Grey's Anatomy 9x04

Episode Nummer vier aus der neunten Staffel von Grey's Anatomy lässt tief unter die Ärztekittel blicken: Während sich in Seattle Meredith (Ellen Pompeo) und Derek (Patrick Dempsey) in den Laken vergnügen, gibt sich auch Cristina (Sandra Oh) in Rochester, Minnesota der Fleischeslust hin.
Doch es ist nicht Owen Hunt (Kevin McKidd), mit dem sich die Herzchirurgin im Bett herumwälzt, sondern ihr Kollege Dr. Parker (Steven Culp, Desperate Housewives), den Yang beiläufig als „reptilienhaft“ charakterisiert.
Cristina und der Ancient Guy
Auf gewohnt gefühlsbetonte Weise erläutert Cristina am Telefon gegenüber Meredith die Beziehung: „Who says I have to like him? He's my sex-friend.“ Das erquickliche Zusammenspiel zwischen den besten Freundinnen kann glücklicherweise auch spielend die räumliche Distanz überwinden: „You want me to be sex-friends with the ancient guy?“
Über den Umweg einer OP am offenen Herzen hat sich Dr. Thomas (William Daniels), aka Ancient Guy, bis in Cristinas Herz vorgearbeitet. Die beiden ergänzen sich auch abseits der Operationsräumlichkeiten vorzüglich, und bringen durch die gegenseitigen Sticheleien nicht nur die Kranken zum Lachen. So steht die Chirurgin einer Zwangspensionierung des operierenden Urgesteins durch ihren Sex-Friend auch mehr als skeptisch gegen. In dem Moment als Cristina ihren neuen Freund Dr. Thomas gegenüber Parker verteidigt wird deutlich, wie sehr sich Cristina in den letzten Jahren verändert hat. Die neue Empathie steht ihr gut!
In der chronisch höflichen Umgebung des Mayo-Klinikums ist Cristinas abgeklärtes Wesen und die damit einhergehende Ehrlichkeit genau das, was Dr. Thomas schätzen kann.
Nachdem Cristina ihren gereiften Freund zu einer neuartigen Methode für die anstehende Operation überredet hat, gerät dieser bei der Arbeit ins Stocken. Gerade als man beginnt, Dr. Thomas zu bemitleiden, gelingt es ihm dank seiner brillanten Partnerin, den richtigen Dreh herauszubekommen. Es bleibt zu hoffen, dass diese fruchtbare Zusammenarbeit noch ein wenig andauern wird.
Die komplizierteste Nebensache der Welt
April Kepner (Sarah Drew) scheint ihren Wiederjungfräuligkeitsbestrebungen keine allzu große Priorität mehr zuzuordnen, weswegen sie sich in Zusammenarbeit mit Jackson Avery (Jesse Williams) dem allgegenwärtigen Treiben anschließt. Das innere Zerwürfnis der Ex-Schweinemästerin äußert sich in Unterhaltsamkeiten wie einem postkoitalen „I am going to go pray“.
Die Tatsache, dass Averys Mutter nach Seattle kommt, um eine Operation an spektakulär-vergrößerten Hoden durchzuführen, trägt auch nicht dazu bei, das Dilemma zu entschärfen.
Like in High School
Richard Webbers (James Pickens Jr.) auffällige Unbeschwertheit und seine aufgebrezelte Erscheinung kündigen die Anwesenheit von Catherine Avery (Debbie Allen) bereits an, bevor man die Urologin überhaupt zu Gesicht bekommt.
Während die beiden mit Inbrunst ihren zweiten Frühling zelebrieren, ist besonders Webbers geschmeichelter Blick als Reaktion auf ein Kompliment schlichtweg bezaubernd. Auch, als Jackson ihn schließlich zu einem Von-Mann-Zu-Mann-Gespräch zur Seite nimmt, darf der Routinier wieder seinen spitzbübischen Charme versprühen, indem er den Sohn seiner Geliebten mit einem „You're just going to have to deal with it“ in die Schranken weist.
Vom Chirurgen zum Lehrer
Doch wir wären nicht im Seattle Grace, wenn sich jegliches Drama in Sonnenschein und Regenbögen auflösen würde. Dereks Handverletzung hat Konsequenzen nach sich gezogen. Der Ausnahmechirurg nimmt nicht länger selbst das Skalpell in die Hand, sondern lehrt das knifflige Procedere den Nachwuchschirurgen. Aus Rücksicht darauf, dass Mr. Impossible Tumor seiner Berufung nicht länger nachgehen kann, wird er von Meredith mit einer wohlwollenden Lüge bedacht, indem sie ihm eine spektakuläre Operation verschweigt.
