Boardwalk Empire 4x09

Boardwalk Empire 4x09

In der nÀchsten ausgezeichneten Episode einer bislang zu keinem Zeitpunkt enttÀuschenden vierten Staffel von Boardwalk Empire werden bislang unverbundene HandlungsstrÀnge miteinander verwoben. Die Episode erinnert gleichzeitig daran, welch grausame Charaktere diese Welt bevölkern.

I used to believe in God. But now I don't believe in anything at all.“ Nelson Van Alden (Michael Shannon) charakterisiert mit diesem Ausspruch nicht nur sich selbst, sondern gleich mehrere zentrale Figuren der vierten Staffel von Boardwalk Empire. Mit unbarmherziger Unmittelbarkeit ruft Marriage and Hunting seinen Zuschauern in Erinnerung, aus welch niederen Motiven die Reichen, MĂ€chtigen und Kriminellen in New York, Chicago und Atlantic City handeln.

It was the right hand of the Lord

Valentin Narcisse (Jeffrey Wright), der bisher stets bemĂŒht war, die eigenen Emotionen in Schach zu halten, offenbart dabei die grĂ¶ĂŸte Niedertracht. Nach dem spurlosen Verschwinden seines Verschwörungshelfers Dunn Purnsley (Eric LaRay Harvey) ersucht er bei Daughter Maitland (Margot Bingham) erfolgreich AufklĂ€rung. Seinen darauffolgenden Gewaltausbruch versteckt er hinter gekonnt inszenierten KrokodilstrĂ€nen ĂŒber den Verrat seiner schicksalhaft verbundenen Ersatztochter. Sein Gegenspieler Chalky White (Michael Kenneth Williams) hat unterdessen grĂ¶ĂŸte Schwierigkeiten, die Mitglieder seiner eigenen Familie von seinen kriminellen Machenschaften fernzuhalten.

Wolf im Schafspelz: Valentin Narcisse (Jeffrey Wright) „kĂŒmmert“ sich um Daughter Maitland (Margot Bingham).
Wolf im Schafspelz: Valentin Narcisse (Jeffrey Wright) „kĂŒmmert“ sich um Daughter Maitland (Margot Bingham). - © HBO

Am Zusammenspiel dieser beiden Figuren zeigt Boardwalk Empire wieder einmal, wie meisterhaft es die Serie versteht, den latenten Rassismus dieser historischen Ära in der Geschichte unterzubringen. Dabei reduzieren die Autoren ihre Darstellung auf die reine PrĂ€sentation und lassen sich zu keinerlei Kommentar hinreißen, was doch so einfach wĂ€re. Anhand der Szenen in Chalky Whites „Onyx Club“, dessen Besitzer er absurderweise ist, ohne an den Tischen Platz nehmen zu dĂŒrfen, wird in wenigen Szenen und dafĂŒr umso erschreckenderem Detail vorgefĂŒhrt, wie verseucht das damalige VerhĂ€ltnis zwischen weißen und dunkelhĂ€utigen Amerikanern doch war.

Da macht ein schwarzer Komiker in höchstem Maße rassistische Witze ĂŒber seine eigene Ethnie und wird dafĂŒr von einem johlenden weißen Publikum beklatscht. Um anschließend die sehr öffentliche Auseinandersetzung zwischen Chalky und Narcisse herunterzuspielen, bittet der Orchesterleiter unter Affenlauten die in knappe LeopardenkostĂŒme gekleideten afroamerikanischen TĂ€nzerinnen auf die BĂŒhne. Das alles wird so geschickt mit der Geschichte verwoben, dass damit ein allzu plakatives - und dadurch weniger effektives - Hervorstellen der Rassismusproblematik verhindert wird.

