Boardwalk Empire 4x06

Boardwalk Empire 4x06

Gespickt mit viel Subtext, versteckten Andeutungen und überraschendem Sex werden die Geschichten aus New York, Atlantic City und Tampa vorangetrieben. In seinen besten Momenten ist Boardwalk Empire großes Theater.

Ein letzter Tribut an Eddie Kessler (Anthony Laciura), der fortan leider nur noch auf Papier erscheint. / (c) HBO
Ein letzter Tribut an Eddie Kessler (Anthony Laciura), der fortan leider nur noch auf Papier erscheint. / (c) HBO

Es gibt eine Szene in The North Star, da scheint Nucky Thompson (Steve Buscemi) für einen kurzen, alkoholgeschwängerten Moment in sich zu kehren. Dieser Monolog hört sich vorerst nach sinnlosem Gebrabbel an, dann jedoch offenbart er einen tieferen Charakter: „I'm trying to build something. I don't know why. I wonder if I did nothing at all, I'd be happier.“ Ausgerechnet in betrunkenem Zustand scheint Nucky einen kathartischen Moment zu haben, die ganze Reichweite des Selbstmords seines Freundes Eddie Kessler scheint über ihn hereinzubrechen. Die Selbsterkenntnis endet jedoch jäh, als die burschikose Barbesitzerin Sally Wheat (Patricia Arquette) Nucky mit einem gezielten Faustschlag ins Diesseits zurückholt: „I just hate a goddamn whiner.

I am who I am. Who else could I be?

Das hat gesessen und am nächsten Morgen, nachdem sich die abstruse Prügelei zwischen Nucky und Sally in schwitzigem Sex aufgelöst hat, ist der Herrscher von Atlantic City wieder ganz Geschäftsmann. In der Nacht zuvor hatte er sich noch gefragt: „Fourteen thousand acres, what am I doing?“ Nun scheint er sich dessen vollkommen bewusst zu sein. In Abwesenheit des neuen Geschäftspartners Vincenzo Petrucelli (Vincenzo Amato) alias „Mr. Price“ schließen er, Meyer Lansky (Anatol Yusef) und Bill McCoy (Pearce Bunting) ihren Deal ab. Kurzerhand ernennt Nucky Sally als seine Statthalterin in Florida, was McCoy zwar überrascht, aber keinesfalls verärgert zur Kenntnis nimmt. Ob Lucky Luciano (Vincent Piazza) seine Drohung wahrgemacht und Petricelli schon um die Ecke gebracht hat?

Spaßhaben in Florida: Nucky und Konsorten bei einem Alligatorenkampf. © HBO
Spaßhaben in Florida: Nucky und Konsorten bei einem Alligatorenkampf. © HBO

Der stellte sich nämlich als Cousin von Joe Masseria (Ivo Nandi) heraus, Luckys kriminellem Ziehvater aus New York. Masseria weiß nichts von diesem Deal, würde er davon erfahren, bedeutete dies möglicherweise das frühe Ende von Lucianos gerade im Entstehen begriffenen Gangsterimperium. Lucky taucht auffällig wenig auf in der bisherigen Staffel, was den realhistorischen Bedingungen geschuldet ist. Ich als uneingeschränkter Verfechter von möglichst viel Gangsterthematik bedauere diese Entwicklung natürlich, bin aber gleichzeitig fest davon überzeugt, dass Lucky noch den einen oder anderen denkwürdigen Auftritt hinlegen wird. Jedenfalls steigt Luciano aus dem Deal aus, was für Nucky unerheblich ist, so lange Meyer Lansky seinen Teil der Investition auch alleine stemmen kann.

Die Szenen in Florida sind die stärksten der Episode - was nicht nur an den Alligatorenkämpfen und der immerfeuchten Atmosphäre liegt. Sally entwickelt sich zu einem starken Charakter, den Autoren gelingt mit ihrer nachhaltigen Einbindung als Vertreterin Nuckys ein großartiger Schachzug. Aber - um ehrlich zu sein - es ist Patricia Arquette! Wer hätte ihr keine überzeugende Rolle zugetraut? Auch Meyer Lansky füllt in dieser Episode die Gangsterlücke aus, die Al Capone (Stephen Graham) und seine Storyline mit ihrer Abwesenheit hinterlassen haben. Abwesend ist auch - zum zweiten Mal hintereinander - Jeffrey Wright als Dr. Valentin Narcisse. Ein Auftritt des Drogen- und Glücksspielbarons aus Harlem hätte mir besser gefallen als die ständige Thematisierung des Flirts zwischen Chalky White (Michael Kenneth Williams) und Daughter Maitland (Margot Bingham).

So nachvollziehbar der plötzliche Sex zwischen Nucky und Sally war, so wenig nachvollziehbar ist der zwischen Chalky und Daughter. Williams legt seinen Charakter etwas zu grimmig an. Er wütet, beleidigt, hat selten bis nie ein joviales Lächeln auf den Lippen. Da macht es übrigens keinen Unterschied, ob er nun mit seinen Angestellten, den Mitgliedern seiner Familie oder der Frau, mit der er schlafen möchte, spricht. Aber warum sollte er auch irgendetwas an seinem Verhalten ändern? Am Ende bekommt er sowieso meist, was er möchte.

