Boardwalk Empire 4x04

„Last year we made more money than the President of the United States.“ In der neuen Episode von Boardwalk Empire, dem gefeierten HBO-Prohibitionsdrama, erleben wir die Geburt des Großgangsters Meyer Lansky (Anatol Yusef). In der spannendsten Passage von All in hintergeht Lansky seinen eigenen, langjährigen Geschäftspartner Arnold Rothstein (Michael Stuhlbarg), um endlich auch an die richtig großen Honigtöpfe heranzukommen. In diesem Fall fließt der Honig in Florida, wo Nucky Thompson (Steve Buscemi) in der letzten Episode eine riskante, aber höchst rentable neue Geschäftsmöglichkeit aufgetan hat.
Don't be so dramatic. It's only money.
Zurück in der Heimat schaut er sich sogleich nach einem Geschäftspartner um, der liquide genug ist, die Investitionssumme von einer Million Dollar innerhalb weniger Tage aufzutreiben. Er wendet sich an Rothstein, mit dem er bisher überwiegend erfolgreiche Geschäftsabschlüsse erzielt hatte. Doch der ist skeptisch, denn kürzlich hatte Nucky noch verkündet, kürzertreten und sich mit dem Status quo zufriedengeben zu wollen. Er fordert ihn zu einer Partie am Pokertisch heraus, wo Rothstein - wie dessen realhistorisches Vorbild - eine Klasse für sich ist. Rothstein glaubt: „You don't really know a man until you play cards with him.“ Nucky lässt sich auf das Spielchen ein, hat er doch keine andere Wahl, will er sich Rothsteins Wohlwollen zurückerobern.

Während der Partie wendet sich jedoch das Blatt. Rothstein und Nucky geraten in einen Patt miteinander. Noch während das Spiel läuft, bittet Rothstein um einen exorbitanten Kredit, den er sogleich ganz („All in“) setzt. Nucky geht mit, gewinnt die Hand und ein kleines Vermögen. Der äußerlich gelassen wirkende Rothstein scheint im weiteren Verlauf der Nacht sein eigenes Credo („This is a game of skill.“) zu vergessen, blind hetzt er seinen Verlusten hinterher, ohne zu merken, dass er diese nicht mehr wird ausgleichen können. Er ist on tilt, wie die Pokerspieler sagen. Er hat seine Fassung verloren, seine Fähigkeit, den Gegner zu lesen. Nicht mehr sein Können, seine mathematischen und statistischen Überlegungen bestimmen sein Spiel, sondern sein blinder Siegeseifer.
Diese Situation weiß Lansky clever auszunutzen. Nachdem sich Rothstein endlich geschlagen gegeben hat, bespricht er die weitere Vorgehensweise mit Nucky. Der hat genug gesehen und schlägt seinerseits einen Deal mit Rothstein aus. Er hat ihn heute als schwachen Mann erlebt, der nicht weiß, wann es Zeit ist, einen Verlust als ebensolchen abzuhaken. In die Bresche springt Lansky, dem es mit einer Parabel über seinen Vater („He was weak, my father“) und mit seinem ersten Zusammentreffen mit Lucky Luciano (Vincent Piazza) gelingt, Nucky von seiner Geschäftstüchtigkeit zu überzeugen. Der gibt Lansky und dessen Partnern genau eine Chance: „Either put up or shut up.“
Neue, unerwartete Allianzen bilden sich auch anderswo im Dreieck New York-Atlantic City-Chicago. Nucky betraut seinen kürzlich beförderten Adjutanten Eddie Kessler (Anthony Laciura) mit einer einfachen Geldübergabe an den Capone-Bruder „Bottle“ Ralph (Domenick Lombardozzi). Eddie lässt sich von seiner neuen Kompetenzfülle jedoch so sehr berauschen, dass der Kurztermin in ein nächtliches Saufgelage ausartet. Dabei dürfte das Herz eines jeden deutschen „Boardwalk“-Fans aufgehen. In einer überwiegend von deutschen Auswanderern besuchten Kneipe intonieren die Freude- und Biertrunkenen den deutschen Volksmusikklassiker „Oh du wunderschöner deutscher Rhein“. Eddie singt voller Inbrunst mit, auch Capone lässt sich von der überschwänglichen Stimmung anstecken.
Pick a winner, Mueller.
Am darauffolgenden Morgen, als die beiden Trunkenbolde besoffen zum Bahnhof stolpern, wird Eddie jedoch vom Agent des Bureau of Investigation, Warren Knox (Brian Geraghty), ohne formelle Verhaftung abgeführt. Der in solchen Situationen wenig bewanderte Eddie lässt sich von dessen aufgesetzter Autorität beeindrucken und widersetzt sich nicht. Keine guten Nachrichten also für Nucky. Auch die Gebrüder Capone dürften diesen Neuigkeiten nicht wirklich erfreut entgegensehen. Die beiden bisher nicht erwähnten, Frank (Morgan Spector) und Al (Stephen Graham), treiben unterdessen in Chicago ihr Unwesen und bringen sich gegen ihren künftigen Großrivalen Dean O'Banion (Arron Shiver) in Stellung.

