Boardwalk Empire 4x02

Die neue Episode von Boardwalk Empire startet mit einer sehr gelungenen Inszenierung. Der ehemalige Prohibitionsagent Nelson Van Alden (Michael Shannon), über drei Staffeln und diverse Umwege zum Handlanger des Chicagoer Irish-Mafia-Anführers Dean O'Banion (Arron Shiver) mutiert, ist Blumenlieferant - und im Nebenberuf Geldeintreiber. Ihm wird dreimal die Tür geöffnet. Einmal liefert er Gratulationen ab, einmal kondoliert er - und einmal schlägt er einem Schuldner unverhofft mitten ins Gesicht. O'Banion gab es im Übrigen wirklich. Er war tatsächlich Florist. Besser bekannt war er jedoch für seine illegalen Aktivitäten. Im Chicago der Prohibitionszeit avancierte er schnell zum Gegenspieler von Al Capone (Stephen Graham).
So how come we don't talk anymore?
Der Beginn dieses Konflikts wird nun in Resignation nachgezeichnet. Da wird Van Alden alias George Mueller von O'Banion und seinem Partner „Hymie Weiss“ (bürgerlich: Henry Earl J. Wojciechowski, dargestellt von Will Janowitz) - beide wurden im echten Leben von Mitgliedern der Capone-Bande erschossen - zu Capone beordert. Damals kooperierten die Gangster noch, später sollten sie sich bittere Straßenkriege um wertvolles Territorium liefern. Van Alden soll Capone also dabei unterstützen, die demokratische Wahlkampagne um das Bürgermeisteramt von Cicero mit brutaler Gewalt lahmzulegen: „Voting Democrat is not good for their health.“

Boardwalk Empire ist immer dann am stärksten, wenn es fiktionale Charaktere und Erzählstränge mit realhistorischen vermengt. Hätte man die Zeit, man könnte stundenlang die vielen Mitglieder diverser Mafiaorganisationen in New York, Chicago und Atlantic City recherchieren. Aber nicht nur Gangster mit realen Vorbildern tauchen in der Serie auf. Auch Möchtegerngangster, korrupte Politiker, angesehene Würdenträger oder Legenden der Strafverfolgung bekommen darin ihren Platz. In dieser Episode allein sind das Gaston Means (Stephen Root), Edward L. Bader (Kevin O'Rourke), J. Edgar Hoover (Eric Ladin) und Mickey Doyle (Paul Sparks) als Pendant zu Mickey Duffy.
Während sich also in Chicago die ersten Ausläufer eines bevorstehenden Bandenkriegs bemerkbar machen, erwachsen Nucky Thompson (Steve Buscemi) und Chalky White (Michael Kenneth Williams) in Atlantic City neue Gegenspieler. Der aus dem New Yorker Stadtteil Harlem stammende Dr. Valentin Narcisse (Jeffrey Wright) nutzt den Mord an seinem Geschäftspartner Dickey Pastor durch Dunn Purnsley (Eric LaRay Harvey) aus, um einen prozentualen Anteil am Umsatz des Onyx-Clubs zu erpressen. Der Charakter soll als hoch gebildete, arrogante, machthungrige, kompromiss- und rücksichtslose Figur etabliert werden, was auch gelingt. Wright legt sein Spiel jedoch zu theatralisch an, was eventuell auch dem Drehbuch geschuldet ist, das krampfhaft versucht, ihm einen zitierfähigen Satz nach dem anderen in den Mund zu legen: „Only kings understand each other.“
Interessant an seiner Figur ist, wie sie die Komponente der Rassentrennung in die Geschichte zurückholt. Er packt Chalky genau da, wo es ihn am schmerzlichsten trifft: seiner Hautfarbe. Chalky ist nicht unbedingt stolz auf seine Herkunft. Er hat es gegen alle Widerstände geschafft, in der Welt der Weißen ein eigenes kleines, halblegales und florierendes Unternehmen aufzuziehen und will sich nun eher assimilieren, als sich in hochtrabenden Worten über die Unterdrückung der eigenen Rasse zu echauffieren. Narcisse erkennt genau das: „You know what I saw? A servant, pretending to be a king.“
Across oceans, to the mother continent, where all things begin
Nucky glaubt jedenfalls, die Situation mit dem Zehn-Prozent-Deal unter Kontrolle gebracht zu haben. Dabei dürfte spätestens nach dem kaltblütigen Mord an Alma Pastor (Jo Armeniox) klar sein, dass Narcisse sich in Atlantic City weiter ausbreiten wollen wird. Außerdem ist dies nicht die einzige Front, an der Nucky zu kämpfen hat. Ohne sein Wissen eröffnet sich eine neue, denn die staatlichen Strafverfolgungsbehörden bereiten einen neuen Schlag gegen ihn und seine Alkoholschmuggeloperation vor. Diese wird angeführt von keinem Geringeren als J. Edgar Hoover, dem jungen Chef des „Bureau of Investigation“, dem Vorläufer des FBI.

