Grey's Anatomy 12x09

Nach dem aufreibenden Winterfinale, das nun immerhin fast drei Monate zurückliegt, blieben viele Fragen offen. Am eindringlichsten wohl jene nach den Folgen von Amelias (Caterina Scorsone) und Merediths (Ellen Pompeo) tiefgreifendem Zerwürfnis; danach, wie es mit Jackson (Jesse Williams) und April (Sarah Drew) weitergeht, oder ob bei Jo (Camilla Luddington) und Alex (Justin Chambers) eine Verlobung oder eine Trennung ansteht.
All diese Handlungsstränge werden in The Sound of Silence bis auf eine Ausnahme lediglich angeschnitten. Stattdessen präsentieren uns Shonda Rhimes und ihr Autor_innen-Team - mal wieder - eine verstörend bis aufwühlende Episode, in deren Zentrum sich Meredith Grey befindet. Unverzüglich drängt sich schon in den ersten Minuten die Frage auf, wie es einem Menschen um alles in der Welt gelingen soll, derart viel Leid und Schmerz in nur wenigen Jahren seines Lebens zu ertragen. Dass sich dieser Umstand nicht nur plotintern auf die Figur an sich bezieht, versteht sich von selbst. Denn gleichzeitig bleibt, trotz der handwerklich und dramaturgisch beeindruckenden Episode, ein Gefühl der Verständnislosigkeit zurück; Verständnislosigkeit ob der scheinbaren Notwendigkeit, die Protagonistin dieser Serie schon wieder durch ein Martyrium zu schicken und sie unvorstellbaren Qualen auszusetzen.
Diese Hölle findet wie so oft ihren Ausgangspunkt im Grey Sloan Memorial Hospital. Nach einem Unfall behandelt Meredith den schwer verletzten Lou (Dohn Norwood). Infolge eines Krampfanfalls befindet er sich in einem schlafwandlerischen Zustand und attackiert seine ihm körperlich weit unterlegene Chirurgin. Meredith überlebt den Angriff nur knapp.
Und somit gliedert sich „The Sound of Silence“ dann auch in drei Teile, oder Akte, wenn man so will: Auf den Angriff folgt der Rettungsversuch und der Heilungsprozess; am Ende steht die Vergebung. Wie auch immer die Zuschauer_innen den Einfall als solchen bewerten mögen: Diese Episode ist ein Faustschlag in den Magen, in der die Luft wegbleibt und die Stimme versagt, und vielleicht die ein oder andere Träne vergossen wird.
If you're not ready to fight, the silence will kill you.
Von der brutalen Attacke selbst sind dann glücklicherweise nur Bruchteile zu sehen; kurze, schnelle Schnitte, die schon vorab einen Eindruck dessen vermitteln, was von Meredith übrig bleiben wird. Bemerkenswert ist indessen die dem Angriff vorausgehende, geschickt aufgebaute Spannung: Eine seltsame Stille breitet sich im Behandlungszimmer aus, Meredith ist mit Lou allein, Amelia reagiert nicht auf das ersuchte Konsil. Wir sehen Lous große Hände zucken, bis er sich plötzlich lautlos erhebt und sie wie im Halbschlaf - atmosphärisch einem Psychothriller nicht unähnlich - brutal angreift, sie fast tötet.
Die ohnehin erschütternden Szenen des Rettungsversuchs durch Dr. Webber (James Pickens Jr.), Maggie, Alex (!), Callie (Sara Ramirez), Owen (Kevin McKidd), Jackson und April werden dann auch stilistisch sehr eindringlich übersetzt. Während die Kamera Merediths blutunterlaufenes, grün und blau geschlagenes Gesicht, ihre geschwollenen Augen und gebrochenen Knochen in der Nahaufnahme seziert, illustriert die akustische Ebene ihren Hörverlust. Bis sie endlich wieder hören kann (erst ab min. 20!) besteht „The Sound of Silence“ aus einem einzigen Klangbild: Pulsschläge, ein Summen und Surren, Tinnitus-ähnliche Frequenzen, Bewusstlosigkeit, Stille, verschwommene Umrisse und Schatten. All das vermittelt schonungslos das physische wie psychische Trauma, das Meredith im Nachgang des Angriffs erleiden muss.
Vielleicht liegt es an der langen Pause, jedenfalls entsteht in dieser Episode der Eindruck, als hätte sich der gesamte Cast, allen voran aber Ellen Pompeo, so ziemlich alles abverlangt. So folgt eine herzzerreißende Szene der nächsten: Etwa, wenn Alex die weinende Meredith in dem Moment hält, als sie endlich wieder hören kann; oder dann, wenn der Besuch der Kinder zum Desaster wird. Weil Merediths Kiefer kurz nach der Attacke bei vollem Bewusstsein gebrochen werden musste, kann sie insgesamt sechs Wochen kaum bis gar nicht sprechen. In der Summe mögen diese Folgeerscheinungen metaphorisch beinahe etwas zu aufgeladen sein, sei's drum: Diese und andere Szenen (wie jene um Penny, die sich lautstark für Meredith einsetzt) treffen.

