Grey's Anatomy 10x12

Grey's Anatomy 10x12

Die Episode Get up, Stand up bringt als Minifinale zur Staffelmitte eine ganze Reihe einschneidender Entwicklungen mit sich. Obwohl davon mehrere berühren können, besteht leider auch wieder Grund zur Kritik an Grey's Anatomy.

In „Grey's Anatomy“ steht endlich Aprils (Sarah Drew) und Matthews (Justin Bruening) Hochzeit an. / (c) ABC
In „Grey's Anatomy“ steht endlich Aprils (Sarah Drew) und Matthews (Justin Bruening) Hochzeit an. / (c) ABC

Die Grey's Anatomy-Episode Get Up, Stand Up ist bis zum Rand prall mit Offenbarungen und Drama gefüllt. Das Resultat dieses Bombardements an emotionsgeladenen Impulsen ist, dass der Zuschauer in seiner Übersättigung dabei ein wenig abstumpft.

Breakdown

Der Assistenzarzt Shane Ross (Gaius Charles) behält sein äußerst offensives Verhalten aus der Episode Man on the Moon (10x11) bei. In seinem Verhalten auf der Pressekonferenz, die anlässlich Cristinas erfolgreicher Behandlung von Baby Nathan abgehalten wird, macht er dabei regelrecht einen größenwahnsinnigen Eindruck. Die Betonung liegt hier allerdings auf „wahnsinnig“.

Wie sich herausstellt, sind die Veränderungen, die Shane in letzter Zeit durchlaufen hat, eine Langzeitfolge seiner akuten Schuldgefühle über den Tod von Heather Brooks. Um die Tatsache wiedergutzumachen, dass er seine Kollegin während des großen Sturmes auf die Suche nach Richard Webber (James Pickens Jr.) geschickt hatte und damit indirekt ihren Tod „verschuldete“, stürzt sich Ross bedingungslos in die Arbeit. Mithilfe eines technischen Tricks kommt er auch um die Anordnung herum, dass er wöchentlich „lediglich“ 80 Stunden arbeiten darf.

Harte, letzte Worte?

Der Leidtragende von Shanes wohl durch den Schlafentzug begünstigten Nervenzusammenbruch wird Alex' (Justin Chambers) Vater Jimmy (James Remar). Auf unangemessen dominante Weise beordert Shane ihn auf den Operationstisch, wo er überfordert allem Anschein nach ein Gemetzel veranstaltet. Es ist zum Ende von Get Up, Stand Up unklar, ob Jimmy den Eingriff - nach Dr. Webbers geistesgegenwärtigem Eingreifen - vielleicht doch noch überleben wird. Falls er allerdings versterben sollte, kommen wahrscheinlich wieder einmal schwere Zeiten auf Alex zu.

Zwar hat Karev sich - dank der dafür maßgeschneiderten Vater-Sohn-Patientengeschichte - schließlich auf recht versöhnliche Weise von Jimmy verabschiedet und daraufhin mit Jo (Camilla Luddington) in einer packenden und emotionsgeladenen Szene das „Wir zwei im Kampf gegen den Rest der Welt“-Gefühl zelebriert. Doch in Anbetracht von Alex' butterweichem Kern dürfte es ihm dennoch zusetzen, wenn die letzten Worte zu seinem Erzeuger von einer resoluten Ablehnung geprägt gewesen wären.

Fragiler Frieden

Im Hause Bailey gibt es dafür Harmonie! Dr. Alma ist verschwunden und Miranda (Chandra Wilson) hat ihre obsessive-compulsive disorder mit der Hilfe von Medikamenten wieder in den Griff bekommen. Doch zumindest in Bezug auf Baileys Ehe mit Ben Warren (Jason George) trügt der heile Schein bedauerlicherweise. Während Ben es misstrauisch beäugt, dass sich seine Frau nun wieder verstärkt der Arbeit im Labor zuwenden möchte, kann Miranda sich noch immer nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass Ben sich gegen die Ambition und für die Familie entschieden hat. Ganz davon abgesehen, dass die mit diesem Erzählstrang verknüpfte Patientengeschichte um den Jungen, der bereits 312 Operationen über sich ergehen lassen musste, zusätzlich ein Gefühl des mitfühlenden Unbehagens heraufbeschwört... Es wäre doch schön gewesen, die Handlung der Serie zumindest an einer Stelle unbeschwert genießen zu können, oder?

