
Es gab einmal eine Zeit, da konnten die amerikanischen Networks stolz auf ihre zugkräftigen Serienvehikel verweisen. Damals benötigten Neustarts noch keine Realityformate als quotenstarke Lead-ins, damals dienten fiktionale Formate der quotentechnischen Aufpolsterung neuer Produktionen. FOX hatte 24, ABC präsentierte Grey's Anatomy und Desperate Housewives und NBC konnte das qualitativ hochwertige (wenngleich quotentechnisch enttäuschende) Friday Night Lights vorweisen.
Wohin führt das Networkfernsehen?
Und CBS? Der Sender legte etwas später mit The Good Wife und Person of Interest nach, eine als Procedural gestartete Dramaserie, die sich in ihrer nunmehr dritten Staffel zu ungeahnten Höhen aufschwingt. Das alles ist noch gar nicht lange her und doch drängt sich nach den „Pilot Seasons“ der Jahre 2012 und 2013 der Verdacht auf, dass sich die Verantwortlichen der Networks eher auf den Lorbeeren ihrer vergangenen Arbeit ausruhen und mit simpel gestricktem Content versuchen, an frühere Erfolge anzuknüpfen.
Umso erstaunlicher ist dieser Trend, wenn man sich die jüngsten Entwicklungen auf dem amerikanischen Fernsehmarkt ansieht. Mit großer Macht und viel öffentlicher Aufmerksamkeit drängen dort neue Player ins Rampenlicht, die mit originellen Inhalten den Status Quo aufwirbeln. Zu nennen wäre dabei zuallererst der VoD-Anbieter Netflix, der mit House of Cards und Orange Is the New Black im vergangenen Jahr gleich zwei Dramaserien an den Start brachte, die auf den Jahresbestenlisten der meisten Kritiker auftauchten - wie hier bei SERIENJUNKIES.DE®. Auch Amazon bringt neuerdings eigenproduziertes Material heraus und der Sundance Channel besticht mit drei wunderbar erzählten Kurzgeschichten (Rectify, Top of the Lake und Les Revenants - letztgenanntes wurde aus Frankreich eingekauft und nicht selbst produziert).
Trotzdem beginnt die Mid-Season 2014 mit einer Reihe von enttäuschenden Neuveröffentlichungen der Networks. CBS startete wenig ambitioniert mit Intelligence und ABC schickte mit Killer Women gleich eine Totgeburt ins Rennen. Als jüngstes Beispiel für die Ideen- und Mutlosigkeit der großen Sender darf nun auch Chicago PD angeführt werden. Es gibt nichts wirklich Anstößiges, was man an diesem neuen Crime-Procedural bemängeln könnte. Die Serie ist einfach nur reine Durchschnittskost, der man beim Zappen durch das amerikanische TV-Programm reihenweise begegnet, was wiederum die Frage aufwirft: Wozu das Ganze?
Chicago PD ist ein Spin-off der - für heutige Standards - erfolgreichen NBC-Dramaserie Chicago Fire. Im Backdoor-Pilot des letzten Jahres wurden darin einzelne Charaktere der potentiellen Polizeiserie eingeführt, von denen im fertigen Produkt aber nur Jason Beghe als zentrale Figur und Jon Seda als dessen Kollege übernommen wurden. Der Rest des beinahe unüberschaubar großen Ensembles wurde neu besetzt. Schon in der Auftaktepisode Stepping Stone kommt es derweil zu mehreren Gastauftritten von Ensemblemitgliedern aus Chicago Fire, die jedoch keine tragenden Handlungsstränge ausfüllen.
Stay out of my city
Beghe spielt den offensichtlich korrupten Polizisten Hank Voight, der in Chicago Fire als absoluter bad ass eingeführt worden war, dem jedoch hier einige menschliche Facetten verpasst wurden. Von Beginn an wirkt der Charakter wie ein wenig durchdachter Abklatsch von Vic Mackey (Michael Chiklis) aus The Shield. Irgendwie ist es Voight trotz augenscheinlicher Autoritätsprobleme mit seinen Vorgesetzten und Kollegen gelungen, die Leitung der Intelligence Unit anvertraut zu bekommen. Diese führt er nun mit harter Hand und - gelegentlich - weichem Herzen: „This is intelligence. My unit. You tell me the truth so I can lie for you.“

Schon bei der Einführung dieser Figur kommt die Frage auf, wozu wir einen weiteren Aufwasch des korrupten Bullen brauchen. Schließlich haben wir den Prototyp schon in Vic Mackey über sieben Staffeln bestaunen können und die Legitimation von Foltermethoden wurde bereits durch Jack Bauer (Kiefer Sutherland) in 24 mehr als hinreichend durchdekliniert. Das alles bedeutet nicht, dass Chicago PD mich verärgert oder in Rage versetzt. Nein, die Serie langweilt mich schlicht und ergreifend von der ersten Minute an, weil ich darin nichts finden kann, was ich nicht schon viel zu oft an anderen Stellen gesehen hätte.
