Boardwalk Empire 5x07

Die Herangehensweise der Drehbuchautoren Cristine Chambers, Riccardo DiLoreto und Howard Korder an die vorletzte Episode des Prohibitionsdramas Boardwalk Empire ist wahrlich überraschend. Statt sich den großen Showdown für das Serienfinale aufzusparen, feuern sie schon in Friendless Child aus vollem Kanonenrohr - und rücken gleichzeitig eine Geschichte ins Rampenlicht der Abschlussepisode, von der wohl niemand geglaubt hätte, dass sie jemals einen solch prominenten Platz einnehmen würde. Doch Nucky Thompson hat einst seine Seele an den Teufel verkauft, um endlich den so sehnlichst erwünschten Aufstieg zu schaffen.
I believe I'm done
Die Rückblende ins Jahr 1897 erzählt uns (abgesehen von einigen Details) nichts, was wir nicht schon vorher wussten. Trotzdem erzielt sie ihren maximalen Effekt, gerade weil es so viel wirkungsvoller ist, Nuckys Missetaten zu zeigen, statt sie nur anzudeuten. Wir hätten nach dem Ende der letzten Episode schließlich davon ausgehen können, dass die Auslieferung der jungen Gillian (Madeleine Rose Yen) an den pädophilen Commodore (John Ellison Conlee) weniger dramatisch vonstattengeht. So bekommen wir jedoch eine äußerst schlüssige Erklärung für Nuckys (Steve Buscemi) depressiven Anflüge im Erzählstrang des Jahres 1931.
Der junge, ehrgeizige Nucky (Marc Pickering) weiß nämlich genau, worauf er sich einlässt - spätestens, als sein Vorgesetzter Lindsay (Boris McGiver) frustriert das Handtuch wirft und die perversen Handlangertätigkeiten für den Commodore und seinen Lakai Leander Whitlock an Nucky überträgt. Dessen Erschütterung ob dieser Erkenntnis ist nicht gespielt, sie ist echt. Rechnet man nun noch die Bitten seiner Ehefrau Mabel (Maya Kazan) ein, die junge, heimatlose Gillian im gemeinsamen Zuhause aufzunehmen, wiegt es umso schwerer, dass sich Nucky für den bedingungslosen Aufstieg und gegen das Schicksal eines kleinen, schutzlosen Mädchens entschieden hat.
Den Preis zahlt er seither mit Gewissensbissen, die ihn in immer kürzeren Abständen heimsuchen. Deshalb scheucht er auch seinen jugendlichen Helfer Joe Harper (Travis Tope) energisch aus der Ruine seines einstmaligen Empires. Er erkennt sich selbst in dem Aufstiegswilligen wieder und muss sich eingestehen, dass sein Leben wohl eine ganz andere - bessere - Wendung genommen hätte, wäre er als junger Bursche einst ähnlich energisch vom Hof des Commodore gescheucht worden. Seine Erinnerungen an Gillian (Gretchen Mol) kumulieren indes in einer nicht enden wollenden Kaskade an Sprachfetzen aus ihrem Brief, die sich in seinem Kopf so sehr vermischen, dass am Ende nur noch ein einziger Hilfeschrei steht. Es gibt für Nucky Thompson nun nur noch eine Aufgabe: Er muss seine Schuld an Gillian begleichen.
Außer seinem Börsendeal mit Margaret (Kelly Macdonald) und Aktien der Mayflower Grain Company bleibt ihm auch nicht viel anderes übrig. Ein Nachteil der Kürzung dieser abschließenden Staffel auf nur acht Episoden wird in Friendless Child indes besonders deutlich. Die Episode ist bis an den Rand mit Plot vollgepackt. Innerhalb einer Stunde Erzählzeit wird sowohl der Machtkampf zwischen Nucky und Lucky Luciano (Vincent Piazza) als auch der zwischen Luciano und Salvatore Maranzano (Giampiero Judica) abgefrühstückt - aber das in äußerst mitreißender Art.
This is business and I want all of yours
Auf beiden Seiten finden Entführungen statt, die schließlich in einer Geiselübergabe münden. Willie Thompson (Ben Rosenfield), dessen Entführung im Beisein seines völlig heruntergekommenen Vaters Eli (Shea Whigham) stattfindet, soll gegen Bugsy Siegel (Michael Zegen) eingetauscht werden. Dessen Charakter sorgt für comic relief non stop, bevor die dramaturgischen Fleischtöpfe der Episode geöffnet werden. Er nervt seine Entführer mit der ständigen Wiederholung des 30er-Jahre-Hits „My Girl's Pussy“ von Harry Roy, den er voller Inbrunst trällert, bis er geknebelt wird.
