Boardwalk Empire 4x08

Boardwalk Empire 4x08

Boardwalk Empire schwingt sich in seiner neuen Episode zu neuen Höhen auf. Eine größere atmosphärische Dichte als in The Old Ship of Zion hat man in einer Fernsehserie kaum bestaunen können. Da ist es auch ein Leichtes, über das Fehlen der Chicago-Bande hinwegzusehen.

Äußerlich gelassen nimmt Valentin Narcisse (Jeffrey Wright, M.) Chalky Whites Theater hin. / (c) HBO
Äußerlich gelassen nimmt Valentin Narcisse (Jeffrey Wright, M.) Chalky Whites Theater hin. / (c) HBO

It's important to move forward“: Bisher waren etwaige Schwächen vergangener Episoden von Boardwalk Empire meistens in der mangelnden Charakterentwicklung und Selbstverliebtheit der Serie begründet. Diese Kritikpunkte können jedoch für die neue Episode - mit kleinen Abstrichen auch für die gesamte vierte Staffel - ausgeschlossen werden. Das Erzähltempo ist staffelübergreifend angemessen, in The Old Ship of Zion ist es hingegen atemberaubend hoch. Jedoch nicht im klassischen Sinne. Bis auf den finalen Kampf zwischen Chalky White (Michael Kenneth Williams) und seinem persönlichen Brutus, Dunn Purnsley (Eric LaRay Harvey), kommt es nämlich zu keinen actiongetriebenen Szenen.

Don't let your life get out of hand

Das Erzähltempo wird hier eher durch das herausragende Drehbuch von Christine Chambers und Howard Korder forciert. Beide liefern dabei ihr Autorenmeisterstück ab. Kein Satz, kein Wort ist redundant, keine Szene unwichtig. So viel Subtext, dass man damit fünf weitere Episoden ausstatten könnte. Jede Textzeile hat ihre Berechtigung, jeder Dialogsatz dient einem Ziel und sei dieses Ziel nur die Ermöglichung eines Moments des comic relief. Dafür ist in der neuen Episode hauptsächlich Dauernervensäge und Über-die-eigenen-Witze-Lacher Mickey Doyle (Paul Sparks) zuständig - wer sonst?

Mr. Chatterbox himself: Mickey Doyle (Paul Sparks) sorgt wieder einmal für einige Lacher. © HBO
Mr. Chatterbox himself: Mickey Doyle (Paul Sparks) sorgt wieder einmal für einige Lacher. © HBO

In den vorhergehenden Episoden wurden wir Zuschauer auf eine falsche Fährte gelockt. Es war uns suggeriert worden, der gönnerhafte Umgang der Brüder Nucky (Steve Buscemi) und Eli Thompson (Shea Whigham) repräsentiere die endgültige Überwindung vergangener fundamentaler Differenzen. Dieser Hoffnung erteilen Chambers und Korder eine klatschende Absage, die in der grandiosen Schlussszene endet. Da kommt Eli nach Hause zur Großfamilie und sieht, dass sein ältester Sohn William (Ben Rosenfield) nach kurzem Ausreißer zum überlebensgroßen Onkel ins elterliche Heim zurückgekehrt ist. Was nach trauter familiärer Eintracht aussieht, ist in Wahrheit der Beginn neuen Bruderhasses. Dementsprechend vergiftet klingen Elis Worte an Nucky, die letzten Worte der Episode: „Thank you, brother.

Was Nucky zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Eli ist vom Agenten des neu gegründeten Bureau of Investigation („Fucking which of investigation?“), Jim Tolliver (Brian Geraghty), den Eli nur unter dem Pseudonym Warren Knox kennt, über die Verschwörung zwischen William, Nucky und dem Staatsanwalt in Philadelphia aufgeklärt worden. Tolliver stellt ihn fortan vor die Wahl, entweder über das kriminelle Imperium seines Bruders auszupacken oder ihm dabei zuzusehen, wie er gnadenlos seinem Sohn hinterherjagt, bis der wegen Mordes im Gefängnis landet.

Die naheliegende und erwartbare Reaktion Elis wäre nun, sich an Nucky zu wenden und diesen das Problem aus der Welt schaffen zu lassen. Doch da kommt ihm sein Stolz, seine Erinnerung an vergangene Ereignisse - er wollte Nucky einmal sogar umbringen lassen - und seine Enttäuschung über den Verrat von Nucky und William dazwischen. Hinzu kommt, dass er seinen Sohn wohl auch durch eine Ermordung des Kronzeugen Clayton (Owen Campbell) nicht vor der Strafverfolgung bewahren könnte. All diese Emotionen sind am Ende der Episode in Elis Gesicht abzulesen - grandios gespielt von Whigham.

I want the family to be back where it belongs

Nucky ist in dem Moment zu selbstzufrieden, um aus Elis Mimik abzulesen, was wirklich im Kopf seines Bruders vorgeht. Immerhin glaubt er zu diesem Zeitpunkt, Familie Thompson wieder zusammengeführt zu haben. Er hat seinem Neffen einen Job im Wahlkampfteam von Bürgermeister Bader (Kevin O'Rourke) verschafft, die erste erfolgreiche Schnapslieferung aus dem Florida-Deal überwacht und den überraschenden Besuch von Sally Wheet (Patricia Arquette) mit einer gemeinsamen Nacht gekrönt. Im Angesicht der neuen Stürme, die ihm schon bald entgegenwehen dürften, erscheint seine gegenüber Eli gezeigte Geste - er schenkt ihm die erste Flasche Schnaps, weil dies Glück bringen soll - wie eine Farce.

