Boardwalk Empire 4x05

Seit dem Start der HBO-Prohibitionsserie Boardwalk Empire im Jahre 2009 wurde immer wieder Kritik laut, die Serie lasse seine interessantesten Charaktere sterben und die weniger interessanten überleben. Für diesen Vorwurf lassen sich durchaus einige Beispiele anführen. Jimmy Darmody (Michael Pitt), Owen Slater (Charlie Cox) oder Billie Kent (Meg Chambers Steedle) entwickelten sich langsam zu Publikumslieblingen, bevor sie von den Autoren gnadenlos aus der Serie geschrieben wurden. Mit der neuen Episode Erlkönig erhält dieses Argument nun neues Gewicht. Auch Nucky Thompsons (Steve Buscemi) erst kürzlich beförderter Hausdiener Eddie Kessler (Anthony Laciura) musste in den selbstgewählten Tod übertreten.
Let's check in on his highness
Einen der interessantesten Erzählbögen der neuen vierten Staffel war Eddies Charakterentwicklung, zumal er für einen Großteil des comic relief zuständig war. Diese Aufgabe darf zukünftig wohl Al Capone (Stephen Graham) ganz alleine schultern, was ihm jedoch spielend gelingen dürfte. Auch in der neuen Episode glänzt Capone wieder mit seinem an Wahnsinn grenzenden derben Humor, der durch seinen exzessiven Kokskonsum massiv angefeuert wird. So avanciert die Chicago/Cicero-Geschichte in Erlkönig zum sehenswertesten aller Handlungsbögen. Zwar waren wir in Resignation schon einmal Zeuge, wie die Capone-Clique eine Wahlveranstaltung aufmischte. Hier bekommt diese Erzählung jedoch neue Brisanz.

Nelson Van Alden aka George Mueller (fortan nur noch Mueller; gespielt von Michael Shannon) wird immer tiefer in Capones Machenschaften hineingezogen und mit der Organisation der nächsten Wahlmanipulationsaktion betraut. Er verfolgt jedoch eine andere Strategie als Capone, der auf reine Gewaltanwendung setzt. Mueller glaubt, er könne das bis dahin aufgebaute Abschreckungspotential der Capone-Schergen ausnutzen, um die Wähler davon zu überzeugen, für den republikanischen Bürgermeisterkandidaten von Cicero zu stimmen. Als dieses Vorhaben jedoch gründlich danebengeht, nimmt sich Al persönlich der Einschüchterungsaktion an und kehrt zu seinem alten Habitus zurück. Schnell kommt es zur Massenschlägerei, während Mueller die Chance sieht, seinem verhassten Auftraggeber endgültig den Garaus zu machen.
Capones Bruder Frank (Morgan Spector) sieht jedoch Muellers gezückte Waffe und will seinerseits die Pistole ziehen, um seinem Bruder das Leben zu retten. Das wiederum lässt die angerückte Polizei aus Chicago nicht lange fackeln. Sie schießen Frank gnadenlos über den Haufen. Das alles ist so oder so ähnlich wirklich passiert. Bis heute ist nicht restlos aufgeklärt, ob Frank nach seiner Waffe griff und somit den Einsatz tödlicher Gewalt durch die Polizei rechtfertigte. Al hat natürlich seine ganz eigene Sicht auf die Ereignisse. In Muellers Anwesenheit schwört er bittere Rache: „Every fucking thing that crawls is going to pay.“
Ähnliche Brisanz entwickelt die neue Episode nur im Erzählstrang rund um Eddie Kessler (Anthony Laciura). Der wurde am Ende der letzten Episode vom aufstrebenden jungen Ermittler Warren Knox (Brian Geraghty) ohne offizielle Verhaftung oder Anklage abgeführt und wird nun in einer sogenannten off-site befragt - wobei die Vokabel „gefoltert“ doch eher zutreffen würde. Zuerst versuchen es die beiden Agenten mit Psychospielchen, dann mit physischer Gewalt. Als Eddie sich immer noch nicht kooperationsbereit zeigt, greifen sie tief in die Ermittlertrickkiste und fördern pikante Details aus Eddies Vergangenheit zutage. Nachdem wir Zuschauer zu Beginn der Episode einen Blick in sein Zimmer werfen durften (inklusive Schubert-Notenbuch und Karl-May-Romanen), wird uns nun seine deutsche Herkunft nähergebracht.
The world is going on without you
Eddie war rechtschaffener Hannoveraner, Manager eines Bekleidungsgeschäfts und Vater zweier Söhne. Dann entschloss er sich jedoch dazu, gemeinsam mit seiner Affäre aus der Unterwäscheabteilung und einem Batzen gestohlenem Geld das Weite zu suchen. In Deutschland ist er ein gesuchter Mann, weswegen Knox und Konsorten nun auch ein veritables Druckmittel gegen ihn in den Händen halten. Als Knox dann auch noch mittels rudimentärer Deutschkenntnisse den „Erlkönig“ rezitiert, gelingt es ihm, Eddies Widerstand zu brechen.

