Masters of Sex 1x03

Die Serie Masters of Sex kann sich in ihrer dritten Episode noch weiter steigern. Standard Deviation gewÀhrt den Zuschauern Zutritt in William Masters' (Michael Sheen) Vergangenheit. Dadurch erhalten wir die Gelegenheit, sein Betragen in der Gegenwart ein kleines bisschen besser nachvollziehen zu können.
Der Masters-Plan
Nicht erst seit seiner Beziehung zu Libby (Caitlin FitzGerald) tut sich der Wissenschaftler schwer im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht. RĂŒckblenden in Masters' Jugend machen zudem deutlich, dass er seine Karriere, ja quasi sein ganzes Leben, in der Art geformt hat, dass ihm spĂ€ter die prekĂ€re Erforschung der menschlichen SexualitĂ€t möglich sein wĂŒrde. Bis ins Detail folgt er dabei dem Rat seines Mentors Barton Scully (Beau Bridges): „The world isn't kind to mavericks, Bill. You want to lead an unconventional life, you gotta learn to hide in plain sight.“
Michael Sheen gelingt es in der Episode Standard Deviation ausgezeichnet, den Kontrast zwischen dem frĂŒhen Masters und seinem Ich der spĂ€ten 50er Jahre herauszuarbeiten: WĂ€hrend William seine Zielstrebigkeit fraglos beibehalten hat und sich auch verwerflicher Praktiken bedient, um seinen Traum zu erfĂŒllen, hat er irgendwo auf seinem Lebensweg die Leichtigkeit eingebĂŒĂt. Die Euphorie von einst ist einem grimmigen Durchhaltewillen gewichen.
Problemforschung
In Bezug auf den krassen Widerspruch zwischen Masters' mangelnder Bereitschaft zur IntimitĂ€t und seiner sexueller Wissbegierde auf der anderen Seite ergeben sich nun verschiedene mögliche ErklĂ€rungen: Die Option, dass seine Forschungswut schlichtweg ein Versuch sein könnte, die Frauen besser zu verstehen, mutet unwahrscheinlich an. Plausibler ist die Möglichkeit, dass Libby lediglich ein Mittel zum Zweck, ein Teil von Bartons âVersteck vor aller Augenâ sein könnte und er sich ihr deswegen nicht öffnen kann. WĂ€re er vielleicht mit einer anderen Frau doch gewillt, alle Spielarten der SexualitĂ€t auszuprobieren? In diesem Zusammenhang muss man an die treffsicheren Worte der menschenkundigen Betty DiMello (Annaleigh Ashford) denken, die Masters' GefĂŒhle fĂŒr Virginia Johnson (Lizzy Caplan) sofort erkennen konnte.

Humor
Eine unsichere Patientin (Mae Whitman, Parenthood) fĂŒhrt uns auf unterhaltsame Weise die zeitspezifischen Defizite der AufklĂ€rung vor Augen. Doch obwohl es aus unserer Perspektive schon etwas lĂ€cherlich ist, was sich da auf Masters' Behandlungsstuhl abspielt, wird hier doch auf effektive Weise hervorgehoben, wie fundamental und wichtig die Arbeit von Johnson und Masters ist.
Multiple Orgasmen
Ebenfalls amĂŒsant ist die Forschung im Bordell, die in schneller Abfolge verschiedene weibliche âOrgasmus-Typenâ aufzeigt: Da gibt es das Unvermögen, zu „kommen“, den effizienten Mega-Orgasmus und auch Ginger (Ellen Wroe), der zur kompletten Befriedigung erst der Hintern versohlt werden muss. Sehr schön ist hier auch die Wendung, dass der lautstarke Speed-Orgasmus sich am Ende als FĂ€lschung herausstellt. Auch wenn es merkwĂŒrdig anmutet, dass sich die aufgezeichnete Wellenlinie hier ĂŒberhaupt nicht bewegt, wirkt diese Offenbarung fast schon wie eine Kampfansage an durch Pornos genĂ€hrten RealitĂ€tsverzerrungen.
Nackte Frauen und ein bisschen nackte MĂ€nnerhaut
Auch an der MĂ€nnerfront schreitet die Studie voran. Allerdings handelt es sich bei den Versuchspersonen, die Betty fĂŒr Masters' Forschung gewinnt, in den Augen des Forschenden nicht um die idealen Versuchskaninchen. Die homosexuellen MĂ€nner weichen in Williams Augen zu sehr von der âNormâ ab, und scheinen seiner Ansicht nach somit keine validen Ergebnisse liefern zu können.
An dieser Stelle ist in Masters of Sex jedoch noch eine Ungerechtigkeit anzuprangern. Dabei geht es um die allzu ungleiche Verteilung von mÀnnlicher und weiblicher Nacktheit. So gab es in der Vergangenheit so viel und so lange Busen zu sehen, dass es eine VerlÀngerung der homosexuellen Sex-Szene mehr als gerechtfertigt hÀtte.
Wie tolerant Masters insgeheim gegenĂŒber schwulen MĂ€nnern ist, lĂ€sst sich schwer sagen. Zum einen erklĂ€rt er sich zwar dazu bereit, ihnen beim Sex zuzuschauen. Zum anderen weist er spĂ€ter jedoch einen der MĂ€nner sehr schroff zurĂŒck, als der sich fĂŒr weitere Experimente anbietet. Und das, obwohl er ein ehrliches Interesse am wissenschaftlichen Fortschritt zeigt und zudem suggeriert, dass er seinen Dienst unentgeltlich leisten wĂŒrde. WĂ€hrend man Williams engstirniges Verhalten stets in den zeitlichen Kontext einordnen muss, liefert an dieser Stelle auch die RealitĂ€t einen Anhaltspunkt darauf, dass Masters die HomosexualitĂ€t als etwas Krankhaftes angesehen hat. So gab es an dem Masters and Johnson Institute noch bis in die spĂ€ten 1970er Jahre ein Programm, das Homosexuelle zu Heterosexuellen machen sollte.

