Boardwalk Empire 4x01

In der Auftaktepisode zur vierten Staffel der Prohibitionsserie Boardwalk Empire, New York Sour, dauert es keine Minute, bis der typische Stil der Serie den Zuschauer eng umschlingt und bis zum Ende nicht mehr loslässt. Da sitzen zwei Unbekannte bei schneetreibender Nacht in einer Gaststätte und erkundigen sich über die lokalen Sehenswürdigkeiten. Diese beschränken sich leider auf die „längste in Nordamerika gemauerte Backsteinwand“. Viel uninteressanter könnte diese Information nicht sein. Der Zuschauer befindet sich trotzdem sofort wieder mittendrin im „Boardwalk“-Kosmos.
Hello, I've come home
Als die beiden ihren Wagen besteigen, haben wir schon längst eine düstere Vorahnung davon, was ihnen nun blühen könnte. Und spätestens, wenn der Beifahrer seinen bemitleidenswert aufgeschlitzten Kompagnon begutachtet, ist klar: Hier ist ein professioneller Killer am Werk. Wenngleich Boardwalk Empire zwar von vielen Mördern bevölkert ist, so gibt es doch wenige, die eine solche Expertise besitzen wie Richard Harrow (Jack Huston). Im Finale der dritten Staffel hatte er sich noch den Weg durch eine Übermacht von Gegenspielern geschossen. Da wird es ihm ein Leichtes sein, mit diesen beiden übergewichtigen Schnapsdrosseln fertigzuwerden.

Es sollen nicht die einzigen Leichen sein, die seinen weiteren Weg pflastern. Einem der Ermordeten entwendet er einen Umschlag mit der Aufschrift „Old Mission Title and Insurance“, einer Art Versicherungsunternehmen. Zu dessen leitenden Manager Franklin Werner führt sein nächster Weg. Auch dem völlig eingeschüchterten und vor Todesangst bebenden Werner lässt er keine Überlebenschance. Er geht sogar so weit, ihm vorher anzukündigen, welches Schicksal ihm in wenigen Augenblicken blühen wird: „I know you're gonna die.“ Bevor er ihm ins Gesicht schießt, bekommt er noch die erwünschte Information. Der Zuschauer bleibt etwas ratlos zurück und stellt sich die gleiche Frage wie Werner kurz vor seinem Ableben: „Why?“
Was ist Harrows Motivation? Wer ist sein Auftraggeber? Handelt er überhaupt in fremdem Auftrag? Auch seine letzte Szene gibt darüber keinen Aufschluss. Harrow nähert sich einem freistehenden Haus, mitten in der winterlichen Ödnis New Jerseys. Oder doch in Ohio? Oder Indianapolis? Bis auf die Tatsache, dass dies sein Elternhaus - oder zumindest das Haus seiner engsten Verwandten - ist, bekommen wir keine weiteren Hinweise auf sein mögliches Motiv. Rätselhaft geht es also los in diesem Epos über ein vergangenes Amerika, in dem noch ungehemmt geraucht, gesoffen und gehurt wurde.
Um die erklecklichen Erträge aus Suff, Drogenhandel, Prostitution und Glücksspiel geht es schließlich in Boardwalk Empire. Mittendrin steht Nucky Thompson (Steve Buscemi), der am Ende der letzten Staffel seinen Kopf noch einmal aus der Schlinge ziehen konnte, sich dabei aber große Feinde gemacht hatte. Wobei „große Feinde“ reichlich untertrieben erscheint, ist es doch nahezu die gesamte New Yorker Unterwelt, die Nuckys Haupt am liebsten auf einem Silbertablett serviert bekäme.
All of man's troubles come from his inability to sit quiet in a room by himself
Da er jedoch mächtige Verbündete in New Jerseys Unterwelt und auch den hiesigen Strafverfolgungsbehörden hat, lassen sie sich auf eine Verhandlungsrunde ein. Mit Joe Masseria (Ivo Nandi), Lucky Luciano (Vincent Piazza), Arnold Rothstein (Michael Stuhlbarg) und Meyer Lansky (Anatol Yusef) sitzt also die versammelte New Yorker Gangsterelite am Verhandlungstisch. Als Meister der Überredungskunst gelingt es Nucky denn auch, ihnen ein Friedensangebot zu unterbreiten: „I've got the casinos, the numbers and the wire. I don't want anything else.“ Angesichts der vergangenen Vertrauensbrüche ist es jedoch erstaunlich, wie einfach sie sich abspeisen lassen.

