Grey's Anatomy 12x05

Gleich eine ganze Grey's Anatomy-Episode wird der Konfrontation von Meredith (Ellen Pompeo) mit ihrem größtem Trauma, dem Verlust der Liebe ihres Lebens und Vater ihrer Kinder, gewidmet. Guess Who's Coming to Dinner kommt dabei fast ohne Ortswechsel aus. Abseits der emotional treffsicher erzählten Auseinandersetzung zwischen Penny (Samantha Sloyan) und Meredith ist es vor allem die Inszenierung der Episode als solche, die überzeugt. Der Verzicht auf viele Schnitte und Ortswechsel sowie der reduzierte Einsatz von Musik, erzeugt eine kammerspielartige Grundstimmung.
So sind es neuerdings die - wenn auch nicht immer wahnsinnig innovativen - Toncollagen und Leitmotive, die für die „Grey's“-typische Gänsehaut sorgen. Zu Recht merkten einige Kommentierende zuletzt an, dass die Auswahl aktueller Popsongs nur sehr schwerlich an das einst hervorstechende Niveau musikalischer Untermalung der Serie anschließen konnte. Guess Who's Coming to Dinner beweist indes, dass die „Alles neu“-Strategie auch in dieser Hinsicht ein Gewinn ist. Mit der surrend-rauschenden Vertonung von Merediths inneren Kämpfen gegen ihre Flashbacks kommen wir als Zuschauer/-innen deutlich näher an ihren Charakter heran - und umgekehrt. Durch den auf ein Minimum reduzierten Einsatz wird eine dem Theater ähnelnde Unmittelbarkeit erzeugt, die natürlich in gefühlvoll aufgeladenen Szenen umso spürbarer wird - und vor allem Raum lässt für eine schauspielerische Leistung Ellen Pompeos, die an ihre besten Zeiten als Meredith Grey anknüpft.
Sicherlich haben sich Songs wie „Chasing Cars“ längst in die Geschichte von Grey's Anatomy eingeschrieben. Aktuell ist es dennoch gut zu wissen und schön zu sehen, dass es zum Aufbau mitreißender Szenen keiner popmusikalischen Unterstützung bedarf.
Perfect Penny killed my husband

Wenngleich der Großteil an Reaktionen und Verhaltensweisen im Gefüge der Dinnersituation in dieser Episode vorhersehbar ist, überrascht der gelungene Spannungsaufbau bis zum großen Knall. Wo Vorhersehbarkeit in einer langlebigen Serie wie Grey's Anatomy ohnehin kaum vermeidbar ist, kann sie, positiv gewendet, auch schlicht ein Zeichen dafür sein, wie gut die Zuschauer/-innen die Figuren bereits kennen. Das trifft insbesondere auf Merediths zögernde Schockstarre zu, die schließlich in einem ausufernden Zusammenbruch gegenüber Amelia (Caterina Scorsone) mündet.
Auf den ersten Blick stellte sich in dieser Hinsicht ein Gefühl von Unverständnis ob der Intensität und dem Ausmaß von Merediths Reaktion ein - hier noch einmal zum Nachlesen: „I did nothing to you. I lost my husband and the father of my children and you're falling apart? I don't get to do that, because I have three kids. So please shut up and get out of my room!“. Und zum hereinkommenden Owen dann: „Get her out of here, before I kill her!“
Die Verwicklungen in diesem großen Chaos aus Schuld, unerträglicher Trauer und Wut sind indessen vielschichtiger, als dass Meredith an dieser Stelle Unverhältnismäßigkeit oder Mangel an Sensibilität gegenüber Amelia vorgeworfen werden könnte. Sowohl Meredith als auch Amelia teilen sich die Tendenz, starke Gefühle zu unterdrücken, wie auch immer diese Verdrängung geartet ist. In Bezug auf Meredith kommt hinzu, dass in diesem Ausbruch weit mehr steckt als Ärger über Amelias Verhalten. Er ist Projektion und Ausdruck von Verzweiflung in einem. Verzweiflung aufgrund des unerträglichen Drucks, den sie als „funktionierende“ Mutter von drei Kindern und als Chirurgin ertragen muss, sprich: sich in allen Belangen zusammenzureißen. Die Ohnmacht und Wut angesichts dieser Tatsache projiziert sie hingegen auf Amelia - was in Teilen zutreffen mag -, sie ist aber vielmehr noch an Penny gerichtet. Und verübeln kann man es ihr nicht.
Auch wenn sich durchaus Mitleid einstellt angesichts der unerträglichen Situation am Tisch, darf man spätestens am Ende der Episode genervt mit den Augen rollen. Überraschenderweise reagiert Meredith ob der abermaligen Entschuldigung Pennys nicht mit Aggression, sondern mit einer Art Friedensangebot. Denn Shonda Rhimes aka Queen of Dramatic Twists hat natürlich (das komplett vorhersehbare) Ass im Ärmel: Penny wird im Grey Sloan Memorial als Resident Surgeon anfangen. Andererseits bleibt Merediths Reaktion insofern nachvollziehbar, als dass sie ihre Gefühle zuvor gegenüber Alex reflektieren kann, denn: „Now she's a person.“ Die Ärztin, die ihren Mann behandelte, hat nun nicht mehr nur ein Gesicht, sondern ist eine greifbare Person in ihrem Leben.
Sicherlich wäre es merkwürdig, die Figur nach dieser Episode einfach fallen zu lassen. Trotzdem kann mit Spannung erwartet werden, was die Autoren/-innen aus diesem Plot machen und ob er über naheliegende Entwicklungen hinausreichen wird, die da wären: Penny wird mithilfe der übermenschlich starken Meredith zur Superchirurgin, beide überwinden im Zuge dessen ihr jeweiliges Trauma; es wird natürlich etwaige Konflikte zwischen Arizona, Callie und Penny geben, an deren Ende Calzona wieder zusammenkommen - aber, wer weiß... Vielleicht kommt ja alles auch ganz anders.
Why are you so perfect?