In Lichte dieser Tatsache machen Masters' abschlieĂende Worte zu Scully einen dĂŒsteren Eindruck. So hĂ€tte man theoretisch argumentieren können, dass er seinem Vorgesetzten nur die eigene Bredouille vor Augen fĂŒhrt. So wĂ€re es doch in Scullys bestem Interesse, die Erforschung der menschlichen SexualitĂ€t voranzutreiben, damit schwule MĂ€nner - MĂ€nner wie er - nicht lĂ€nger durch Konventionen zu einem Leben im Schatten verdammt wĂ€ren. Doch da man sich gerade in dieser Episode ĂŒber das AusmaĂ von Masters' Forschungswahn bewusst wird, erscheint auch die Option plausibel, dass William seinen Mentoren eiskalt erpresst. FĂŒr letztere Auslegung spricht auch Masters EinschĂ€tzung seines Handelns als „Necessary Evil“.
Neuzugang und eine groĂe Ăberraschung
Die Ărztin Dr. Lillian DePaul (Julianne Nicholson; Boardwalk Empire) etabliert sich von Beginn an als interessanter Neuzugang, indem sie einen scharfen Kontrast zu Virginias AusprĂ€gung eines neuzeitlichen Geistes zeichnet. Dr. Ethan Haas (Nicholas D'Agosto) versinkt hingegen trotz seiner Vierlingsgeschichte ein wenig im Hintergrund. Erst in den letzten Minuten macht er vehement auf sich aufmerksam, indem er Libby die frohe Kunde ihrer Schwangerschaft ĂŒberbringt. Nachdem er gerade durch seinen Chef Masters so unsanft zurecht gewiesen worden ist, wirkt seine TĂ€tigkeit als Storch im Arztkittel noch etwas angriffslustiger. SchlieĂlich wird William ja sofort erkennen, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Gleichzeitig drĂ€ngt sich eine entscheidende Frage auf: Wenn Williams Spermien sich doch als unfruchtbar erwiesen haben - wer wird dann der leibliche Vater von dem Spross der Masters sein?
Fazit
Immer wenn man sich gerade dazu entschieden hat, William nicht zu mögen, tut er dann doch etwas Ehrenhaftes. Im einen Moment legt er gegenĂŒber der stets bemĂŒhten Virginia wieder eine unverhĂ€ltnismĂ€Ăige HĂ€rte an den Tag - im nĂ€chsten verteidigt er im OP Bettys Ehre. Dieser Zwiespalt in Masters of Sex ist zwar zuweilen etwas frustrierend, macht den Protagonisten dabei aber ausgesprochen interessant.
WĂ€hrend Virginia - abseits der Tatsache, dass sie sich wieder einmal als ausgesprochen guter Mensch profiliert - wenig zum Zuge kommt, kann besonders Betty begeistern. Sowohl in der Tatsache, dass ihr der Kinderwunsch nicht mehr erfĂŒllt werden kann, als auch in ihrer traurigen AbgeklĂ€rtheit („You wanna get somewhere, you hitch your wagon to a man“) bringt sie Tiefgang in diese Episode. Auch die Interaktion mit ihrem zwar liebevollen âBrezel-Königâ (Greg Grunberg), von dem Betty aber insgeheim weiĂ, dass er ihre Helen nicht ersetzen kann, stimmt betroffen und fĂŒhrt den Zuschauern gekonnt die ZwĂ€nge der spĂ€ten 1950er Jahre vor Augen.
Zwischen all den EnthĂŒllungen (Unfruchtbarkeit), Wendungen (Baby), traurigen und lustigen („Mount Everest doesn't ejaculate, Bill“) Momenten lĂ€sst sich glĂŒcklicherweise feststellen, dass Masters of Sex mit der Episode Standard Deviation ganz eindeutig vom Durchschnitt der Serienlandschaft abweicht.
Verfasser: Thordes Herbst am Samstag, 26. Oktober 2013(Masters of Sex 1x03)
Schauspieler in der Episode Masters of Sex 1x03
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