Ein Koffer voller Geld scheint ihnen zu genügen, um eine neue Vertrauensbasis aufzubauen. Nucky kann also weiterhin sein New York Cut genießen, ohne ständig über die Schulter blicken zu müssen. Die Verhandlungen finden in Chalky Whites (Michael Kenneth Williams) Nachtclub „Onyx“ statt, in dem Nucky ein stiller, aber überaus präsenter Teilhaber ist. Während Nucky sich noch über seine gelungene Verhandlungstaktik freut, begutachten Chalky und sein Handlanger Dunn Parnsley (Eric LaRay Harvey) im Ballsaal zwei Stepptänzer, die darauf hoffen, ins abendliche Unterhaltungsprogramm aufgenommen zu werden.
Parnsley erhält dabei unzweideutige Botschaften von der Ehefrau des Agenten der beiden Bewerber. Später tappt er in diese „Falle“ und weiß sich nicht anders zu helfen, als dem widerwärtigen Rassisten mit einem abgebrochenen Flaschenhals den Garaus zu machen. Die Ehefrau entkommt durch das Fenster des Hotelzimmers. Auch hier bleibt der Zuschauer etwas ratlos zurück, wozu diese reichlich absurde Handlungsabfolge inszeniert wurde. Etwa nur, um zu zeigen, wie edgy Boardwalk Empire in seiner neuen Staffel geworden - oder geblieben? - ist? Wahrscheinlich wird die Entkommene den Involvierten noch einmal gefährlich werden, indem sie sich an die staatlichen Autoritäten wendet.
Dass man sich jedoch im überkorrupten New-York-New-Jersey-Ländereck auf keinerlei Hilfe von Polizei und Justiz verlassen sollte, demonstrieren eindrucksvoll zwei Ermittler des Finanzministeriums. Einer der beiden geriert sich vorerst als naiver Grünschnabel, entpuppt sich am Ende der Episode jedoch als gewiefter Schachspieler, der es versteht, mit wenigen Informationen mehrere Figuren gegeneinander auszuspielen.
Mit weniger perfiden Mitteln agiert unterdessen Al Capone (Stephen Graham) in Cicero, Illinois, einem Vorort von Chicago. Zur Verstärkung für seine illegalen Aktivitäten hat er sich die Unterstützung seiner Brüder Ralph (Domenick Lombardozzi) und Frank (Brian Geraghty) gesichert. Sie und Johnny Torrio (Greg Antonacci) zerbrechen sich den Kopf über eine neue Gesetzesinitiative der Demokratischen Partei, die sämtlichen illegalen Machenschaften den Kampf ansagen soll. Dies hält Capone jedoch nicht davon ab, einen unliebsamen Journalisten einzuschüchtern. Und das alles nur, weil dieser seinen Namen nicht richtig geschrieben hatte: „C-A-P-O-N-E. Now you know.“
Fazit
Endlich weiß jetzt jeder, wie man den unheimlich komplizierten Namen „Capone“ richtig schreibt. Diese Szene soll wohl der weiteren Charakterisierung Capones dienen. Schließlich war der ein eitles Kerlchen, dem es ganz und gar nicht egal war, wie er in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde.
So wenig unterschwellig wie Al Capone agiert, so bleiben die restlichen Erzählstränge im Nebel des winterlichen New Jersey verhangen. Warum lässt sich das „Who Is Who“ des New Yorker Gangstertums von diesem Größenwahnsinnigen aus New Jersey abspeisen? Was ist mit dem kleinen Tommy Darmody passiert? Warum muss Gillian (Gretchen Mol) vor Gericht um das Sorgerecht für ihn streiten? Und auf welcher Mission befindet sich Richard Harrow? Ist er Gillians Versicherung, sollte sie das Gericht nicht überzeugen können? Warum bekommt Nucky Post aus Florida? Und wer ist sein Kumpel McCoy?
Viele Fragen, wenige Antworten in New York Sour. Trotzdem überzeugt die Auftaktepisode. Was an kohärenter Handlung fehlt, wird durch Flair, Atmosphäre, Ausstattung, musikalische Untermalung, vor Spannung knisternden Dialogen und - seien wir ehrlich - Brutalität spielend wettgemacht. Verbrechen kann sich lohnen, kann auch glamourös sein - ist jedoch meistens dreckig, faul, dunkel und kompromisslos.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 10. September 2013Boardwalk Empire 4x01 Trailer
(Boardwalk Empire 4x01)
Schauspieler in der Episode Boardwalk Empire 4x01
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