Bates Motel 2x09

Bates Motel 2x09

Kurz vor dem Finale der zweiten Staffel von Bates Motel absolviert die Serie eine wahre Meisterleistung. Nachdem in der spannenden Episode The Box geschickt die Erzählstränge verschmolzen werden, offenbart sich eine schockierende Wahrheit.

Norman (Freddie Highmore) blickt in „Bates Motel“ dem Monster in seinem Inneren ins Gesicht. / (c) A&E
Norman (Freddie Highmore) blickt in „Bates Motel“ dem Monster in seinem Inneren ins Gesicht. / (c) A&E

Die Episode The Box nimmt die Zuschauer von der ersten Minute an fest an die Hand. Aus diesem Klammergriff gibt es in Bates Motel kein entkommen. Man kann nur machtlos, schockiert und zutiefst gebannt die verheerenden Begebenheiten verfolgen.

Selbst der oft minderwertig erscheinenden Handlungsstrang um Dylan (Max Thieriot) hat plötzlich eine Wucht, die einen nach Luft schnappen lässt. Übertroffen wird das Ganze nur noch von einer bedrückenden Erkenntnis, die den Niedergang von Norman (Freddie Highmore) besiegelt.

Drama zum Schmunzeln

Norman wird von den Schergen Nick Fords (Michael O'Neill) auf brutale Weise entführt und in ein schäbiges Verlies gepfercht. Es ist der Serie hoch anzurechnen, dass trotz dieser bedrückenden Aussichten der Humor nicht im Keim erstickt wird. So ist es tragisch und amüsant zugleich, wie sich Norma (Vera Farmiga) schelmisch und auf Zehenspitzen ins Haus schleicht, nachdem sie die Nacht mit George Helders (Michael Vartan) verbracht hat. Auch der Tatsache, dass Norman aus seinem Gefängnis heraus nicht um „Hilfe“ schreit, sondern sich zunächst auf die Wiederholung eines „Hallo?“ beschränkt, wohnt für einen Moment eine skurrile Komik inne, die sich in Anbetracht der ausufernden Panik des Jungen jedoch abrupt ins Gegenteil verkehrt.

Fallhöhe

Selbst als die Einsätze bereits erhöht sind und Norma davon erfahren hat, dass ihr Lieblingssohn nicht davongelaufen ist, sondern gefangen gehalten wird, vollbringt Bates Motel das Kunststück, den Schrecken vorübergehend zu entschärfen. So wirkt die ihrer Stimmgewalt beraubte Norma in ihrer ungelenken Rage aus der Perspektive von Dylans Überwachungskamera schlichtweg furchtbar komisch. Umso härter ist wieder der Fall aus der Leichtigkeit auf den harten Boden der Tatsachen. Schließlich steht das Leben von Norman auf dem Spiel. Der Schmerz, den seine Mutter dadurch verspürt, wird von der fantastischen Vera Farmiga so glaubhaft nach außen getragen, dass man sofort ein schlechtes Gewissen bekommt.

Alles in bester Ordnung

Norma ist es derartig gewohnt, eine fröhliche Mine zum bitterbösen Spiel zu machen, dass es ihr auch in dieser Extremsituationen gelingt - zumindest beinahe. Sowohl gegenüber Alex Romero (Nestor Carbonell) als auch im Umgang mit Emma (Olivia Cooke) und George kann sie die Fassade über lange Zeit hinweg aufrecht erhalten. Selbst nachdem sie vom Sheriff die Hiobsbotschaft über Normans Sperma erhält, kann sie ihre Panikattacke noch zurückhalten, bis sie sich in ihr Haus zurückgezogen hat.

Für immer zu zweit

Immer wieder wird im Episodenverlauf die Exklusivität der Norma-Norman-Beziehung hervorgehoben. So würde es wohl jedem normalen Menschen das Herz brechen, der feinfühligen Emma die Tür vor ihren tränenden Rehaugen zuzuschlagen, während sie flehend darum bittet, miteinbezogen zu werden. Doch in Normas Welt gibt es keinen Platz für andere Protagonisten, wenn ihre Nummer eins in Bedrängnis gerät. Das manifestiert sich auch im Umgang mit Dylan, den sie nach einer praktisch nicht vorhandenen Bedenkzeit dazu auffordert, Nicks Forderung zu entsprechen - auch wenn dies den Mord an Zane (Michael Eklund) erfordert. Wieder einmal bedient sich Norma dabei der durch Norman so hübsch analysierten Strategie der Manipulation, indem sie erst wütet und dann den Tränen freien Lauf lässt: „Or do you want Norman to die?“ („Oder möchtest du etwa, dass Norman stirbt.“)

Doch irgendwann ist auch die Schmerzgrenze einer geübten Verschleierin wie Norma überschritten. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als Romero die Wahrheit zu gestehen. Als ihre Verzweiflung den Höhepunkt erreicht, kommt es auch bei Dylan und Norman zur Eskalation. Das Resultat wirkt wie ein Rausch, der sich wieder und wieder selbst übertrifft.

Dylan

Als Jodi Wilson (Kathleen Robertson) Dylan den Aufenthaltsort ihres Bruders Zane verrät, scheint dessen Schicksal besiegelt zu sein. Gleichzeitig offenbart sich eine Möglichkeit, wie auch Norman noch einmal mit dem Schrecken davon kommen könnte.