Derek (Patrick Dempsey) ist eigentlich vollkommen dazu entschlossen; nun weniger zu arbeiten. © ABC
Derek (Patrick Dempsey) ist eigentlich vollkommen dazu entschlossen; nun weniger zu arbeiten. © ABC

Akzeptanz und Vollkommenheit

Auch aufseiten eines weiteren Ehepaares ist nicht alles so vollkommen, wie es scheint. Callie (Sara Ramirez) ist voller Euphorie darüber, dass sie und Derek Shepherd (Patrick Dempsey) bei ihrer neurologischen Forschung Fortschritte machen. Sie geht davon aus, dass sie ihrer Ehefrau Arizona (Jessica Capshaw) so über kurz oder lang wieder das Gespür für ihr amputiertes Bein ermöglichen wird. Arizona denkt dadurch, in den Augen von Callie unvollständig und quasi „kaputt“ zu sein. Aufgrund dieser mangelnden vollkommenen Akzeptanz für Arizonas neues Selbst bahnt sich hier wohl die nächste schwere Krise für das leidgeprüfte Paar an.

Zwischen Hass und Freundschaft

Während der neueste „Calzona“-Konflikt bislang noch im Verborgenen schwelt, brechen sich die scharfen Unstimmigkeiten zwischen Meredith (Ellen Pompeo) und Cristina (Sandra Oh) neuerlich in aller Öffentlichkeit Bahn. Greys „I will never be as arrogant as you are“ trifft so auf Yangs „You became the thing we laughed at“ und alles hat den Anschein, als hätten beide persons ihre zwischenmenschlichen Brücken nun vollends in Brand gesteckt.

Kurz vor dem Höhepunkt des Tages, der sich doch eigentlich in erster Linie um April (Sarah Drew) hätte drehen sollen, gibt es dann aber doch noch etwas Licht am Ende des Tunnels. Zwar schreitet die entnervte Braut ein, bevor es zu einer richtigen Versöhnung der beiden Ärztinnen kommen könnte. Aber immerhin sind sowohl Cristina als auch Meredith nun dazu bereit, die Schuld für ihren Streit zur Abwechslung auch einmal bei sich selbst zu suchen. Zudem gesteht Mer gegenüber sich und ihrer Freundin ein, von der Eifersucht über Cristinas chirurgischen Erfolg und über deren Aussicht auf den renommierten „Harper Avery Award“ zerfressen zu werden. Auch Yang öffnet sich weiter, nachdem sie Meredith zuvor bereits gebeichtet hatte, im Falle von Nathan an die Grenzen ihrer medizinischen Expertise gestoßen zu sein. Nachdem die beiden so endlich ihre Probleme diagnostiziert haben, sollte es doch irgendwie möglich sein, im Lichte dieser Erkenntnis einen Weg zu finden, um ihre langjährige Freundschaft zu retten.

Zur gleichen Zeit bahnt sich für Meredith bereits der nächste herbe Schlag an. So wird Derek von niemand Geringerem als dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika angerufen. Man muss wohl kein Neurochirurg sein, um sich zusammenzureimen, dass Derek zukünftig wohl kaum so viel Zeit für die Familie wird aufbringen können, wie er es geplant hatte. Zwar lassen seine Aufopferung und die Hartnäckigkeit, mit der Shepherd bisher alle Arbeitsangebote abgewiesen hatte, seinen Charakter von neuem in einem ausgezeichneten Licht erscheinen. Doch die geschickte Charakterzeichnung wird bedauerlicherweise dadurch entwertet, dass der Anruf aus dem Weißen Haus einen allzu überdramatisierten und fiktiven Eindruck macht. Sicherlich ist Shepherds Arbeit von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit, doch das nach Hollywood müffelnde „Please hold, for the President of the United States!“ hätte man sich im Dienste der Plausibilität doch besser verkneifen sollen.

