Boardwalk Empire 5x08

Nun ist es also vorbei. Nun liegt Nucky Thompson (Steve Buscemi) erschossen auf dem boardwalk, wo er einst sein empire aufgebaut hatte. Er hat nun bezahlt für all die Sünden, die er begangen hat, um dem Elend zu entfliehen, in das er hineingeboren wurde. Im Tod sieht er sich noch einmal als kleinen Jungen, der nach den Goldmünzen taucht, die der Commodore ins Wasser geworfen hat. Wie sein jüngeres Ich schaffte es auch der erwachsene Nucky nie, seine Träume und Ziele zu realisieren. Was ihm bleibt, ist die Gewissheit, gleich drei Generationen einer Familie für das eigene Fortkommen zerstört zu haben.
We won't see each other again
Er stirbt durch mehrere Schüsse aus der Pistole „Joe Harpers“, der sich nun doch als Tommy Darmody (Travis Tope) entpuppt. Tommy rächt sich für das verpfuschte Leben seiner Großmutter Gillian (Gretchen Mol) und den Mord an seinem Vater Jimmy Darmody (Michael Pitt) - beides zurückzuführen auf die Großmannssucht Nucky Thompsons. Doch auch Tommys Leben wird nun schändlich enden - entweder im Gefängnis oder am Galgen. Gleich nach dem Mord an Nucky wird er nämlich von Polizisten festgenommen, die Nucky auf Schritt und Tritt gefolgt waren.
Ich war zunächst skeptisch, als die abschließende fünfte Staffel mit Rückblenden in Nuckys Kindheit und Jugend aufwartete. Doch im Verlauf der acht Episoden wurde dieses Element ein wichtiger Bestandteil für das Verständnis seines Charakters - in vier Staffeln zuvor bekamen wir Zuschauer nie einen solch intimen Einblick in das Seelenleben der zentralen Figur von Boardwalk Empire. Der Serie fiel es nicht immer leicht, das Interesse an ihrem Protagonisten aufrechtzuerhalten. Oftmals war es (für mich) interessanter, den Schicksalen der echten Gangster zu folgen. Überdies gab es mehrere fiktive Figuren, die Nucky das Wasser abzugraben drohten: Jimmy Darmody, Richard Harrow, Chalky White. Sie mussten alle vor Nucky sterben, nun ist er ihnen gefolgt.
Eldorado (der Titel ist dem berühmten New Yorker Apartmentgebäude entlehnt, in dem Nucky seine Ehefrau Margaret zu einem letzten Tänzchen bittet) gibt dem Zuschauer Gewissheit über etwas, was er wohl schon längst erahnte. Der junge, ehrgeizige Hilfssheriff Nucky (Marc Pickering) lieferte die heimatlose Gillian (Madeleine Rose Yen) einst an den pädophilen Commodore (John Ellison Conlee) aus, um endlich die ersehnte Beförderung zum Sheriff von Atlantic City zu erhalten. Obwohl bei mir darüber schon seit mehreren Episoden Gewissheit herrschte, schaffte es HBO-Stammregisseur Tim Van Patten mit seiner Inszenierung, die Tragweite dieses emotionalen Augenblicks noch einmal zu steigern.

Über den Verlauf der Episode wird gar nicht klar, was überhaupt Nuckys Plan für die Zukunft ist. Dank Margaret (Kelly Macdonald) und ihrem geschickten Händchen bei der Börsenspekulation darf er sich als reicher Mann aufs Altenteil zurückziehen. Gemeinsam schauen sie sich eine luxuriöse Wohnung in New York an, ihr Tanz wird durch ein anderes interessiertes Pärchen unterbrochen. Die Szene suggeriert, dass es eventuell ein Happy End für die beiden geben könnte, dass Margaret ihren Ehemann immer noch liebt und bereit ist, ihm zu verzeihen. Doch so weit wird es nicht mehr kommen.
All I did was for you
Der endgültige Abschied zwischen Nucky und seinem jüngeren Bruder Eli (Shea Whigham) gerät ebenso emotional wie unbeholfen. Noch einmal wird deutlich, dass Eli stets der schwächere der beiden war, dass er stets zu Nucky aufschaute und ihn nach Rat anflehte. Wir bekommen keine Informationen darüber, wohin es den flüchtigen Eli als Nächstes verschlagen wird. Von Nucky erhält er eine Tüte voller Geld und einen Rasierapparat. Dann umarmen sich die beiden kurz. Ein Rückblick in ihre gemeinsame Vergangenheit verdeutlicht noch einmal die schwierige Beziehung zum Vater, die Nucky wohl nie wirklich vergessen konnte.
Die bewegendste Szene der Episode gehört indes Al Capone (Stephen Graham) - dabei wäre ich nicht überrascht gewesen, hätten wir von ihm im Finale gar nichts mehr gesehen. Dem berüchtigsten Gangster aller Zeiten dämmert zu Beginn, dass er einer Verurteilung wegen Steuerhinterziehung wohl nicht wird entgehen können. Vor seinem Bruder Ralph (Domenick Lombardozzi) und seinem Anwalt fühlt er sich noch zu Scherzen aufgelegt: „You think Marlene Dietrich's a dike?“ („Glaubst du, Marlene Dietrich ist eine Lesbe?“)
Nachdem er jedoch beschlossen hat, sich freiwillig zu ergeben, nimmt er Abschied von seinem tauben Sohn, den wir seit der dritten Staffel nicht mehr gesehen haben. Diese Szene ist ein schöner call back an eine Szene in Blue Bell Boy aus ebenjener Staffel, in der Capone seinem Sohn beibringen will, wie man richtig zuschlägt. Nun ist es sein Sohn, der ihn daran erinnert, immer seine Deckung oben zu halten und niemals das Kämpfen aufzugeben. Graham bekommt hier noch einmal die Gelegenheit, sein volles schauspielerisches Können aufzufahren und den Mann hinter dem machtberauschten, geldgeilen, drogensüchtigen Mafiaboss Al Capone zu zeigen. Die Szene ist emotional absolut niederschmetternd und von Graham herausragend gespielt.

