Grey's Anatomy 11x12

Mit The Great Pretender gewähren die Autoren ihren Zuschauern eine kleine Atempause von den zuletzt emotional durchaus mitreißenden Entwicklungen. Abseits vieler unterhaltsamer Szenen wird darüber hinaus dem Titel der Episode Rechnung getragen. Vorgeben, etwas zu sein, das man nicht ist - mit den unterschiedlichsten Hintergründen betrifft dieses Thema gleich mehrere Figuren der Episode.
So werden hinsichtlich der Ehekrise von Meredith (Ellen Pompeo) und Derek (Patrick Dempsey) neue Facetten offenbar, die sich allerdings schon lange andeuteten. Miranda Bailey (Chandra Wilson) erhält hingegen in dem Handlungsstrang um Ben (Jason George) und seinen Bruder Curtis (Benjamin Patterson) die Chance, sich von ihrer positiven und einfühlsamen Seite zu zeigen.
Your brother is becoming your sister
Transgender, Transsexualität, Queer, LGBTQ - diesen und anderen Begriffen und (Selbst-)Bezeichnungen wird erfreulicherweise zunehmend Aufmerksamkeit beigemessen. Sich der LGBTQ-Gemeinschaft/-Szene zugehörig fühlen, das bedeutet trotzdem für viele Menschen noch immer Diskriminierung, Ablehnung und Ausgrenzung in heteronormativen Gesellschaften. Umso bedeutsamer ist es daher, dass es Shonda Rhimes und ihrem Autorenteam immer wieder gelingt, diese Thematik in den Plot einer Serie einzubinden, die viele Zuschauer erreicht - wenn auch auf eine streckenweise zu leicht verdauliche Weise. Im Fall von The Great Pretender ist zum ersten Mal auch das direktere Umfeld der Hauptcharaktere involviert.
Nachdem Curtis, der Bruder von Baileys Ehemann Ben, bei der Verstreuung der Asche des Vaters im Wald zusammenbricht, wird er umgehend im Krankenhaus behandelt. Zunächst deuten seine Werte und Symptome auf Drogenmissbrauch hin, doch schnell stellt sich heraus, dass sich Curtis selbst einer Hormonbehandlung unterzogen hat. Als Bailey Ben schließlich behutsam erklärt, dass Curtis als Frau leben möchte, reagiert er zunächst ungläubig und fassungslos. So weit, so absehbar - schließlich kannte Ben seinen Bruder beziehungsweise seine Schwester bisher 25 Jahre lang nur als Curtis und nicht als Rosalyn.
Es ist jedoch, wie sich in einem späteren Gespräch mit Bailey zeigt, vielmehr die Enttäuschung über das mangelnde Vertrauen, das Ben wütend macht und an dem er Anstoß nimmt. Daher scheint es ihm zusätzlich schwerzufallen, die Entscheidung von Rosalyn zu akzeptieren. Dass es sicherlich weitaus schwerer für Rosalyn war, ihr ganzes bisheriges Leben lang vorgeben zu müssen, jemand zu sein, der/die man nicht ist, kann Ben nicht einsehen: „I just wanna be happy with who I am.“ („Ich will einfach nur glücklich sein, so wie ich bin.“) Bailey gelingt es dagegen, für Bens Schwester da zu sein und ihren Mann gleichzeitig zum Umdenken zu bewegen.
Der Handlungsstrang wird sich vermutlich bis in die nachfolgende Episode erstrecken. Das ist wünschenswert, nicht zuletzt aufgrund des wichtigen Themas, das hier angerissen wurde. Darüber hinaus wurde der Figur von Bailey auch die Chance gegeben, endlich noch einmal in sehenswerten Szenen eine tragende Rolle zu spielen.
I don't know what happens to us
Um das „so tun, als ob“ geht es auch an anderer Stelle. Wie die Zuschauer erfahren, tauchte Meredith nie in D.C. bei Derek auf - eine Affäre? Oder war sie vielleicht bei Cristina? Beides ist nicht der Fall. Bis sich jedoch schließlich herausstellt, was denn nun eigentlich der Grund für das ewige Rumgedruckse seitens Meredith gegenüber Maggie (Kelly McCreary) war, darf man erstere bei ihrem typischen Abwehrverhalten beobachten. Vor allem im Hinblick auf zehn Staffeln Grey's Anatomy kann dieser Art langsam, aber sicher nicht mehr dieser gewisse dark-twisted Charme abgewonnen werden, das Unnahbare, das Meredith nun einmal ausmacht.
