Grey's Anatomy 11x23

Nach der über weite Strecken eher enttäuschenden zweistündigen Episode aus voriger Woche lassen sich die Autoren in Time Stops zumindest ansatzweise ein wenig mehr Zeit für die Entwicklung des Plots. Die Betonung liegt an dieser Stelle allerdings ausdrücklich auf ansatzweise. Die Nachwehen einer Episode, in der auf so ziemlich allen Ebenen große Sprünge gemacht wurden, sind umso stärker zu spüren: Es stellt sich unweigerlich das Gefühl ein, etwas verpasst zu haben. Zwar ist die Einbettung der jeweiligen Entwicklungen in ein tragisches Unglück dramaturgisch nachvollziehbar, da dem Handlungsaufbau dienlich. Dennoch bleibt unverständlich, weshalb die Autoren ihren Figuren so wenig Zeit für eine Atempause gönnen. Somit bleibt zu hoffen, dass mit der nun bestätigten zwölften Staffel etwas mehr Ruhe einkehrt.
When do you decide that you should walk away?
Der große Knall zwischen Meredith (Ellen Pompeo) und Amelia (Caterina Scorsone) musste kommen - die einzige Frage war demnach nur, wann es soweit sein würde. Dass es zu dem Zerwürfnis mit vermutlich weitreichenden Konsequenzen für Meredith erst ein ganzes Jahr später kommt, erklärt sich schlicht durch die Abwesenheit Letztgenannter. Nun könnte man es auf den ersten Blick relativ einfallslos finden, dass Amelias Zusammenbruch eine Vorlage benötigt - dem ist allerdings entgegenzuhalten, dass dieses Verhalten durchaus dem Charakter ihrer Figur entspricht. Schließlich trägt Amelia noch immer das eine oder andere unverarbeitete Trauma mit sich herum, das nur oberflächlich verdrängt wurde und immer dann aus ihr hervorbricht, wenn sie an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gerät.
Die „Vorlage“ liefert in diesem Fall ein eingestürzter Tunnel. Das Unglück, das unzählige Schwerverletzte und ebenso viele Tote fordert, bringt Amelia, Meredith, April (Sarah Drew) und Maggie (Kelly McCreary) passenderweise in eine Situation, die der von Derek (Patrick Dempsey) in puncto Ausweglosigkeit ähnelt. Während April tapfer bei einem scheinbar dem Tod geweihten Unfallopfer an Ort und Stelle des Unglücks bleibt, ist es Meredith, die Maggie und Amelia versucht, davon zu überzeugen, dass es keine Hoffnung mehr gibt. Die Wut und Trauer, die aus Amelia schließlich in der Folge herausbricht, kommt beinahe erlösend und kathartisch daher - zumindest in Bezug auf Merediths Verhalten nach Dereks Unfall.
Abgesehen von Caterina Scorsones schauspielerisch wirklich mitreißender Leistung bleibt von diesen Szenen aber vor allem etwas anderes hängen: Denn ebenso wie Amelias hat es auch Merediths Zusammenbruch in sich. Es scheint fast, als würde hier eine Schuldfrage an Dereks Tod aufgeworfen werden, die nicht unbeantwortet bleibt. Mit dem Ende von Time Stops wird zumindest angedeutet, dass es immer eine Möglichkeit gibt, das Unvorstellbare vorstellbar zu machen - und somit, dass Derek eventuell hätte gerettet werden können.
Weniger verhängnisvoll ausgelegt könnte Aprils heldenhafter Rettungsversuch des Unfallopfers allerdings auch lediglich als Metapher für Merediths zukünftiges Leben interpretiert werden. („How do you step back into the world?“) fragt sie ihm Voiceover - vielleicht hat sie also vor, das Erlebte und Erlittene hinter sich zu lassen. Den ersten Schritt dafür hat sie diesbezüglich schon getan: Jo (Camilla Luddington) darf sich wohl bald auf ein paar neue Mitbewohner freuen...
Complain and die!
Neben all dem Trubel, dem Drama und der Schwermut, die sich in beachtlichen Teilen durch diese Episode gezogen haben, gelingt an der ein oder anderen Stelle auch eine amüsante Auflockerung der Stimmung - sei es durch Bailey (Chandra Wilson) (in den Szenen um Catherine und Richard sowie in Bezug auf ihre Chancen als neue Chefärztin) oder durch Steph (Jerrika Hinton) und die neuen Anfänger („Complain and die!“). Zugegebenermaßen war's das aber auch schon mit der Heiterkeit, denn irgendwie ist offensichtlich überall der Wurm drin.
