Masters of Sex 1x12

Viele der Dinge, die in der Episode Manhigh geschehen, waren vorhersehbar. So schien es längst nur eine Frage der Zeit zu sein, bis Ethan Haas (Nicholas D'Agosto) um die Hand seiner großen Liebe Virginia Johnson (Lizzy Caplan) anhalten würde. Zwar wurde der sympathische Arzt in den Vorgängerepisoden von Masters of Sex Stück für Stück zum perfekten Partner für Virginia hochstilisiert. In diesem Staffelfinale jedoch kann auch sein Konkurrent William Masters (Michael Sheen) den Zuschauern näherbringen, warum sich die Umworbene am Ende für ihn entscheiden wird.
Die Homosexualität als Fluch
Während die Geschichte um Barton (Beau Bridges) und Margaret Scully (Allison Janney) in der Episode Phallic Victories (1x11) sträflich vernachlässigt wurde, rückt das Drama um Bartons Homosexualität nun wieder in den Fokus. Dabei zeichnet der bedrückende Erzählstrang einen krassen Kontrast zu den Vorbereitungen auf Masters' Vortrag, die eine ausgesprochene Leichtigkeit umgibt. Neben dem hohen Anteil an individueller Tragik, die die Eheleute Scully umgibt, und die in Margarets Anschuldigung „Those were the only years I had. You thief!“ ihren Höhepunkt findet, bewegt vor allem auch der gesamtgesellschaftliche Kontext der späten 1950er Jahre. Genitalien, die durch Elektroschocks traktiert werden oder gar die Kastration mit der Hilfe von Chemikalien sind so gruselig wie die Mentalität, die das „Heilen“ von Schwulen überhaupt für notwendig erachtet.
Ein einziger Trost besteht darin, dass Margaret ihrem Mann am Ende doch von den menschenverachtenden Torturen abrät. Gleichzeitig nährt Bartons Entschlossenheit, sich der Therapie gegen seine sexuellen Präferenzen dennoch auszusetzen, ein tiefes Unbehagen in Bezug auf die zweite Staffel von Masters of Sex.
Eine erfreuliche Nebensache
Zwischen der berührenden und verstörenden Geschichte der Scullys und den Entwicklungen, die sich zwischen den beiden Protagonisten Johnson und Masters entfalten, gerät die Handlung um Jane (Heléne Yorke) und den Filmschaffenden Lester (Kevin Christy) ein wenig in den Hintergrund. Dennoch ist es als großes Kompliment für die Charakterzeichnung innerhalb der Serie zu verstehen, dass man ihr kleines Intermezzo nicht als Stolperstein wahrnimmt, der der Fortführung der Haupthandlung im Wege liegt. Während ihre Liebesgeschichte als Mittel fungiert, um den recht finsteren Grundtenor dieser Episode aufzuheitern („I think your vaginal walls are beautiful“), hat man beide dieser unorthodoxen Figuren zudem bereits unweigerlich ins Herz geschlossen.
Der Reiz des Masters
In der vorangegangenen Episode wurden Virginia sowohl in Bezug auf ihr Privatleben als auch bezüglich ihrer Karriere Alternativen präsentiert, die ihr theoretisch ein Leben ohne Masters ermöglicht hätten. Zum einen wurde Johnson die vielversprechende Aussicht präsentiert, irgendwann die Arbeit der todkranken Lillian DePaul (Julianne Nicholson) fortzuführen. Zum anderen zeichnete sich in Gestalt von Ethan ein nahezu perfekter Ehemann und Vater ab. Diese Charakterisierung Ethans setzt sich auch in Manhigh fort. Nicht nur liebt Dr. Haas seine Freundin und deren Kinder abgöttisch und behandelt sie mit Respekt - nun wird dem Gynäkologen zudem noch eine gute Stellung an der University of California angeboten.
Lillians Arbeit ist fraglos von großer Bedeutung. Doch die pragmatische babysteps-Strategie von DePaul kann Virginia nicht den gleichen Reiz bieten, wie es bei Masters' bahnbrechender Forschung der Fall ist. Ebenso wenig kann Ethan trotz all seiner Vorzüge mit William mithalten, dessen revolutionärer Geist und kompromisslose Forscherwut Johnson so stark in ihren Bann ziehen.

Ein absehbares Desaster
Masters' Vortrag, in dem er vor seinen Kollegen endlich das Geheimnis des „Exam Room 5“ lüftet, hatte eigentlich gar nicht so schlecht begonnen, und endet doch im Boykott durch das Publikum und somit im kompletten Desaster. Es fragt sich, ob das allzu anschauliche Video für die allgemeine Bestürzung verantwortlich ist - oder aber Masters' begleitende Worte, in denen er die sexuelle „Überlegenheit“ der Frauen preist.
Pluspunkte
Obwohl Masters in seiner gradlinigen Methodik scheitert, kann er währenddessen zumindest beim Zuschauer noch einige Sympathiepunkte sammeln. Die Tatsache, dass er ausgerechnet die Bilder der masturbierenden Virginia wählt, mutet zwar zunächst recht doppeldeutig an. Fast hätte die Rezensentin damit gerechnet, dass Masters als Teil eines Racheaktes auch das Gesicht dieses Forschungsobjektes zeigen würde. Doch als sich herausstellt, dass William die Studie auch in Virginias Namen publikmacht, erscheint diese Herangehensweise doch eher wie eine Hommage an seine Partnerin. Schließlich ist Masters nichts so heilig wie seine Arbeit, weswegen man es als eine Art von Ehre interpretieren kann, dass er Virginias Körper in diese wichtige Präsentation einbindet.
