Grey's Anatomy 11x21

Rückblickend war das, was die Zuschauer in dieser Episode erwartete, wohl zumindest annähernd zu erahnen. Patrick Dempseys Screentime wurde in der elften Staffel erheblich gekürzt und schon zu Beginn des Jahres wurde zumindest hier und da vorsichtig vermutet, dass McDreamy die langlebige Erfolgsserie von Shonda Rhimes verlassen könnte. Das vermutlich stärkste Gegenargument waren wohl die bis zur (noch nicht bestätigten) zwölften Staffel verlängerten Verträge der Hauptdarsteller - doch das hat die Autoren schon früher nicht davon abgehalten, unvorhersehbare Wendungen einzuarbeiten. Erstaunlich, dass (fast) bis zur gestrigen US-Ausstrahlung dichtgehalten wurde - und chapeau, denn der Schock über den Tod von Derek Sheperd, das Ende von #DerMer und von Grey's Anatomy überhaupt (?) saß deshalb natürlich umso tiefer. Es ist eine mehr als ausgeleierte Floskel, doch für „Grey's Anatomy“ trotzdem auch in diesem Fall treffend: Shonda Rhimes schickt ihre Zuschauer in How to Save a Life auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle; zwischen Wehmut, Schnappatmung, ungläubiger Fassungslosigkeit und ja, vor allem auch sehr vielen Tränen, mischt sich bei einigen sicherlich auch gewissermaßen Wut über ein (möglicherweise) kaputtgeschriebenes Ende dieser Serie. Doch auch das liegt wie immer im Auge des Betrachters. Von einem Serienfinale, das kein Serienfinale ist.
It's a beautiful day to save lives
Wie schon dem Promo-Trailer zur aktuellen Episode entnommen werden konnte, wird Derek auf dem Weg nach D.C. in einen Unfall verwickelt. Was also bis zu einschließlich seinem Unfall geschieht, ist demnach als Rückblende einzuordnen. Die verwirrende Chronologie der Ereignisse wird hoffentlich in der kommenden Episode erklärt, denn noch bleibt unverständlich, weshalb weder Bailey (Chandra Wilson), noch Amelia (Caterina Scorsone) oder April (Sarah Drew) Meredith (Ellen Pompeo) von ihrem Telefonat mit Derek vor dem ersten Unfall erzählt haben.
Derek darf sich also im Zuge des Unfalls, der von einem rasenden Teenie-Pärchen verursacht wurde, noch ein letztes Mal als McDreamy hervortun - in diesem Fall wohl eher als McSuperhero. Zwischen explodierenden Autos und eingeklemmten Verletzten verarztet er mit dürftigsten Mitteln die schwere Bauchverletzung von Alana, der Freundin des Unfallverursachers. Schon in diesen ersten zwanzig Minuten der Episode gelingt ein ausgewogener Ausgleich von Spannung und emotionalen Momenten - letztere sind wohl vor allem der ergreifenden Interaktion zwischen der kleinen Winnie und Derek zu verdanken. Gleichzeitig werden schon hier alle Register gezogen, um das Folgende nur noch unerträglicher zu machen. Nachdem Derek von seinem ersten Kuss mit Meredith erzählt und neben Winnie „seinen“ Satz aufsagt („It's a beautiful day to save lives...“) kommt schließlich endlich der Rettungsdienst und die vier Verletzten werden sicher ins Krankenhaus gebracht. Das kann also noch nicht alles gewesen sein.
Sicherlich könnte man an dieser Rahmenhandlung - denn mehr ist sie letztendlich nicht - das ein oder andere durchaus kritisieren. Sei es die an sich wenig ausgefallene Storyline, die eine schon gefühlt tausendfach gesehene Charakterkonstellation beinhaltete (toller, mutiger Arzt mit tollen Haaren trifft auf rührend starkes Kind); seien es die etlichen „Zufälle“, die zu diesem und dem folgenden Unglück führten. Vor allem Letztgenanntes ärgert dahingehend sehr. Die Frage nach Wahrscheinlichkeiten ist mühselig, trotzdem ist es einfach absolut unverständlich, wie Derek ernsthaft auf die Idee kommt, genau hinter eine Kurve quer auf der Straße sein Handy zu checken. (Sidenote: Aus diesen Zeilen spricht vermutlich größtenteils der Schock. War aber auch schlimm!)
This isn't right
All das ist aber egal, denn ab diesem Zeitpunkt weiß man wahrscheinlich sowieso nicht mehr, ob man hier im richtigen Film sitzt und das alles tatsächlich passiert. Wo soll man anfangen? Bei Dereks herzzerreißendem Voiceover? Den schönsten und deshalb dann furchtbar quälenden Flashbacks von Meredith und Dereks gemeinsamen Leben? Oder doch bei dem kurzen Hoffnungsmoment von Meredith, der alles nur noch viel schlimmer macht?