He'll talk when he wants to talk

Eine zweite und letzte Chance bekommt unterdessen Agent Knox (Brian Geraghty) von seinem Vorgesetzten J. Edgar Hoover (Eric Ladin), der nicht so recht an eine überregionale Gangsterverschwörung glauben wollte und diese mit dem Selbstmord Eddie Kesslers ebenfalls sterben sah. Knox schafft es jedoch, seinem Chef eine letzte Mission zu entlocken - und hat Erfolg. Eli Thompson (Shea Whigham) und Mickey Doyle (Paul Sparks) glauben schließlich immer noch, der korrupte Trottel wolle sich lediglich ein paar Dollar hinzuverdienen: „We're all just trying to make a living here.

Richard Harrow (Jack Huston) kehrt nach Atlantic City zurück. © HBO
Richard Harrow (Jack Huston) kehrt nach Atlantic City zurück. © HBO

Knox bekommt also einen tieferen Einblick in das Thompson'sche Netzwerk. Eli jedoch schöpft Verdacht, als er auf dem Taschentuch des Agenten die eingestickten Buchstaben „JTM“ (oder „JIM“?) sieht. Zu diesem Zeitpunkt hatte Eli seinen Anfangsverdacht für den Selbstmord Eddies schon ausgeschlossen - fällt sein nächster Verdacht also auf Knox?

Für die zärtlichste und berührendste Passage der Episode ist der nach Atlantic City zurückgekehrte Richard Harrow (Jack Huston) verantwortlich. In einem Krankenhaus trifft er zufällig auf Paul Sagorsky (Mark Borkowski), den Alkoholiker und Choleriker, der aber eigentlich ein gutes Herz hatte und mit dessen Tochter Julia (Wrenn Schmidt) Richard in der letzten Staffel ein Verhältnis eingegangen war. Sie war es auch, der er den verwaisten Tommy Darmody zur Obhut übergab, nachdem er ihn aus Gillians (Gretchen Mol) Bordellhölle befreit hatte. Der Kleine interessiert sich neuerdings brennend für Astronomie, seine Pflegemutter Julia weiß: „He's gotten very concerned about navigating his way back from places.“ Mit einigen Auflagen bietet sie Richard außerdem die Option zur Rückkehr an: „I don't want do all this by myself. But how can I trust you?“ Spätestens, als Richard die Hand des kleinen Tommys nimmt, ist klar: Er wird bleiben.

Fazit

Die neue Episode von Boardwalk Empire weiß durch alte Qualitäten zu überzeugen: viel Subtext, rätselhafte Konversationen, plötzliche Gefühlsausbrüche. Ein Drehbuch, das eher an Theater denn an Film erinnert. Dabei wird die Handlung vorangetrieben, die grandiosen Dialoge sind kein Selbstzweck, sondern führen die Geschichte fort.

Bestes Beispiel: Das Treffen zwischen Nucky und Margaret (Kelly Macdonald) zu Beginn der Episode. Er hat sie zum Treffen gebeten, um ihr vom Tod Eddie Kesslers zu berichten, bringt es dann jedoch nicht über sich, die Wahrheit auszusprechen. Margaret findet die richtige Mischung aus Mitgefühl und Distanz, bei aller Kritik an ihrem Charakter muss man Macdonald großes schauspielerisches Können zusprechen. Die Szene ist vollgepackt mit Subtext, ein Satz jedoch gerät eindeutig: „I wouldn't put something alive in a box.“ Oh, Nucky, wouldn't you?

Wenig versteckter Gehalt, dafür umso mehr Pathos schwingt in den Worten Lucky Lucianos mit, der sich bei Lansky über sein Auffliegen bei Masseria Sorgen macht: „He never forgets. He'll wait forever. That's how he is.“ Solche Sätze will man in Boardwalk Empire hören! Voller Mystik, voller Gravitas, voller Präsenz. Vor so einem wie Masseria hätte ich sicherlich auch Angst. Luciano weiß genau: Wenn er nicht frühzeitig einen Rückzieher macht, ist er in Zukunft nicht mehr so „lucky“.

Wie schon in der Review erwähnt, gefiel mir die Szene zwischen Chalky White und Daughter Maitland nicht besonders. Immer öfter ertappe ich mich dabei, wie ich heimlich Chalkys Gegenspielern die Daumen drücke und dem Immergriesgrämigen eine Niederlage wünsche. „He ain't nothin' but a nigger with a dictionary“, sagt er über Narcisse. Und das macht dann Maitland so an, dass sie sich sofort von ihm besteigen lässt? Den kleinen Drehbuchlapsus machen die Autoren jedoch schnell wieder mit Richard Harrows Erzählbogen wett. In diesen und anderen Szenen wird Boardwalk Empire zu grandiosem Theater.

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 15. Oktober 2013
Episode
Staffel 4, Episode 6
(Boardwalk Empire 4x06)
Deutscher Titel der Episode
Polarstern
Titel der Episode im Original
The North Star
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 13. Oktober 2013 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 9. Januar 2014
Autoren
Eric Ellis Overmyer, Howard Korder
Regisseur
Allen Coulter

Schauspieler in der Episode Boardwalk Empire 4x06

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