Masters of Sex 1x10

Nachdem letzte Woche in Involuntary von den verschiedenen Charakteren gleich mehrere schwerwiegende Entscheidungen getroffen werden mussten, zeigen sich in der neuen Episode Fallout auch prompt die ersten Konsequenzen. Die Studie rückt dabei ein wenig in den Hintergrund, die Konzentration liegt viel mehr auf den Beziehungen unter den Charakteren und welchen Weg diese einschlagen.
Bill Masters (Michael Sheen) wirkt dabei wie der Bösewicht dieser Episode. Er gerät in „Fallout“ nicht nur an Ethan (Nicholas D'Agosto), sondern abermals auch an Virginia (Lizzy Caplan), was tiefgreifenden Folgen nach sich zieht. Derweil ist das komplette Krankenhaus in heller Aufruhr, weil eine Übung zu einem möglichen bevorstehenden nuklearen Krieg mit der Sowjetunion und einem Atombombenabwurf über den USA abgehalten wird. In gewisser Weise geht auch in „Fallout“ die eine oder andere Bombe hoch und hinterlässt einen womöglich irreparablen Schaden.
Zwar wird einem in „Fallout“ ein wenig zu viel mit dem Holzhammer eingebläut, was gerade vorgeht und wie die einzelnen Dialoge zwischen den Figuren wirklich zu verstehen sind. Doch so offensichtlich manch eine Metapher hier auch sein mag, sie verfehlt nie ihren Sinn und Zweck. „Fallout“ gehört nicht zu den besten Episoden von Masters of Sex, aber dennoch ist es eine überdurchschnittlich gute Folge, die vor allem von ihren starken schauspielerischen Leistungen lebt.
Virginia und Bill
Nach dem Bruch zwischen Virginia und Bill am Ende der letzten Episode „Involuntary“ ist das Verhältnis zwischen den beiden eher angespannt. Zwar sitzt ein junges Pärchen in ihren Räumlichkeiten, dass sich freiwillig für die Studie gemeldet hat, doch merkt man gleich, dass sie keineswegs im Mittelpunkt dieser Anfangssequenz stehen. So interessant auch die Eigenschaft der jungen Frau, über multiple Orgasmen zu verfügen, für Bill sein mag, hier geht es nach wie vor um ihn und Virginia, die sich beide auf mehr oder minder subtile Art und Weise angiften.
Virginia selbst versucht, über ihre Wut und Enttäuschung mithilfe von Ethan hinwegzukommen, mit dem sie augenscheinlich wieder eine Beziehung führt. Nachdem man letzte Woche hätte denken können, dass die beiden weiterhin nur Freunde bleiben würden, sind sie nun wieder ein Paar, was auf der einen Seite ein wenig seltsam rüberkommt, aber andererseits auch verständlich ist. Schließlich brauchen sowohl Virginia als auch Ethan Unterstützung in diesen schweren Zeiten, die beide gerade durchleben müssen.
A bomb
Im Krankenhaus spielt sich derweil eine groß angelegte Übung im Falle eines Atombombenabwurfs über den Vereinigten Staaten von Amerika ab. Der Infofilm zum Thema wird unterschiedlich aufgenommen: Jane (Heléne Yorke) zeigt sich äußerst interessiert und nimmt die Angelegenheit sehr ernst. Langham (Teddy Sears) ist eher gelangweilt, was man auch von Bill sagen könnte, der sich sehr desinteressiert gibt. Dennoch ist das Thema eines möglichen Atomkrieges zum Ende der 50er Jahre, sozusagen der Beginn des Kalten Krieges zwischen den USA und der Sowjetunion, ein wichtiger Aspekt der Episode, der sich von nun an wie ein roter Faden durch „Fallout“ ziehen wird. Die einzelnen Szenen zu dieser Thematik geben uns einen interessanten Einblick in die Zeit, in der „Masters of Sex“ spielt, und darüber hinaus auch in die einzelnen Charaktere und wie sie mit dieser potentiellen Gefahr eines nuklearen Konflikts umgehen. „Masters of Sex“ ist nun mal auch ein waschechtes period piece, solche Referenzen an derartige geschichtliche Ereignisse dieser Epoche sind wichtig für die Authentizität der Serie und gehören einfach dazu. Die Macher der Serie lösen diese Aufgabe wiederum spielend leicht und bauen zusätzlich noch ein paar clevere, wenn auch oft sehr deutliche Parallelen zur Handlung und den einzelnen Charakteren ein.
