Grey's Anatomy 12x08

Grey's Anatomy 12x08

Ein Großbrand rahmt die Ereignisse dieses Winterfinales, das weitaus mehr Fragen als Antworten hinterlässt. Erwartungsgemäß spielen auch in dieser Episode die Patientengeschichten eine Nebenrolle, während sämtliche Probleme zentraler Figuren an ihren jeweiligen Höhepunkt getrieben werden.

Szenenbild aus der Serie „Grey's Anatomy“ / (c) ABC
Szenenbild aus der Serie „Grey's Anatomy“ / (c) ABC

Trotz des bedauerlichen Umstandes, das den Patientengeschichten auch in Things We Lost in the Fire eine kaum erwähnenswerte Rolle zukommt, hält das diesjährige Winterfinale einiges an dramaturgisch elegant zusammengeführten Höhepunkten bereit. Eingebettet in Baileys (Chandra Wilson) erste Krisen-Bewährungsprobe, nämlich einen Großband in Seattle, der zahlreiche verletzte Feuerwehrmänner- und frauen fordert, spitzen sich sämtliche unterschwellig brodelnden Konflikte der Hauptfiguren leise zu - bis es zum großen Knall kommt.

Während die Fortschritte der Storyline um Owen (Kevin McKidd) und Riggs (Martin Henderson) maximal zu einem verwirrtem Stirnrunzeln verleiten, zielen vor allem die Szenen um Meredith (Ellen Pompeo) und Amelia (Caterina Scorsone) dahin, wo es wehtut - in diesem Fall sogar weit unter die Gürtellinie. Anhand dieses Handlungsstrangs wird zweierlei auf beeindruckende Weise illustriert: Erstens die dramaturgisch hervorragend vorbereitete Entwicklung des Konflikts samt ebenso fesselnden Dialogen. Zweitens das Duo Pompeo/Scorsone: Bereits in Guess Who's Coming to Dinner war die Energie zwischen den beiden Darstellerinnen spürbar.

Gleiches gilt für große Hin und Her zwischen April (Sara Drew) und Jackson (Jesse Williams), die ihr One Night Stand, und im Grunde auch die Quintessenz ihrer Eheprobleme, am Ende der Episode lautstark ausdiskutieren. Nicht nur an dieser Stelle spannen uns Shonda Rhimes und ihre Autor-/innen auf die Folter. Erfreulicherweise werden die Blicke der Zuschauer-/innen endlich noch einmal auf Jo (Camilla Luddington), Alex (Justin Chambers) und am Rande auch Steph (Jerrika Hinton) gelenkt. Diese Szenen hinterlassen allerdings einen ambivalenteren Eindruck, als bis zu diesem Zeitpunkt vorstellbar war: Wäre Jo ohne Alex vielleicht wirklich besser dran?

You are not my sister.

Der Zuspitzung des Konflikts zwischen Owen und Riggs ist in ihrer bemühten Konstruiertheit himmelschreiend, aber das war ebenjener Konflikt eigentlich von Beginn an. Mit dem Großbrand in Seattle, der 40 schwerverletzte Feuerwehrleute fordert, liegt auch der Lebensgefährte von Owens Mutter (Debra Mooney) auf dem OP-Tisch - zufälligerweise behandeln ihn Meredith und Nathan Riggs. Im Verlauf der Episode erfahren wir indessen, dass Riggs die anwesende Mrs. Hunt nicht nur kennt, sondern sie sogar „Ma“ nennt. Die naheliegende Vermutung, dass die beiden womöglich Brüder sind, wird am Ende aber zerstreut. An Owen gewandt stellt Meredith fest: „I didn't know you've had a sister“, und schon ist die Verwirrung perfekt. Zwar ist es gewissermaßen erleichternd, dass wir es in diesem Handlungsstrang allem Anschein nach mit einem Familienkonflikt, und nicht mit einer weiteren Kriegsgeschichte zu tun haben. So deutet vieles darauf hin, dass Riggs eher Owens Schwager, und damit der Ex-Mann seiner (verstorbenen?) Schwester ist, und Erstgenannter auf irgendeine furchtbare Art und Weise in irgendetwas verwickelt ist, das uns die Autor-/innen bis auf Weiteres vorenthalten.

Der inhaltliche Wert einer weiteren Episode aus Owens verkorkstem Leben, das offenbar ausschließlich aus verdrängten, tragischen Erlebnissen zu bestehen scheint, ist bislang ebenso wenig absehbar. In der Verknüpfung zu den Szenen zwischen Amelia und Meredith drängt sich indessen der Verdacht auf, dass Owens Probleme vor allem die Isolation begründen sollen, in der sich Amelia nun befindet. Am Ende der Episode sehen wir sie in Gesellschaft von Riggs und einem Gin Tonic so einsam wie nie am Tresen einer Bar. Der markerschütternde Streit zwischen ihr und Meredith, der dieser Szene vorausgeht, ist dabei keineswegs als einseitige Angelegenheit zu bewerten.

