Grey's Anatomy 11x14

Grey's Anatomy 11x14

In The Distance begleiten die Zuschauer Amelia durch die schier unmögliche Operation an Dr. Nicole Herman. Dabei schwankt die Stimmung zwischen großen Selbstzweifeln und notwendigem Größenwahn - ob Arizonas Mentorin am Ende überleben wird? Arizona selbst kann derweil zeigen, was sie gelernt hat.

Stephanie und Amelia in „Grey's Anatomy“ / (c) ABC
Stephanie und Amelia in „Grey's Anatomy“ / (c) ABC

Genauso atemlos, wie die vorangegangene Episode Staring at the End endete, beginnt The Distance mit der unmittelbar bevorstehenden Hirnoperation an Dr. Nicole Herman (Geena Davis). Weniger als der Eingriff an sich steht vielmehr Amelias (Caterina Scorsone) Gefühls- beziehungsweise Schockzustand im Zentrum der Aufmerksamkeit. Unerträglicher Selbstzweifel wird von Superheld-Fantasie abgelöst, Fast-Neurochirurgin Steph (Jerrika Hinton) von Beinahe-Neurochirurgin Meredith (Ellen Pompeo), und am Ende gewinnt das Leben - aber auch das hat seinen Preis.

Modern superheros

Versucht man sich auch nur den Bruchteil einer Sekunde in die Lage von Amelia Shepherd zu versetzen, dürfte klar sein, unter welch riesiger Anspannung die Chirurgin stehen muss. Eigentlich stellt sich sogar die Frage, weshalb sie nicht vollends durchdreht - schließlich hat sie sich nicht nur eine in der Geschichte der Medizin bislang einmalige Operation vorgenommen (zum Pathos dieser Inszenierung später mehr...). Das mehrstündige Unterfangen wird selbstverständlich auch gefilmt und von der Galerie aus beobachtet. Dass dieser Umstand leicht voyeuristische Züge trägt, bemerkt auch Maggie (Kelly McCreary), die von ihrer Halbschwester Meredith allerdings schnell mit einer Mandarine und einer kurzen Rechtfertigung beruhigt werden kann.

Die Operation als solche verläuft dann in relativ vorhersehbaren Phasen. Der Tumor ist natürlich noch größer, komplexer und schwieriger zu erfassen als gedacht, sodass nach einigen Stunden bereits vorerst Schluss zu sein scheint: Amelia weiß nicht mehr weiter. Das geht sogar so weit, dass sie Dr. Webber (James Pickens Jr.) bittet, Derek sofort aus D.C. zu holen, damit er die OP für sie beendet. Aber auch hier weiß der ehemalige Chefarzt mit seiner Erfahrung und Menschenkenntnis zu punkten, sodass er Amelia zum Weitermachen überzeugen kann: „No one can help you. And you do not need them to. He's not here. You are.“ („Niemand kann dir helfen. Und du brauchst auch niemanden dafür. Er ist nicht hier. Aber du bist es.“) Nach diesem emotionalen Tiefpunkt hinsichtlich des eigenen Selbstbewusstseins folgt Stunden später das komplette Gegenteil. Als Steph angesichts der körperlichen Belastung nach knapp 14 Stunden zusammenbricht, wird sie von Meredith abgelöst, die nun Amelia beim Platzieren der radioaktiven Teilchen im Gehirn assistieren soll. Ganz „badass“, und als hätte sie niemals auch nur annähernd an ihren Fähigkeiten gezweifelt, lässt Amelia Schutzhandschuhe Schutzhandschuhe sein und riskiert ihre eigene Gesundheit zugunsten der von Nicole Herman.

Fast noch interessanter als die Operation selbst war allerdings die Inszenierung derselben, so wie die Inszenierung der gesamten Atmosphäre. Angefangen mit der Superhelden-Metapher, die für Amelia (und Steph) ganz wortwörtlich als psychologische Hilfemaßnahme diente, über Zeitlupen-Szenen, Überblendungen, theatralische Musik-Untermalung und Blockbuster-ähnliche Schnitte: In The Distance wird dem altbekannten Bild der „Halbgötter in Weiß“ ein neuer Anstrich verpasst. Das wirkt stellenweise ein wenig zu dick aufgetragen (zum Beispiel zu Beginn des Eingriffs: Amelia schreitet in Zeitlupe in den OP-Saal); im Rahmen der Grey's Anatomy typischen Dramaturgie aber durchaus stringent. Amelias abschließender Monolog über den Sieg über den Tod und die Einmaligkeit ihrer Fähigkeiten als Ärzte sollte dann wohl nicht nur Steph, sondern auch die Zuschauer daran erinnern, was hier gerade geleistet wurde: Nicole Herman ist zwar blind, aber sie lebt. Was aber, wenn der Lebensinhalt aus dem Dasein als Ärztin, als Chirurgin besteht?