Er verrät seinen Saufkumpan Ralph Capone (Domenick Lombardozzi) und seinen Mentor Nucky Thompson. Dann entlässt ihn Knox in die vermeintliche Freiheit. Eddie geht nach Hause, sieht nach dem Rechten, erledigt kleinere Arbeiten für Nucky (damit dieser fortan keine unterschiedlichen Socken mehr tragen muss) und verfasst einen Brief an seine Verwandten. Das Ende dieser Montage enthüllt, dass es ein Abschiedsbrief gewesen sein muss: Eddie stürzt sich aus dem Fenster.
In diesen beiden ausführlich beschriebenen Handlungssträngen erschöpfen sich aber auch die interessanten Geschichten dieser neuen Episode. Weder der Erzählbogen rund um William Thompson (Ben Rosenfield) noch der von Gillian Darmody (Gretchen Mol) scheinen ihre eigene Schlagrichtung zu kennen. Die Handlungsstränge wirken so, als seien sie der Geschichte aufgestülpt worden. Jedoch will ich nicht zu früh urteilen. Boardwalk Empire würde es nämlich nicht zum ersten Mal schaffen, eine vorerst künstlich wirkende Geschichte zum Ende einer Staffel organisch in die Handlung einzubetten. Oder, um es mit den Worten Dunn Purnsleys (Eric LaRay Harvey) etwas verschachtelter zu sagen: „You best go easy now, little Beau. I like my lambs keep coming home.“
Fazit
Im Fazit zu Erlkönig würde ich gerne die technischen Aspekte der Episode ausklammern - diese sind bei Boardwalk Empire sowieso immer oberste Spitzenklasse. Trotzdem muss die Kamera kurze Erwähnung finden, da die Bildkomposition sehr ungewöhnlich ist.
Regisseur Tim Van Patten fängt seine Protagonisten oftmals am Bildrand ein. Die klassische Aufteilung des Bildes in drei Abschnitte entfällt. Dieses Stilmittel erinnert an die avantgardistischen Ausflüge englischer Serienmacher und bietet eine gelungene Abwechslung zur üblichen Standardkomposition.
Die Dramaturgie der Episode lässt mich mit gespaltener Meinung zurück. Die Erzählstränge rund um Gillian Darmody und Willie Thompson scheinen ins Nichts zu führen. In der neuen Episode fehlen zudem die subjektiv interessanteren Charaktere Chalky White (Michael Kenneth Williams), Valentin Narcisse (Jeffrey Wright) und Richard Harrow (Jack Huston).
Dafür können Eddie Kessler und die Capones mit starken Auftritten punkten. George Mueller scheint sein ganz eigenes, persönliches Breaking Bad zu durchlaufen, während Nucky Thompsons Erzählstrang die Strafverfolgungsbehörden wiederholt als Spielball der wahrhaft Mächtigen porträtiert. Boardwalk Empire bleibt auf gutem Wege.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 8. Oktober 2013(Boardwalk Empire 4x05)
Schauspieler in der Episode Boardwalk Empire 4x05
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