Boardwalk Empire 4x11

Boardwalk Empire 4x11

Boardwalk Empire gönnt sich in der vorletzten Episode der vierten Staffel den Luxus, gehörig auf die Tempobremse zu treten. Dabei findet ein Handlungsstrang sein Ende, während die übrigen auf ihre ultimative Eskalation warten.

Langsam steigt in Nucky Thompson (Steve Buscemi) ein fürchterlicher Verdacht auf. / (c) HBO
Langsam steigt in Nucky Thompson (Steve Buscemi) ein fürchterlicher Verdacht auf. / (c) HBO

Die vierte Staffel von Boardwalk Empire konnte mich bisher durchgehend überzeugen. Als kleinen Kritikpunkt würde ich höchstens anführen, dass die Geschichten rund um die historische Figur Al Capone in Chicago etwas zu kurz gekommen sind. Dies ist jedoch dem Umstand geschuldet, dass sich die Seriendramaturgie stark an historischen Ereignissen orientiert. Um nicht ganz aus der zeitlichen Konsistenz auszuscheren, ist die Serie also naturgemäß dazu gezwungen, in einzelnen Staffeln oder Episoden weniger Zeit mit realhistorischen Protagonisten zu verbringen.

There is no goddamn peace

Wenngleich Stephen Graham als Capone immer wieder für sehenswerte Auftritte zuständig ist, bewegt sich seine Storyline immer in einem recht unflexiblen historischen Korsett. Ähnlich verhält es sich mit den Figuren Meyer Lansky, Lucky Luciano, Joe Masseria oder Arnold Rothstein in New York. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich Boardwalk Empire in der vorletzten Episode auf die Handlungsstränge seiner fiktionalen Charaktere konzentriert. Havre de Grace wirkt bisweilen wie ein Kammerspiel, das an drei verschiedenen Orten angesiedelt ist.

Bei seinem früheren Mentor Oscar (Louis Gossett Jr.) findet Chalky White zunächst Unterschlupf. © HBO
Bei seinem früheren Mentor Oscar (Louis Gossett Jr.) findet Chalky White zunächst Unterschlupf. © HBO

Chalky White (Michael Kenneth Williams) befindet sich weiterhin mit seiner Geliebten Daughter Maitland (Margot Bingham) auf der Flucht. Dank der Unterstützung seines früheren Mentors Oscar - großartig gespielt von Oscargewinner Louis Gossett Jr. - gelingt es den beiden, unbeschadet in der verfallenen Villa des Alten sicheren Unterschlupf zu finden. Dort erfahren wir mehr über die Vergangenheit der beiden Flüchtigen. Chalky wird von Oscar nur mit seinem Geburtsnamen „Albert“ angesprochen, Daughter erklärt die Herkunft ihres unüblichen Vornamens. Diesen habe ihr Valentin Narcisse (Jeffrey Wright) verpasst, nachdem er sie unter seine Fittiche genommen hatte - und nachdem er ihre Mutter getötet hatte.

Der blinde Oscar ist von Daughters Fähigkeiten als Hausfrau wenig überzeugt und trägt seine Skepsis ihr gegenüber jederzeit offen zur Schau. Nicht ganz zu Unrecht äußert er Chalky gegenüber die Vermutung, sie trage eine Mitschuld an den Missgeschicken seiner jüngsten Vergangenheit. Chalky wehrt sich vehement gegen diese Anfeindungen. Trotzdem muss er sich bald zwischen zwei unangenehmen Optionen entscheiden: Soll er gemeinsam mit Daughter die Flucht ergreifen und damit sein gesamtes Leben und seine Familie in Atlantic City hinter sich lassen? Oder soll er zurückkehren und sich seinem großen Gegenspieler Narcisse stellen? Zu diesem Zeitpunkt hält er übrigens auch Nucky Thompson (Steve Buscemi) für einen neuen Feind. Schließlich weiß er noch nichts von der Verschwörung zwischen Narcisse und Bürgermeister Bader (Kevin O'Rourke) und glaubt deshalb, Nucky habe ihn an Narcisse verraten.

Gegen Ende der Episode sieht es so aus, als habe sich Chalky für die Fluchtoption entschieden, nur um festzustellen, dass Daughter in der Nacht abgehauen ist. War sie es, die den Schergen von Narcisse den entscheidenden Tipp zum Aufenthaltsort Chalkys gegeben hat? Die Episode bleibt dabei etwas diffus, über die Zeitfrage bin ich mir nicht wirklich im Klaren. Jedenfalls gelingt es Chalky und den übrigen Mitbewohnern der Villa, die Angreifer in die Flucht zu schlagen. Ein Opfer müssen sie dabei beklagen: Chalkys Mentor Oscar erleidet einen tödlichen Bauchschuss.

Who don't you trust?

Auch Nucky Thompson scheint bereit zu sein, den Ausstieg aus dem Gangsterdasein zu wagen. Sehr eindeutig teilt er diese Absicht am Ende seiner Vertrauten Sally Wheet (Patricia Arquette) aus Florida mit: „I want out.“ Zuvor hatte sich bei ihm unter Mithilfe von Gaston Means (Stephen Root) und der Ehefrau seines Bruders, June (Nisi Sturgis), ein fürchterlicher Verdacht erhärtet. Demnach weiß Nucky nun mit ziemlicher Sicherheit, dass Eli (Shea Whigham) mit dem - ihm als „Agent Knox“ bekannten - für korrupt gehaltenen BI-Agenten Jim Tolliver (Brian Geraghty) zusammenarbeitet und deshalb unbedingt ein Treffen der Gangsterelite aus New York, Atlantic City und Florida organisieren will.