Die Entwicklungen in Bezug auf sämtliche Beziehungsdramen sind nicht minder ambivalent zu bewerten. Beispielhaft könnte an dieser Stelle der Plot um Owen (Kevin McKidd) und Amelia herangezogen werden. Trotz neuerlicher Harmonie stellt sich eher verhaltene Freude ein. Das mag einerseits an der aufgewärmten Cristina-Story liegen. Vielleicht sind die beiden als glückliches Paar zuletzt aber auch einfach zu kurz gekommen und der Handlungsstrang entfaltet in den kommenden Episoden eine intensivere Wirkung.
Guess Who's Coming to Dinner gewinnt dank Maggies (Kelly McCreary) großartig charmanter Unbeholfenheit deutlich an Auflockerung. Allem Anschein nach entwickelt sich zwischen ihr und dem Assistenzarzt Andrew DeLuca (Giacomo Gianniotti) etwas Ernsthafteres - sie scheinen sich nicht zuletzt dank Maggies Blasenentzündung deutlich näherzukommen. Wenn auch nur in Ansätzen trifft dieser Umstand ebenso auf April (Sarah Drew) und Jackson (Jesse Williams) zu. Zwar wohnt Jackson mittlerweile übergangsweise bei Bailey (Chandra Wilson) und Ben. Das Gespräch in der Küche am Ende der Episode zeigt jedoch, dass nach wie vor Vertrautheit und Nähe zwischen den beiden besteht. Zu einer Versöhnung wird es in absehbarer Zukunft wohl eher nicht kommen, doch zumindest scheint Aprils Akzeptanz der Situation ein Schritt in die richtige Richtung zu sein.
An anderer Stelle verschärft sich der Streit zwischen Jo (Camilla Luddington) und Steph (Jerrika Hinton) erneut. Für Jos Figur eröffnet sich in dieser Hinsicht Potential: Nach Stephs Ansage sind Jos Komplexe ein für alle mal auf dem Tisch. Zeit für die Autoren/-innen, ihrem Charakter endlich Raum zu geben und etwas daraus zu machen.
Fazit
Guess Who's Coming to Dinner) überzeugt sowohl stilistisch als auch inhaltlich. Herausstechend ist in erster Hinsicht der reduzierte, perfekt platzierte Einsatz von musikalischer Untermalung, die sich in dieser Episode eher als Vertonung von Gefühlszuständen veräußert. Eine sehr gelungene Neuerung innerhalb der zwölften Staffel, von der wir hoffentlich mehr hören werden.
Inhaltlich gelingt es einerseits, den Zuschauer/-innen einen intensiven, mitreißenden und berührenden Einblick in das Gefühlsleben von Figuren der ersten Stunde zu gewähren. Andererseits eröffnen die Autoren/-innen auch für neuere Beziehungen und Figuren schrittweise Raum zu Entwicklung, zum Beispiel in Bezug auf Jo.
Insgesamt kann sich der Bewertung von vorigen Episoden nur angeschlossen werden: Die zwölfte Staffel Grey's Anatomy erweist sich schon jetzt als sehenswerte Unterhaltung, die an alte Höhepunkte anknüpfen kann.
Der Trailer zur Episode The Me Nobody Knows (12x06) der US-Serie Grey's Anatomy:
Verfasser: Hannah Klein am Freitag, 23. Oktober 2015Grey's Anatomy 12x05 Trailer
(Grey's Anatomy 12x05)
Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 12x05
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