Doch der sonst so kurzsichtige Zane ist zu einer überraschenden Geisteskraft fähig, wenn es um das eigene Überleben geht. Auf die Wendung, dass der Hitzkopf einen Mordversuch durch seine Schwester antizipiert hat, folgt in schneller Folge Dylans nervenaufreibende Konfrontation mit Nick Ford. Die tragische Odyssee mündet höchst dramatisch, als Dylan den Gangster in einer Verzweiflungstat attackiert, um sein eigenes Leben zu retten. Ob Nick wohl noch lebt?

Durch den verheerenden Schlag mit dem Schüreisen könnte Dylan indirekt seinem Bruder das Leben gerettet haben. Schließlich hätte Ford aus der Tatsache, dass Norman die Perlenkette seiner Tochter Blair Watson bei sich trug, sicherlich gewisse Schlüsse gezogen...

Kein John Doe

Obwohl es in The Box keinen Mangel an denkwürdigen und schicksalsträchtigen Momenten gibt, werden sie doch allesamt durch das in den Schatten gestellt, was sich im Gefängnis des Norman Bates abspielt. Geschickt wird der Zuschauer zunächst auf eine falsche Fährte geführt, als Norman apathisch vor sich hin murmelt und sich dabei doch lediglich etwas Ablenkung verschafft, indem er Passagen des Filmes „Hier ist John Doe“ aus dem Jahre 1941 rezitiert.

Doch es gibt kein Entkommen aus dem Schrecken und dem Leid, weswegen Norman schließlich doch im Geiste bei seiner Mutter Zuflucht sucht. Ihre Nähe verkörpert für ihn zwar auch Sicherheit und Geborgenheit. Doch als er in der Dunkelheit von unsichtbarem Ungeziefer, dem Verlust der Perlen und der klaustrophoben Ausweglosigkeit schier in den Wahnsinn getrieben wird, öffnet sich ein Tor zu den Erlebnissen, die er bis jetzt noch verdrängt hatte.

Gemeinsam mit dem unschuldigen Teil von Norman müssen wir - teils gedämpft, verzerrt und gänzlich albtraumhaft - miterleben, wie seine dunkle Seite Miss Watson die Kehle aufschlitzt. Angestachelt wird er dabei durch die frauenhassende und grauenerregende Schreckensvision seiner Mutter: „You know what to do. I am always with you!“ („Du weißt, was zu tun ist. Ich bin immer bei dir.“)

Fazit

Immer wenn man denkt, das Grauen hätte seinen Höhepunkt erreicht, wird man in dieser Episode von Bates Motel erneut heftig vor den Kopf gestoßen. Normans verzweifelter Kampf; Dylan bringt sich durch seinen Angriff auf Nick Ford in höchste Gefahr; Norma erfährt, dass ihr jüngster Sohn kurz vor deren Tod mit seiner Lehrerin geschlafen hat.

Doch dann platzt die Atombombe, indem wir erfahren, dass Norman Miss Watson doch ermordet hat. Die Serienverantwortlichen haben kalkuliert, genau so viel Zeit seit der grausigen Tat verstreichen zu lassen, dass man sich in diesem Zusammenhang bereits in trügerischer Sicherheit wiegen konnte. Umso härter trifft einen die Erkenntnis, dass der Junge mit den zutiefst liebenswerten Charaktereigenschaften, den wir im Verlauf der zweiten Staffel noch inniger kennengelernt haben, schuldig ist. Und über die gesamte Zeit hinweg war.

Dem gesunden Teil von Norman, der von Freddie Highmore ebenso authentisch und packend verkörpert wird wie dessen mörderische Seite, wird die Wahrheit zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt bewusst. Denn selbst, wenn sich alle anderen Komplikationen noch einmal verflüchtigen sollten, wird ihm die eigene Verdrängung leider nicht länger behilflich sein, wenn er sich dem Test durch den Lügendetektor stellen muss. Es ist schon erstaunlich, dass ich mir nach wie vor wünsche, dass Norman noch einmal davonkommen möge. Wer „schlafend“ handelt, sündigt nicht?

Auch der Figur der Norma bringt man weiterhin Sympathien entgegen. Obwohl sie durch ihren fehlgeleiteten Protektionismus den Niedergang ihres Sohnes befeuert, geht es einem sehr zu Herzen, als sich mit George die Chance auf ein bisschen Glück aus ihrem Leben verabschiedet.

Die überbrodelnde Spannung, eine weitsichtige Dramaturgie und großartige schauspielerische Leistungen machenThe Box zu einer der packendsten und überhaupt besten Episoden der Serie. Dabei kann sich Bates Motel der prestigeträchtigen Vorlage mehr als würdig erweisen. Nachdem die Erzählstränge nun auf geschickte Weise miteinander verwoben sind, kann das große Finale kommen!

Verfasser: Thordes Herbst am Dienstag, 29. April 2014
Episode
Staffel 2, Episode 9
(Bates Motel 2x09)
Deutscher Titel der Episode
Wirklich frei ist niemand
Titel der Episode im Original
The Box
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 28. April 2014 (A&E)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 1. Oktober 2014
Autoren
Carlton Cuse, Kerry Ehrin
Regisseur
Tucker Gates

Schauspieler in der Episode Bates Motel 2x09

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