Der junge und ehrgeizige Agent Jim Tolliver - grandios porträtiert von Brian Geraghty © HBO
Der junge und ehrgeizige Agent Jim Tolliver - grandios porträtiert von Brian Geraghty © HBO

Der „Butter and Egg Man“ Nucky hatte in dieser neuen Staffel noch keine großen Auftritte, er zieht außerhalb des Scheinwerferlichts die Fäden, er ist der stille Mann im Hintergrund. Dies dürfte sich nach den jüngsten Aktionen des ehrgeizigen und forschen Tolliver rapide ändern. Der Konflikt zwischen Chalky White und Valentin Narcisse (Jeffrey Wright) drohte hingegen schon in den letzten Episoden überzukochen und kommt in The Old Ship of Zion zu seinem vorläufigen, grausigen Höhepunkt. Nach dem Mord an Pastor Cuffy (Franklin Ojeda Smith) ist die schwarze Gemeinde der North Side in heller Aufruhr. Misstrauisch wird Chalky bei der Trauerfeier beäugt. Er weiß: Um Macht und Einfluss zu wahren, muss er in aller Öffentlichkeit gegen die sich ausbreitende Heroinplage vorgehen.

Bei der folgenden Begehung einer shooting gallery sieht sich Purnsley gezwungen, den Betreiber der Drogenhöhle zu erschießen, um der eigenen Enttarnung zu entgehen. Erschreckend, mit welcher Beiläufigkeit und Gewissenlosigkeit Purnsley den Mann über den Haufen schießt. Als Chalky kurze Zeit später den Mord entdeckt, steigert dies nur seine Skepsis gegenüber Purnsley: „You mighty quick to end things.“ Der Beschuldigte kann sich da noch herauswinden, weiß jedoch, dass seine Tätigkeit für Narcisse wohl nicht länger zu verschweigen sein wird. Das gefundene Heroin nutzt Chalky später zu einem effektvollen Auftritt. Vor dem Gemeindezentrum, in dem Narcisse gerade seinem gelangweilten Publikum durch ein Theaterstück seine Sicht der Welt näherbringen will, verbrennt Chalky die erbeuteten Drogenpakete - vor Narcisses Augen und den Augen eines plötzlich hellwachen Theaterpublikums.

Der Moment, in dem sich Chalky und Narcisse mit grimmigen Blicken gegenüberstehen, ist von grandioser, selten gesehener Intensität. Ähnliche atmosphärische Dichte erreicht nahezu die gesamte Episode, am Ende ist sie jedoch noch einmal besonders hoch. Da stattet Chalky seiner Geliebten Daughter Maitland (Margot Bingham) einen Besuch ab. Sie hat zuvor von ihrem Ziehvater Narcisse die Anweisung erhalten, Chalky in eine tödliche Falle zu locken. Doch dessen echte Zuneigung zu ihr lässt sie umschwenken. Sie warnt Chalky vor dem Hinterhalt und rettet ihm, als es fast zu spät zu sein scheint, das Leben: „Keep your servant also from willful sins; may they not rule over me.

Fazit

In The Old Ship of Zion kommt es zum vorläufigen Höhepunkt der neuen Staffel von Boardwalk Empire. Sämtliche Handlungsbögen laufen auf ihren Klimax zu oder erhalten neue Brisanz.

Alle Elemente ausgezeichneten Dramafernsehens finden hier zueinander. Ein ausgezeichnetes Drehbuch trifft auf hervorragende darstellerische Leistungen, gekrönt wird das Ganze durch die brillante Inszenierung von HBO-Haus-und-Hof-Regisseur Tim Van Patten. Seine Bildgestaltung sorgt für selten gesehene atmosphärische Dichte, er verleiht der klassischen Bildsprache zeitweise eine moderne Interpretation. Als Beispiel sei hier die Auftaktszene mit Dunn Purnsley in einer Art Halbzeitlupe genannt.

Die Geschichten erhalten neue Dringlichkeit, sämtliche Charaktere werden mit individuellem Aplomb ausgestattet. So fällt es als Zuschauer teilweise schwer, sich für eine Seite zu entscheiden, beim Kampf zwischen Chalky und Purnsley erwischte ich mich gar dabei, dem Verräter den Sieg zu wünschen. Eine Bewertung der Episode fällt hingegen gar nicht schwer. Sie ist schlicht die beste, die wir in diesem Jahr zu sehen bekommen haben. Da fällt auch nicht weiter ins Gewicht, dass die Geschichten aus Chicago wieder einmal außen vor gelassen wurden.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 30. Oktober 2013
Episode
Staffel 4, Episode 8
(Boardwalk Empire 4x08)
Deutscher Titel der Episode
Das alte Schiff nach Zion
Titel der Episode im Original
The Old Ship of Zion
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 27. Oktober 2013 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 23. Januar 2014
Autoren
Cristine Chambers, Howard Korder
Regisseur
Timothy Van Patten

Schauspieler in der Episode Boardwalk Empire 4x08

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