In New York sind Capones Fehltritte derweil bereits Quelle ungezwungener Heiterkeit. Lucky Luciano (Vincent Piazza) ist nun auf dem Gangsterthron angekommen und lässt keine Zeit verstreichen, seine Macht zu konsolidieren. Gemeinsam mit seinen Weggefährten Meyer Lansky (Anatol Yusef) und Bugsy Siegel (Michael Zegen) ruft er die Mafiafamilien von New York, Buffalo und Chicago zur Bildung des National Crime Syndicate zusammen. Fortan gibt es keinen Chef mehr, nur noch eine Kommission, die sämtliche Belange der Beteiligten paritätisch regelt.
The future is ours
Zuvor lässt Luciano Altlasten entsorgen. Bugsy Siegel bekommt den Auftrag, Valentin Narcisse (Jeffrey Wright) öffentlich hinzurichten, damit jeder in Harlem mitbekommt, welche Macht nun auch dort regiert. Ganz der stolze Prediger rafft sich Narcisse noch einmal auf, nachdem er von mehreren Schüssen in die Brust getroffen wurde. Ein letzter Schuss in den Kopf streckt ihn schließlich nieder.
Neben den illegalen Operationen in Harlem kann Luciano nun auch diejenigen in Atlantic City sein Eigen nennen, die er in der Episode zuvor von Nucky erpresst hatte. Der ist mittlerweile in dem Club, der kürzlich noch ihm gehörte, nicht mehr willkommen. Er verschafft sich aber trotzdem noch einmal Zutritt zu seinem alten Arbeitszimmer. Dort findet er den Brief, den ihm einst die junge Mabel - seine spätere Ehefrau - zukommen ließ. Er muss wieder an die junge Gillian denken. Zuvor stattet er ihr (Gretchen Mol) einen letzten Besuch ab. Auch diese Szene lässt den Zuschauer emotional am Boden zerstört zurück.
Gillian trägt darin ein rosa Kleid, das nur allzu schmerzlich an das Kleid erinnert, das sie in der letzten Episode als junges Mädchen trug, bevor sie Reißaus nahm. Nucky eröffnet ihr sogleich, dass er sie nicht aus der Nervenheilanstalt holen könne. Er habe aber Geld für sie hinterlegt, über das sie verfüge, sobald sie entlassen werde. Er wisse jedoch nicht, was sie noch von ihm wolle. Er werde sie jedenfalls nicht um Vergebung anbetteln. Gillian scheint eher abwesend, wir erfahren, dass sie nun als Versuchsobjekt von Dr. Cotton missbraucht wird. Sie entlässt Nucky schließlich mit dem kryptischen Satz: „There's still graciousness in the world.“ („Es gibt noch Gnade auf der Welt.“)
Wenngleich die letzte Episode von Boardwalk Empire keine großen Überraschungen bereithält (abgesehen von der Enthüllung Tommy Darmodys), führt sie doch all ihre Handlungsbögen zu einem runden Ende. Nucky Thompson begleitet seine fiktiven Mitspieler ins Jenseits, denen alle ein kürzeres Leben beschieden war. Er findet keine Absolution für seine Missetaten - vielleicht ist ja der Tod seine Absolution. Als glückliche Gewinnerin unter den fiktiven Figuren des „Boardwalk“-Universums steht am Ende Margaret da, obwohl wir nicht wissen, wie sehr sie der Tod ihres Ehemanns mitnehmen wird.
Der übliche Vorspann der Serie wurde in Eldorado übrigens von seinem inhaltlichen Gegenteil ersetzt. Nucky entkleidet sich da im Morgengrauen vollständig und nimmt ein Bad im kühlen Atlantik. Seinem Bruder Eli verrät er später, dass er eigentlich so weit hinaus schwimmen wollte, bis es zu spät gewesen wäre, um umzudrehen. Nun kann er sich nicht mehr umdrehen. Er ist schon längst zu weit geschwommen.
Auf Wiedersehen, Nucky Thompson. Es war schön mit Dir!
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 27. Oktober 2014(Boardwalk Empire 5x08)
Schauspieler in der Episode Boardwalk Empire 5x08
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