Grey's Anatomy 12x06

Grey's Anatomy 12x06

Pennys erster Tag im Krankenhaus steht im Zentrum der Handlung. Von einer knallharten Meredith bis zum versöhnlichen Ende verläuft all das erwartungsgemäß und kann daher wenig begeistern. Missfallen löst vor allem aber die sich abzeichnende, erneute Thematisierung der Kriegseinsätze von Owen und April aus.

Streit auf dem Damenklo in „Grey's Anatomy“ / (c) ABC
Streit auf dem Damenklo in „Grey's Anatomy“ / (c) ABC

Dass das hohe Niveau der vorangehenden Episoden dieser bislang sehr guten zwölften Staffel nicht auf Dauer gehalten werden kann, ist zwar schade, aber gleichzeitig keine Überraschung. In einer langlebigen Serie mit über 20 Episoden darf gut und gerne die ein oder andere Füllerepisode unterkommen, so weit so klar. Bei Grey's Anatomy stellt sich indessen der Eindruck ein, dass ebendiese oft zum ungünstigsten Zeitpunkt eingeschoben werden, so auch im Fall von The Me Nobody Knows. Durch den überaus (emotional) spannungsreichen Plot von Guess Who's Coming to Dinner wurden gewisse Erwartungen geschürt, vor allem in Bezug auf die Richtung, in die die Autor/-innen mit der Storyline um Penny Blake (Samantha Sloyan), Meredith (Ellen Pompeo), Callie (Sara Ramirez) und Amelia (Caterina Scorsone) wollen.

Große Überraschungen oder neue Akzente werden in dieser Hinsicht leider vergeblich gesucht. Vielleicht werden an dieser Stelle voreilige Schlüsse gezogen, doch da genannte Storyline bislang par excellence nach Schema F verläuft, drängt sich die Frage nach dem Potential, der Notwendigkeit derselben auf. So hat es Penny natürlich alles andere als leicht, zumal sie - wer hätte das erwartet - gleich an ihrem ersten Tag Meredith zugeteilt wird. Dass es Meredith am Ende der Episode gelingt, indirekt versöhnlich auf die neue Assistenzärztin zuzugehen, überrascht genauso wenig, wie das dafür notwendige Gespräch zwischen ihr und Dr. Webber (James Pickens Jr.).

Samantha Sloyan spielt Penny in %26bdquo;Grey%26#039;s Anatomy%26ldquo;. © ABC
Samantha Sloyan spielt Penny in %26bdquo;Grey%26#039;s Anatomy%26ldquo;. © ABC

Sicherlich steht und fällt nicht alles mit einer einzigen Episode. Dass sich jedoch gewisse Tendenzen abzeichnen, wurde in „The Me Nobody Knows“ dafür an anderer Stelle umso deutlicher: April (Sarah Drew) bringt mit Dr. Nathan Riggs (Martin Henderson) nicht nur einen neuen Arzt mit ins Ensemble, sondern auch die Befürchtung, dass die Thematik der US-amerikanischen Kriegseinsätze erneut prominent platziert werden wird.

What would Derek do?

Größe beweisen, über sich hinauswachsen, über den Dingen stehen und verzeihen: Meredith verlangt mal wieder alles von sich ab, doch abgesehen von diesem durchaus hehren Anspruch an die eigene Person, kann gleichzeitig gefragt werden, worum es ihr - und Amelia - hier eigentlich geht. Während ihr Schmerz angesichts der Person, die Derek Sheperd zuletzt behandelte und die ihn sterben sah, vollends nachvollziehbar bleibt, ist dennoch fraglich, von welchen Voraussetzungen ausgegangen wird. Momentan wird eine Schuldfrage herbei konstruiert, die bedenkliche Schlüsse zulässt. So wirkt es stellenweise, als meinten es die beiden Schwägerinnen wortwörtlich, wenn sie sagen, Penny habe Derek umgebracht. Zumindest scheint das vor allem auf Amelia zuzutreffen, während Meredith immerhin versucht, mit Penny zu arbeiten.

Wie erwähnt ist es weder überraschend noch einfallsreich, dass Meredith sich zunächst als knallharte und eiskalte Chief of General Surgery zeigt, die Penny nahezu demütigt, um später durch das Gespräch mit Richard an den Punkt der „Vergebung“ zu gelangen. Tatsächlich hat diese Entwicklung in ihrem Symbolcharakter beinahe einen christlichen Unterton, und das nicht etwa, weil sie in der Kirche Zuflucht sucht. Dort will sie auch nicht mit oder zu Gott sprechen, sondern überlegt, was wohl Jesus, äh, Derek, getan hätte. Diese nachträgliche „Sakralisierung“ von Derek, die am Ende in Gedenken an ihn natürlich um Begriffe wie Vergebung kreist, irritiert indessen. Wäre er anstelle Merediths gewesen, schießen zumindest mir eher Bilder eines trinkenden Derek im Wohnwagen in den Kopf, als ein von vornherein gefasster, um Verständnis bemühter Chirurgengott.

In einem Ausblick ist es jedenfalls wünschenswert, dass sich dieser Plot zukünftig weniger voraussehbar gestaltet. Die größte Schwierigkeit wird aber darin bestehen, Pennys Figur eine charakterliche Tiefe zu verleihen und ihrer Person mehr Attribute zukommen zu lassen, als „die Freundin von Callie“ oder „die Chirurgin, die Derek vor seinem Tod behandelte“.

