Boardwalk Empire 4x07

William Wilson, die neue Episode des Prohibitionsdramas Boardwalk Empire, bestätigt den Trend der neuen Staffel zum episodischen Erzählen innerhalb einzelner Folgen. Handlungs- und Erzählstränge wechseln sich rasant ab, selten dauert eine Szene länger als zwei, drei Minuten. Dies ist zwar ungewohnt, mindert jedoch in keinster Weise das Sehvergnügen. Denn für sämtliche Geschichten gilt: Sie laufen unaufhörlich auf eine Konfrontation am Ende der Staffel hinaus, wenngleich sich bis jetzt noch nicht in allen Handlungsbögen abzeichnet, wie eine solche Konfrontation aussehen könnte.
The murder of Wilson's doppelganger is also his own suicide
Hinzu kommt, dass Boardwalk Empire über eine selten gesehene Figurenvielfalt verfügt und ein solch großes Ensemble erst mal gebändigt werden will. Den Anfang macht Al Capone (Stephen Graham) mit seinem gewohnt unkontrollierbaren Temperament. Er hatte in der vergangenen Episode gar keinen Auftritt, deswegen wird er von den Autoren nun mit einem umso größeren Knall zurückgebracht. Auf offener Straße und am helllichten Tage erschießt er einen Polizisten und macht damit seine Ankündigung, „everything that crawls“ müsse für den gewaltsamen Tod seines Bruders Frank bezahlen, wahr. Danach stolziert er mit irrem, kokainbenebeltem Blick zu Johnny Torrio (Greg Antonacci) und reißt derbe Witze über den von ihm Ermordeten - Graham in Hochform!

Als Nächstes will er sich Dean O'Banion (Arron Shiver) vorknöpfen, den er hinter dem Anschlag auf seinen Bruder vermutet. Er glaubt, O'Banion habe den größtenteils aus irischstämmigen Polizisten bestehenden Teil der Chicago Police dafür bezahlt, Frank umzubringen. Torrio gibt ihm den Befehl, keine Schritte gegen O'Banion einzuleiten, revidiert jedoch schnell sein Urteil, nachdem ein Deal mit O'Banion und Hymie Weiss (Will Janowitz) durch eine überraschende Polizeirazzia unterbrochen wurde. So macht er klar: „There is one thing I'd like you to do: kill that Irish fuck!“ Die Straßen Chicagos werden in nicht allzu ferner Zukunft vor Gangsterblut nur so triefen.
Bandenkriege sind eigentlich schlecht fürs Geschäft, doch die involvierten Gangster sind große Egomanen - genau wie ihr zukünftiger Jäger, der Chef des neu gegründeten Bureau of Investigation, John Edgar Hoover (Eric Ladin). Er lässt sich von Agent Knox (mit richtigem Namen Jim Tolliver: Brian Geraghty), Staatsanwältin Esther Randolph (Julianne Nicholson) und deren Kronzeugen George Remus (Glenn Fleshler) von der Existenz eines transnationalen Netzwerks des organisierten Verbrechens überzeugen und verkauft diesen Verdacht später als eigene Idee. Nebenher treibt er Remus die überaus irritierende Angewohnheit aus, von sich selbst in der dritten Person zu sprechen. Als Knox aka Tolliver das Mit-fremden-Federn-Schmücken seines Chefs nicht mehr erträgt, heult er sich ausgerechnet bei Gaston Means (Stephen Root) aus, der ein weiterer Zeuge gegen Nucky Thompson (Steve Buscemi) zu sein scheint.
Oder spielt Means etwa immer noch für die Gegenseite? Schließlich präsentiert er Nucky bei ihrem Treffen im Onyx Club seine - wenngleich dürftigen - Informationen über Knox und Nuckys plötzlich verschwundenen Informanten aus dem Finanzministerium, Elliot. Eli (Shea Whigham) und Nucky hatten zuvor diskutiert, was es mit dem mysteriösen Knox auf sich haben könnte. Schnell lassen sie sich jedoch von anderen Themen ablenken, wie zum Beispiel Nuckys Affäre mit Sally Wheet (Patricia Arquette) in Florida und die erste Alkohollieferung aus dem neuen Deal mit Vincenzo Petrucelli (Vincenzo Amato). Das Geplänkel zwischen Nucky und Eli gehört zu den Höhepunkten der Episode, die Brüder scheinen nach einer langen Phase gegenseitigen Misstrauens wieder zu ihrer ursprünglichen Beziehung zurückzufinden.
I see an immediate fiscal gain in your future
Petrucelli ist derweil auch Thema in New York, wo Joe Masseria (Ivo Nandi) natürlich längst von den Privatgeschäften seines Ziehsohnes Lucky Luciano (Vincent Piazza) erfahren hat. Lucky beteuert, den Deal mit Petrucelli abgelehnt zu haben, was Masseria aber nicht weiter interessiert. Er ist gedanklich schon einen Schritt weiter und will einen Synergieeffekt aus Alkohol- und Drogenschmuggel erzielen. Wie sich nämlich herausstellt, ist Petrucelli der größte Heroinschmuggler im gesamten Südosten Amerikas.