I picked the right horse

Noch stellt sich Nicole Herman diese Frage nicht. Und das überrascht ein wenig: Sicher, Dr. Herman zeigte sich zuletzt von ihrer einfühlsamen, humorvollen, ja fast fürsorglichen und „menschlichen“ Seite. Aber so, wie vor allem Arizona ihre Mentorin kennenlernte, besteht ein Großteil ihres Selbstverständnisses (und ihres Egos) aus ihrem Dasein als Chirurgin - und zwar als eine der besten auf ihrem Gebiet. Ihr Wissen und ihre Erfahrung hatte sie in der sicheren Annahme zu sterben an ihre Schülerin weitergegeben, der es nun sogar tatsächlich gelingt, dieses Wissen ohne ihre Hilfe anzuwenden (Arizona (Jessica Capshaw) operiert erfolgreich Glenda Castillo und das ungeborene Baby). Natürlich ist es schön zu sehen, dass sich Nicole darüber freut, überhaupt am Leben zu sein: „The point is, I'm alive. And I wouldn't be if you hadn't been such a pain in my ass.“ („Der Punkt ist, dass ich lebe. Und das würde ich nicht, wärst du nicht so eine Nervensäge gewesen.“) Trotzdem bleibt die Frage, wie lange diese Freude anhalten wird angesichts der Tatsache, dass sich ihr Leben für immer verändern wird. Aber wer weiß - vielleicht kommt ja an dieser Stelle Derek ins Spiel und rettet das Augenlicht von Nicole Herman?

Bild aus der Episode %26bdquo;The Distance%26ldquo; der Serie %26bdquo;Grey%26#039;s Anatomy%26ldquo; © ABC
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Kaum wieder zurechnungsfähig, amüsiert sie aber immerhin schon wieder mit ihrem bissigen, trockenen Humor: Als Owen (Kevin McKidd) und Dr. Webber Amelia für ihre Leistung loben, wirft sie ein: „I brought the tumor. That made her look pretty good.“ („Ich habe den Tumor beigesteuert. Das ließ sie ziemlich gut dastehen.“)

Was für Nicole Herman jedenfalls die Rettung ihres Lebens bedeutete, ist für Amelia mindestens die Rettung ihrer Selbstachtung. Noch während der Operation drohte sie an den eigenen Ansprüchen und Anforderungen zu zerbrechen, vor allem deshalb, weil sie sich unaufhörlich mit ihrem Bruder Derek vergleicht. So bleibt zu hoffen, dass es ihr gelingt, aus dem Erfolg das nötige Selbstbewusstsein zu schöpfen, ohne sich in ständigen Zweifeln zu verlieren. Ähnlich erging es ja schon ihrer Schwägerin Meredith, die schließlich keine Neurochirurgin wurde.

Fazit

The Distance steht ganz im Zeichen der komplizierten Operation an Nicole Herman. Trotz zwischenzeitlicher Selbstzweifel gelingt es Amelia, das Leben der Chirurgin zu retten - die am Ende der Episode allerdings erblindet aus der Narkose erwacht. Während Arizona ihren ersten Soloflug erfolgreich beenden konnte, stellt sich nun die Frage, wie es weitergehen wird. Kann Nicole Herman trotz dem (wahrscheinlich) vorzeitigen Ende ihrer Karriere wieder Freude am Leben finden? Im Hinblick auf den weiteren Handlungsverlauf der Staffel könnte hier gemutmaßt werden, dass Geena Davis' Gastrolle nun ihr Ende gefunden hat - es sei denn, Derek Shepherd gibt sich aus D.C. noch einmal die Ehre.

Neben dem zwiespältigen Ende des Handlungsstranges um Dr. Herman und Amelia fiel besonders die Inszenierung der Operation und der Bedeutung derselben auf. Schon in der vorangegangen Episode wurde durch Amelias Vortrag eine fast sakrale, erhabene Stimmung heraufbeschworen, die dem Ärzteberuf im Allgemeinen und dem Chirurgendasein im Speziellen etwas Heldenhaftes verlieh. Wäre man an derartige Inszenierungen innerhalb der Serie nicht gewöhnt, hätte man die ein oder andere Szene durchaus als eine Spur zu bedeutungsschwanger empfinden können - so bewegten sie sich allerdings im Rahmen der serientypischen Dramaturgie.

Promo zur Episode 11x15 der Serie „Grey's Anatomy“
Verfasser: Hannah Klein am Freitag, 6. März 2015

Grey's Anatomy 11x14 Trailer

Episode
Staffel 11, Episode 14
(Grey's Anatomy 11x14)
Deutscher Titel der Episode
Superhelden
Titel der Episode im Original
The Distance
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 5. März 2015 (ABC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Samstag, 12. September 2015
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Montag, 24. August 2015
Autor
Austin Guzman
Regisseur
Eric Laneuville

Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 11x14

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