Grey's Anatomy 12x07

Mit der Entscheidung, den Charakter Penny (Samantha Sloyan) konsequent in die Handlung einzuweben, geht eine Notwendigkeit einher, die zwar verständlich, nichts desto weniger ermüdend bleibt: Zwangsläufig muss es eine Konfrontation zwischen Meredith (Ellen Pompeo und der Assistenzärztin geben, genauso wie ein Aufreiben zwischen Erstgenannter und Callie (Sara Ramirez). Ermüdend ist dabei nicht unbedingt der gewöhnliche „Dreiakter“, also die Struktur, nach derer sich die Handlung entfaltet, sondern der etwas einfallsarme Inhalt. Dass es Penny allerdings in dieser Episode gelingt, sich gegen Merediths weiterhin recht unbeholfene Methoden durchzusetzen, und sich dabei gleichzeitig von Freundin Callies bemutternder Fürsorge freimacht, ist positiv zu bewerten - vor allem deshalb, weil nun das Feld für interessantere Handlungsstränge eröffnet wurde.
Einhergehend mit der Einführung von gleich zwei neuen Figuren - neben Penny nämlich auch Dr. Nathan Riggs (Martin Henderson), ist leider auch das abermalige Verschwinden von vernachlässigten Charakteren hinter ihnen. Insbesondere gilt das für Jo (Camilla Luddington), deren Screentime sich auf Szenen um ihren selbstbezogenen Ehrgeiz und ihr angeknackstes Selbstbewusstsein als Chirurgin beschränkt. Die Absichten der Autor/-innen in Bezug auf Riggs bleiben indessen nebulös. Dem Anschein nach fungiert er bislang nur als erneute Projektionsfläche und Konterpart zu Owen (Kevin McKidd) und seinen Kriegstraumata; ein Thema, von dem die Serienmacher/-innen wohl einfach nicht die Finger lassen können. Das ist bedauerlich, da sich Owens Entwicklung immer und immer wieder um die gleichen Komplexe dreht: Selbstzerstörerische Liebe oder unverarbeitete Erlebnisse.
Obwohl beide Handlungsstränge nur bedingte Begeisterung hervorrufen, hebt sich die Grey's Anatomy-Episode Something Against You erkennbar von vorangehender Episode ab. Zugute kommt ihr einerseits die deutlich gelöstere Atmosphäre. Der dadurch eröffnete Raum wird andererseits gefüllt mit Szenen, die nicht direkt an aktuelle Storylines anknüpfen, in dieser Episode aber hervorstechen und gleichsam ihren Höhepunkt beschreiten. Mit der eindringlichen, unmissverständlichen Thematisierung von Alltagsrassismus und weißen Privilegien gelingt es Shonda Rhimes erneut, Grey's Anatomy eine gesellschaftskritische Ebene zu verleihen; ein Umstand, der im Mainstream-TV leider nicht selbstverständlich ist.
Okay then, we hate him.

Dass Meredith dem Anspruch, den sie an sich selbst erhebt, schon in voriger Episode in Bezug auf den Umgang mit Penny nur schwer gerecht werden konnte, zeigt sich auch in Something Against You. Der spürbare Ablehnung, Wut und dem absichtlichen Schikanieren der Assistenzärztin ist nun zwar fast indifferente Freundlichkeit gewichen. Schnell zeigt sich aber, dass diese Umkehrung letztlich nur ein weiterer Versuch ist, Pennys Präsenz und all das, was sie in Meredith auslöst, zu ertragen. Entlang der Patientengeschichte um Mr. Jaffee (Weston Nathanson), die lediglich eine untergeordnete Rolle spielt, wird Merediths innerer Konflikt schließlich verhandelt. Nun könnte man zurecht beklagen, dass all das wenig mitreißend umgesetzt wurde, von Callies Bemutterung gegenüber Penny inklusive des obligatorischen Streits zwischen ihr und Meredith, bis hin zu der erlösenden Konfrontation zwischen Penny und ihrer Chefin. Dennoch kann dem Plot auch etwas Positives abgewonnen werden. Zum Beispiel der Umstand, dass Penny durch ihr lautstarkes Aufbegehren sowohl gegen Callie („You're embarrassing me!“ und „Please, shut up.“) als auch gegen Meredith aus der wenig variablen „Opferrolle“ (im Sinne von Mobbing) heraustritt. Es war zwar gewissermaßen abzusehen, dass sich die Assistenzärztin von Callies gut gemeinter Bevormundung abgrenzen muss, will sie im harten Chirurgenwettstreit bestehen. Diese Abgrenzung eröffnet dem Plot aber die Möglichkeit für interessantere Entwicklungen. Da nämlich auch Arizona offenbar wieder bereit für etwas Neues ist, wird es spannend werden, wie das Ex-Ehepaar zurecht kommen wird.
Darüber hinaus wird in Bezug auf Meredith ein subtiler Bogen zu den Tiefen ihres Charakters gespannt. Owen gerät sichtlich außer Fassung angesichts der Anwesenheit eines gewissen Dr. Nathan Riggs. Viel interessanter als das noch immer nicht gelöste „Rätsel“ der Hintergründe ist dagegen die Szene zwischen Owen und Meredith. Die Erinnerung an Cristina (Sandra Oh) ist eine schöne, gleichzeitig traurige Referenz an das Fehlen einer person in ihrem Leben (zumindest in dieser Intensität). Die Schlagweite der grenzenlosen Loyalität, die sich die beiden Frauen einst entgegenbrachten, kann sogar Owen noch immer überraschen, als Meredith ihm ohne Nachbohren ihre Solidarität bekundet: „Okay then, we hate him.“ Meredith ist es egal, was zwischen Owen und Riggs passiert ist. Das kann man nun fair oder weniger fair finden; diese Einstellung ist und bleibt aber ein typischer Charakterzug von Meredith, der sie unter anderem zu einer interessanten Figur macht. Die Szene im Aufzug mit Riggs und Meredith hingegen spornt die Fantasie an: Was, wenn dieser geheimnisvolle Army-Arzt plötzlich doch sehr „interessant“ wird?
Check your white privileges!