Die Geschichte der Auftaktepisode ist denn auch so schnell erzählt wie vergessenswert. Voight und sein Team jagen einem Drogendealer hinterher, der gepanschtes Material auf den Straßen Chicagos verteilt, woran schon drei Menschen gestorben sind. Die Umsetzung dieses Handlungsbogens offenbart einige Probleme. So ist der Episodenbösewicht völlig überzeichnet, er leckt sich die Lippen, bevor er seine Opfer grausamer Folter aussetzt. Er hält seine Finger in die Flamme eines Feuerzeugs, während er dem Opfer sein sadistisches Gedankengut offeriert. Des Weiteren werden die Informanten der Polizei vollkommen unglaubwürdig porträtiert. Es gibt einen Jugendlichen, der im Drogengeschäft involviert ist, aber eigentlich ein gutes Herz hat und deshalb der Polizei sämtliche Informationen preisgibt. Weiter weg von der Realität könnte die Charakterisierung eines jugendlichen Bandenmitglieds aus dem Ghetto Chicagos gar nicht sein.
Dass eine solche Charakterzeichnung grober Unfug ist, wissen wir aus The Wire. Obwohl sich der Vergleich mit dieser schonungslosesten aller TV-Serien hier eigentlich verbietet, sind mir doch einige Elemente aufgefallen, die mich sofort an das grandiose HBO-Drama erinnert haben. Zum einen setzen die Polizisten hier die in The Wire stets verteufelte (aber trotzdem immer wieder eingesetzte) Taktik des buy bust ein, also der Verhaftung einfacher Straßendealer nach dem Drogenverkauf an einen verdeckt ermittelnden Polizeibeamten.
Ten percent of the cops do ninety percent of the work
Zum anderen gibt es eine Szene, in der Voight einen vertraulichen Informanten aufsucht. Darin sitzen er und seine Gangsterhomies auf einer unter freiem Himmel aufgestellten Couchgarnitur, die als eindeutige Referenz an das Sofa in „The Pit“, einem der Drogenumschlagsplätze in The Wire, zu verstehen ist. Darin erschöpfen sich die Parallelen auch schon, die Erzähltechnik von Chicago PD ist eine gänzlich andere. Nachdem der Fall um den Drogendealer abgeschlossen ist, erhält Antonio Dawson (Jon Seda) einen Anruf von seiner Frau, die ihm voller Verzweiflung mitteilt, dass ihr gemeinsamer Sohn gerade entführt wurde.

Dieser Cliffhanger kommt völlig überraschend und hat keinerlei Verbindung zum sonstigen Plot der Auftaktepisode. Damit soll wohl kaschiert werden, dass die Charaktere alleine die Geschichte nicht tragen können. Schuld daran ist die eindimensionale Charakterzeichnung, die jeder Figur eine schwierige Vergangenheit zuteilt und damit offenbart, dass hier keine eigenen Ideen verwendet, sondern nur ein grobes Muster angelegt wurde. Nicht einmal Voight schaffte es, bei mir Interesse für seine Person zu generieren - wie sollen es dann die übrigen Charaktere schaffen, die weit weniger Spielzeit bekommen?
Überrascht nahm ich in den Anfangscredits zur Kenntnis, dass Michael Slovis die Regie der Episode übernommen hatte. Er machte sich durch seine Kameraarbeit ab der zweiten Staffel von Breaking Bad einen Namen. Nicht zuletzt wegen ihrer grandiosen Kinematografie darf die AMC-Serie zu den herausragenden Dramaserien gezählt werden. In Chicago PD liefert Slovis lediglich routinierte Arbeit ab. Interessant wäre eine Antwort auf die Frage, ob dies am mangelnden Budget lag oder ob es eine Direktive von NBC gab, die Zuschauer visuell bloß nicht zu überfordern. Sollte letzteres der Fall gewesen sein - es würde mich nicht überraschen.