Boardwalk Empire 5x06

„We saddling up for a showdown or not?“ („Bereiten wir uns auf einen Showdown vor oder nicht?“) Am Ende der neuen Episode von Boardwalk Empire spricht Mickey Doyle (Paul Sparks) in Form einer Frage aus, auf was wir Zuschauer uns in den ausstehenden zwei Episoden mit großer Sicherheit freuen können. Nucky Thompson (Steve Buscemi) beantwortet das mit entschiedener Zustimmung, nachdem er sich über den Verlauf dieser herausragenden Folge der Trauerbewältigung über Sally Wheets Tod hingegeben hatte.
Walk out while you can
Die Ereignisse in Atlantic City, Harlem und Chicago geschehen in nur einer Nacht und setzen direkt nach dem Ende der vorherigen Episode ein. Chalky White (Michael Kenneth Williams) handelt in einem intensiven Kammerspiel mit seinem Erzfeind Valentin Narcisse (Jeffrey Wright), seiner ehemaligen Geliebten Daughter Maitland (Margot Bingham) und seiner Tochter Althea einen Deal aus, der ihm am Ende den Tod bringt - einen Tod jedoch, der nicht umsonst ist, der vieles gerade rückt, was Chalky in seinem Leben an Missetaten begangen hat.
Und weil Boardwalk Empire in seiner letzten Staffel eben nicht die üblichen zwölf Episoden Zeit hat, um seine Geschichten zu Ende zu erzählen, stirbt auch noch ein anderer zentraler Charakter in erschreckender, aber trotzdem sehr sehenswerter Art und Weise. Nelson Van Alden (Michael Shannon) und sein neuer comic-relief-Sidekick Eli Thompson (Shea Whigham) tauchen ohne echten Plan beim Buchhalter der Capones auf, um auf Geheiß des verdeckt ermittelnden Steuerfahnders Mike D'Angelo (Louis Cancelmi) deren Bücher zu entwenden.
Ihr dilettantischer Versuch geht natürlich völlig schief. Sie werden von Ralph (Domenick Lombardozzi) dabei erwischt, können aber von D'Angelo zunächst gerettet werden. Dann kommt jedoch überraschend Al (Stephen Graham) dazu, im Schlepptau die beiden angehenden Filmstars Paul Muni und George Raft, die in Chicago gerade den Original-„Scarface“ drehen, der im Jahr darauf veröffentlicht werden soll. Al riecht sofort, dass etwas faul ist und konfrontiert Van Alden und Eli mit seinem Verdacht.

Daraufhin platzt all die Anspannung, all der unterdrückte Frust, der sich bei Nelson über viele Jahre hinweg (seit dem Ende der zweiten Staffel) angestaut hat, aus ihm heraus. Er greift Capone an, verrät dabei seinen echten Namen (Nelson Kaspar Van Alden) und seine frühere Profession. D'Angelo sieht plötzlich all seine Felle und die mühsame Arbeit mehrerer Jahre davon schwimmen und entschließt sich kurzerhand, Nelson einfach mit einem Kopfschuss hinzurichten.
Your wife told you to rob Al Capone?
Eli bringt in seinem Schockzustand kaum mehr heraus, als Entschuldigungsbotschaften an seine Ehefrau June zu murmeln. Im entscheidenden Moment reißt er sich aber zusammen und verrät den Capones lediglich, dass der Prohibitionsagent Elliot Ness sein Auftraggeber ist - Mike D'Angelos Deckung bleibt also intakt. Mehr noch: Sein Mord an Van Alden bringt ihm einen Vertrauensvorschuss bei Capone ein, sodass der ihm die ersehnten Bücher zum Transport nach Cicero anvertraut. Er hat nun endlich, wofür er gekommen ist. Dankbarkeit über den unterdrückten Verrat lässt er Eli jedoch nicht zukommen. Er gibt ihm lediglich genug Geld, um sich via Fernzug schnellstmöglich aus dem Staub zu machen.
Ob der verlorene Bruder nun zu Nucky zurückkehrt, um ihm im Kampf gegen Lucky Luciano beizustehen? Die interessanteste Geschichte in Atlantic City spielt sich derweil in der Vergangenheit ab - ein Erzählstrang, der uns die Motivationen und Obsessionen des alten Nucky Thompson eindringlich erhellt. Nucky (Marc Pickering) ist mit Mabel (Maya Kazan) verheiratet, sie ist schwanger. Er beschwert sich bei ihr, dass ihm trotz Fleiß und ordentlicher Arbeit der angestrebte Aufstieg verwehrt wird. Sie ermutigt ihn, seinen eingeschlagenen Pfad nicht zu verlassen, offenbart aber gleichzeitig durch ihre nächtliche Backaktion erste Anzeichen, dass die Geburt des gemeinsamen Kindes sie später in den Wahnsinn und schließlich in den Selbstmord treiben wird.
Trotz der Beteuerungen seiner Ehefrau lässt sich Nucky aber am Ende doch dazu hinreißen, einen unehrenhaften Weg des Aufstiegs einzuschlagen. Nachdem er zuvor erfahren hat, dass sich der Commodore (John Ellison Conlee) junge Mädchen bringen lässt, um sie (sehr wahrscheinlich) sexuell zu missbrauchen, sieht er eine Möglichkeit, dem Commodore einen solchen Wunsch zu erfüllen. Er erwischt eine junge Diebin, die er zunächst für einen Jungen hält, die sich aber unter Zwang als Gillian Darmody vorstellt. Wir wussten schon vorher, dass Nucky, Gillian und der Commodore schicksalhaft verbunden waren. Nun wissen wir auch, welch enorme Tragweite diese Entscheidung Nuckys hatte - und für ihn heute noch hat.
Es ist nämlich kein Zufall, dass sich Nucky ausgerechnet an diese Episode aus seinem Leben erinnert. Er versucht, gemeinsam mit zwei Barbekanntschaften den Schmerz über den Verlust von Sally Wheet zu ertränken, was ihn jedoch näher an die Offenlegung seines Lebenstraumas führt. Als junger aufstrebender Hilfssheriff arbeitete er ehrgeizig an seinem Aufstieg in die High Society. Aber nun, da er längst Teil dieser High Society ist, wird ihm schmerzlich vor Augen geführt, dass er nie wirklich dazugehörte. Deswegen sitzt er auch in einem heruntergekommenen speakeasy, statt sich im Ritz-Carlton zu vergnügen. Deswegen denkt er immer wieder an seine Jugend zurück, deswegen stellt er die Frage nach dem Sinn des Lebens, prügelt sich und lässt sich blauäugig ausrauben.