Bezüglich des Themas eines möglichen Bombenangriffs kommt es in „Fallout“ dann auch gleich zum ersten großen Knall - bildlich gesprochen, versteht sich. Eine junge Frau, die freiwillig an der Studie von Bill (und Virginia) teilgenommen hatte, wird bei Bill vorstellig. Wie sich herausstellt, ist sie schwanger und der Vater ihres ungeborenen Kindes ist niemand anderes als der Mann, mit dem sie für die Studie vor den Augen von Virginia und Bill Sex hatte. Aufmerksame Zuschauer werden sich schon länger gefragt haben, wie es innerhalb der Studie mit der Verhütung aussieht. Die plötzliche Schwangerschaft einer Testperson ist sicher ein plausibler Einfall. Wie reagiert Bill auf eine solche Nachricht? Er sollte sich ja diesem Risiko durchaus bewusst sein. Seine Reaktion wiederum ist eher dünnhäutig und im Zwiegespräch mit Virginia wird deutlich, dass beide grundsätzlich verschiedene Positionen vertreten.
Bill kann durch einen solchen Vorfall seine Studie keinesfalls in Gefahr bringen. Die schwangere Frau hatte ein Formular unterzeichnet, welches ihm Sicherheit gibt. Um weiterhin problemlos an der Studie arbeiten zu können, darf er um keinen Preis die Identität ihres Sexualpartners preisgeben, da diese Verschwiegenheitserklärungen den Rückhalt seiner Studie bilden. Virginia wiederum kann sich sehr gut in die junge Dame hineinversetzten, ist sie doch selbst alleinerziehende Mutter und weiß, wie schwer diese Aufgabe ist. Der Konflikt zwischen Bill und Virginia spitzt sich also zu, doch Virginia setzt sich über die Anordnung des nichtsahnenden Bills hinweg und macht den Vater des ungeborenen Kindes eigenhändig ausfindig. Dieser ist (nicht wirklich überraschend) Dr. Austin Langham, welcher die Nachricht geschockt aufnimmt und nicht richtig weiß, wie er damit umgehen soll. Erst nach einem späteren Gespräch mit Bill, der Langham versichert, dass er nichts zu befürchten hat, scheint er sich wieder ein wenig zu entspannen. Doch dies ändert sich erneut im Laufe der Episode, als er aufgrund der Nachricht, dass er bald Vater eines unehelichen Kindes sein könnte, leicht hyperventilierend durch das Krankenhaus torkelt.
Ethan
Derweil sucht Ethan das Gespräch mit Barton Scully (Beau Bridges). Ethan fühlt sich ungerecht behandelt, soll er doch nicht für längere Zeit als Doktor am Krankenhaus übernommen werden. Ethan denkt zuerst, dass Scully sich aufgrund der gescheiterten Beziehung zwischen seiner Tochter Vivian (Rose McIver) und Ethan gegen eine Festanstellung des letzteren entschieden hat. Dieser Eindruck entsteht zu Beginn in der Tat, da sich Scully wütend gegenüber Ethan gibt. Doch Scully trifft nur professionelle Entscheidungen - ein großer Unterschied zu der Person, die Ethan wirklich seine weitere Karriere im Krankenhaus vermasselt hat: William Masters. Der hatte bei der Entscheidung, ob man Ethan denn als Doktor übernehmen würde, seine Hände mit im Spiel und gab sein entscheidendes Veto gegen dessen Festanstellung.
When Khrushchev pushes the button
Währenddessen geht die Notfallübung im Krankenhaus munter weiter. Jane ist besonders motiviert und verteilt als hall marshall eifrig Instruktionen. Allerdings nur so lange, bis der verwunderte Bill Masters hinter ihr steht und sich darüber echauffiert, dass sie ihre Aufgabe als seine Sekretärin vernachlässigt. Mit einem süffisanten Kommentar („When Khrushchev pushes the button you can have the day off. Until then you're still my secretary.“) setzt er Janes Treiben dann erst einmal ein Ende. Auch Virginia ist von der ganzen Aufruhr eher weniger angetan und schlendert unbeeindruckt den Gang hinunter. Es ist interessant, zu sehen, wie die Hauptcharaktere der Show sich überhaupt nicht um diese Übung kümmern. Virginia und Bill beschäftigen wesentlich wichtigere Dinge, die real - und nicht nur eine Simulation - sind. Gleichzeitig ist dieses Verhalten auch symbolisch dafür, dass beide nur bedingt dazu in der Lage sind, eine große Gefahr oder ein Risiko auf lange Sicht vorauszusehen. Dies gilt insbesondere für Bill, was die Episode noch zeigt.
