Grey's Anatomy 13x08

Grey's Anatomy 13x08

Nur eine Episode vor dem Herbstseasonfinale unterbricht der Lauf der Handlung zugunsten einer experimentellen Collage, bestehend aus einer einzigen Operation. Webbers Lektion in Empathie gerät dabei zur ästhetisch wie inhaltlich gelungenen Introspektion der beteiligten Chirurgen und Chirurginnen.

Kevin McKidd, James Pickens Jr., Ellen Pompeo und Jerrika Hinton in „Grey's Anatomy“ / (c) ABC
Kevin McKidd, James Pickens Jr., Ellen Pompeo und Jerrika Hinton in „Grey's Anatomy“ / (c) ABC

Die aufwühlenden Ereignisse vergangener Grey's Anatomy-Episoden, wie etwa Alex' (Justin Chambers) anstehender Prozess oder die strukturellen Veränderungen des Lehrprogramms im Krankenhaus, treten in The Room Where It Happens völlig in den Hintergrund des Geschehens. Stattdessen werden wir Zuschauer/-innen zunächst Teil einer bekannten, von Hektik und Dringlichkeit getragenen Szenerie: Meredith (Ellen Pompeo), Owen (Kevin McKidd), Webber (James Pickens, Jr.) und Senior-Resident Steph (Jerrika Hinton) bemühen sich nach allen Kräften, das Leben eines namenlosen Unfallopfers zu retten.

Nun ist Webbers beharrliche Lektion in Empathie, die die Chirurg-/innen angesichts der komplizierten und hektischen Operation zunächst als lästig empfinden, nichts wirklich Neues - ähnliche erzieherische Anklänge dürften langjährige Fans der Serie noch in Bezug auf Alex oder Cristina in Erinnerung haben. Auch die Entscheidung, den Lauf der Handlung so kurz vor der anstehenden Pause einzufrieren, bedarf erst einmal einer wohlwollenden Kenntnisnahme - zumal beinahe vorwegzunehmen ist, dass die kommende Episode möglicherweise einige Cliffhanger bereithalten wird.

Doch interessanterweise geriert sich das völlige Stillstehen der laufenden Handlung zum audiovisuellen, zum plotinternen Prinzip von „The Room Where It Happens“. So entwickelt jede/r der anwesenden Chirurg-/innen fragmentarische, aus Schlafmangel entstehende und aus dem Unterbewusstsein stammende Bilder, um dem namenlosen Patienten eine Geschichte zu verleihen, während Zeit und Raum um sie herum außer Kraft gesetzt werden.

Bridget Regan in %26bdquo;Grey%26#039;s Anatomy%26ldquo; © ABC
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Do not stop until you can clearly see her

Die ästhetische Aufmachung dieser Episode zeichnet sich daher, im Vergleich zur sonstigen Stilistik dieser Serie, durch einen nahezu experimentellen Charakter aus. Nun ist es letztlich Geschmackssache, wie sehr man sich auf eine derartige Herangehensweise einlassen möchte oder nicht - im Zeichen einer Krankenhausserie werden den kritischen Betrachter-/innen jedoch „rationale“ Gründe geliefert: Sowohl Meredith als auch Owen und Steph befinden sich aufgrund Schlafmangels am Rande der Arbeitsfähigkeit.

Die eingangs erwähnte Introspektion der einzelnen Chirurg-/innen und deren quasi frei fantasierendes Unterbewusstsein findet dabei auf überaus gelungener Art und Weise auch der Form entsprechend ihren Ausdruck. So überlagern sich nach und nach musikalische Themen: Das klassische Cello-Spiel von Gayle, der von Webber ins Gedächtnis gerufenen, an Krebs verstorbenen Mutter, wird zum bedrohlichen Dröhnen, wenn Owen sich an seine Zeit im Kriegsdienst erinnert. In diesen Szenen bekommt auch seine vermutlich verstorbene Schwester Megan (Bridget Regan) ein Gesicht.

Berührende Einblicke in Stephs Kindheit, die sie aufgrund ihrer Krankheit überwiegend mit Lesen verbrachte und die sich von ihrem jüngeren Ich ermutigen lässt („Speak up!“), bereiten schließlich auf Merediths gedankliche Reise vor.

Auf visueller Ebene oszilliert das Fantasierte oder Erinnerte dabei immer zwischen dem realen (Operationssaal) und erdachten Raum. Die Überlagerung dieser Bilder könnte dabei metaphorisch, ja gerade psychoanalytisch gelesen werden.

