy Caplan) zusammenzusein? Libby hatte schon in der ersten Staffel kaum Augenblicke, um zu glänzen. Nun wird sie in eine Ecke abgeschoben, aus der sie wohl nicht mehr herauskommen wird.
Ähnlich verlief die Entwicklung bei Betty Draper (January Jones) in Mad Men. Dort bekam die Figur aber immerhin eine echten Entwicklungsprozess, der erklärte, warum sie so geworden ist. Bei Libby hat eine solche graduelle Entwicklung nie stattgefunden. Sie war einfach von einem Moment auf den nächsten rassistisch veranlagt. Der ganze Erzählabschnitt um die Verfolgung des angeblichen Liebhabers ihrer Haushälterin hat überdies kaum Sinn - außer für den Fall, dass Libby als verrückt dargestellt werden soll. Würde sich eine liebenswürdige Hausfrau sonst nach Einbruch der Dunkelheit mit ihrem neugeborenen Baby (!) ins Auto setzen und zu einer Verfolgungsjagd aufbrechen? Und was hat die Szene mit Libbys Wunde zu bedeuten, die von Robert (Jocko Sims) notdürftig verarztet wird? Hat sie etwa eine Obsession für den jungen Mann entwickelt? Fühlt sie sich zu ihm hingezogen?
Trotz dieser fragwürdigen Entwicklungen hat auch Blackbird wieder einige emotional aufwühlende Szenen zu bieten. Masters of Sex ist ja immer dann am besten, wenn es sich eben nicht auf seinen plakativen Titel bezieht, sondern die Emotionen erkundet, die damit in Verbindung stehen. Der gesamte Handlungsstrang um Lizzy und ihre - vielleicht einzige - Freundin Lillian (Julianne Nicholson) ist absolut herzzerreißend - getragen von den fantastischen Darbietungen der beiden Darstellerinnen.

Während einer Chemotherapiesitzung erkennt Lillian, dass sie den Krebs niemals besiegen wird und es deshalb auch keinen Sinn hat, sich weiter dieser unerträglichen Prozedur auszusetzen - nur, um sich noch ein bisschen länger ebendieser Prozedur unterziehen zu können. Die Kämpfernatur Virginia ist mit dieser Erkenntnis zunächst ganz und gar nicht einverstanden, sieht jedoch rechtzeitig ein, dass es ganz allein die Entscheidung ihrer Freundin ist, wann, wo und wie sie aus dem Leben scheidet. Deswegen legt sie den Telefonhörer wieder auf, um Lillian in Ruhe sterben zu lassen. Deswegen legt sie sich zu ihr, um in ihren letzten Momenten bei ihr zu sein.
No one's ever been in love with me
Ich bin der Serie für diesen bewegenden Moment dankbar - gleichzeitig bin ich jedoch traurig darüber, dass Lillian nun nicht mehr zum Ensemble gehört. Ihre Auseinandersetzungen mit Virginia - freundlicher und weniger freundlicher Art - gehörten zum unterhaltsamsten, was die Serie bisher zu bieten hatte. Im Zentrum der Geschichte steht jedoch weiterhin die Beziehung zwischen Virginia und Bill - und auch hier gibt es in dieser Episode einige spannende Entwicklungen.
Die Szene, als die beiden gemeinsam auf dem Hotelbett sitzen und verstehen, wie nahe sie sich wirklich sind, ist beinahe so bewegend wie Lillians Tod. In einem seltenen Moment genuiner Empathiebekundung offeriert Bill seiner Geliebten echten emotionalen Beistand. Dabei kommt es sogar zum ersten Kuss zwischen den beiden und statt der drei „magischen“ Wörter sagt Bill etwas, das für Virginia in diesem Moment noch viel bedeutsamer sein könnte: „I know you.“ („Ich kenne dich.“)
Umso erschütterter dürfte er am Ende sein, als herauskommt, dass Virginia mit Shelley Decklin (Barry Watson) bereits seit zwei Monaten einen Freund hat, der schon ihre Kinder hütet und einen Schlüssel für ihr Haus hat. Ihn hat sie ausgerechnet an dem Abend kennengelernt, an dem sie und Bill eigentlich einen Durchbruch in ihrer persönlichen Beziehung hatten (in der herausragenden Episode Fight). Sheen spielt dieses entsetzte Überrumpeltsein großartig. Solche Szenen können aber nur teilweise darüber hinwegtäuschen, dass sich Masters of Sex mit einigen Handlungssträngen in eine Sackgasse manövriert hat. Hoffentlich kommt die Serie da bald wieder raus.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 19. August 2014(Masters of Sex 2x06)
Schauspieler in der Episode Masters of Sex 2x06
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?