Grey's Anatomy 12x04

Grey's Anatomy 12x04

Wer dachte, nach der großartigen Episode von voriger Woche folge nun wieder eher Belangloses, wird mit Old Time Rock and Roll eines Besseren belehrt. Neben ergreifenden Patientengeschichten übertreffen auch die Storylines um Meredith und Steph alle Erwartungen - im positivsten Sinne.

Owen hält eine Ansprache in „Grey's Anatomy“. / (c) ABC/Adam Taylor
Owen hält eine Ansprache in „Grey's Anatomy“. / (c) ABC/Adam Taylor

Zum jetzigen Zeitpunkt ist es natürlich unangebracht, eine Wertung für die gesamte 12. Staffel auszusprechen - wir befinden uns immerhin erst am Anfang. Trotzdem ziehe ich schon jetzt meinen Hut, vor Shonda Rhimes, ihren Autor-/innen, und nicht zuletzt vor den Schauspieler-/innen. Allesamt beweisen sie mit Old Time Rock an Roll einmal mehr, dass die 12. Staffel nicht bloß als seichtes Ausklingen der Serie auf mittelmäßigen Niveau gedacht ist. Das Gegenteil ist der Fall: Endlich dürfen die Zuschauer-/innen wieder mitfiebern, sei es in Bezug auf mitreißende Patientengeschichten, oder auf ebenso einnehmende Entwicklungen zwischen den Ärzt/-innen. All das gelingt bisher ohne große Katastrophen, von denen wir hoffentlich auch weiterhin verschont bleiben.

Old Time Rock an Roll“ könnte man daher fast als Prototyp der perfekten Grey's Anatomy-Episode bezeichnen, inklusive Cliffhanger am Ende. Ein mittelgroßes Busunglück mit Senioren rahmt dabei die Ereignisse ein. Die diversen Patientengeschichten gehen indessen gelungen in die Handlungsstränge der Hauptfiguren über, ohne an Intensität zu verlieren. Besonders in Bezug auf Meredith (Ellen Pompeo) und Steph (Jerrika Hinton) folgt eine Gänsehaut der nächsten. Plot, Musik, Schauspiel: Umwerfend.

Fans von schlechten Wortspielen (mich eingeschlossen) kommen außerdem wieder auf ihre Kosten: Amelias (Caterina Scorsone), Merediths und Maggies (Kelly McCreary) Hang zu Sex-Metaphern erreicht einen neuen Höhepunkt (hihi) - Welcome to „Ladytown“. Also known as „Vagina City“.

I've had that great amazing love

Verbindendes Handlungselement, so viel ist in „Old Time Rock and Roll“ offensichtlich, ist die Hoffnung auf zweite Chancen, auf die „Liebe des Lebens“ - beziehungsweise die Ansichten unserer Hauptfiguren darauf. Während Arizona (Jessica Capshaw) in dem 90-jährigen Abe (Lou Cutell) eine Art großväterlichen Therapeuten findet, werden Maggie und Meredith durch seine Freundin Gabby (Ann Guilbert) ihrerseits mit dem Thema konfrontiert. Sicherlich glänzt die Liebesgeschichte der zwei Senioren nicht durch Einfallsreichtum. In diesem Fall ist das aber ziemlich egal - vor allem die Szenen zwischen Abe und Arizona lassen darüber hinwegsehen.

Das Busunglück der Seniorengruppe fordert indessen dann doch einige Todesopfer. Da sich die Interns auf Owens (Kevin McKidd) Anweisung hin eher schlecht als recht bei der Überbringung von traurigen Nachrichten schlagen, übernimmt kurzerhand Meredith. Schon nach den ersten Worten ihrer strengen, für uns Zuschauer-/innen aber ebenso ergreifenden Ansage vor den Interns jagt ein Schauer den nächsten. Unweigerlich wird dabei auf den Moment Bezug genommen, in dem Meredith die Nachricht von Dereks Tod überbracht wurde. Noch viel konkreter soll sie daran am Ende der Episode erinnert werden. Die erstgenannte Szene jedenfalls wird mit einem musikalischen Leitmotiv untermalt, das wir noch nicht sehr lange kennen - es ist Merediths Motiv. Am intensivsten dürften wir es natürlich in Bezug auf Dereks Tod oder in Flashbacks dazu im Gedächtnis haben, und die dadurch erzeugte Stimmung lässt einem immer wieder das Herz stehen. Das ist wohl hauptsächlich der leise klagenden, todtraurig klingenden Violine zu verdanken, die ein bisschen an Max Richters Score für The Leftovers erinnert.