Bei der Übergabe reagiert Bugsy gedankenschneller und gerissener als sein unerfahrenes Gegenüber. Er überwältigt Willie und bringt ihn erneut in die Gewalt von Luciano und Meyer Lansky (Anatol Yusef). Triumphierend ruft er: „Lick the piss off my schwanz, you Jersey motherfuckers.“ Spätestens da ist Schluss mit lustig. Eli will ohne Sinn und Verstand auf die Gegenspieler stürzen, er hat nun nichts mehr zu verlieren, sein Leben ist ihm nichts mehr wert. Nucky hält ihn davon ab und erkennt, dass es für ihn nur noch einen Weg aus dieser misslichen Lage gibt: Die Erfüllung sämtlicher Forderungen seiner übermächtigen Widersacher.
Zwischendurch löst Mickey Doyle (Paul Sparks) eine wilde Schießerei aus, weil er glaubt, seinem mutmaßlichen neuen Chef Luciano einen Deal abtrotzen zu können. Für ihn und Nuckys Leibwächter Arquimedes (Paul Calderon) endet dieser Vorstoß tödlich. Lucianos Demonstration seines unbedingten, rücksichtslosen Machtwillens zwingt schließlich auch Nucky in die Knie - buchstäblich. Er fleht Luciano und Meyer um sein Leben an und überträgt ihnen all seinen Besitz. Als Lansky seinen partner in crime trotzdem zum Mord anstachelt, zieht Nucky seinen letzten Trumpf: Er könne Maranzano beseitigen lassen. Dann hätten die beiden Unterweltgrößen in New York keinerlei Widerstand mehr zu fürchten.
Luciano lässt sich auf den Deal ein und Nucky am Leben. Daraufhin liefern uns die Autoren und Regisseur Allen Coulter eine schöne Täuschungsaktion. Zunächst holt sich der Steuerfahnder Mike D'Angelo (Louis Cancelmi) vom zuständigen Richter in Chicago einen Durchsuchungsbefehl für Al Capones Räumlichkeiten, was - wie wir alle wissen - schlussendlich zu Capones Verhaftung führen wird. Es folgt eine Szene, in der sich vermeintliche Beamten der Steuerbehörde Zugang zu einem Gangsterhauptquartier verschaffen.
Please help me
Erst am Ende dieser Szene ist klar, dass es Eli und seine Mannen sind, die, als Steuerfahnder getarnt, Maranzano überfallen und ihn niederstechen. Schließlich ist es Eli, der den tödlichen Kopfschuss setzt. Er kann sich nun beruhigt dem Rest seiner kümmerlichen Existenz hingeben: Nachdem sein großer Bruder Nucky seinen Sohn Willie vor dem sicheren Tod bewahrt hat, konnte nun auch Eli seinen Teil dazu beitragen.
Für Nucky bleibt jetzt nur noch eine Aufgabe übrig: Gillian aus ihrem (selbst verschuldeten) Elend zu befreien. Luciano, Lansky, Siegel und der (fiktive) Pinky Rabinowitz (Ethan Herschenfeld) feiern indes in Brooklyn ihren Triumphzug. Ein anderer Vertreter der alten Garde, der sich doch eigentlich längst aus dem schmutzigen Geschäft zurückziehen wollte, wird von ihnen dabei ebenso achtlos abgebügelt wie all die anderen blauäugigen Mitstreiter, die sie betrogen haben: Johnny Torrio (Greg Antonacci) humpelt auf seinem Gehstock davon, während sie sich Wein, Weib und Gesang hingeben: „This could be a good year, Charlie.“ („Dies könnte ein gutes Jahr werden, Charlie.“)
Wenngleich das Erzähltempo von Friendless Child bisweilen etwas gehetzt wirkt, zeigt die Episode einmal mehr, welche Meister Howard Korder, Terence Winter und Konsorten darin sind, ihre Handlungsbögen am Ende einer Staffel harmonisch zusammenzuführen. Die Geschichten in New York, Chicago und Atlantic City sind nun eigentlich zu Ende erzählt. Nucky Thompson hat sein Boardwalk Empire endgültig verloren, jüngere, machthungrigere und rücksichtslosere Gangster sind nun an seine Stelle gerückt.
Umso gespannter bin ich auf die Finalepisode Eldorado. Ob sich diese nur um Nuckys Kampf um seine Wiedergutmachung gegenüber Gillian drehen wird? Oder uns noch einmal ein Zeitsprung erwartet? Ob Narcisse (Jeffrey Wright) noch einmal auftaucht? Ob Nucky stirbt? All diese Fragen sind noch offen. Die Theorie von Joe Harper als zurückgekehrter Tommy Darmody können wir indes wohl begraben. Seine Figur sollte eher als Abziehbild des jungen Nucky dienen und zu dessen Erkenntnis führen, dass sich all die Gewalt, all die Intrigen und Machtspiele am Ende nicht gelohnt haben. Hätte er doch besser etwas Ordentliches gelernt.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 21. Oktober 2014(Boardwalk Empire 5x07)
Schauspieler in der Episode Boardwalk Empire 5x07
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