Hier kommt auch der enigmatische Agent Warren Knox (Brian Geraghty) wieder ins Spiel, der für Hoover als verdeckter Ermittler arbeitete und in dieser Episode Nucky Thompson vorgeführt wurde: „You and I are not going to meet again. That's how the system works.“ Fred Elliot (Peter McRobbie), der später als Stellvertreter Nuckys von Hoover und Konsorten verhört wird und herausfindet, dass Knox verdeckt gegen ihn und die Thompson-Brüder ermittelte, zeigt sich wenig eingeschüchtert: „I am not some Bolshevik under the bed. I am a natural born U. S. Citizen.“ Noch hat Hoover nichts gegen sie in der Hand. Der unbedarfte Knox fragt seinen Vorgesetzten: „Why can't they just admit they're guilty?“ Hoover weiß: „The moral dimension is absent from the criminal's make up.“
Interessanterweise funktioniert das Pathos hier - im Gegensatz zu der Aufgesetztheit von Narcisse. Bei einem weiteren Handlungsstrang verhält es sich ähnlich. Wir wissen immer noch nicht genau, auf welcher Mission sich Richard Harrow (Jack Huston) befindet. Immerhin erfahren wir in dieser Episode, dass er die bisher begangenen Morde im Auftrag erledigte. Von seinem dritten potentiellen Opfer lässt er jedoch überraschend ab. Was hat Harrow weich werden lassen? Seine Rückkehr ins Elternhaus zur verwitweten, hochschwangeren Schwester (Katherine Waterston)? Sein alter, todkranker Hund Samson? Am Ende kommt der Verschonte doch noch gewaltsam ums Leben. Und Familie Harrow bekommt einen neuen Häscher.
Fazit
Die neue Episode von Boardwalk Empire macht vieles richtig. Sie etabliert mal mehr, mal weniger gelungen neue, ernst zu nehmende Gegenspieler und konzentriert sich gleichzeitig auf die aufziehenden Bandenkriege in Chicago. Für meinen Geschmack hätte man Dr. Narcisse etwas weniger Sprechzeit zugestehen und dafür die New-York-Gangster nicht komplett außen vor lassen können.
Ein Höhepunkt dieser Episode ist der Subplot um Nucky Thompsons rechte Hand Eddie Kessler (Anthony Laciura). Der Charakter war zuvor schon oftmals für den bitter benötigten comic relief zuständig - allein durch seinen schweren deutschen Akzent erntete er viele Lacher.
In Resignation schenken ihm die Autoren nun endlich einen eigenen kleinen Handlungsstrang und packen diesen voll mit witzigen Bonmots: mal philosophisch („Everything is only something.“), mal unbeholfen („I'm seeking reliable knowledge about the weather in Tampa.“ oder „I will endeavor not to crash the car.“), mal theatralisch („Mr. Thompson is part of everything. He is in the sky and sea. He is in the dreams of children at night. He is all that there is. Forever.“).
Das HBO-Drama startet also sehr überzeugend in seine vierte Staffel, wenngleich die großen Highlights bisher noch fehlen. Hierfür dürfte sich die Handlung ruhig noch mehr auf die Gangsterstorys konzentrieren. Einzigartig bleibt jedoch, wie Boardwalk Empire scheinbar spielend die Verbindung zwischen Politik, Strafverfolgung, organisiertem Verbrechen, Gesellschaft und Familie schafft.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 17. September 2013(Boardwalk Empire 4x02)
Schauspieler in der Episode Boardwalk Empire 4x02
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?