An anderer Stelle in New York treffen unterdessen zwei mit falschem Namen Ausgestattete aufeinander. In der Vermögensberatung, in der Margaret „Rowen“ Thompson (Kelly Macdonald) eine Anstellung als Telefonistin gefunden hat, macht sie Bekanntschaft mit „Abe Redstone“, den wir Zuschauer als Arnold Rothstein (Michael Stuhlbarg) kennen. Er scheint wieder irgendeinen zwielichtigen Großdeal zu arrangieren und verpflichtet sie zu gegenseitigem Stillschweigen.
Komplex bleibt die Geschichte auch in Atlantic City, wo Dr. Valentin Narcisse (Jeffrey Wright) seinem Ziel der Kontrolle über die „North Side“ immer näher kommt, ohne dass der ihm intellektuell unterlegene Chalky White (Michael Kenneth Williams) etwas dagegen ausrichten könnte. Mit Unterstützung von Dunn Purnsley (Eric LaRay Harvey) und Daughter Maitland (Margot Bingham) manipuliert er White in dem Glauben, er habe allzeit Kontrolle über seine Handlungen. Dabei spielt Purnsley schon längst für Narcisses Team und auch Maitland scheint nur zu einem Zwecke mit Chalky zu schlafen: um ihn abzulenken, ihn schwach erscheinen zu lassen. Ganz ohne Blutvergießen kommt jedoch auch Narcisses Operation nicht aus. Purnsley muss die schmutzige Aufgabe übernehmen und einen skeptischen Diakon ermorden.
Der Mord an seinem Kommilitonen beschäftigt derweil Elis Sohn William (Ben Rosenfield). Während einer vieldeutigen Literaturvorlesung zu Edgar Allan Poe beschließt er kurzerhand, der Uni den Rücken zu kehren und fortan die eigene Karriere am Vorbild seines Onkels Nucky auszurichten. Wenn nötig, dann auch gegen den gewaltsamen Widerstand seines Vaters Eli. Der sieht im Alkoholrausch die aufblühende Beziehung zu seinem Bruder dadurch wieder in einem ganz anderen Licht: „This house, this family. This is mine. (...) Nothing ever came from you.“
Fazit
Die neue Episode von Boardwalk Empire kommt daher wie ein Kunstwerk, auf dem es auch nach vielfacher Betrachtung immer wieder neue liebevolle Details zu entdecken gibt. Allein die vielen historischen Andeutungen und Referenzen, die diese Serie Woche für Woche aufs Neue macht, generieren große Faszination.
In William Wilson - der Titel ist übrigens dem Charakternamen aus einem Poe-Roman entlehnt - wird der als „perfektes Verbrechen“ propagierte Mord der hochintelligenten Studenten Leopold und Loeb thematisiert. Sie hielten sich im Sinne Nietzsches für „Übermenschen“ und sahen darin eine Rechtfertigung für ihre Bluttat.
Alleine dieser historischen Randnotiz gelingt es, die Aufmerksamkeit für Stunden abschweifen zu lassen. Dabei erfordert die Serie ein Höchstmaß an Konzentration, will man den vielen Erzählsträngen folgen können. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um lose Enden, sondern um irgendwie verbundene Handlungsbögen, die bei einem Mann zusammenlaufen: Nucky Thompson. Auf ihn scheint sich das gesamte Bureau of Investigation eingeschossen zu haben, vor allem Agent Tolliver setzt alles daran, ihn endlich an die Kandare nehmen zu können. Die Luft wird dünn für Nucky. Doch er hat schon oft bewiesen, dass er auch bei großer Fallhöhe noch ruhig atmen kann.
Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 26. Oktober 2013(Boardwalk Empire 4x07)
Schauspieler in der Episode Boardwalk Empire 4x07
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