Boardwalk Empire 4x12

Die Montage kurz vor dem Ende des Finales der vierten Staffel von Boardwalk Empire symbolisiert eindrücklich, was das große Thema der vergangenen zwölf Episoden war: Verlust. Chalky White (Michael Kenneth Williams) hat seine Familie und seine Tochter verloren, Nucky Thompson (Steve Buscemi) musste seine Pläne aufgeben, endlich aus dem Gangsterleben auszusteigen und sein Bruder Eli (Shea Whigham) lässt sein bisheriges (Familien-)Leben hinter sich, auf der Flucht vor den Strafverfolgungsbehörden, die ihn für den Mord an Jim Tolliver (Brian Geraghty) suchen.
I don't have friends, I have partners.
Zum Zeitpunkt der von der wunderbaren Daughter Maitlaind (Margot Bingham) besungenen Montage war ich kurzzeitig etwas enttäuscht, weil ich dachte, dieser Zusammenschnitt würde das Ende von Farewell Daddy Blues darstellen. Und dann kam diese fantastische Schlusssequenz, an deren Ende Richard Harrow (Jack Huston) unter dem boardwalk im Sonnenuntergang seinen eigenen Tod belächelt - just an der Stelle, an der er zum ersten Mal Zärtlichkeiten mit seiner Ehefrau Julia Sagorsky (Wrenn Schmidt) ausgetauscht hat.
Jetzt mal ganz ehrlich: Wer hätte damit gerechnet, dass der Publikumsliebling Richard Harrow die Serie verlassen würde - und nicht etwa Chalky White, Valentin Narcisse (Jeffrey Wright), Eli oder gar Nucky Thompson? Die Dramaturgie der vierten Staffel war eigentlich darauf ausgelegt, am Ende einen der großen, tragenden Charaktere zu verabschieden. Beinahe wäre es ja auch dazu gekommen, hätte nicht Elis Sohn William (Ben Rosenfield) den Brudermord verhindert. Doch die Entscheidung der Autoren, mit Richard Harrow einen ihrer - wenn nicht sogar den - stärksten Charaktere aus der Serie zu schreiben, erhält immer mehr Sinn, je länger man darüber nachdenkt.
War der Mord an Jimmy Darmody (Michael Pitt) durch seinen Ziehvater Nucky Thompson am Ende der zweiten Staffel noch etwas unbefriedigend (weil seine Figur so viel dramaturgisches Potential besaß), so fühlt sich Richards Tod zu diesem Zeitpunkt sehr viel passender an. Der in der letzten Episode ermordete Chalky-Mentor Oscar (Louis Gossett Jr.) würde über Richards Charakter vielleicht sagen: „He has run out of road.“ Seit Jimmys Tod existierte Harrow nur noch als Randfigur von Boardwalk Empire. Sein Charakter wurde nicht beibehalten, weil er eine zentrale Funktion für den Handlungsfortlauf hatte, sondern weil Huston diese Figur so mitreißend spielen konnte - und weil sich die Autoren vielleicht einfach nicht von ihrem vielleicht interessantesten und am besten konstruierten Charakter trennen wollten.

Nun hatten Serienschöpfer Terence Winter und seine Kollegen jedoch anscheinend bemerkt, dass sie am Ende der dramaturgischen Möglichkeiten dieser Figur angekommen waren. In der dritten Staffel hatten sie ihn bei seinem Ein-Mann-Überfall auf den Artemis-Club noch als Überkiller inszeniert. Danach erkannten sie jedoch schnell, dass sie sich damit ein Eigentor geschossen hatten. Fortan hätte Nucky Richard nämlich als gnadenlose Killermaschine für sämtliche Aufträge einsetzen können. Also mussten sie seiner Figur eine Neuausrichtung verpassen - und ultimativ auch ein Ende. Sie schickten ihn zu Beginn der neuen Staffel zu seiner Schwester aufs Land, wo zum ersten Mal porträtiert wurde, dass er mit seiner ehemaligen Mörderpersönlichkeit abschließen wollte. Und zwar damit, als er es nicht über sich brachte, seinem alten Hund den Gnadenschuss zu versetzen.
I fought beside him. You don't forget that. Ever.
