Boardwalk Empire 5x05

Boardwalk Empire 5x05

Es bleiben nur noch drei Episoden. Da ist es also kein Wunder, dass Boardwalk Empire in seiner Episode King of Norway die dramaturgischen ZĂŒgel noch einmal gehörig anzieht. Sowohl in New York als auch in Chicago wird es fĂŒr die Könige der Unterwelt ungemĂŒtlich.

Albert „Chalky“ White (Michael Kenneth Williams) - back in action / (c) HBO
Albert „Chalky“ White (Michael Kenneth Williams) - back in action / (c) HBO

Ich habe es schon oft geschrieben, aber eines wurde in dieser neuen Episode von Boardwalk Empire wieder so deutlich, dass ich es noch einmal wiederholen will: Die Drehbucharbeit dieser Serie ist wahrlich herausragend. Dem Autorenteam um Serienschöpfer Terence Winter (Autor von King of Norway: Steve Kornacki) gelingt es beinahe spielerisch, knallharte GeschÀftsgesprÀche, intime Charaktermomente und handfeste Auseinandersetzungen mit subtilem Humor zu garnieren.

That would sound better much further away

Exemplarisch kann dafĂŒr das HerzstĂŒck dieser Episode herangezogen werden, die Dinnerparty bei Familie Mueller. Die Episode bezieht daher auch ihren Titel, denn Eli Thompson (Shea Whigham), der auf der Flucht vor den Behörden ins Exil nach Chicago musste, erinnert sich beim Anblick eines GemĂ€ldes des Königs von Norwegen an seine AffĂ€re mit Sigrid (Christiane Seidel), der Ehefrau seines Kollegen Nelson Van Alden aka George Mueller (Michael Shannon). Die AffĂ€re der beiden hat indes nur stattgefunden, als Eli völlig betrunken war, ein Zustand, der fĂŒr ihn - trotz aller Beteuerungen gegenĂŒber seiner Ehefrau June (Nisi Sturgis) - alltĂ€glich geworden ist.

Regisseur Ed Bianchi fĂ€ngt Elis Erwachen aus dem Rausch zu Beginn der Episode mit dem gleichen Stilmittel ein, das er schon in The Good Listener verwendete: Eine mĂ€andernde Montage von Erinnerungen, GerĂ€uschen und Bildern. Die Szenen im Wohn- und Esszimmer der Muellers komponiert er indes mit einem GespĂŒr fĂŒr den inhĂ€renten komödiantischen Unterton. Im einen Moment beschwört Van Alden seinen GesprĂ€chspartner Eli noch „I for one refuse to be ruled by fear“ („Ich weigere mich, von der Angst eingenommen zu werden“). Als Sigrid ihn jedoch postwendend darum bittet, ihr beim Tischdecken zu helfen, springt er auf wie ein eingeschĂŒchtertes Kaninchen und leistet der Bitte seiner Gattin sofort Gefolgschaft.

Diese wahrlich witzigen Augenblicke ziehen sich durch beinahe sĂ€mtliche Handlungsbögen der Episode. Die RĂŒckkehr von Chalky (Michael Kenneth Williams) nach Atlantic City wird von einem amĂŒsanten GesprĂ€ch zwischen ihm und Nucky (Steve Buscemi) begleitet, in dem sich Chalky wundert, wann Nucky einen solch positiven Lebensausblick bekommen hat. Sie lĂ€stern außerdem ĂŒber Mickey Doyle (Paul Sparks), der in einer spĂ€teren Szene, als Chalky von einem US-Marshal gesucht wird, diesen Bösartigkeiten alle Ehre macht.

