Grey's Anatomy 12x10

Grey's Anatomy 12x10

Shonda Rhimes verordnet uns und Meredith nach den jüngst erschütternden Ereignissen eine Therapiesitzung. Auf gelungene Weise fügen sich so nicht nur offene Handlungsstränge der vorigen Episoden ineinander. Mittels eindringlicher Bilder wird auch Merediths Erwachen zu neuem Leben sichtbar.

Bild aus der Episode „All I Want Is You“ der Serie „Grey's Anatomy“ / (c) ABC/Mitch Haaseth
Bild aus der Episode „All I Want Is You“ der Serie „Grey's Anatomy“ / (c) ABC/Mitch Haaseth

Bereits nach Dereks Tod, der wohl für die meisten langjährigen Zuschauer_innen von Grey's Anatomy einen Wendepunkt, und mithin eines der dramatischsten Ereignisse innerhalb dieser Serie markierte, dachte ich über einen Re-Watch nach. Denn schon an diesem Punkt drängte sich eine Frage auf, die spätestens seit The Sound Of Silence kaum mehr ignoriert werden konnte: Wie viel Schmerz kann eine einzige Person ertragen? Euphemistisch ausgedrückt ließe sich behaupten, dass das Leben der Meredith Grey ein turbulentes ist und war. Realistisch ausgedrückt ist dagegen festzustellen, dass das Maß an Leid und Schmerz für mindestens zehn Leben reicht - wie kann es also weitergehen?

In All I Want Is You entschließt sich das Autor_innen-Team um Shonda Rhimes nun endlich zur Konfrontationstherapie: Die Zuschauer_innen erleben gemeinsam mit Meredith mittels Flashbacks und bedeutungsschweren Fragen eine Art Heilungsprozess. Dessen Ende symbolisiert dann schließlich den langersehnten Neuanfang - wenn auch mit diskussionswürdigen Andeutungen.

Der stark fragmentarisch und collagenhaft geschnittenen Episode gelingt es darüber hinaus, Merediths Gespräche mit dem Therapeuten den Ereignissen und Entwicklungen der sonstigen Figuren gegenüberzustellen, sie oftmals zu kommentieren. Während die Auflösung des gefühlt schon ewig währenden Konflikts zwischen Owen (Kevin McKidd) und Riggs (Martin Henderson) all zu konstruiert daherkommt, ist insgesamt doch ein Handlungsfortschritt erkennbar. Nicht nur Jo (Camilla Luddington) und Alex (Justin Chambers), auch Callie (Sara Ramirez) und Penny (Samantha Sloyan) nähern sich wieder einander an. Bedauernswert ist dagegen, dass die ersehnte Fokussierung auf das Beziehungschaos zwischen April (Sarah Drew) und Jackson (Jesse Williams) immer noch auf sich warten lässt.

Alex und eine Patientin in %26bdquo;Grey%26#039;s Anatomy%26ldquo; © ABC/Mitch Haaseth
Alex und eine Patientin in %26bdquo;Grey%26#039;s Anatomy%26ldquo; © ABC/Mitch Haaseth

So what are you?

Die von Bailey (Chandra Wilson) verordnete Therapiesitzung beginnt mit einem Monolog von Meredith, der nur allzu vertraut erscheint: Alles bestens, niemand ist gestorben, und solange niemand stirbt, bleibt es das auch: „I am lucky to be alive.“ Selbstverständlich ist nicht alles bestens, und das weiß und spürt auch Meredith nicht erst dann, als der verständige Therapeut beginnt, sie mit existenziellen und bohrenden Fragen aus der Reserve zu locken. Denn wie bereits in vorangehender Review angemerkt wurde, schwebt Amelias (Caterina Scorsone) (wenn auch knallhart formulierte) Diagnose nach wie vor über allem: Meredith hat überlebt - wandelt aber als Schatten ihrer Selbst durch die Welt, in selbst verordneter Einsamkeit und Isolation, lediglich funktionierend.

Entlang der Frage, was Meredith empfand, als sie nach der Attacke aufwachte, wird dann Schicht für Schicht ein tief sitzender Schmerz und einer Verunsicherung freigelegt. Illustriert wird dieser Prozess mit einem „Best-of“ der schlimmsten Momente aus Merediths Leben. Abseits der schon absurden Fülle an Katastrophen wird dadurch trotzdem die Komplexität und Stärke einer Figur betont, die ihresgleichen sucht. In dem von Meredith geäußerten, nur scheinbaren Widerspruch des Gefühls des Allein- und Verlassenseins einerseits, und dem Bedürfnis nach Ruhe andererseits spiegelt sich der Knackpunkt und eine Erkenntnis, die es zu gewinnen gilt: Meredith kann erst mit dem Tod Dereks und auch allem anderen abschließen, wenn sie sich wieder erlaubt, zu leben. Vor allem aber dann, wenn sie die Antwort auf die Frage zulässt, wer sie sein und was sie tun will.