Eine solche Darstellung ist ein untrĂŒgliches Merkmal der bewundernswerten FĂ€higkeiten der Autoren, ihre Geschichten via Subtext, einfachen Gesten und wenig komplizierten HandlungszusammenhĂ€ngen voranzutreiben. Wie bei so vielen anderen Dingen gilt nĂ€mlich auch beim Drehbuchschreiben: „Weniger ist mehr“. Als Gegenbeispiel könnte hier die neue NBC-Dramaserie The Blacklist angefĂŒhrt werden, deren DrehbĂŒcher sicherlich dicker sind als die von Boardwalk Empire. Dort muss folglich jeder einzelne Plot Point erlĂ€utert werden, da die Zuschauer ihn sonst nicht nachvollziehen könnten. Die Autoren von „Empire“ können auf solche ErklĂ€rungen verzichten, ganz einfach deshalb, weil die ZusammenhĂ€nge durch Aktionen und Reaktionen ihrer Charaktere verstĂ€ndlich werden.

Money troubles, Arnold?

Bestes Beispiel dafĂŒr sind die Szenen mit Arnold Rothstein (Michael Stuhlbarg), der offensichtlich Geldprobleme hat und sich deswegen an Nucky Thompson (Steve Buscemi) wendet. Er möchte ihm die Lebensversicherung von Mickey Doyle (Paul Sparks) andrehen, um schnell an flĂŒssiges Geld zu kommen und damit seine nĂ€chsten Investitionen zu finanzieren. Nachdem Nucky den Deal durchschaut hat, zögert er nicht lange, diesen anzunehmen: „It's probably the best investment I'll ever make.“ Denn: „I know a dozen people who'd kill Mickey for free.“ Armer Mickey.

„My name is Nelson Van Alden“: Van Alden (Michael Shannon), beinahe platzend vor VirilitĂ€t.
„My name is Nelson Van Alden“: Van Alden (Michael Shannon), beinahe platzend vor VirilitĂ€t. - © HBO

Dabei scheint auch Nucky keine große Lust mehr auf einen neuerlichen Krieg zweier mit ihm verbandelter Parteien zu haben. Zumindest habe ich seinen Anruf bei Sally Wheet (Patricia Arquette) so gedeutet. Als er vorsichtig anklingen lĂ€sst, dass er sie doch in Florida besuchen könnte, um - vordergrĂŒndig - nach dem Rechten zu schauen, erinnert sie ihn an seine eigenen GeschĂ€ftsprinzipien, die er einige Szenen zuvor noch Chalky White vorgehalten hatte: „Business is business. Don't get lost in the fog now.

Aus dem Nebel seiner eigenen Existenz tritt derweil Nelson Van Alden a.k.a. George Mueller in Chicago. Zwischen den hĂ€uslichen Problemen mit seiner allzeit fordernden, dank skandinavischem Akzent jedoch recht putzigen Scheinehefrau Sigrid (Christiane Seidel) und seinen Pflichten fĂŒr die rivalisierenden Gangster Al Capone (Stephen Graham) und Dean O'Banion (Arron Shiver) gleicht Van Alden einem Pulverfass mit allzu kurzer ZĂŒndschnur. Hinzu kommt, dass er von einem ehemaligen Kollegen zu HausgerĂ€tevertreterzeiten aufgesucht wird, dem er damals ein glĂŒhend heißes BĂŒgeleisen ins Gesicht gedrĂŒckt hatte. Der Mord an seinen drei HĂ€schern und der nachfolgende Mord an Dean O'Banion durch Mitglieder der Genna-Familie flĂ¶ĂŸen Van Alden neuen Lebensmut ein und erlösen ihn gleichzeitig von seiner TĂ€tigkeit als Doppelagent. Auch Sigrid freut die neuentdeckte MĂ€nnlichkeit ihres Versorgers.

WorĂŒber bisher nur spekuliert werden konnte, wird in der neuen Episode beinahe zur Gewissheit: Auch Gillian Darmodys (Gretchen Mol) vermeintlicher Retter Roy Phillips (Ron Livingston) spielt mit gezinkten Karten. VordergrĂŒndig mimt er den verstĂ€ndnisvollen Boyfriend, spĂ€ter fĂŒhrt er jedoch ein Telefonat, von dessen Inhalt Gillian wohl unter keinen UmstĂ€nden erfahren darf. Als sie ihm zu Beginn der Episode Teile ihrer Lebensgeschichte erzĂ€hlt, wird jedoch deutlich, dass auch sie gerissen genug ist, um ihm die wichtigsten Details - namentlich den Mord am Jimmy-Lookalike - vorzuenthalten. Zum jetzigen Zeitpunkt hege ich die Vermutung, dass Phillips tatsĂ€chlich zur AufklĂ€rung des plötzlichen Verschwindens von „Fake-Jimmy“ nach Atlantic City gekommen ist. Schließlich kommt er genau wie das Opfer aus Indiana.