Als Richard daraufhin nach Atlantic City zurückkehrte, wurde er weiterhin als Mann gezeichnet, der sich auf Sinnsuche befindet und sich nichts mehr wünscht, als seiner kleinen Familie eine sichere Heimstatt zu bieten. Einen Richard Harrow zu sehen, der für Nucky Thompson wieder die niedersten Geschäfte erledigen würde, hätte sicherlich Spaß gemacht - zu seiner Charakterisierung dieser Staffel hätte es jedoch ganz und gar nicht gepasst. Spätestens an diesem Punkt müssen die Autoren realisiert haben, dass sie Harrow längst aus der Geschichte rausgeschrieben hatten - für sie stellte sich nur noch die Frage, wie er sich verabschieden würde.
Und da Boardwalk Empire naturgemäß keine Serie ist, die ihren streitbaren Charakteren ein glückliches Ende gönnt, konnte die Schlusssequenz nur ein Traum sein - was spätestens dann klar war, als wir Richard sahen, wie er so gerne von seinen Mitmenschen gesehen werden wollte: als Ganzes, mit heilem Gesicht. So war es also nicht weiter verwunderlich, dass es Richard im entscheidenden Moment, als er Valentin Narcisse in seinem Fadenkreuz hatte, nicht über sich brachte, den Abzug zu betätigen und stattdessen - Sekunden später - Chalky Whites Tochter Maybelle (Christina Jackson) erwischte. Vom Schock über diesen Mord an einer Unschuldigen überwältigt, stolpert Richard schließlich in seinen sicheren Tod.
Mit der Aufopferung eines ihrer wertvollsten Charaktere zeigten die „Boardwalk“-Autoren übrigens nicht nur eine große Portion Chuzpe, sondern eröffneten sich auch die Möglichkeit, sowohl Chalky White als auch Valentin Narcisse am Leben zu halten. Wäre Richard am Ende der Episode nämlich nicht gestorben, hätte das dem Staffelfinale beträchtliche emotionale Wucht genommen. Eine Staffel ohne den Tod eines zentralen Charakters hätte auch so gar nicht in die Tradition der Serie gepasst. Dass die Autoren ihre Zuschauerschaft jedoch dadurch überraschen, dass sie Chalky und Narcisse überleben lassen, muss ihnen als weiterer gelungener Schachzug angerechnet werden.

Dabei war die Seriendramaturgie ungefähr ab der Hälfte der Staffel auf einen Showdown zwischen den beiden Alphatieren ausgerichtet worden. Emotional hatte ich mich bereits auf den Abschied einer der beiden vorbereitet, wenngleich ich mir ein Überleben beider wünschte. Chalky White kann getrost als zentrale Figur dieser Staffel bezeichnet werden - und Michael Kenneth Williams unterstrich dies Woche für Woche mit grandiosen Darstellungen. Auch Jeffrey Wright personifizierte seinen Dr. Valentin Narcisse schlichtweg sensationell. Aus rein dramaturgischer Sichtweise waren beide Figuren zu wertvoll, um sie sich nicht noch für eine weitere Staffel aufzubewahren. Offensichtlich haben die Autoren also aus der wenig populären Verabschiedung Jimmy Darmodys gelernt.
Behold the noble savage
Die dramaturgisch logische und sehr vorhersehbare Konklusion wäre jedoch gewesen, einen der beiden Erzfeinde über den anderen triumphieren zu lassen. Stattdessen muss Chalky einen furchtbaren Verlust hinnehmen und sich ins Exil nach Maryland flüchten. Narcisse bekommt zwar dessen kriminelles Imperium übertragen, befindet sich jedoch fortan unter der Fuchtel des ehrgeizigen BI-Chefs J. Edgar Hoover (Eric Ladin), der Narcisse mit dessen fehlender amerikanischer Staatsbürgerschaft erpresst und zu seinem willfährigen Informanten macht.