Eine dermaßen dichte, ja beinahe erdrückende Erzählung von Schmerz hat es in Grey's Anatomy schon seit langer Zeit nicht mehr gegeben. In den Szenen um die beiden leidgeprüften Frauen macht sich zwischen eiskalter Abweisung, wutentbrannter, grenzenloser Enttäuschung und gegenseitiger Verletzung eine unfassbare Ohnmacht breit, die auch hinter dem Bildschirm kaum zu ertragen ist. Es scheint daher fast müßig, auszudiskutieren, wer nun wen zu Recht oder Unrecht zurückweist, verletzt, wer zu weit geht und wer verliert. Sicherlich überspannt Amelia den Bogen gewaltig, in dem sie Meredith an den Kopf knallt, ihr verstorbener Ehemann wäre angewidert, würde er sie in ihrem Trauerverhalten sehen können. Einen wahren Kern trifft sie aber: Meredith verdrängt nicht nur, sie hat aufgegeben. Sie funktioniert, aber sie lebt nicht mehr, sie lässt den Schmerz durch sich hindurch gleiten, statt sich mit ihm auseinanderzusetzen. Die beiden Frauen könnten sich eine große Stütze sein. Das ist die Tragik an dieser Geschichte. Caterina Scorsone gibt in diesen Szenen alles, und dieser Umstand tröstet über die Tatsache hinweg, dass sowohl ihr als auch Freund Owen momentan kein Glück vergönnt bleibt.

You are always deciding

Nicht weniger schmerzerfüllt und nicht weniger großartig gespielt entfaltet sich die Konfrontation zwischen April und Jackson. Zugegebenermaßen ist letztgenanntes vor allem Sarah Drew zuzuschreiben, die ach so herrlich verzweifelt sein kann. Alles dreht sich zunächst also um die Frage, ob es sich bei ihrem One Night Stand nun um „Make-Up“- oder „Break-Up-Sex“ handelte, wie Callie (Sara Ramirez) in den humorvollen Szenen mit Jackson bereits zu Bedenken gibt. Schnell sind die beiden aber wieder an dem Knackpunkt ihrer Eheprobleme angelangt. Jackson betont ein weiteres Mal, wie verletzt er ob Aprils Verhalten ist, nämlich ihr ständiges über-seinen-Kopf-hinweg-Entscheiden. Zwar verlassen wir diese Szene, bevor es zu einer Auflösung kommt. Zumindest gefühlt scheint aber ein Funke Hoffnung in der Luft zu liegen, dass er entgegen Aprils Erwartung nicht von Scheidung, sondern von einem neuen Versuch sprechen wird. Es wäre bei weitem wünschenswert.

Ähnlich turbulent geht es zwischen Alex und Jo zu. An dieser Stelle werden vorrangig die Versäumnisse der Autor-/innen deutlich. So wird Jo nicht nur plotintern von ihrem Freund Alex und ihren Ausbilder-/innen im Krankenhaus vernachlässigt; auch auf der Draufsicht zeigt sich, dass ihrer Figur zu wenig Aufmerksamkeit beigemessen wurde, ihre Entwicklung eigentlich schon seit vorangehender Staffel stagniert ist. In der Konsequenz verbleibt ein doch recht ambivalentes Gefühl in Bezug auf Alex' Heiratsantrag, der zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt kommt. Während Jo erkannt hat, dass sie selbst dafür sorgen muss, wahrgenommen zu werden, und durch die Versöhnung mit Steph darüber hinaus wieder mehr an Selbstwertgefühl gewinnt, stellt sich die Frage, ob sie ohne Alex nicht tatsächlich besser beraten wäre. Andererseits scheint es dieser wiederum ernst zu meinen; eine glückliche Beziehung sei ihm so oder so von Herzen gegönnt. Für Jo könnten sich im Alleingang aber ungeahnte Chancen eröffnen.

Fazit

Das Winterfinale zentriert noch einmal sämtliche Konflikte der Hauptfiguren. Die Auseinandersetzung zwischen Amelia und Meredith wird dabei gewissermaßen ausgelöst durch Owens emotionalen Rückzug vor Amelia, die wiederum am Ende dieser Episode erneut droht, einen Rückfall zu erleiden. Tatsächlich deuten sich vielerorts weitere dunkle Wolken an; die zaghafte Unbeschwertheit, die in vorangehenden Episoden durchschimmerte, wird in Things We Lost in the Fire vor allem von Schmerz, Wut und Enttäuschung überschattet.

Parallel zu den Eheproblemen von April und Jackson, deren ausschlaggebende Wendung uns erst im Januar eröffnet werden wird, entlassen uns die Autor-/innen auch in Bezug auf Alex und Jo ohne Antworten in die Winterpause. Insgesamt bleibt trotz der handwerklich einwandfreien Episoden die Hoffnung, dass Grey's Anatomy im kommenden Jahr zur wiedererlangten Leichtigkeit zurückfinden wird.

Verfasser: Hannah Klein am Samstag, 21. November 2015

Grey's Anatomy 12x08 Trailer

Episode
Staffel 12, Episode 8
(Grey's Anatomy 12x08)
Deutscher Titel der Episode
Der große Knall
Titel der Episode im Original
Things We Lost in the Fire
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 19. November 2015 (ABC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 4. Mai 2016
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Montag, 25. April 2016
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Montag, 25. April 2016
Autor
Tia Napolitano
Regisseur
Rob Corn

Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 12x08

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