Durfte man sich in der vorigen Episode noch über die längst überfällige Verlobung von Dr. Webber (James Pickens Jr.) und Catherine Avery (Debbie Allen) freuen, wird die Hoffnung auf ein Happy End in Time Stops auch schon wieder getrübt. Eigentlich ist es ihr Hochzeitstag, doch wie das bei Chirurgen nun einmal so ist, kommt ihnen die Arbeit dazwischen. So ist es wieder einmal das Spannungsfeld von Job und Beziehung, das Dr. Webber (wie damals bei Ellis Grey) letztlich im Weg zu stehen scheint - zusätzlich wird die Situation allerdings durch Catherines Position verkompliziert. Bereits bei der ersten Trennung der beiden spielte das Verhältnis von Entscheidungsmacht und Einfluss eine Rolle. Auch wenn das abermalige Drama zwischen den beiden so langsam, aber sicher nervt, bleiben die Gründe nachvollziehbar. Es bleibt allerdings zu hoffen, dass nach Catherine nun auch Dr. Webber über seinen Schatten springt.

Derweil scheinen sich die Befürchtungen beziehungsweise Vorahnungen einiger Zuschauer in Bezug auf Alex (Justin Chambers) und Jo zu bestätigen. War es lange Zeit ruhig um die beiden, sprich wenig (gemeinsame) Screentime, wenig Drama, kommt es nun zur erwartbaren Wende. Dass sich Jo jetzt offenbar brennend dafür interessiert, es Owen (Kevin McKidd) und April gleichzutun und in einem Kriegsgebiet zu arbeiten, wirkt allerdings ein wenig weit hergeholt. Dass sich Alex wiederum wenig dafür begeistern kann, sein jetziges Leben gegen einen aufregenden Ausflug einzutauschen, ist dagegen umso nachvollziehbarer - schließlich fühlt er zum ersten Mal in seinem Leben so etwas wie Sicherheit. Seine gleichgültige, abwehrende Reaktion auf Jos Vorschlag wäre dahingehend als Ausdruck seiner Verlustangst zu werten. Zusammen mit Merediths Umzug in ihr altes Haus ist die nächste Krise also schon vorprogrammiert, denn ob sich Jo mit dem Familienzuwachs so einfach abfinden wird, ist mehr als fraglich.
Fazit
Auch in Time Stops rahmen tragische Ereignisse, in diesem Fall ein schweres Tunnelunglück, sämtliche Entwicklungen. Im Zuge dessen kommt es zwischen Amelia und Meredith zum Zerwürfnis. Auch an anderer Stelle kriselt es mehrfach: So kommt es sowohl zwischen Richard und Catherine als auch zwischen Alex und Jo zum Streit. Während die Auseinandersetzung zwischen Erstgenannten nachvollziehbar bleibt, erscheint der Grund für das sich anbahnende Auseinanderleben von Alex und Jo ein wenig zu konstruiert, zu gewollt. Gleiches gilt gewissermaßen für April und Jackson - zumindest in Bezug auf die schnelle Abhandlung ihrer Probleme.
So entsteht bei nahezu allen Handlungssträngen und Beziehungen der Eindruck, dass sämtliche Konfliktpotentiale möglichst zügig und oberflächlich abgehandelt werden müssen, um einen neuen, unbelasteten Start in die zwölfte Staffel zu ermöglichen. Nach all den dramatischen und traurigen Ereignissen, die die aktuelle Staffel für ihre Zuschauer bereithielt, ist das Gelingen dieses Vorhabens jedoch noch nicht wirklich vorstellbar. Insgesamt hoffen wir, dass die Autoren wenigstens in einigen Fällen etwas mehr in die Tiefe gehen, anstatt sich an allen Handlungsstränge gleichzeitig abzuarbeiten. Mit Blick auf den Promo-Trailer zum Staffelfinale der kommenden Woche scheint die Zuschauer dagegen eine weitere Episode voller tragischer Ereignisse zu erwarten.
Promo zum Staffelfinale der Serie „Grey's Anatomy“: Verfasser: Hannah Klein am Freitag, 8. Mai 2015Grey's Anatomy 11x23 Trailer
(Grey's Anatomy 11x23)
Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 11x23
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