Zwischen die Fronten gerät der bemitleidenswerte Nelson Van Alden aka Gene Mueller (Michael Shannon). Am Ende der Episode dürfte sein Übertretungsprozess zur Capone-Organisation mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit jedoch abgeschlossen sein. Hier und im Lansky-Erzählbogen schaffen die Autoren von Boardwalk Empire wieder diese für die Serie so einzigartige Verknüpfung zwischen realhistorischen Vorgängen und fiktiven Charakteren.
Unterdessen spitzt sich der Konflikt zwischen mehreren fiktiven Charakteren zu. Dunn Purnsley (Eric LaRay Harvey) entschuldigt sich bei seinem Nocharbeitgeber Chalky White (Michael Kenneth Williams) mit einer Lüge für zwei Tage von seinen Pflichten, um in Harlem die Anti-Chalky-Verschwörung mit Valentin Narcisse (Jeffrey Wright) voranzutreiben. Er bekommt die Gelegenheit, seine Überzeugung für den Kampf der „Libyans“ (der unterdrückten afroamerikanischen Minderheit) unter Beweis zu stellen. Mit Gewalt - wie sowieso sehr viele Loyalitätsbeweise in dieser Episode mit Gewalt verrichtet werden.
Fazit
„Appearances are as important as reality, Mr. Capone.“ Was Eddie Kessler ausspricht, weiß Meyer Lansky schon lange und scheint Arnold Rothstein vergessen zu haben. Um im Sumpf aus Verbrechen, Korruption und Gewalt bestehen zu können, bedarf es des frühzeitigen Aufbaus eines furchteinflößenden Images.
„Früh übt sich“, denkt sich da wohl auch William Thompson (Ben Rosenfield), der sich an seinem Unirivalen Henry (Josh Caras) rächen will. Seine Vergeltungsaktion läuft jedoch fürchterlich schief und hinterlässt nur die schrecklich entstellte Leiche Henrys. Dabei hallen Eli Thompsons (Shea Whigham) Worte gespenstisch nach: „You're the only boy from Atlantic City anybody needs to know.“
Blut, Gewalt, ein wie wild um sich ballernder Al Capone: Die neue Episode hat alles, was das Herz eines jeden „Boardwalk“-Fans begehrt. Auch der Humor wird nicht vernachlässigt. Beinahe jede Szene mit Stephen Graham ist entweder furchteinflößend oder zum Kaputtlachen. Der Schauspieler ist eine wahre Amüsiermaschine.
Laciura als Eddie Kessler darf ebenso glänzen. Er legt sich voll ins Zeug, um Nuckys Worte („Don't you have jokes in Germany?“) zu widerlegen. Am Ende gerät er ins Fahndungsnetz des jungen, aufstrebenden und ehrgeizigen Ermittlers J. Edgar Hoover (Eric Ladin), der als längster amtierender FBI-Chef einmal in die amerikanische Geschichte eingehen soll.
Bravo, Boardwalk Empire, bravo!
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 2. Oktober 2013(Boardwalk Empire 4x04)
Schauspieler in der Episode Boardwalk Empire 4x04
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?