Eli Thompson (Shea Whigham) und Nelson Van Alden (Michael Shannon) - Kings of Comedy! © HBO
Eli Thompson (Shea Whigham) und Nelson Van Alden (Michael Shannon) - Kings of Comedy! © HBO

Der Eindruck, den Chalky von Nucky wĂ€hrend ihres GesprĂ€chs erhalten hat, tĂ€uscht nicht: Wieder entgeht der mĂ€chtige Mann bei seinem Treffen mit Salvatore Maranzano (Giampiero Judica) nur knapp einem Anschlag, der von Lucky Luciano (Vincent Piazza) und Meyer Lansky (Anatol Yusef) mit dem Segen Johnny Torrios (Greg Antonacci) befehligt wurde. Am Ende schwört Nucky seinen ehemaligen VerbĂŒndeten Blutrache: „I will not rest until I see you in your graves“ („Ich werde nicht ruhen, bis ihr alle im Grab seid“).

What's more personal than a man trying to kill you?

Diese Drohung hört sich jedoch merkwĂŒrdig leer an. Nicht, weil Nucky nicht mehr dazu in der Lage wĂ€re, eine breite Front gegen seine New Yorker Widersacher aufzustellen. Viel eher fehlt ihm der Elan, den er einst hatte, sich mit vollem Eifer ins Gefecht zu stĂŒrzen. Torrio liegt gar nicht so falsch, als er Nucky - zum wiederholten Male - nahelegt, sich doch endlich aufs Altenteil zurĂŒckzuziehen. Die Mahnung bekommt noch mehr Dringlichkeit, als Nucky die Nachricht von Sally Wheets Tod erhĂ€lt, was gleichzeitig bedeutet, dass er das GeschĂ€ft mit Bacardi-Eigner Maxime Ronis (Lee Godart) wohl abschreiben muss.

Aber Nucky wĂ€re nicht Nucky, wenn er nicht noch andere Eisen im Feuer hĂ€tte. So erfahren wir hier, welchen Hintergedanken er hatte, als er sich so ĂŒberraschend bereitwillig zeigte, Margaret (Kelly Macdonald) aus ihrer ZwickmĂŒhle zu helfen. Nachdem Carolyn Rothstein (Shae D'Lyn) ausbezahlt wurde, will Margarets Chef wissen, was Nuckys Preis fĂŒr diesen Deal sei. Er soll ein Konto bei seiner Firma aufmachen und sogenannte Short-Geschäfte an der Börse machen - mit den Aktien der Mayflower Grain Company, deren Vorstandsmitglieder in What Jesus Said einst die Nase gegenĂŒber Nuckys zwielichtiger Vergangenheit gerĂŒmpft hatten.

WĂ€hrend Nucky also immer wieder neue Wege findet, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, endet die GlĂŒcksstrĂ€hne fĂŒr seinen Bruder Eli und dessen Kollegen Van Alden. WĂ€hrend der frostigen Dinnerveranstaltung, bei der Sigrid schließlich das Geheimnis um die AffĂ€re lĂŒftet, bekommen sie im denkbar schlechtesten Moment Besuch von Mike D'Angelo (Louis Cancelmi), der seine wahre IdentitĂ€t als Steuerfahnder lĂŒftet. Die beiden werden zur Steuerbehörde gebracht, wo ihnen allmĂ€hlich drĂ€ut, in welch misslicher Lage sie sich befinden. Die Steuerfahnder wissen sowohl ĂŒber Van Aldens Mord an seinem Kollegen Sebso (Erik Weiner) am Ende der ersten Staffel Bescheid, als auch ĂŒber Elis Mord an FBI-Agent Tolliver (Brian Geraghty) am Ende der vierten Staffel. Zudem haben sie Capones Buchhalter in der Tasche. Den beiden bleibt wohl nichts anderes ĂŒbrig, als die gestellten Forderungen an sie zu erfĂŒllen. Aus der Realgeschichte wissen wir, dass sie diesem Befehl wohl nachkommen werden.

Gillian (Gretchen Mol; r.) befindet sich in misslicher Lage. © HBO
Gillian (Gretchen Mol; r.) befindet sich in misslicher Lage. © HBO

In Chicago und New York sind also gegenlĂ€ufige Entwicklungen zu beobachten: WĂ€hrend Capones Stern sinkt (und er auch schon eine dunkle Ahnung davon hat), geht der von Lucky Luciano und Meyer Lansky gerade erst auf. Zum ersten Mal sprechen die beiden gegenĂŒber Johnny Torrio von ihrem Syndicate, was heute als National Crime Syndicate bekannt ist. Es hat zunĂ€chst den Anschein, als hĂ€tte Maranzano den Anschlag ĂŒberlebt, im echten Leben wurde er jedoch unter anderen UmstĂ€nden ermordet. Trotzdem wĂ€re es den Autoren durchaus zuzutrauen, die Geschichte etwas umzuschreiben und Maranzano bei diesem Anschlag ums Leben kommen zu lassen.