Denn oft genug stellt man sich schlicht die Frage, was das Ganze schon wieder soll: Gut, Meredith konnte nicht in den Flieger steigen, aus Angst, dass sich Derek nicht (genug) über ihren Besuch freut. Stattdessen blieb sie drei Tage im Flughafenhotel. Grund genug, um Maggie, die in dieser Zeit ihre Kinder hütete, dermaßen zurückzuweisen? Als Maggie dann auch noch überschwängliches Verständnis zeigt („That must have been awful“), könnte man durchaus zu einem genervten Augenrollen verleitet werden.
Dem entgegenzuhalten wäre jedoch definitiv das gelungene Ende der Episode. Meredith öffnet sich ihrer (mehr oder weniger unfreiwilligen) Ersatzperson Alex (Justin Chambers). Der Grund, weshalb sie niemandem von ihrem Verhalten erzählt hat, war nicht der, dass sie sich schämte. Im Gegenteil: Sie hat die drei Tage ohne Verpflichtungen und Streit so sehr genossen, dass in ihr drängende Fragen aufkommen. Sie will Derek nicht verlassen, aber kann im Moment auf keinen Fall mit ihm zusammen sein. Was also ist zu tun? Mit den Überschneidungen von Alex' „I'm gonna marry that girl“ (gemeint ist Jo) mit Merediths „I don't know what happens to us“ endet „The Great Pretender“ dann bittersüß.

You dirty, dirty girl!
Ist Nicole Hermans (Geena Davis) Tumor weiter gewachsen? So recht können sich weder Owen (Kevin McKidd) noch Arizona (Jessica Capshaw) den neuen Witzbold des Krankenhauses aka Dr. Herman erklären. Arizona nimmt die Scherze auf ihre Kosten locker, so dass die Zuschauer die beiden in vielen kurzweiligen und amüsanten Szenen zu sehen bekommen. Dass hinter Dr. Hermans Zynismus eine ordentliche Portion Humor steckt, war schon des Öfteren zu erahnen, umso schöner also, dass Arizona gekonnt darauf einsteigt und sich ein tieferes, freundschaftliches Verhältnis zwischen den Ärztinnen zu entwickeln scheint. Geübte Shonda-Kenner dürften allerdings berechtigterweise befürchten, dass Unbeschwertheit in dieser Serie nur selten von Dauer ist.
Das Rätselraten um Nicole Hermans Verhalten führt aber auch in Bezug auf Owen und Amelia zu amüsanten, wenn auch leicht peinlichen Momenten, so dass das Knistern zwischen ihnen kaum mehr zu übersehen ist. Amelias (Caterina Scorsone) Flirtunfähigkeit und ihr gestammelter Monolog gegenüber Owen, um herauszufinden, ob er an Dr. Herman interessiert ist, war nur einer der Höhepunkte im Austausch zwischen den beiden: „She's very attractive and tall, I mean, she might be the tallest person in the hospital, I mean, you might find tall people attractive...“ („Sie ist sehr attraktiv und groß, also ich meine, sie ist vielleicht die größte Person hier im Krankenhaus, also, es könnte ja sein, dass du große Leute attraktiv findest...“)
Der Kuss zwischen Owen und Amelia am Ende von „The Great Pretender“ kann somit als Startschuss für eine neuen Handlungsbogen in der Serie gesehen werden. Ob man nun Fan von der möglichen Kombination ist oder nicht - zu hoffen bleibt, dass Owen endlich wieder zu sich findet.
Fazit
In The Great Pretender befinden sich gleich mehrere Charaktere auf der Suche nach sich selbst. So zum Beispiel Bens Bruder Curtis, der als Rosalyn leben möchte oder Meredith, die sich nicht mehr sicher ist, ob sie in ihrer jetzigen (Ehe-)Situation noch glücklich ist. Beide Handlungsstränge können positiv hervorgehoben werden. Sei es aufgrund einer überaus beachtenswerten Thematik, sei es, weil sich eine handlungstragende Figur weiterentwickelt.
In Kontrast zu den tragischen und aufwühlenden Ereignissen der letzten Episoden bezüglich April und Jackson wird die Stimmung außerdem gelungen aufgelockert. Dieser Umstand ist vor allem der stimmigen Chemie zwischen Arizona und Nicole Herman zu verdanken. Der zynische und knallharte Humor der todkranken Chirurgin verschaffte der Episode einige kurzweilige Momente.
Für gegensätzliche Auffassungen wird sicherlich das Näherkommen zwischen Amelia und Owen sorgen. Letztlich bleibt einfach abzuwarten, wie sich beide Figuren und deren Beziehung zueinander entwickelt. Da aber beiden Charakteren grundsätzlich viel abgewonnen werden kann, ist man geneigt, der Entwicklung positiv gegenüberzustehen.
Promo zu „Grey's Anatomy“ (11x13) Verfasser: Hannah Klein am Freitag, 20. Februar 2015Grey's Anatomy 11x12 Trailer
(Grey's Anatomy 11x12)
Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 11x12
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