Am besten am Anfang. Derek wird in ein Krankenhaus gebracht, das nicht das Grey Sloan Memorial ist. Eigentlich ist damit sein Schicksal schon beschlossen, auch, wenn man zunächst annehmen könnte, dass dies Vorteile hat: Immerhin müssen sich keine engen Freunde von Derek später in der Verantwortung sehen. Ein schrecklicher Gedanke, vor allem deshalb, weil er in den Händen von Amelia, Bailey, Dr. Webber (James Pickens Jr.), April und den anderen Chirurgen sehr wahrscheinlich überlebt hätte. Gepaart mit Dereks Voiceover, das die (falschen) Entscheidungen der behandelnden Ärzte kommentiert, wird der Zuschauer mit einer schier unerträglichen Ohnmacht konfrontiert. Statt eines Kopf-CT ordnen sie die Untersuchung seiner inneren Verletzungen an und genau das wird Derek zum Verhängnis. Der zuständige Neurochirurg genießt derweil sein Abendessen und kommt zu spät.

Wer nicht schon jetzt völlig mit den Nerven am Ende ist, für den hat Shonda Rhimes selbstverständlich noch Runde zwei in diesem unfassbaren Ende der Liebesgeschichte von Meredith und Derek parat. Für einen winzigen Moment scheint es nämlich so, als habe Derek die OP überstanden - eine Fantasie von Meredith, wie sich herausstellt. Was dann aber in den Szenen um Meredith wirklich irritiert, ist ihre bemerkenswerte Selbstbeherrschung und Gefasstheit. Leider kommt man nicht umhin, dies weniger dem Schockzustand, als der mittelmäßigen schauspielerischen Leistung von Ellen Pompeo zuzuschreiben - und der wirklich, wirklich überflüssigen Szene zwischen ihr und der rothaarigen Ärztin (die als einzige die Notwendigkeit des CT sah). Und was ist eigentlich mit Amelia? Wieso hat Meredith sie nicht angerufen, eine zweite Meinung eingeholt, oder was auch immer? Trotz alledem treffen diese Szenen genau dorthin, wo sie treffen sollen: Mitten in das Fanherz. Als Meredith dann schließlich doch noch aus ihrer Schockstarre fällt und unter Tränen „Derek“ flüstert und die Krankenschwester schließlich vor dem musikalischen Hintergrund einer Piano-Version von Snow Patrols „Chasing Cars“ die Maschinen abstellt - erst dann glaubt man, was hier gerade offenbar passiert ist. Und wer jetzt noch nicht genug Rotz und Wasser geheult hat, der darf sich von diesen viereinhalb Minuten inspirieren lassen:
Fazit
Derek ist tot. Nach elf Staffeln, über zehn Jahren und unendlich schönen, schlimmen, nervigen, traurigen und amüsanten Momenten müssen sich die Zuschauer und Grey's Anatomy-Fans von Patrick Dempsey und seiner Rolle als Dr. Derek Sheperd verabschieden. Und wie das mit einer solch gravierenden Entscheidung seitens der Autoren so ist, werden sich die Meinungen darüber, aber auch über die Episode selbst wohl spalten. Festzuhalten bleibt, dass wir Shonda Rhimes mit How to Save a Life einen würdevollen Abgang dieser Figur verdanken, der weder übertrieben (unglaubwürdig) inszeniert, noch zu seicht daherkam. Im Gegenteil wurde relativ ausgewogen so ziemlich alles aufgefahren, was die Serie - und Derek selbst - ausmacht: Neben schmerzvoll-schönen Flashbacks und einer ebenso emotionalen musikalischen Untermalung, kamen auch all die positiven Seiten an Dereks Charakter nicht zu kurz. All das wird den Abschied natürlich nicht leichter machen.
Hat man sich erst einmal von dem Schock erholt, kommen natürlich unweigerlich Fragen auf. Seien es mehr pragmatische wie: Geht die Serie nun doch nicht mehr in eine 12. Staffel? Immerhin wurde diese durch die Darstellerverträge gesichert, allerdings ist sie aber noch nicht bestätigt. Allen voran sind es wohl aber Fragen inhaltlicher Natur: Was wird aus der Serie, aus den Charakteren, den Konstellationen? Kann es ein Grey's Anatomy ohne Derek und Meredith, dem zentralen Paar, geben? Ein Cut war notwendig, eine Veränderung auf jeden Fall (eine positive nicht ausgeschlossen!) - auf den Tod von Derek waren die meisten Fans aber sicherlich weniger vorbereitet. Eine mutige, oder eine fatale Entscheidung seitens der Autoren, beziehungsweise seitens Shonda Rhimes? Wir werden sehen.
Promo zur Episode 11x22 der Serie „Grey's Anatomy“: Verfasser: Hannah Klein am Freitag, 24. April 2015Grey's Anatomy 11x21 Trailer
(Grey's Anatomy 11x21)
Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 11x21
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