Boardwalk Empire 4x03

„I was a simple corrupt city official. And I was happy.“ Gegen Ende der Episode Acres of Diamonds, als sich Nucky Thompsons (Steve Buscemi) Florida-Ausflug schon beinahe als Flop erwiesen hat, schwelgt er bei einem nĂ€chtlichen Drink plötzlich in Nostalgie. Er denkt an die frĂŒheren, einfacheren PrĂ€prohibitionszeiten. Er denkt an seinen Sohn Teddy, zu dem er keinen Kontakt mehr hat, weil der mit seiner Mutter Margaret (Kelly Macdonald) nun in Brooklyn wohnt. Da fĂ€llt es dem Zuschauer plötzlich wie Schuppen von den Augen: Wo ist eigentlich Margaret?
Lighter on the blood, heavier on the âMaryâ
In den ersten drei Episoden der neuen vierten Staffel hatte Nuckys ehemalige Herzensdame jedenfalls noch keinen einzigen Auftritt. Auf GeheiĂ seines alten Bekannten Bill McCoy (Pearce Bunting) ist Nucky also nach Tampa, Florida gereist, um dort eine neue GeschĂ€ftsmöglichkeit - natĂŒrlich im GeschĂ€ftsfeld Alkoholschmuggel - zu begutachten. Wegen der unflĂ€tigen Manierismen des lokalen Schmugglerkönigs August Tucker (Andrew Howard) und weil die Schmuggelroute mitten durch ein gerade entstehendes Wohngebiet fĂŒhren wĂŒrde, schlĂ€gt Nucky den Deal zunĂ€chst aus.

FĂŒr McCoy bedeutet dies schlechte Nachrichten, steht er doch mit einer riesigen Summe in der Schuld des zwielichtigen Tucker. Eine gemeinsame Schmuggelaktion war schiefgelaufen, McCoy konnte dafĂŒr - natĂŒrlich nicht im streng juristischen Sinne - haftbar gemacht werden. Nun gibt Tucker ihm die Möglichkeit, sich durch EinfĂ€delung eines Deals mit Nucky von jeglicher Schuld freizukaufen. Die ĂŒberraschende Entscheidung Nuckys, das riskante GeschĂ€ft doch einzugehen, kommt fĂŒr McCoy jedoch einige Stunden zu spĂ€t. Zuvor war er von Tucker angegriffen worden, fĂŒrchtete um sein Leben und streckte seinen Angreifer mit einem gezielten Machetenhieb in die SchĂ€deldecke nieder.
So endet die dritte Episode von Boardwalk Empire mit einem gruseligen und gleichzeitig faszinierenden Bild. McCoy nimmt den Anruf Nuckys und die Nachricht ĂŒber den erfolgreichen GeschĂ€ftsabschluss entgegen. Der Zuschauer merkt sogleich, dass McCoy sich gar nicht richtig ĂŒber die eigentlich positiven Neuigkeiten freuen kann. Dann fĂ€hrt die Kamera sehr langsam in die Totale, zeigt eine blutverspritzte Wand und schlieĂlich die mit der Machete verzierte Leiche Tuckers - ein gruseliger Anblick!
Gruselig - und doch so typisch fĂŒr die Serie. Als Zuschauer wurde man ĂŒber den gesamten Verlauf der Episode etwas eingelullt, nur, um kurz vor Ende mit einem solchen visuellen MeisterstĂŒck wieder wachgerĂŒttelt zu werden. Nucky und sein Partner McCoy werden es also zukĂŒnftig mit der Unterwelt Floridas zu tun bekommen. Dabei steht die Frage im Raum, wieso sich Nucky ĂŒberhaupt umentschieden hat. War es das GesprĂ€ch mit der Besitzerin eines lokalen âSpeakeasyâ, Sally Wheet (Patricia Arquette), die sogleich ein Auge auf Nucky geworfen hat und diese Ambitionen am nĂ€chsten Morgen mit einer Paketsendung an ihn unterstreicht?
Control over men that are lesser than you
Sally wĂ€re schlieĂlich nicht die erste Dame, fĂŒr die Nucky eine potentiell verheerende Entscheidung treffen wĂŒrde. Sein anfĂ€ngliches Werben um Margaret in der Auftaktepisode Boardwalk Empire war ebenfalls mit dem Mord an ihrem ersten, gewalttĂ€tigen Ehemann Hans (Joe Sikora) verbunden. Auch in Atlantic City betritt derweil eine neue weibliche Protagonistin die BĂŒhne. Valentin Narcisse (Jeffrey Wright), der durch den Mord an Dickey Pastor zum Minderheitseigner von Chalky Whites (Michael Kenneth Williams) âOnyx Clubâ aufgestiegen ist, feilt weiter an der Aushöhlung von Whites Machtbasis.