You fix everyone

Die unterbewusst am intensivsten und dominierendsten Emotionen, die Meredith, Owen, Webber und Steph auf die Situation des namenlosen Patienten projizieren, nehmen dementsprechend Gestalt an, treten in den titelgebenden Raum ein, werden also bewusst. Insbesondere in Bezug auf Steph und Owen können die von ihnen erdachten und erinnerten Figuren dabei als innere Instanz gelesen werden. Während sich Steph durch ihr jüngeres Ich bestärken lässt, ist das kleine Mädchen zugleich Symbol des eigenen „Geistes“, also ihres Wissens und Denkens.

Owens Unterbewusstsein lässt seine Schuldgefühle hingegen in Form der verstorbenen Schwester Gestalt annehmen. Dass Owen in diesen Szenen nicht ausschließlich erinnert, wird nicht nur durch das Überschreiten der räumlich-gedanklichen Grenzen deutlich. So steht sie in Gestalt der Schuldgefühle neben ihm, wenn er im Einsatz operiert, und erscheint schließlich an Owens Seite im OP-Saal.

Kleine, anachronistische Andeutungen - wie etwa Megans Bemerkung über Owens posttraumatische Belastungsstörung, die schließlich dazu führte, dass er Cristina im Schlaf beinahe erwürgte - deuten daher darauf hin, dass an dieser Stelle die Erinnerung an die tatsächliche Person mit den Erinnerungen und dem Aufleben der Emotionen zu dieser Person zu den eigenen Schuldgefühlen und dem Trauma des Einsatzes ineinander aufgeht.

Ellen Pompeo in %26bdquo;Grey%26#039;s Anatomy%26ldquo; © ABC
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Mit Merediths Erinnerungsfragmenten gewinnt dieser traumartige Ausflug in das Unterbewusstsein schließlich wieder an schmerzvoller Realitätsverankerung. Der Name und Hintergrund des Patienten wird bekannt und unweigerlich begibt sich Meredith gedanklich in das wohl schmerzhafteste Ereignis ihres Lebens.

Diese vergleichsweise kurze Szene nimmt dabei die zuvor hergestellte Intensität förmlich in sich auf, kulminiert auch musikalisch in der Verbindung aller zuvor gesehenen und gehörten Elemente: Das dröhnende Cello tritt am Ende in den Hintergrund, um dem musikalischen Leitthema von Dereks Tod Raum zu geben. Der Versuch, ihrer Tochter Zola das Unbegreifliche begreiflich zu machen, dürfte wohl mit eine der stärksten darstellerischen Leistungen Ellen Pompeos in der bisherigen Staffel gewesen sein.

Fazit

Die Episode The Room Where It Happens löst sich radikal von allen aktuellen Handlungssträngen, um nur eine einzige Operation, vor allem aber die Introspektion der daran beteiligten Chirurg-/innen in das Zentrum des Geschehens zu rücken.

James Pickens
James Pickens

So überzeugt insbesondere die ästhetische Form dieser 42 Minuten, die sich nicht davor scheut, einen eher experimentellen Zugang zur Erzählung zu suchen. Dass Inhalt und Form dabei äußert gelungen zueinander finden, stellt zugleich das innere Thema dieser Episode dar: Gedanklicher und realer Raum gehen immer wieder ineinander über, Unterbewusstes tritt in den Raum des Bewussten hinein und entfaltet in allen einzelnen Fragmenten eine überzeugende Intensität.

Angesichts des anstehenden Herbstseasonfinales ist davon auszugehen, dass dieser traumartige Ausflug für sich stehen wird - warten doch dringliche Fragen nach den Ereignissen um Alex, Jo und Webber darauf, uns mit Cliffhangern bis in den Januar hinein zu vertrösten.

Verfasser: Hannah Klein am Samstag, 12. November 2016

Grey's Anatomy 13x08 Trailer

Episode
Staffel 13, Episode 8
(Grey's Anatomy 13x08)
Deutscher Titel der Episode
Gedankenexperimente
Titel der Episode im Original
The Room Where It Happens
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 10. November 2016 (ABC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 19. April 2017
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Montag, 3. April 2017
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Montag, 24. April 2017
Autor
Meg Marinis
Regisseur
Debbie Allen

Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 13x08

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