Maggie versteht sich nach einem holprigen Anfang zwar auch ganz gut mit Nathan Riggs, findet ihn gar charmant - dem entgegen steht momentan aber noch die Affäre mit Intern Andrew. Weitaus präsenter und interessanter als Maggies Liebesleben sind in dieser Episode natürlich die Szenen mit ihr und Amelia. Dramaturgisch wie inhaltlich gelingt es dabei auf beeindruckende Weise, ein so komplexes Thema wie (Alltags-)Rassismus, (weiße) Privilegien und nicht zuletzt die Problematik des sogenannten „White Feminism“ auf den Punkt zu bringen.
All diese miteinander zusammenhängenden Komplexe werden eigentlich schon in der ersten Szene zwischen Amelia und Maggie angerissen. Die Frauen sind sich einig, dass sie als Ärztinnen sowohl im Kollegium, vor allem aber auch von Patientenseite oft nicht gleichberechtigt behandelt werden, dass noch immer bewusste wie unbewusste Geschlechterdiskriminierung stattfindet. Als Maggie darauf hinweist, dass in Bezug auf sie darüber hinaus immer auch Rassismus eine Rolle spielt bzw. spielen kann, kulminiert in Amelias ungläubiger Reaktion das, was Maggie später mit der Aufforderung „Check your white privileges!“ auf den Punkt bringt: Als weiße Person ist sich Amelia den Rassismen, die immer noch tief in die Köpfe Vieler eingeschrieben sind, nicht bewusst. Und zwar deshalb, weil für sie, anders als für Maggie, niemals eine Notwendigkeit dazu besteht. Sie kann sich mit Rassismus auseinandersetzen, muss es aber nicht. Maggie hingegen ist mitunter allgegenwärtig davon betroffen - und zwar auch dann, wenn sie zum „Sprachrohr“ aller schwarzen Personen erkoren wird. Es ist großartig, wie pointiert und umfangreich dieser Komplex in nur wenigen Szenen eingefangen wurde.
Fazit

Trotz der immer noch mäßig mitreißenden Handlungsstränge um Meredith, Penny, Owen und Nathan Riggs kann der Episode Something Against You Positives abgewonnen werden. Während die Fortschritte zwischen Meredith und Penny in den kommenden Episoden hoffentlich die Bühne für fesselndere Storylines eröffnen, wurde darüber hinaus mit wenigen Worten ein Bogen geschlagen zu Meredith von heute, und wie wir sie einst kennenlernten.
Auch an dieser Stelle zeigt sich, wie sehr ihre Figur doch von der Abwesenheit des verstorbenen Dereks profitiert, so makaber es klingen mag. Die Darstellung charakterlicher Tiefe und ein Handlungspotential in derartigem Umfang waren lange nicht denkbar.
Der Befürchtung, dass der Kriegsthematik mit dem Auftauchen von Nathan Riggs aufs Neue Raum gegeben wird, weicht nun Gewissheit. Owen ist mehr als außer sich, das kommende Winterfinale hält dahingehend hoffentlich ein paar Antworten parat.
Klares Highlight der Episode bestreiten die Szenen um Maggie und Amelia. Die pointierten Dialoge werden dabei gekonnt in die Handlung eingewoben, ohne plakativ und zusammenhangslos zu wirken.
Der Serientrailer zur Episode Things We Lost in the Fire der Serie Grey's Anatomy (12x08):
Verfasser: Hannah Klein am Freitag, 13. November 2015Grey's Anatomy 12x07 Trailer
(Grey's Anatomy 12x07)
Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 12x07
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