Leah (Tessa Ferrer) steuert einen Großteil des Humors zu dieser Episode bei und operiert hier an der Seite von Miranda Bailey (Chandra Wilson). © ABC
Leah (Tessa Ferrer) steuert einen Großteil des Humors zu dieser Episode bei und operiert hier an der Seite von Miranda Bailey (Chandra Wilson). © ABC

Vorhersehbare Hindernisse

Die Hochzeit zwischen April und Matthew (Justin Bruening) könnte einem großen Teil der April-umgebenden Hysterie endlich ein Ende bereiten. Vor der Trauung gibt es davon jedoch noch eine Kostprobe, als sie ihrem Zukünftigen zufällig im Krankenhaus begegnet. Samt des Gekreisches und der obligatorischen Lockenwickler macht diese Sequenz einen derartig künstlichen Eindruck, dass es kaum zu ertragen ist.

Doch damit nicht genug der zuckrigen Klischees. Statt die Zuschauer zu überraschen und die Hochzeit zwischen April und Matthew ungestört über die Bühne gehen zu lassen, muss der arme Jackson Avery (Jesse Williams) seiner Exfreundin vor versammelter Mannschaft in der Kirche seine Liebe gestehen. Zwar ist es eine nette Eingabe, dass er sich dabei einen Ratschlag seines verstorbenen Mentors Mark Sloan zu Herzen nimmt. Die musikalische Untermalung durch Jill Andrews' Version von „Total Eclipse of the Heart“ ist zudem so gelungen, dass sich schnell eine Gänsehaut breitmachen könnte. Selbst die Tatsache, dass Jackson im letzten Moment doch noch der Mut zu verlassen scheint und er sich kurz wieder hinsetzt, kann die Szene aufwerten. Doch während die Fans von Jackpril danach aufgeregte Luftsprünge absolviert haben dürften, wurde die Rezensentin hier zu erzürntem Kopfschütteln angehalten.

Erstens ist diese Komplikation so vorhersehbar, dass man fast gähnen könnte. Zum anderen bleibt den Zuschauern so über die Ausstrahlungspause hinweg ein Schlussstrich unter diese langgezogenen Liebeswirren verwehrt. Und außerdem bricht einem der Gedanke an die arme Stephanie (Jerrika Hinton) fast das Herz, die so kurz davor gewesen war, Jackson ihre Liebe zu gestehen. Zu allem Überfluss steht auch das Glück von Matthew auf dem Spiel - falls sich April in der nächsten Episode denn gegen ihn entscheiden sollte.

Fazit

Es ist fantastisch, dass Richard wieder zu einem vollwertigen Mitglied der Ärzteschaft des Grey Sloan Memorial Hospital geworden ist. In der Sequenz, in der er den geistig weggetretenen Ross dazu bringt, vom Operationstisch zurückzutreten, kann er durch seine langjährige Erfahrung und seine Menschenkenntnis auftrumpfen.

Auch Ross selbst kann Emotionen generieren, als er blutbesudelt und gebrochen in den Fahrstuhl tritt. Sein Schicksal stimmt genauso neugierig, wie die diversen anderen Cliffhanger, die die Episode Get Up, Stand Up gesät hat. Während es die Rezensentin persönlich relativ kaltlässt, ob Jimmy nun überleben wird oder nicht, ist sie gespannt darauf, wie die verschiedenen Pärchen - wozu in gewisser Weise auch Cristina und Meredith zählen - mit den neuesten Herausforderungen umgehen werden.

Man merkt es den Drehbuchautoren von Grey's Anatomy an, dass sie sich in dieser Episode in puncto Gefühlschaos selbst übertreffen wollten. Doch manchmal ist - so abgegriffen es auch klingen mag - weniger tatsächlich mehr. Anstatt die Zuschauer mit einer Dramalawine zu überwältigen, hätte man besser dem auflockernden Humor etwas mehr Platz zugestehen sollen. Ein Schock trifft einen nämlich immer dann am härtesten, wenn man sich gerade in wohliger Sicherheit wiegt.

Verfasser: Thordes Herbst am Freitag, 13. Dezember 2013

Grey's Anatomy 10x12 Trailer

Episode
Staffel 10, Episode 12
(Grey's Anatomy 10x12)
Deutscher Titel der Episode
Aprils großer Tag
Titel der Episode im Original
Get Up, Stand Up
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 12. Dezember 2013 (ABC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 19. März 2014
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Dienstag, 18. März 2014
Autor
William Harper
Regisseur
Tony Phelan

Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 10x12

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