There's nothing here to save

An anderer Stelle geht es hingegen etwas ambivalenter zu. Die zaghafte Annäherung zwischen April und Jackson (Jesse Williams) findet in The Me Nobody Knows) neues Futter, als Erstgenannte den kleinen Kamal (Elisha Henig) aus Jordanien, gemeinsam mit einem befreundeten Chirurgen aus ihrem letzten Kriegseinsatz, nach Seattle beordert. Auch an dieser Stelle spielt ihr tiefer Glaube eine Rolle, wenngleich eine untergeordnete. April „The Machine“ Kepners unverwüstlicher Optimismus und Kampfeswille tragen schließlich dazu bei, dass Jackson und Callie die von Tumoren und Krebszellen befallenen Hände von Kemal retten können - doch auch das ist in letzter Konsequenz nebensächlich. Nebenbei bemerkt fiel die Darstellung des kleinen Patienten negativ auf. Doch das ist kein Einzelfall, denn auch rückblickend finden sich kaum Kinder, die ihrer jeweiligen Situation entsprechend angemessen dargestellt werden - was natürlich nicht an den Schauspieler/-innen, sondern am Autor/-innenteam liegt. Ein kleines bisschen mehr Realismus täte hier gut: Die überdurchschnittlich gut gelaunten und wenig verängstigten Kinder erfüllen ein immer gleiches Charaktermuster - klein, aber herzerweichend mutig, optimistisch, stark.

April kümmert sich um den Patienten in %26bdquo;Grey%26#039;s Anatomy%26ldquo; © ABC
April kümmert sich um den Patienten in %26bdquo;Grey%26#039;s Anatomy%26ldquo; © ABC

Vielmehr noch als die oft klebrig anhaftende Ergriffenheitsbemühung bezüglich der Darstellung nicht erwachsener Patienten, muss die Verschiebung auf eine ganz andere Thematik befürchtet werden. Mit Dr. Nathan Riggs erhält nämlich die Auseinandersetzung mit den Erlebnissen in Kriegsgebieten neuen Raum. Das muss nicht zwangsläufig schlecht sein, würden wir doch mehr über Aprils Zeit fernab von Seattle erfahren, und damit den Zeitsprung aus vorangehender Staffel ansatzweise füllen können. Und auch in Bezug auf April und Jackson könnte seine Figur eine relevante Rolle spielen. Derzeit stehen die beiden eigentlich kurz vor der Scheidung, doch nicht nur während des Dinners, auch in dieser Episode näherten sie sich zumindest ein wenig einander an. Vielleicht gelingt es Jackson durch Riggs, Aprils Erlebnisse und Beweggründe, letztlich auch ihre persönliche Veränderung besser nachzuvollziehen. Das wären zumindest die positiven Aussichten. Die Vergangenheit hat indessen gelehrt, dass in Bezug auf diese Thematik allzu gerne auf Heroisierung und Pathos gesetzt wird, was Figuren wie Owen einiges an Sympathiepunkte kostete (zumindest zeitweise). Weil der gute Owen offenbar ein Problem mit Riggs hat, was bislang nicht näher erläutert wurde, dürfen wir uns in jedem Fall auf mehr einstellen.

Fazit

Trotz der nicht unwichtigen Handlungsfortschritte fühlt sich The Me Nobody Knows wie eine Füllerepisode an. Dieser Eindruck wird allen voran bestärkt durch die immer gleiche Wiederholung bekannter Schemata in Bezug auf die Entwicklung der Hauptcharaktere. Im konkreten Fall bedeutete das für Meredith, zunächst an ihren eigenen Ansprüchen zu scheitern, um mit Hilfe von Ersatzvater Richard (und in Gedanken von Derek) den ersten Tag mit Assistenzärztin Penny zu bewältigen. Diese wiederum kann sich nichts desto trotz auf harte Zeiten einstellen, nicht zuletzt wegen der noch ausstehenden Reaktion von Amelia, aber auch in Bezug auf das Verhältnis zu Arizona.

Falls kommende Episoden mit dem Auftauchen von Aprils Freund, Dr. Nathan Riggs, erneut in eine sentimentalen Patriotismus abdriften sollte (was nicht zwangsläufig so sein muss), haben wir es hierbei hoffentlich mit einem kurzen Intermezzo zu tun. Bestenfalls wird April und Jacksons Ehe vor ihrem Ende bewahrt, indem Letztgenannter Zugang zu den Erlebnissen seiner Frau findet.

Promo zur Episode 12x07 der Serie „Grey's Anatomy“:
Verfasser: Hannah Klein am Freitag, 6. November 2015

Grey's Anatomy 12x06 Trailer

Episode
Staffel 12, Episode 6
(Grey's Anatomy 12x06)
Deutscher Titel der Episode
Mein unbekanntes Wesen
Titel der Episode im Original
The Me Nobody Knows
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 5. November 2015 (ABC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 27. April 2016
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Montag, 18. April 2016
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Montag, 11. April 2016
Autoren
Karin Gist, William Harper
Regisseur
Jeannot Szwarc

Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 12x06

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?