Als er wieder erwacht, steht der von Mickey Doyle angeheuerte Joe Harper (Travis Tope) über ihm und bietet seine Hilfe an. Widerwillig lässt er sich von ihm nach Hause bringen und bietet dem bescheidenen jungen Mann einen Lohn für dessen Mühen an. Die Szene ist ein schöner call back an eine frühere Rückblendenszene dieser Staffel, in der der junge Nucky es ablehnte, einen enormen Finderlohn zu kassieren, und stattdessen den Commodore um einen Job bat.
Ain't nobody ever been free
Über die Figur des Joe Harper (die übrigens auch in „Huckleberry Finn“ auftaucht) wurde schon in den Kommentaren der letzten Reviews spekuliert. Nun mehren sich die Anzeichen, dass es sich bei ihm tatsächlich um Tommy Darmody handeln könnte, der Rache am Mörder seines Vaters nehmen will. Weil es Boardwalk Empire in den bisherigen Staffeln immer geschafft hat, rechtzeitig zum Ende zu absoluter Höchstform aufzulaufen, könnte dies also einer der großen Aufdeckungen der letzten Episoden sein. Auch Gillians (Gretchen Mol) Erzählstrang wird durch die Rückblende wieder ins Licht der Relevanz gerückt. Gut möglich, dass Nucky bei ihr noch um Vergebung bittet, bevor er in den Krieg gegen Luciano zieht.
So erhellend Nuckys Erzählstrang ist, so plötzlich und schockierend Van Aldens Tod dargestellt wird, so ergreifend ist die letzte Szene von Devil You Know. Da stehen sich Chalky und Narcisse gegenüber, nachdem Chalky seine Freiheit gegen die Freiheit von Daughter und seiner Tochter eingetauscht hat. Er ist sich wohl sicher, dass Narcisse nicht Wort halten und ihn für sich arbeiten lassen wird. Er ist nicht überrascht, als dessen Schergen die Waffen ziehen, sobald Narcisse um die Ecke gebogen ist. Schließlich hat der wenige Augenblicke zuvor seinen Sieg verkündet: „I'd call surviving a victory.“ („Ich würde das Überleben als Sieg bezeichnen.“)
Chalky bleibt also nichts anderes übrig, als die Augen zu schließen und den Moment des Todes zu erwarten. Er kann dies in der wohligen Gewissheit tun, sein Leben für das geliebter Menschen aufgeopfert (und vielleicht ein Stück weit auch den Tod seiner Tochter Maybelle wiedergutgemacht) zu haben. Ob dieser Aussicht huscht ihm ein gequältes Lächeln über die Lippen. Sobald der Schuss ertönt, bricht die eingespielte Musik ab und wir bekommen das „Boardwalk“-Äquivalent zur silent clock von 24: einen Abspann, der lediglich vom stumpfen Geräusch einer Nadel auf einer zu Ende gespielten Platte unterlegt ist. Maybelle, Daughter und Althea rufen ihm im Jenseits zu: „Dream a Little Dream of Me.“
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 14. Oktober 2014(Boardwalk Empire 5x06)
Schauspieler in der Episode Boardwalk Empire 5x06
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