Forgiveness
Das gleiche ließe sich über den letzten Teil dieser Episode sagen. Während Webbers Standpauke schon selbstironisch abgefangen wird („I know you're not in the mood for a lection.“), stört indessen die mehr oder weniger subtile Andeutung, die dem gesamten Geschehen anhaftet.
Dr. Webber spricht mit Meredith über Vergebung, darüber, Amelia zu verzeihen, dass sie nicht Derek sein kann, darüber, Penny zu verzeihen, darüber, Derek zu verzeihen, dass er zu früh verstorben ist, und schließlich: Sich selbst zu verzeihen, dass sie Derek dafür hasst, dass er starb („Let it go, Mer. And forgive.“) Mit dieser Ansprache hat ihr Ziehvater mit Sicherheit einen Punkt getroffen. Was stört, ist schlicht der Umstand, dass an dieser Stelle wieder einmal ein ausuferndes Drama, ein wirklich schlimmer Vor- bzw. Unfall herhalten muss, um Merediths vorherige Traumata zu verhandeln. Und klar, es stimmt: Meredith wandelte, wie Amelia im Winterfinale bemerkte, nur noch als leere Hülle durch ihr Leben, unfähig, sich mit dem auseinanderzusetzen, was sie alles erleiden musste. Aber wie bitte soll ihr das gelingen, wenn erneut das Unheil über ihr zusammenbricht? Selbst die spätere Annäherung an Amelia, ihre Aufforderung an Alex, sich mit Jo zu versöhnen und auch ihre Geste der Vergebung an Lou können kaum als befreiende Katharsis gelesen werden. Soviel verrät uns auch schon der Promo-Trailer zur kommenden Episode.
Zu guter Letzt ein kleines, aber wie mir scheint nicht unwichtiges Detail: Das Voice-Over kann und darf ohne weiteres als empowerndes, feministisches Statement verstanden werden (auch, wenn gewisse biologisierende Implikationen durchaus diskutiert werden könnten): „It means, in this world, where men are bigger, stronger, faster, if you're not ready to fight, the silence will kill you. Don't let fear keep you quiet. You have a voice. So use it. Speak up. Raise your hands. Shout your answers. Make yourself heard.“ Meredith fehlt in dieser Episode über weite Strecken sowohl tatsächlich, als auch metaphorisch die Stimme. Letzteres gilt gar für die Zeit vor dem Angriff, nach Dereks Tod. Das Voice-Over also, wie auch die gesamte, auf Meredith zentrierte Episode, verleiht ihrer Figur und ihrer Entwicklung neue Tiefen. So grausam der (physische) Heilungsprozess auch geschildert wurde, bleibt am Ende - zumindest vorerst - wieder ein Hauch von Neuanfang: „Whatever it takes. Just find your voice and when you do, fill the damn silence.“

Fazit
Dieser Hauch von Neuanfang oder „Wiedergeburt“, wie es die Autor_innen vor dem Beginn der zwölften Staffel bezeichneten, wird hoffentlich in nicht allzu weiter Ferne ausgebaut. Wenngleich The Sound of Silence eine dramaturgisch wie stilistisch beeindruckende, erschütternde und mitreißende Handlung entfaltete, und auch die inhaltliche Bedeutung für Merediths Entwicklung mit Abstrichen gesehen werden kann - die mittlerweile Schlag auf Schlag folgenden Dramen und Unglücke werden ermüdend. Auch Leichtigkeit und Humor gehören zu Grey's Anatomy, es ist vielleicht sogar die Balance zwischen beiden Polen, die die Serie ausmacht.
Insgesamt und herausgehoben aus dem zuvor beschriebenen Kontext gehört „The Sound of Silence“ allerdings zu einer der besten Episoden der aktuellen Staffel. Eine Ellen Pompeo, die - anders als ihre Rolle - zu neuem „Leben“, sprich schauspielerischen Bestleistungen erwacht ist, tut da ihr Übriges. In dieser Hinsicht darf es gerne so weitergehen.
Promo zur Episode 12x10 der Serie „Grey's Anatomy“:
Verfasser: Hannah Klein am Freitag, 12. Februar 2016Grey's Anatomy 12x09 Trailer
(Grey's Anatomy 12x09)
Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 12x09
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