One of us is bound to lose

Die RĂŒckblenden in Nuckys Vergangenheit machen indes einen Zeitsprung ins Jahr 1897. Der junge Nucky (fantastisch gespielt von Marc Pickering, dem es außerordentlich gut gelingt, Steve Buscemis Gesten und Manierismen zu kopieren) ist mittlerweile in Vollzeitanstellung Adjutant von Sheriff Lindsay (Boris McGiver) und steigt in der Gunst des Commodore (John Ellison Conlee) weiter auf. Er bietet gar an, Lindsay bei der „Drecksarbeit“ zu helfen, was der jedoch zunĂ€chst ablehnt. Am Ende bekommen wir einen Eindruck davon, was diese „Drecksarbeit“ beinhaltet: Da findet Nucky die angespĂŒlte Leiche eines Widersachers des Commodore.

All diese HandlungsstrĂ€nge fallen wunderbar mit den PortrĂ€ts der Figuren zusammen, die Boardwalk Empire bisher gezeichnet hat. Dem ErzĂ€hlbogen Chalky Whites merkt man jedoch an, dass nur noch drei Episoden ausstehen. Ohne weitere ErklĂ€rung landet er in Atlantic City und am Ende der Episode gar in Harlem in einem Bordell seines Erzfeindes Valentin Narcisse, obwohl Nucky sich ausdrĂŒcklich geweigert hat, ihm den Aufenthaltsort seiner Nemesis preiszugeben. Jedenfalls trifft er dort auf seine ehemalige Liebschaft Daughter Maitland (Margot Bingham) und deren Tochter, die durchaus auch seine sein könnte. Zwischen Chalky und Narcisse wird es wohl am Ende der Serie zu einem Showdown kommen, bisher ist es aber durchaus enttĂ€uschend, dass Jeffrey Wright erst in einer Episode (und das nur fĂŒr eine kurze Szene) auftauchte.

Es gibt nur einen Handlungsbogen in King of Norway, den ich einer interessanteren Entwicklung hĂ€tte opfern wollen. Zumindest erfahren wir darin, dass Gillian Darmody (Gretchen Mol) wirklich wegen des Mordes an ihrem Liebhaber in der Nervenheilanstalt gelandet ist. Als sie von einer Mitpatientin erfĂ€hrt, welch grausame chirurgische Eingriffe an den Insassinnen vorgenommen werden, versucht sie, beim Direktor der Klinik eine Entlassung zu beantragen - ohne Erfolg. Dessen Replik klingt viel eher wie eine furchtbare Drohung: „We'll find what's inside you. We'll fix it“ („Wir werden finden, was in dir steckt. Wir werden es ausmerzen“).

Boardwalk Empire steuert mit voller Kraft auf sein Ende zu. In guter alter Manier fangen die Autoren nun schon damit an, die einzelnen ErzĂ€hlstrĂ€nge zusammenzufĂŒhren. Die technische Umsetzung bleibt auf gewohnt hohem Niveau, das Drehbuch gehört zum Besten, was in der Serienlandschaft derzeit zu finden ist. Die Aussichten auf einen gelungenen Abschluss könnten kaum besser sein.

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 7. Oktober 2014
Episode
Staffel 5, Episode 5
(Boardwalk Empire 5x05)
Deutscher Titel der Episode
Der König von Norwegen
Titel der Episode im Original
King of Norway
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 5. Oktober 2014 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 8. Januar 2015
Autor
Steve Kornacki
Regisseur
Ed Bianchi

Schauspieler in der Episode Boardwalk Empire 5x05

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