An diesem Punkt angelangt könnte man nun spekulieren. Denn im Laufe der Sitzungen werden etliche Themen und Menschen aus Merediths Leben angesprochen, gleich zu Beginn spielt aber vor allem eine Person eine gewichtige Rolle: Alex. Nicht nur unter diesen Reviews, auch in anderen Fanforen wurde heftig spekuliert, ob es zwischen den beiden langjährigen Freunden zu einer romantischen Beziehung kommen könnte. Die Steilvorlage bietet dann die direkte Nachfrage des Therapeuten, die von Meredith mit einem amüsierten (oder verlegenem?) Lachen verneint wird. Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass diese Szenen, gerade zusammengenommen mit dem Ende der Episode, vielmehr einen Allgemeinplatz illustrieren sollen: Meredith hat sich die Sehnsucht nach Nähe in Form von Liebe eingestanden, sie ist nun wirklich bereit für einen Neuanfang. So zumindest die Hoffnung, denn auch, wenn Merediths Blick auf das versöhnte Paar Alex und Jo auch als „Eifersucht“ interpretiert werden könnte, oder der Episodentitel verdächtig erscheint - als Paar sind Erstgenannte einfach nicht vorstellbar.

Es ist schlicht erstaunlich, wie gut es den Autor_innen doch gelingt, Merediths Charakter derart tiefgehend zu sezieren. Das mag nicht zuletzt an den Möglichkeiten liegen, die ihrer Figur durch den Tod Dereks ermöglicht wurde. Wenn auch etwas knapp in einer Episode abgehandelt, so ist der notwendige Umschwung in Richtung Neuanfang eine bedeutende, und mehr als willkommene Aussicht für die restliche Staffel.

Owen und Riggs in %26bdquo;Grey%26#039;s Anatomy%26ldquo; © ABC
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Wildcats & Dreamteams

Neben den auflockernden Szenen um Maggie (Kelly McCreary), Andrew (Giacomo Gianniotti) und Dr. Webber (James Pickens, Jr.) und den Versöhnungsszenen um Penny, Callie, Alex und Jo kracht es an anderer Stelle.

Wie erwähnt fällt die große Auflösung um das heillos aufgebauschte Owen-Riggs-Drama dann eher ernüchternd aus. Anscheinend verhält sich Amelias Situation nahezu spiegelbildlich zu der von Owen: Seine Schwester Megan und Nathan Riggs waren verliebt; als Megan auf bisher nicht erläuterte Weise starb, stand er ihr bei, ohne Owen miteinzubeziehen. Abseits dieses doch arg konstruierten Handlungsaufbaus, sind die Szenen im OP sowie die Annäherung zwischen Amelia und Owen positiv zu bewerten.

Riggs und Owen verstehen sich während der Operation nahezu wortlos, verschmelzen gar zu einem einzigen Chirurgen, einem perfekten Team: Hilfe ist nicht vonnöten, die eine Hand weiß, was die andere tut. Es wäre wünschenswert, der Konflikt der beiden würde alsbald gelöst werden, sodass wir mehr sehen können von der tiefen Verbundenheit der ehemaligen Freunde.

Fazit

All I Want Is You widmet sich endlich der Aufarbeitung der erlittenen Traumata von Meredith. Wenngleich diese durch viele Flashbacks erneut ins Bewusstsein der Protagonistin, wie auch der Zuschauer_innen gerufen wird, liegt der Fokus jedoch vielmehr darauf, abzuschließen. Einhergehend mit dem Bedürfnis nach einem echten Neuanfang, einer „Wiedergeburt“ kommt die Notwendigkeit eines Eingeständnisses: Meredith muss sich erlauben, wieder zu leben. Sie ist keine Witwe mehr, ihr stehen alle Türen offen. Augenscheinlich ist sie nun bereit dazu, sich auf neue Menschen, eine neue Liebe ein- und Nähe zuzulassen. Obwohl dieser Prozess zwar eindrücklich, insgesamt aber im Rahmen von nur einer Episode recht kurz durchexerziert wird, weist diese Entwicklung in einer notwendige, begrüßenswerte Richtung: Meredith ist wieder frei. So ist es auch in einem Gesamtüberblick erstaunlich, wie viel Potential der Erzählung ihrer Figur auch nach 12 Staffeln noch innewohnt.

Die Auflösung um Owen und Riggs scheint dagegen kaum erwähnenswert. Potential kann aber vor allem in einer Versöhnung der beiden gesehen werden, da sie offenbar eine eigentlich tiefe Verbundenheit teilen. Für kommende Episoden bleibt hingegen zu hoffen, dass auch Figuren wie April und Jackson eine größere Aufmerksamkeit zuteil wird.

Verfasser: Hannah Klein am Samstag, 20. Februar 2016

Grey's Anatomy 12x10 Trailer

Episode
Staffel 12, Episode 10
(Grey's Anatomy 12x10)
Deutscher Titel der Episode
Alles Bestens
Titel der Episode im Original
All I Want Is You
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 18. Februar 2016 (ABC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 11. Mai 2016
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Montag, 2. Mai 2016
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Montag, 23. Mai 2016
Autor
Elisabeth Finch
Regisseur
Kevin Rodney Sullivan

Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 12x10

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