Die gesamte verhängnisvolle Situation um die Gebrüder Thompson ist grandios konstruiert. Zu Beginn trifft sich Eli mit Tolliver. Er sieht ungepflegt aus und stinkt nach Alkohol. Eli ist offensichtlich wieder in alte Verhaltensmuster zurückgefallen, ihn treibt die unausgesprochene Angst vor Entdeckung - und natürlich das plagende Gewissen wegen des Bruderverrats. Er weiß: „You grew up in our house, newspapers for blankets, stolen potatoes for supper. Or nothing. That night or the next. You don't forget.“ Und: „You don't know how Nucky thinks.

Ein großartiges Beispiel für Nuckys Geistesgegenwart wird am Ende geliefert, als er Eli mit einer uralten Geschichte aufzieht, nur um eine Reaktion zu erhalten. Als June beim Essen Eli nämlich mit dem Besuch des „Versicherungsvertreters“ Tolliver aufziehen will, reagiert der überaus harsch und unbeherrscht. Durch Elis gütige Reaktion auf Nuckys Frotzelei kann sich letztgenannter also davon überzeugen, dass mit seinem Bruder etwas nicht stimmt. Die Aussage von Gaston Means („There's a skunk in your cellar.“) und das verdächtige Drängen Elis auf ein baldiges Treffen der Gangsterbosse komplettieren schließlich das Puzzle. Im Staffelfinale läuft also alles auf eine Konfrontation zwischen den Brüdern hinaus. Will Boardwalk Empire wirklich konsequent sein, muss einer der beiden wohl sterben. Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen oder endlos traurig sein soll.

So verschlüsselt und vertrackt die Geschichte der Gebrüder Thompson ausgebreitet wird, so offensichtlich geht der Handlungsbogen um Gillian Darmody (Gretchen Mol) zu Ende. Mit den Gedanken an ein neues Leben mit Roy Phillips (Ron Livingston) im Hinterkopf, entschließt sie sich schweren Herzens, den Sorgerechtsstreit um ihren Enkelsohn Tommy aufzugeben und ihn der Obhut von Richard Harrow (Jack Huston) und Julia Sagorsky (Wrenn Schmidt) zu überlassen. Überdies will sie die Villa, die nach dem gewaltsamen Tod ihres Ehemanns, des Commodore Louis Kaestner (Dabney Coleman), durch ihren Sohn Jimmy (Michael Pitt), an sie übergegangen war, verkaufen. Leander Whitlock (Dominic Chianese), ein alter Bekannter des Commodore, bietet ihr dafür seine Hilfe an.

I hate when things end

Später stellt sich jedoch heraus, dass Whitlock mit „Roy Phillips“ zusammengearbeitet hat, um ihr ein Geständnis für den Mord an Roger McAllister (Billy Magnussen) zu entlocken. Wie von vielen Zuschauern vermutet und von den Autoren auch wenig verhüllt dargestellt, war Phillips nämlich die gesamte Zeit auf geheimer Mission, um den Mord an McAllister aufzuklären. Am Ende gelingt ihm dies, wobei er seine echte Zuneigung für Gillian kaum verbergen kann. Seine Worte - „You really are a courageous woman.“ - klingen aufrichtig. Bei der folgenden Verhaftungsszene gelingt Regisseur Allen Coulter ein umwerfendes Bild: Von oben filmt er Gillian, wie sie von ihren Häschern zu Boden gezwungen wird. Als Zuschauer fühlte ich mich kurzzeitig, als stünde ich im Museum vor einer Malerei aus der Renaissance.

Roy Phillips (Ron Livingston) eröffnet Gillian Darmody (Gretchen Mol) die furchtbare Überraschung. © HBO
Roy Phillips (Ron Livingston) eröffnet Gillian Darmody (Gretchen Mol) die furchtbare Überraschung. © HBO

Die Geschichte von Gillian Darmody sah sich seit Jimmys Tod oftmals der besonders kritischen Ausleuchtung der Zuschauer ausgesetzt. Nun wurde der Figur ein tieftrauriges, deprimierendes, aber zugleich rundes und befriedigendes Ende gegönnt. Ich gehe stark davon aus, dass wir Gillian in Boardwalk Empire nicht noch einmal zu Gesicht bekommen werden. Ihre letzte Einstellung aus dieser Episode sollte auch ihre letzte der Serie sein. Es wäre der perfekte Abschluss für eine gebrochene Figur. Eine Figur, die bei aller Selbstsucht einen großartigen, weil menschlichen Erfolg feiern durfte. Weil ihr die eigene Jugend verwehrt blieb, sah sie schließlich über die eigenen Bedürfnisse hinweg und ermöglichte ihrem Enkelsohn Tommy eine potentiell glückliche Kindheit: „Childhood doesn't last. Nothing lasts.

I'm free. I'm finally free“: Gillians vermeintliche Freiheit währte nur wenige Stunden. Inwieweit die restlichen Charaktere nach dem Staffelfinale in der kommenden Woche frei, unabhängig oder auch nur am Leben sein werden - das ist die spannendste Frage von Farewell Daddy Blues. Die aktuelle Episode hat jedenfalls den Grundstein gelegt für ein wahres Feuerwerk an Verrat, Gewalt, Blutvergießen, aber auch Reue, Neuanfänge und vielleicht sogar Erlösung. Wir dürfen gespannt sein.

Trailer zu „Boardwalk Empire“ (4x12):

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 20. November 2013
Episode
Staffel 4, Episode 11
(Boardwalk Empire 4x11)
Deutscher Titel der Episode
Hafen der Gnade
Titel der Episode im Original
Havre De Grace
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 17. November 2013 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 13. Februar 2014
Autor
Howard Korder
Regisseur
Allen Coulter

Schauspieler in der Episode Boardwalk Empire 4x11

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?