Virginia sucht dann doch noch unter einem Schreibtisch Schutz, wo sich auch Dr. Lillian DePaul (Julianne Nicholson) befindet, die die ganze Aufregung ebenfalls für übertrieben hält. Auch sie hat mit einer Enttäuschung zu kämpfen, nachdem ihre Gebärmutterhalskrebsstudie von der Krankenhausleitung zwar angenommen, aber nur dürftig finanziert wurde. Virginia rät ihr, ihren weiblichen Charme spielen zu lassen, so schwer ihr das auch zu fallen scheint. Virginia hat verstanden, wie die Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen in dieser Zeit funktioniert. Zufrieden ist sie damit nicht, doch sie weiß auch, wie sie diese zu ihrem Vorteil nutzen kann.
Also schmeißt sich Lillian sofort an ein hohes Tier in der Krankenhausverwaltung heran, jedoch ohne Erfolg. Das Schmunzeln kann man sich in dieser Szene nicht verkneifen, versucht Lillian doch alles, um an ihr Ziel zu kommen. Doch man merkt auch gleich, dass dies keinesfalls ihr Spezialgebiet ist. So wird das nichts mit neuen Fördergeldern, geschweige denn einer eigenen Sekretärin.
Can you imagine Dick Nixon as president?
Andernorts bekommt Margaret Scully (Allison Janney) in dieser Episode wieder einiges an Screentime, was sich als äußerst gute Entscheidung der Produzenten herausstellt. Zu Beginn nimmt sie noch an einer Kaffeerunde unter Freundinnen teil, in der sie aufgrund der Geschichte einer Bekannten unweigerlich an ihre eigene Beziehung mit Barton erinnert wird. Wenn sie sich wirklich scheiden lassen sollten, könnte ihre Tochter, die eh gerade keine leichte Zeit durchmacht, darunter leiden. Und das möchte sie auf keinen Fall. Also bemüht sie sich, ihre Ehe zu retten. Dafür sucht Margaret in einem Hotel eine Prostituierte auf, welche ihr Tipps geben soll, wie sie ihren Mann zurückgewinnen kann. In einer eher unfreiwillig komischen Situation stellt sie dann fest, dass ihr Gatte homosexuell ist. Ihr Lachen nach dieser Erkenntnis kann man zum einen als ungläubige Reaktion interpretieren, aber viel eher noch als eine Art Erleichterung. Ihr Mann kann nichts dafür, dass er sie nicht mehr liebt. Mit großer Wahrscheinlichkeit liebt er sie immer noch, nur auf eine andere Art und Weise als noch Jahre zuvor.
In einer sehr ruhigen, aber auch sehr eindringlichen Szene durchschreitet sie gedankenverloren das Schlafzimmer ihres Ehemanns. Es scheint, als empfindet sie Verständnis für Barton, vielleicht sogar Mitleid, dass er so lange diese Lüge hat leben müssen. Margaret kann sich dann am Ende der Episode noch einmal als Fels in der Brandung für Austin Langham beweisen, der es nicht fertiggebracht hat, sich der jungen Frau zu stellen, welche sein Kind in ihr trägt. Zwar gestaltet sich die Szene bzw. der Dialog im Schwimmbad als ein wenig zu offensichtlich, jedoch macht er auch deutlich, in welcher Lage sich Margaret gerade befindet. Und nicht nur sie - fast alle Charaktere der Serie denken, sie würden nur vor sich dahintreiben. Doch in Wirklichkeit fallen sie, ohne dass sie es wirklich mitbekommen. Bis zum Moment des Aufschlags.
Fallout
Und dieser erfolgt. Nachdem Bill widerwillig zusammen mit Ethan eine Operation durchgeführt hat, konfrontiert ihn Ethan mit dessen Nichtübernahme als Arzt im Krankenhaus. Wie sich zeigt, empfindet Bill keinen Respekt für Ethan, der ohne sein Wissen Libby (Caitlin FitzGerald) dabei geholfen hatte, erneut schwanger zu werden. Die Situation eskaliert und Bill versetzt Ethan einen Schlag ins Gesicht. Er wirft ihm vor, sich wie ein unreifes Kind zu verhalten, doch das einzige, was in dieser Szene wirklich unreif rüberkommt, ist Bill und sein Verhalten. Sein Ego stellt sich ihm mal wieder in den Weg, der Umstand, dass er ohne ärztliche Hilfe keine Kinder zeugen kann, verstärkt dieses noch einmal. Einerseits ist es nachvollziehbar, dass er sich von Ethan betrogen fühlt. Doch man könnte andererseits meinen, dass er sich über die Schwangerschaft seiner Frau mehr freuen würde, anstatt Ethan deswegen gleich anzugreifen. Dass Ethan wieder mit Virginia zusammen ist, könnte ein weiterer Grund sein, warum Bill so empfindlich reagiert.