Auch im Umgang mit seinem alten Freund und Mentoren Scully kann der komplexe Protagonist sich ein Stück weit dafür rehabilitieren, dass er ihn einst durch unlautere Mittel dazu gezwungen hatte, die Studie weiterhin zu tolerieren. Indem William die komplette Verantwortung für die verteufelte Studie auf sich nimmt, leistet er Barton einen überfälligen Freundschaftsdienst. Besonders erquicklich ist im Rahmen der Interaktion zwischen den beiden problemgeplagten Männern sicherlich das beidseitige „fuck them“, aus dem ihre Ohnmacht ebenso hervorgeht wie ihr verschwörerischer Durchhaltewillen.
It's you
Wie so oft bei Masters of Sex sorgt die durchdachte und clevere Inszenierung dafür, dass kitschig anmutende Handlungselemente durchaus natürlich wirken können. Während Masters im Regen und am sprichwörtlichen Boden vor Virginias Tür erscheint, fühlt man sich nicht mit einem abgegriffenen Klischee konfrontiert, sondern mit zwei Menschen, deren Innerstes sich im Einklang befindet. Verhältnismäßig subtil wurde der Eindruck, dass Masters und Johnson sehr viel mehr gemein haben, als es offenkundig den Anschein macht, immer wieder genährt. Regelmäßig wird hervorgehoben, dass beide Forscher die gleichen Ansichten haben - bis hin zum Martini, der während der Präsentation doch für die richtige Stimmung hätte sorgen sollen. Nur einmal hat Virginia über ihren Kollegen die falsche Annahme getroffen: Es ist nicht seine Arbeit, ohne die William nicht leben könnte, sondern sie selbst.
Libby
Allem Anschein nach manifestiert sich hier ein weiterer Grundstein für die spätere Beziehung der beiden. Dementsprechend sollte man besonders gegenüber Libby (Caitlin FitzGerald) Mitleid empfinden. Sie ist William schließlich eine vorbildliche Ehefrau und hat diesen Verrat nicht verdient. Doch während sie Masters bei ihrem einsamen dinner for two noch hingebungsvoll den Rücken stärkte, kommt nun durch ihr Baby eine neue Komponente ins Spiel. Dass sie das Kind zunächst ganz ohne Masters genießen und nur für sich haben möchte, stiftet in dem Sinne Trost, als dass sie - auch ohne ihren Ehemann - wohl nie mehr einsam sein wird.
Fazit
Die Episode Manhigh rundet die erste Staffel von Masters of Sex auf sehr vielversprechende Weise ab. Gekonnt werden immer wieder die zeitspezifischen Phänomene der 1950er Jahre in die Handlung eingebunden. Der Gesichtsausdruck von Masters, als Libby eine alkoholfreie Präsentation der Studie vorschlägt, gehört genauso dazu wie Virginias Enthusiasmus für die „Pille“ oder auch Bartons Seelenqualen.
Regisseur Michael Dinner, der auch für die Episode Race To Space (1x02) verantwortlich zeichnete, kann sogar die Fortschritte der Raumfahrt im Jahr 1957 mit der Handlung verknüpfen. Und das, ohne dass sich die Parallelen zu Masters' Pionierarbeit allzu gezwungen anfühlen.
Fraglos machen auch die durchdachten Dialoge der Serie einen beachtlichen Teil ihres Reizes aus. Aussprüche wie „I'm a doctor. I can spot a statistically average masturbator from a mile away.“ regen zum Zitiertwerden an, ohne dass sie wie konstruiert wirkende Fremdkörper aus der Handlung herausstechen würden.
Michael Sheen und Lizzy Caplan leisten auch in diesem Staffelfinale fraglos wieder großartige Arbeit. Doch erst die Tatsache, dass auch die weniger zentralen Rollen von begabten Schauspielern wie Beau Bridges und insbesondere auch Allison Janney ausgefüllt werden, lassen aus Masters of Sex das Gesamtprodukt hervorgehen, das die Zuschauer an so vielen Ecken und Enden verzaubern kann. Einzig die verhältnismäßige Abwesenheit von Austin Langham (Teddy Sears) in den letzten Episoden stimmt etwas wehmütig. Es bleibt zu hoffen, dass er sich - ebenso wie einegewisse andere Figur - in Staffel zwei über etwas mehr Spielzeit freuen darf.
Laut einer Blitzrecherche sollen William und Virginia erst viele Jahre später den Bund der Ehe schließen. Doch egal, ob die Ehe der Masters bereits jetzt vor ihrem Ende steht oder nicht - nichts spricht dagegen, auch der zweiten Staffel dieser hochkarätigen Serie in erwartungsvoller Vorfreude entgegenzublicken.
Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 16. Dezember 2013(Masters of Sex 1x12)
Schauspieler in der Episode Masters of Sex 1x12
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?