Neben dieser Szene ist das Gespräch zwischen Maggie und Meredith ebenso hervorzuheben. Als Maggie bei ihrer Halbschwester betroffen nachhakt, ob die es denn mit dem „klassischen“ Witwendasein ernst meine, erhält sie eine starke, beeindruckende Antwort - die gleichsam beklemmend ist. „I'm just not wondering what's out there, not feeling like I'm missing anything. I've had that great amazing love. And that part is behind me now, and I have the kids, and you guys and surgery, and... I'm happy. And I never thought I would be again. And I am. And that's all I need.“ Eine derartige charakterliche Stärke, eine so unverwüstliche Lebensenergie nach all dem, was Meredith Grey in elf Staffeln Grey's Anatomy erleiden musste, schien dann selbst den Erfinder-/innen ihrer Figur zu unrealistisch. Meredith wird am Ende der Episode mit genau dem Moment konfrontiert, den sie den Interns zuvor schilderte. In Gestalt von Callies neuer Freundin trifft sie auf die Person, die sich am Abend von Dereks Tod in ihr Gedächtnis brannte - die rothaarige Ärztin. Diese Begegnung, so lässt der Cliffhanger vermuten, funktioniert quasi als Trigger des Traumas von Dereks Tod.

Der gesamte Handlungsstrang um Meredith in Old Time Rock and Roll gewinnt an erster Stelle durch Ellen Pompeos überzeugende schauspielerische Leistung. Von Ermüdungserscheinungen ihre Figur betreffend ist keine Spur mehr zu sehen, ganz im Gegenteil.

Meredith und Maggie in %26bdquo;Grey%26#039;s Anatomy%26ldquo;. © ABC/Adam Taylor
Meredith und Maggie in %26bdquo;Grey%26#039;s Anatomy%26ldquo;. © ABC/Adam Taylor

I refuse to accept it

An anderer Stelle gibt auch Jerrika Hinton alles. Mit dem Plot um Patientin Rachel (Jeanne Syquia) zeigt sich erneut, wie gut die Kombination Hinton und Scorsone funktioniert. Bereits in den Episoden um Gaststar Geena Davis wurde die stimmige Chemie zwischen den beiden Darstellerinnen spürbar; gleichzeitig rückte die Figur von Steph weiter in den Vordergrund. So kann Jerrika Hinton auch in „Old Time Rock and Roll“ wieder zeigen, was sie draufhat, und ihrem Charakter mehr Tiefe verleihen. Die Patientengeschichte ist dabei fast gleichrangig emotional fesselnd. So kann man sich eigentlich kaum entscheiden, was nun herzzerreißender ist - die schrecklich leidende Patientin Rachel, oder die gleichermaßen mitleidende Steph, die Amelias Behandlungsplan nur schwer ertragen kann. Entscheiden muss man sich aber auch gar nicht. Diese Szenen treffen so oder so, und überzeugen in allen Nuancen. Das gilt für die schöne Versöhnung zwischen Amelia und Steph am Ende genauso, wie für die thematisierte Eifersucht von Jo. (Camilla Luddington). In dieser Hinsicht könnte es bald zwischen den beiden Freundinnen, die sich derzeit mehr wie Konkurrentinnen verhalten (zumindest seitens Jo), zu einem Zerwürfnis kommen.

Aufgelockert wird die Episode insgesamt aber immer wieder durch humoristische Einlagen, wie schon weiter oben erwähnt. Vor allem Maggies tollpatschig-charmantes Verhalten nach ihrem One Night Stand mit Intern Andrew DeLuca Giacomo Gianniotti) - bei dem es allem Anschein nach nicht bleiben wird - lockerte die Stimmung auf.

Fazit

Mit Old Time Rock and Roll beweist Grey's Anatomy erneut, dass eine 12. Staffel nicht nur ihre Berechtigung hinsichtlich noch nicht (zu Ende) erzählter Handlungsstränge hat. Die neuen Episoden übertreffen große Teile der vorangehenden Staffel schon jetzt - sei es durch die Rückbesinnung auf Patientengeschichten, sei es durch die Zentrierung auf vernachlässigte Figuren. Aktuell trifft letztgenanntes vor allem auf Steph zu, aber auch Maggies Figur gewinnt nach wie vor an Profil.

Nicht zuletzt durch den gelungenen Einsatz von Musik ist der Storyline um Meredith in dieser Episode viel abzugewinnen. Ellen Pompeos Darstellung trägt einiges dazu bei, die „Evolution“ ihrer Figur als narrativ hervorstechenden Einfall seitens der Autor-/innen zu würdigen. Langsam aber sicher stellt sich der Eindruck ein, dass nicht nur diese Figur, sondern die gesamte Serie von Dereks Ableben profitiert. So darf es gerne weiter gehen.

Promo zur Episode 12x05 der Serie „Grey's Anatomy“:
Verfasser: Hannah Klein am Freitag, 16. Oktober 2015

Grey's Anatomy 12x04 Trailer

Episode
Staffel 12, Episode 4
(Grey's Anatomy 12x04)
Deutscher Titel der Episode
Silberflut
Titel der Episode im Original
Old Time Rock and Roll
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 15. Oktober 2015 (ABC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 20. April 2016
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Montag, 4. April 2016
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Montag, 28. März 2016
Autor
Austin Guzman
Regisseur
Nicole Cummins

Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 12x04

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