Zur gleichen Zeit sucht Virginia das Gespräch mit der schwangeren Frau und überreicht ihr einen Scheck über 2000 Dollar, der ihr helfen soll, sich als alleinerziehende Mutter um ihr Kind kümmern zu können. Dies teilt sie so auch Bill mit, der sich angesichts der großen Summe, die seinem Budget entnommen wurde, sehr erbost zeigt. In einem klärenden Gespräch zwischen den beiden wirft Virginia ihm dann Unehrlichkeit seinerseits vor. Nicht nur sie war emotional zu sehr an ihn gebunden, auch Bill selbst zeigte Gefühle für Virginia, was ihr Arbeitsverhältnis folgerichtig zu einer Affäre gemacht hatte. Virginia ist sich bewusst, dass sie aufgrund der hohen Summe, die sie der schwangeren Frau gegeben hat, gefeuert werden könnte. Doch sie nimmt Bill die Entscheidung ab und kündigt selbst. Dieses Arbeitsverhältnis kann so nicht weitergehen, sie musste wieder einmal schmerzlich feststellen, was für ein Egoist Bill sein kann, insbesondere wenn es um seine Studie geht.
Während Virginia sich als Sekretärin Dr. DePaul und ihrer Arbeit anschließt, sehen wir noch einmal Bill, der sich auf den Heimweg macht. Die Übung zum Atombombenangriff ist längst beendet, im Krankenhaus ist wieder Ruhe eingekehrt. Bill wirft ein Broschüre zum Thema weg, in welcher aller Wahrscheinlichkeit nach drinsteht, wie man sich auf eine solche Katastrophe vorbereiten kann. Doch Bill ist nicht offen für Ratschläge. Er setzt seinen eigen Willen durch und lässt sich von niemandem sagen, was er zu tun hat. Aus dem Radio ertönt noch einmal eine Stimme, die uns mitteilt, dass die landesweite Übung hiermit beendet sei. „It was only a test.“ Nicht für Bill und nicht für alle anderen Charaktere. Sie alle wurden in „Fallout“ auf die Probe gestellt und mussten sich wortwörtlich mit den negativen Konsequenzen ihrer Entscheidungen auseinandersetzen. Und von allen hat Bill wohl am meisten versagt.
Fazit
Wie bereits erwähnt, gibt es in der zehnten Episode der ersten Staffel von Masters of Sex unzählige Anspielungen. Zum einen beziehen sie sich auf den Titel „Fallout“ und zum anderen auf die Notfallübung. Ab und an mag dies etwas zu einfach und offensichtlich wirken, doch es macht trotzdem Spaß, die Parallelen und Vergleiche zu entdecken und richtig einzuordnen. „Masters of Sex“ beweist so wieder einmal, dass es eine durchaus tiefsinnige Dramaserie ist, auch wenn es schon subtiler als in „Fallout“ zuging.
Ein paar Szenen zwischendurch wirken ein wenig deplatziert: Zwar freuen wir uns für Lester (Kevin Christy), dass er Jane einen Kuss abverlangen kann, doch wir können dieser Szene nicht viel mehr als ein kleines Lächeln abgewinnen. Es ist jedoch vollkommen in Ordnung, solche Szenen mit einzubauen und deutlich zu machen, dass es noch andere Charaktere gibt. Auch der leichte Humor stimmt in „Masters of Sex“ nach wie vor. Die Serie kann mit charmanten Dialogen weiterhin punkten und dem Zuschauer eine Menge Spaß bereiten.
Besonderes Lob gilt auch in dieser Episode wieder einmal den Darstellern. Insbesondere Michael Sheen konnte mich abermals sehr überzeugen, auch wenn er in „Fallout“ eindeutig in die Rolle des Antagonisten schlüpfte. Aber auch Lizzy Caplan und Allison Janney liefern starke Darbietungen ab. Hinzu kommen einige sehr schöne Kameraeinstellungen, die unmissverständlich zeigen, wo sich die Charaktere gerade gedanklich und seelisch befinden. So beweist „Masters of Sex“ mit Fallout wieder einmal, dass es nicht nur ein äußerst komplexes Drama, sondern auch außerordentlich gut gefilmt ist. So wird die Spannung angesichts der letzten beiden verbleibenden Episoden problemlos hoch gehalten.
Verfasser: Bernd Michael Krannich am Montag, 2. Dezember 2013Masters of Sex 1x10 Trailer
(Masters of Sex 1x10)
Schauspieler in der Episode Masters of Sex 1x10
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