I named the baby James. Last pure thing I could remember.

Gillians Handlungsbogen wird in der neuen Episode endlich auch mit anderen ErzĂ€hlstrĂ€ngen in Verbindung gebracht. Bei der Gerichtsverhandlung um das Sorgerecht ihres Enkelsohnes trifft sie wieder auf Richard Harrow (Jack Huston), der seiner Freundin Julia Sagorsky (Wrenn Schmidt) Beistand leistet. SpĂ€ter hĂ€lt Letztgenannte sogar um Richards Hand an, um als Verheiratete bei dem Prozess bessere Chancen zu haben - und weil sie echte GefĂŒhle fĂŒr Richard empfindet. Die Szene vor dem BĂŒro fĂŒr Marriage and Hunting Licenses steckt voller empathischer AuthentizitĂ€t und herzerwĂ€rmendem Humor.

Welches Spiel treibt Roy Phillips (Ron Livingston) mit Gillian Darmody (Gretchen Mol)?
Welches Spiel treibt Roy Phillips (Ron Livingston) mit Gillian Darmody (Gretchen Mol)? - © HBO

Als verheirateter Mann braucht Harrow natĂŒrlich eine sichere Anstellung, um der armen Familie Sagorsky einen besseren Lebensstandard zu garantieren. Also wendet er sich an Nucky Thompson, der in seinem ausgedĂŒnnten Team sicher einen fĂ€higen Adjutanten wie Richard gebrauchen könnte. Ob Harrow bald den armen Mickey Doyle ersetzen wird? Nuckys Meinung ĂŒber seinen Vertriebsleiter könnte schließlich abfĂ€lliger nicht sein: „He's an imbecile who I'm glad to get rid of.

Mit Eli (Shea Whigham) bespricht Nucky zu einem frĂŒheren Zeitpunkt die verfahrene Situation um Chalky und Narcisse. Die BrĂŒder sind sich einig, Chalky bei einem eventuellen Vorgehen gegen Narcisse die UnterstĂŒtzung zu entziehen: „The answer is no.“ Als Eli jedoch allzu neugierig nach Problemen in weiteren GeschĂ€ftsfeldern fragt, riskiert er die Aufdeckung durch den hellhörigen und smarten Nucky. Hier wird deutlich, dass Eli sich wohl auf einen Deal mit dem BI-Agent Jim Tolliver (Brian Geraghty) eingelassen hat.

Nucky liegt also gar nicht so falsch mit seinem Gedanken an eine „Flucht“ zu Sally Wheet nach Tampa. Der neuen Episode von Boardwalk Empire gelingt es dadurch wunderbar, die vielen HandlungsstrĂ€nge zusammenzufĂŒhren. Gepaart mit der wie gewohnt fantastischen Ausstattung, den außergewöhnlichen Leistungen des Ensembles, den sublimen Kommentaren zu politisch-gesellschaftlichen RealitĂ€ten der Roaring Twenties und der gnadenlos brutalen Darstellung krimineller Energien trĂ€gt auch Marriage and Hunting zum Gelingen einer bisher ausgezeichneten vierten Staffel bei.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 6. November 2013
Episode
Staffel 4, Episode 9
(Boardwalk Empire 4x09)
Deutscher Titel der Episode
Die rechte Hand des Herrn
Titel der Episode im Original
Marriage and Hunting
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 3. November 2013 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 30. Januar 2014
Autoren
David Matthews, Jennifer Ames, Steve Turner
Regisseur
Ed Bianchi

Schauspieler in der Episode Boardwalk Empire 4x09

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