Zu diesem Zweck wird eine weitere realhistorische Gangsterfigur in das scheinbar unendliche âBoardwalkâ-Panoptikum eingefĂŒhrt. Owney Madden (Fredric Lehne) fungiert als Mittelsmann zwischen Narcisse und Arnold Rothstein (Michael Stuhlbarg) und deren bevorstehender Partnerschaft im Heroinschmuggel. Im New Yorker Stadtteil Harlem ist Narcisse in diesem Bereich bereits eine Macht, nun will er auch nach Atlantic City expandieren. Sein Kontaktmann dort ist nicht etwa Chalky White, sondern Dunn Purnsley (Eric LaRay Harvey), ebenjener Handlanger Whites, der es Narcisse durch seinen Mord an Dickey Pastor erst ermöglicht hatte, in âACâ FuĂ zu fassen.
Eine erste Abnehmerin fĂŒr sein Heroin hĂ€tte Narcisse jedenfalls schon. Gillian Darmody (Gretchen Mol) rutscht immer weiter in die AbhĂ€ngigkeit, auch, weil sie stĂ€ndig an ihren Mord an Roger (Billy Magnussen) erinnert wird. Sie und der GeschĂ€ftsmann Roy Phillips (Ron Livingston) kommen sich ungeachtet ihrer teilweisen Abwesenheit nĂ€her, vor allem, als er sie darum bittet, bei einem wichtigen GeschĂ€ftsessen seine Ehefrau zu mimen. Erste Erfahrungen mit RauschzustĂ€nden macht unterdessen auch Eli Thompsons (Shea Whigham) Erstgeborener William (Ben Rosenfield) an der UniversitĂ€t. Weil er als Alkohollieferant zum Held einer Studentenparty aufsteigt, bekommt er sowohl weibliche Anerkennung als auch die HĂ€me seiner mĂ€nnlichen Rivalen zu spĂŒren.
Indirekt bekommt auch Richard Harrow (Jack Huston) die familiĂ€re Anerkennung und Zuneigung, die er sich so sehnlichst wĂŒnscht. WĂ€hrend er auf dem heimischen Hof in Kindheitserinnerungen schwelgt, holt ihn seine jĂŒngere Vergangenheit ein. Sein Auftraggeber Carl Billings (Sean Cullen) erscheint und fordert die vollstĂ€ndige Erledigung des erteilten Mandats.
Die Situation gerĂ€t schnell auĂer Kontrolle, am Ende erschieĂt Richards tapfere, hochschwangere Schwester Emma (Katherine Waterston) den Angreifer. Wegen dieses Totschlags muss Richard also wieder auf Reisen gehen, zum Abschied von seiner Schwester entspinnt sich die bisher zĂ€rtlichste Szene der neuen Staffel. Die Geschwister umarmen sich und Emma flĂŒstert ihm ins Ohr: „Richard, you need to call yourself to account.“
Fazit
Langsam, aber sicher findet die vierte Staffel von Boardwalk Empire ihren Groove. Die in Acres of Diamonds neu eingefĂŒhrten Charaktere bereichern das bestehende Ensemble ungemein.
Bill McCoy mit seiner gescheiterten GroĂmannssucht, die JazzsĂ€ngerin Daughter Maitland (Margot Bingham) mit ihrer allĂŒrenhaften Extravaganz, Sally Wheet als verstĂ€ndnisvolle Barbesitzerin und potentiell gerissene GeschĂ€ftsfrau und Owney Madden als Vertreter der Gangsterhistorie: Sie alle bringen noch mehr Verruchtheit, noch mehr Mysterium, noch mehr AtmosphĂ€re in die Serie.
Daneben spielt Valentin Narcisse weiterhin eine exponierte Rolle. In der Rezension zur letzten Episode hatte ich angemerkt, dass mir Wrights Spiel zu aufgesetzt, zu pathetisch, zu kĂŒnstlich wirkte. Diese Meinung muss ich revidieren. Seine gerissene Art, seine FĂ€higkeit, trotz seiner Arroganz Menschen fĂŒr sich einzunehmen, ist faszinierend. Kombiniert wird sein exaltiertes Spiel mit brillanten Dialogen, die teilweise in Monologe abzudriften drohen. Narcisse könnte sich durchaus als ĂŒbermĂ€chtiger Gegenspieler fĂŒr die UnterweltgröĂen in Atlantic City entpuppen.
Bei all der Faszination fĂŒr die neuen Figuren fehlte mir jedoch wieder einmal die Konzentration auf die aufkommenden Gangsterbanden in New York City und Chicago. Von historischen Figuren wie Al Capone oder Lucky Luciano geht eine solche Faszination aus, dass sie in keiner Episode von Boardwalk Empire fehlen sollten. Zumal Stephen Graham als Capone ein wahres Spektakel ist. Das HBO-Drama hat in seiner neuen Staffel also noch Luft nach oben, wenngleich es sich bisher auf sehr hohem Niveau bewegt.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 27. September 2013(Boardwalk Empire 4x03)
Schauspieler in der Episode Boardwalk Empire 4x03
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?