Ich muss zugeben, dass mich diese Szene tief befriedigt hat. Hier will ich einmal meinen niederen Instinkten nachgeben und mich darüber freuen, dass dieser arrogante Fatzke Narcisse endlich auf Normalmaß zurechtgestutzt wurde. Dabei hilft es natürlich nur wenig, dass die Botschaft von einem weiteren Vertreter ebenjener Gattung arroganter und von Ehrgeiz beinahe zerfressener Alphamännchen kommt. Trotzdem verfehlt sie nicht ihre Wirkung: „You are just a peddler and a pimp.“ Vielmehr ist Narcisse nämlich wirklich nicht: ein Krimineller, der seine Machenschaften unter dem Schleier des Kampfes für die afroamerikanische Minderheit versteckt.
An der Stelle verbindet Boardwalk Empire einmal mehr meisterhaft realhistorische Ereignisse mit fiktiven Erzählsträngen. Bei den Ermittlungen zum Bürgerrechtler Marcus Garvey, der die Rückkehr der Afroamerikaner nach Afrika propagierte, stoßen Hoover und sein Team auf Narcisse, den sie auf der Suche nach Eli Thompson bei einer Razzia des Onyx Clubs verhaften. Eli wird wegen des Mordes an Jim Tolliver gesucht, jedoch nutzt Hoover im Narcisse-Verhör diesen Mord aus, um weiter Druck auf ihn auszuüben. Etwas schade ist, dass sich Tolliver am Ende - ähnlich wie Gyp Rossetti (Bobby Cannavale) in der dritten Staffel - als durchgeknallter Bösewicht herausstellt. So rechtfertigen die Autoren wohl auch den überaus brutalen Mord an ihm durch Eli.

Eli, der in dieser Finalepisode schon einmal mit dem Leben davongekommen war, sieht sich daraufhin zur Flucht gezwungen. Zurück lässt er seinen Sohn William, der von Nucky dazu bewegt wird, sich als neuer Kopf der Großfamilie um ebenjene zu kümmern. In einer großartigen Szene während besagter Montage treffen Eli und Nelson Van Alden (Michael Shannon) wieder aufeinander, die in der ersten Staffel bereits einige Begegnungen miteinander hatten. Spannend wird nun auch die Frage, wie Van Alden seine Identität vor Al Capone (Stephen Graham) geheimhalten will, nun, da in Chicago jemand weilt, der seinen echten Namen kennt.
It's yours, Al. Take it.
Auch in Chicago begegnen sich einmal mehr historische Ereignisse und fiktive Figuren. Gangsterboss Johnny Torrio (Greg Antonacci) wird vor seinem Haus von Bugs Moran über den Haufen geschossen. Im entscheidenden Moment gehen dem Schützen jedoch die Patronen aus und Torrio überlebt schwer verletzt. Noch im Krankenbett trifft er die Entscheidung, seine gesamte kriminelle Operation an seinen Stellvertreter Capone zu übertragen: „It's a young man's game. I'm not gonna fight.“ Capone fällt es sichtlich schwer, seine Freude über diesen beträchtlichen Machtzuwachs zurückzuhalten. Seine für Torrio zur Schau gestellte Betroffenheit ist jedoch keinesfalls nur gespielt.
An der Verbindung zwischen den Handlungsbögen in Atlantic City und Chicago lässt sich beispielhaft ablesen, wie meisterhaft es Boardwalk Empire in diesem Staffelfinale gelungen ist, den Stoff für spannende Geschichten in der kommenden fünften Staffel zu etablieren. Weiterhin hat die Serie wieder einmal bewiesen, dass sie keine losen Enden zurücklässt. Diverse Handlungsstränge hatten während der Staffel den Anschein erweckt, als hätten sie mit den Haupterzählbögen wenig bis gar nichts zu tun, beispielsweise die Geschichte rund um William an der Universität oder Gillian Darmody (Gretchen Mol) und dem mysteriösen „Roy Phillips“ (Ron Livingston).
Überraschenderweise hat Showrunner Terence Winter übrigens in einem Interview angekündigt, dass Gillian auch in der neuen Staffel wieder eine Rolle spielen wird. Gespannt dürfen wir also daraufhin fiebern, wie Winter und Konsorten ihre Charaktere in das historische Setting einpflanzen werden. Mein Vertrauen in das Autorenteam ist nach dieser grandiosen Staffel und diesem fantastischen Finale jedenfalls größer denn je.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 27. November 2013Boardwalk Empire 4x12 Trailer
(Boardwalk Empire 4x12)
Schauspieler in der Episode Boardwalk Empire 4x12
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