Als Derek durch seine Schüler von der Unwahrheit erfährt, hätte dies für neuerlichen Konfliktstoff in seiner krisenerprobten Beziehung sorgen können. Doch in diesem Falle gönnt Shonda Rhimes den beiden eine verdiente Portion liebevoller Harmonie.
Arizonas langer Weg
Alles andere als harmonisch war bis zuletzt das Betragen von Arizona (Jessica Capshaw), deren euphorisches Wesen sich nach der Amputation ihres Beines ins Gegenteil verkehrt hatte. Auch jetzt benutzt sie die durch und durch hingebungsvolle Callie noch als Ventil für ihre Wut. Doch endlich beginnt sie nun damit, ihren Weg zurück ins Leben zu finden. Dabei steht ihr der Prothesen-Spezialist David Moore (Ethan Embry) zur Seite. Der Neue macht durch sein ungezwungenes Auftreten („Till one of uns dies or your leg grows back“) zwar nicht den sensibelsten Eindruck, kann aber zweifelsohne Sympathiepunkte sammeln. So kann sich auch Arizona schon ein vorsichtiges Lächeln abringen.
Auch Alex Karev (Justin Chambers), dessen Figur ansonsten leider nicht sonderlich viel Spielraum gegönnt wird, kommt seiner Kollegin zu Hilfe. Nach so viel Unterstützung aus verschiedenen Richtungen kann sich die Kinderchirurgin endlich auch gegenüber Callie wieder ein kleines bisschen öffnen...
Die Patienten
Merediths Praktikantin Heather Brooks (Tina Majorino) hat das richtige Gespür bewiesen und ist dadurch auf einen ungewöhnlichen Tumor gestoßen. Der gesundheitsbewusste Bodyguard, der von dem Krebsgeschwür heimgesucht wird, fängt im Angesicht der fatalen Diagnose an zu weinen. Leider wird die Gefühlsregung des starken Mannes dabei ins Lächerliche gezogen und darf somit lediglich für einen Schmunzler am Rande herhalten.
Zu vernachlässigen ist auch die Beziehungsgeschichte, die sich im Umfeld des Hoden-Patienten offenbart. Der schüchterne Junge, der nach vielen Jahren endlich den Mut findet, um seiner besten Freundin seine Liebe zu geschehen, funktioniert einfach zu gut als Untermalung der aufblühenden Romantik zwischen Webber und Catherine Avery, um nicht konstruiert zu wirken.
Die Ärzte
Von ihren Partnern im Stich gelassen, finden sich zwischenzeitlich ausgerechnet Hunt und Callie Torres (Sara Ramirez) zusammen. In den Räumlichkeiten von Joe's Bar können sie sich gegenseitig Kraft spenden - und scheinen dabei fast zu gut zu harmonieren.
Dr. Bailey (Chandra Wilson) hüpft wie ein Flummi durch die Episode und hat sich der Verbreitung von unangebrachtem Humor verschrieben - eine Eigenschaft, die inmitten all des Dramas durchaus willkommen ist.
Fazit
Die Episode I Saw Her Standing There kommt etwas langsam daher. Da sich im Erzähltempo jedoch die schweren Bemühungen der Ärzte widerspiegeln, den Verlust ihrer Freunde, Partner oder Gliedmaßen zu verarbeiten, ist dies durchaus angebracht. Wie Meredith aus dem Off berichtet, geht es vor allem darum, sich gegenseitig zu unterstützen:
Yang schlägt sich auf die Seite von Dr. Thomas, Callie kann sich bei Hunt den Kummer von der Seele reden, Hunt wiederum findet bei Derek ein offenes Ohr - wofür dieser ihm wiederum das seine leiht. Selbst Arizona tastet sich vorsichtig und dank der Unterstützung von Dr. Moore und Karev wieder ein Stück weit ans Leben heran.
Derek schafft es zudem, auch aus seiner Arbeit als Lehrer Bestätigung zu ziehen. Dabei hilft es sicher, dass seine Beziehung mit Meredith endlich einmal herzlich angenehm verläuft.
Der Teil, der Dr. Hunt zum Ganz-sein fehlt, heißt Cristina. Da es zumindest vorerst nicht danach aussieht, als würde sie bald nach Seattle und somit in sein Leben zurückkehren, leistet auch er auf seine Weise Trauerarbeit und gibt sich dem freiwilligen Einsiedlertum in Dereks Wohnwagen hin.
Kevin McKidd (Dr. Hunt) hat somit in seiner Funktion als Regisseur dieser Episode eine schöne Inszenierung kreiert, an der lediglich die medizinischen Randerscheinungen lieblos geraten sind.
Verfasser: Thordes Herbst am Freitag, 26. Oktober 2012(Grey's Anatomy 9x04)
Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 9x04
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